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Full text of "Die orientalischen Religionen im römischen Heidentum: Vorlesungen am Collége ..."

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DIE 
ORIENTALISCHEN RELIGIONEN 
I IM RÖMISCHEN HEIDENTUM 



. VORLESUNGEN AM COLLEGE DE FRANCE 

GEHALTEN VON 

» 

FRANZ CUMONT 

»»» 

AUTORISIERTE DEUTSCHE AUSGABE VON 

GEORG GEHRICH 



ZWEITE, VERBESSERTE UND VERMEHRTE 

AUFLAGE 




GfRMANy 



I 

j VERLAG VON B. G.TEUBNER • LEIPZIG • BERLIN 19 14 



COPYiaGHT 1914 BY B.G.TBUBNER IN LEIPZIG 



ALLE RECHTE» 
EINSCHLIESSLICH DES ÜBERSETZUNGSRECHTS« VORBEHALTEN. 



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MEINEM LEHRER UND FREUNDE 

CHARLES MICHEL 

1886- 1906 



■ ^ 



F. CÜMONT 



VORREDE DES VERFASSERS 
ZUR ERSTEN FRANZÖSISCHEN AUSGABE 

Im November 1 905 erhielt ich vom College de France den 
ehrenvollen Auftrag, als Nachfolger von Herrn Naville die von 
der Michonis-Stiftung ins Leben gerufene Serie von Vorträgen 
zu eröffnen. Einige Monate später lud mich der Hibbert-Trust 
ein, in Oxford gewisse Fragen zu erörtern, die ich in Paris 
nur gestreift hatte. Den Inhalt dieser beiden Reihen von Vor- 
lesungen habe ich hier zusammengefaßt und mich darauf be- 
schränkt, ihnen eine kurze Bibliographie nebst Anmerkungen 
für solche Gelehrte hinzuzufügen, die meine Behauptungen 
nachzuprüfen wünschten.^) Die Form der Darstellung ist kaum 
geändert; trotzdem wage ich zu hoffen, daß die nachfolgen- 
den Seiten, welche für den mündlichen Vortrag niederge- 
schrieben wurden, auch eine erträgliche Lektüre abgeben, und 
daß der Titel dieser Studien im Vergleich zu dem, was sie 
bieten, nicht zu anspruchsvoll erscheinen wird. Die Ausbrei- 
tung der orientalischen Kulte ist neben der Entwicklung des 
Neuplatonismus die wichtigste Tatsache in der Kulturgeschichte 
des heidnischen Kaiserreiches. Mein Wunsch geht dahin, daß 
der vorliegende Band, der ja nur klein ist im Vergleich zu 
dem Umfange des in ihm behandelten Themas, diese Wahr- 
heit wenigstens einigermaßen deutlich machen, und daß der 
Leser meine Ausführungen mit demselben wohlwollenden Inter- 
esse aufnehmen möchte, welches meine Zuhörer in Paris und 
Oxford ihnen entgegengebracht haben. 



i) Mehr als einen nützlichen Hinweis verdanke ich meinen Kol- 
legen Qiarles Michel imd Joseph Bidez, welche die Güte hatten, 
die Korrekturbogen dieses Buches durchzusehen. 



VI Vorrede des Verfassers zur ersten franz. Ausgabe 

Man wolle sich gütigst erinnern, daß die einzelnen Kapitel 
für den mündlichen Vortrag verfaßt nnd redigiert sind. Es 
war nicht meine Absicht, im einzelnen festzustellen, was das 
römische Heidentum dem Orient entlehnt oder ihm gegeben 
hat, und wie ein Kaufmann aus Soll und Haben dann die 
Bilanz zu ziehen. Wohlbekannte Tatsachen sind bisweilen 
geflissentlich zurückgestellt, um Raum für andere, vielleicht 
weniger bekannte zu gewinnen. So habe ich mir bei der Be- 
handlung meines Themas Freiheiten erlaubt, welche eine lehr- 
hafte Darstellung nicht gestatten würde, die mir aber unter 
den obwaltenden Umstanden ohne Zweifel niemand verden- 
ken wird. 

Doch wird man vielleicht geneigt sein, eine scheinbar we- 
sentliche Lücke meiner Arbeit zu tadeln. Ich habe ausschließ- 
lich die innere Entwicklung des Heidentums in der lateini- 
schen Welt behandelt und nur gelegentlich und beiläufig seine 
Beziehungen zum Christentum berücksichtigt Nun steht aber 
diese Frage doch auf der Tagesordnung; sie beschäftigt nicht 
mehr lediglich die Gelehrten, nein, sie hat den Gegenstand 
vielbesprochener Vorträge gebildet und nach den gelehrten 
Monographien haben sich die bekanntesten Handbücher mit 
ihr befaßt^) Ich verkenne durchaus nicht, daß die erwähnte 



i) Eine Darlegung ihres gegenwärtigen Standes findet man in 
dem zweiten Bande von Gruppes Griechischet Mythologie (1906) 
S. 1606 fr., der den negativen Ergebnissen, die noch Hamack — 
allerdings mit gewissen Vorbehalten — formuliert hatte {Ausbrei- 
tung des Christentums, 2. Aufl., Bd. II, S. 274 fr.) rundweg wider- 
spricht. — Unter den jüngsten Studien, welche über diesen Gegen- 
stand erschienen und für den general reader bestinmit sind, nenne 
ich in Deutschland die vonGefiken {Aus derWerdezeit des Christen- 
tums, Leipzig 1904, S. 114 fr.) und in England die von Cheyne 
(ßible Problems, 1904), der seine Meinung folgendermaßen aus- 
drückt: „The Christian religion is a synthesis, and only those who 
have dim eyes can assert that the intellectual emfires of Babylonia 
and Persia have fallen,** VgL jetzt Qemen, Die religionsgeschicht- 
liche Erklärung des Neuen Testaments, Gießen 1909 {unten S. XIX, 
Nr. i) und die Anzeige der ersten Auflage des vorliegenden Buches 
von Bousset, Theologische Rundschau XV, 191 2. 



Vorrede des Verfassers zur ersten franz. Ausgabe VII 

Kontroverse ebenso wichtig als interessant ist, und habe sie 
keineswegs deshalb beiseite geschoben, weil ich ihre Bedeu- 
tung unterschätzte. Lange Zeit hindurch sind die Theologen, 
der Richtung ihres Denkens und ihrer Vorbildung gemäß, 
mehr dazu disponiert gewesen, die Kontinuität der jüdischen 
Tradition ins Auge zu fassen als die Ursachen, welche stö- 
rend auf diese einwirkten; aber in dieser Beziehung ist ein 
Umschwung eingetreten, und heute sucht man nachzuweisen, 
daß die Kirche beträchtliche Anleihen bei den Vorstellungen 
und Bräuchen der heidnischen Mysterien gemacht habe. 
Wenn man nun in diesem Zusammenhange von Mysterien 
redet, so muß man weit mehr an das hellenistische Asien den- 
ken als an das eigentliche Griechenland, trotz des Nimbus, 
der Eleusis umgab. Denn einmal haben sich die ersten 
Christengemeinden gesanmielt, gestaltet und entwickelt im 
Schöße orientalischer Bevölkerungen, der Semiten, Phrygier, 
Ägypter. Femer waren die Religionen dieser Völker viel wei- 
ter fortgeschritten, viel reicher an Gedanken und Gefühlen, 
viel tiefsinniger und eindrucksvoller als der griechisch-römi- 
sche Anthropomorphismus. Ihre Liturgie beruhte auf allge- 
mein verbreiteten Reinheitsvorstellungen und gipfelte daher 
in gewissen Handlungen, denen man sühnende Kraft zu- 
schrieb, und deren Vollzug in den verschiedenen religiösen 
Gemeinschaften fast gleichförmig gestaltet war. Der neue 
Glaube hat die 0£fenbarung, welche er brachte, in die gehei- 
ligten Formen der vorhandenen Kulte gegossen — waren es 
doch die einzigen, welche die Welt, in der er heranwuchs, zu 
fassen vermochte. Das ist ungefähr der Standpunkt, den die 
neuesten Historiker einnehmen. 

Aber so anziehend dieses belangreiche Problem auch sein 
mag: ich konnte nicht daran denken, es in Vorlesungen über 
das römische Heidentum auch nur summarisch zu behandeln. 
In der lateinischen Welt reduziert sich jene Frage auf einen 
viel bescheideneren Umfang und wechselt dabei völlig ihr 
Aussehen. Das Christentum hat sich hier erst ausgebreitet, 
nachdem es sein Embryonalstadium überschritten hatte und 



VJTT Vorrede des Verfassers zur ersten franz. Ausgabe 

zu kraftvoller Selbständigkeit erwachsen war. Überdies blie- 
ben die orientalischen Mysterien dort lange Zeit hindurch, 
wie das Christentum selbst, die Religion einer im wesentlichen 
dem Auslande entstammenden Minorität Hat zwischen den 
rivalisierenden Sekten ein wechselseitiger Austausch stattge- 
funden? Das Schweigen der kirchlichen Schriftsteller ist kein 
ausreichender Grund, um diese Frage zu verneinen; man 
bekennt sich ungern zu den Anleihen, die man bei seinen 
Gegnern gemacht hat, denn damit würde man der von ihnen 
vertretenen Sache ja doch irgendwelchen Wert zugestehen. 
Aber ich glaube, daß man ihre Wichtigkeit nicht überschätzen 
darf. Ohne Zweifel ist es möglich, daß sich gewisse Zeremo- 
nien und Feste der Kirche nach heidnischen Vorbildern ge- 
staltet haben: das Weihnachtsfest wurde im vierten Jahrhun- 
dert auf den 25. Dezember gelegt, weil man an diesem Tage 
die Geburt des Sonnengottes {Natalis Invictt) feierte, der all- 
jährlich nach dem Solstitium zu neuem Leben wiederkehrt ^) 
Einzelne Überlebsel des Isis- oder Cybelekultus können sich 
neben anderen polytheistischen Bräuchen in der Verehrung 
der Lokalheiligen erhalten haben. Anderseits beeinflußte das 
Christentum selbst seine Feinde, seit es zu einer sittlichen 
Macht in der Welt geworden war. Die phrygischen Priester 
der Großen Mutter stellten ihre Feier des Frühlingsäquinok- 
tiums dem christlichen Osterfeste gegenüber und legten dem 
im Taurobolium vergossenen Blute die erlösende Kraft bei, 
welche dem des Lammes Gottes eignete.^) £s handelt sich 
da um eine Reihe von sehr verwickelten Prioritäts- und Ab- 
hängigkeitsfragen, die sich nicht ohne große Kühnheit en bloc 



1) Mon, MysL Mithra I, S. 342, Anm. 4; vgL die von Usener 
erklärten neuen Texte, Rhein. Mus, LX (1905), S. 466 fF., 489 fF. 
— Weihmuhtsfest , 2. Aufl. 191 1, S. 348 01; Cumont, Natalis In- 
vidi (Comptes-rendus Acad. Inscr. 191 1, S. 292 fF.); Vacandard, 
Etudes de criHque et dhistoire religieuse III, 191 2, S. 16 fF. 

2) Siehe S. 84. Vgl. auch Mon, Myst, Mithra I, S. 341. Die 
Nachahmung der Kirche ist ofFenkundig bei dem heidnischen Re- 
formversuch des Kaisers Julian. 



Vorrede des Verfassers zur ersten franz. Ausgabe IX 

erledigen lassen. Vielmehr sind sie in jedem einzelnen Falle 
verschieden zu beantworten, und einige werden, wie ich fürchte, 
stets unlösbar bleiben. Man kann zwar von „isischen Vespern'* 
oder einer „Konmiunion Mithras und seiner Genossen** reden, 
aber nur in demselben Sinne, in dem man von den „Vasallen- 
farsten des Kaiserreiches** oder dem „Sozialismus Diocletians*^ 
spricht. £s ist dies ein stilistischer Kunstgri£f, um eine vor- 
handene Ähnlichkeit hervortreten zu lassen und in lebendiger 
Darstellung eine annähernde Parallele zu ziehen. Ein Wort 
ist kein Beweis, und man darf nicht aus einer Analogie sofort 
auf eine Beeinflussung schließen. Vorurteile sind inmier das 
schlimmste Hindernis, das einer genauen Kenntnis der Ver- 
gangenheit entgegensteht Manche moderne Schriftsteller sind 
nicht abgeneigt, mit den alten Kirchenvätern in der Ähnlich- 
keit, welche zwischen den Mysterien und den Zeremonien 
der Kirche besteht, eine vom Geiste der Lüge eingegebene 
gotteslästerliche Parodie zu erblicken. Andere Historiker schei- 
nen dagegen den Behauptungen der orientalischen Priester 
beipflichten zu wollen, die einst in Rom für ihre Kulte die 
Priorität in Anspruch nahmen und die christlichen Zeremo- 
nien als ein Plagiat ihrer alten Riten hinzustellen suchten. 
Die einen wie die anderen täuschen sich sehr, wie mir scheint 
Ähnlichkeit setzt nicht notwendig Nachahmung voraus, und 
Übereinstimmung der Ideen oder der Gebräuche ist oft, unter 
Ausschluß jeder Entlehnung, durch die Gemeinsamkeit des 
Ursprungs zu erklären. 

Ein Beispiel wird deutlicher machen, was ich meine. Die 
Anhänger Mithras haben die Ausübung ihrer Religion dem 
Militärdienst nachgebildet Bei seinem Eintritt muß der Neu- 
ling einen Eid (sacramentum) schwören, welcher demjenigen 
entspricht, den man in der Armee von den Rekruten forderte, 
und ohne Zweifel wurde seinem Körper ebenfalls mit einem 
glühenden Eisen ein unzerstörbares Erkennungszeichen auf- 
gedrückt In der mystischen Hierarchie war der dritte Grad 
der des Soldaten [miles): der Eingeweihte gehört von nun an 
zum heiligen Heer des unbesiegbaren Gottes und kämpft unter 



X Vorrede des Verfassers zur ersten franz. Ausgabe 

seinem Befehl, gegen die Mächte des Bösen. Alle diese Ideen 
und Institutionen stimmen so gut mit dem überein, was wir 
vom mazdäischen Dualismus wissen, in welchem das ganze 
Leben als ein Kampf gegen die bösen Geister aufgefaßt wird, 
sie sind so unzertrennlich mit der Geschichte des Mithria- 
zismus selbst verbunden, der stets vor allem eine Soldaten- 
religion gewesen ist, daß kein Zweifel darüber bestehen kann, 
daß sie ihm schon vor seiner Ankunft im ^bendlande eigen 
gewesen sind. 

Anderseits finden wir im Christentum ähnliche Vorstellungen. 
Die Gemeinschaft der Gläubigen ist — nach einem heute 
noch üblichen Terminus — die „Ecclesia militans". Im Al- 
tertum wird der Vergleich dieser Kirche mit einem Heere 
bis ins einzelne durchgeführt^); die Taufe des Neubekehrten 
ist der Treuschwur, welchen die Rekruten auf die Fahne lei- 
sten, Christus ist „der Imperator**, der höchste Befehlshaber 
seiner Jünger, diese bilden Kohorten, die unter seiner An- 
fuhrung die Dämonen besiegen, die Abtrünnigen sind Deser- 
teure, die Heiligtümer Feldlager, die frommen Bräuche Exer- 
zitien und Wachen und so weiter. 

Wenn man bedenkt, daß das Evangelium eine Friedens- 
botschaft war, daß die Christen lange keine Neigung ver- 
spürten, in den Militärdienst zu treten, weil er ihren Glaubeb 
gefährdete, so gerät man in die Versuchung, a priori eine 
Einwirkung des kriegerischen Mithraskultus auf das christ- 
liche Denken anzunehmen. 

Und dennoch hat eine solche nicht stattgefunden. Das 
Thema der miliiia Christi taucht schon bei den ältesten kirch- 
lichen Schriftstellern auf, in den Clementinischen Briefen und 
sogar in denen des Apostels Paulus. Es ist unmöglich, in die- 
ser Zeit eine Nachahmung der mithrischen Mysterien anzu- 
nehmen, die damals noch ohne Bedeutung waren. 

Aber wenn man seine Untersuchungen auf die Geschichte 
dieser Idee ausdehnt, dann wird man finden, daß wenigstens 



i) Vgl. die Abhandlung von Hamack, Militia Christi, 1905. 



Vorrede des Verfassers zur ersten franz. Ausgabe XI 

in der Kaiserzeit die Scharen der Isismysten ebenfalls als 
heilige Kohorten betrachtet wurden, die sich zum Dienst der 
Göttin verpflichtet hatten, daß vorher in der stoischen Philo- 
sophie das menschliche Dasein oft mit einem Feldzuge ver- 
glichen wird, und daß selbst die Astrologen den Menschen, 
der sich dem Willen des Schicksals widerspruchslos unter- 
wirft, als Soldaten dieser rätselvollen Macht bezeichnen.^) 

Diese Vorstellung vom Leben und besonders vom religiösen 
Leben war mithin seit dem Beginn unserer Zeitrechnung weit 
verbreitet Sie ist offenbar älter als das Christentum und als 
der Mithriazismus. Sie hat sich in den Militärmonarchien der 
asiatischen Diadochen entwickelt Der Soldat ist hier nicht 
mehr ein Bürger, der sein Vaterland verteidigt, sondern meist 
ein Freiwilliger, den eine heilige Verpflichtung an die Person 
seines Königs fesselt In den kriegerischen Staaten, die sich 
um die Erbschaft der Achämeniden streiten, beherrscht oder 
ersetzt diese persönliche Hingabe alles nationale Empfinden. 



i) Ich habe eine Anzahl von Texten über die religiösen militiae 
gesammelt, Man, Myst, Mithra I, S. 317, Anm. i. Man könnte 
jedenfalls auch noch andere ausfindig machen: Apuleius Met, XI, 
14: E cohorte religionis unus (bei Erwähnung eines Mysten der 
Isis). — Vettius Valens (V, 2, S. 220, 27 ed. Kroll): Irpand^ai Tfjc 
cijüiap^^c; VII, 3 (S. 271, 28): lucTpaTcOecOai toIc Kaipotc T€wa(u)c 
Cf. Minucius Felix 36, $ 7 : Quod fatimuf non est foena, militia 
est. Man kann auch die Redensart von der militia Veneris an- 
führen, die bei den Dichtem des Augusteischen Zeitalters beliebt 
ist (Propert IV, i, 137; cf. I, 6, 30; Horat Od, III, 26 und na- 
mentlich die von Ovid gezogene Parallele Ats amat, II, 233 fr.). — 
Schon Sokrates vergleicht in Piatos Apologie (S. 28 E) seine von 
der Gottheit empfangene philosophische Mission gelegentlich mit 
den Feldzügen, die er unter dem Befehl der Archonten mitgemacht 
hat; aber vor allem haben die Stoiker Gott als einen „Strategen" 
vorgestellt, cf. Capelle, Schrift von der Welt (Neue Jahrb. für das 
klass. Altert. XV) 1905, S. 558, Anm. 6, und Seneca, Epist, 107,9: 
Optimum est Deum sine murmuratiane comitari; malus miles est, 
qui imperatorem gemens sequitur, — Vgl. jetzt über die „Soldaten" 
der Mysterien Reitzenstein, Hellenistische Mysterienreligionen, Leip- 
zig 1910, S. 66, und Perdrizet, Archiv für Religionswissensch, 191 1, 
S. 100. 



XII Vorrede des Verfassers zur ersten franz. Ausgabe 

Wir kennen die Huldigungseide, welche die Untertanen dort 
ihren vergötterten Herrschern zu leisten hatten.^) Sie ver- 
pflichteten sich, sie zu verteidigen und zu unterstützen selbst 
um den Preis ihres eigenen Lebens, stets dieselben Freunde 
und dieselben Feinde zu haben wie sie; sie weihten ihnen 
nicht nur ihre Taten und ihre Worte, sondern sogar ihre 
Gedanken. Ihre Pflicht forderte die völlige Hingabe ihrer Per- 
sönlichkeit zugunsten dieser den Göttern gleichen Monarchen. 
Die heilige miliiia der Mysterien ist nichts anderes als diese 
bürgerliche Moral, unter religiösem Gesichtspunkt betrachtet 
Die Loyalität vermählte sich damals mit der Frömmigkeit. 
So führt die Untersuchung der dem Christentum wie den 
orientalischen Mysterien gemeinsamen Lehren und Bräuche 
fast immer über die Grenzen des römischen Reiches hinaus 
und zurück bis in den hellenistischen Orient Dort wurden 
die religiösen Vorstellungen geprägt, die sich unter den Cä- 
saren im lateinischen Europa einbürgerten^; dort ist der 
Schlüssel noch nicht gelöster Rätsel zu suchen. Zwar ist 
gegenwärtig nichts dunkler als die Geschichte der Sekten, 
welche in Asien zu der Zeit entstanden, als die griechische 
Kultur sich mit der barbarischen Theologie berührte^. Es 



i) Cf. Rev, des itudes grecques, Bd. XIV (1901), S. 43 ff. 

2) Dies hat Wendland vortrefflich nachgewiesen für die Idee 
der ciuTTjpia; vgl. Zeitschrift für neutest. Wissensch» Bd. V, 1904, 
S. 355 ff., und Lietzmann, Det Weltheiland, Bonn 1909; Otto, 
Augustus Soter (Hermes XLV, 19 10, S. 448 ff.). — Neuerdings hat 
W. den allgemeinen Einfluß der hellenistisdien Kultur auf das 
Christentum beleuchtet {Die hellenistisch-römische Kultur in ihren 
Beziehungen zum Judentum und Christentum, Tübingen 1907); 
2. Aufl. ebd. 19 12. Auf ein bedeutsames Werk von W. Bousset, 
das während der Korrektur des Satzes der vorliegenden 2. Aufl. 
unseres Buches erschien, und in dem die betreffenden Fragen ein- 
gehender erörtert werden, können wir hier nur hinweisen {Kyrios 
Christos. Geschichte des Christusglaubens von den Anfängen des 
Christentums bis Irenäus, Göttingen 191 3). 

3) Ein erster Versuch, die Kennzeichen der hellenistischen My- 
sterien und ihre Beziehung zum Christentum festzustellen, ist von 
Reitzenstein unternommen (a. a. O. vgl. S. XI). 



Vorrede des Verfassers zur ersten franz. Ausgabe XTTT 

ist selten möglich, vollkommen befriedigende Ergebnisse mit 
Sicherheit zu formulieren, und oft muß man sich damit be- 
gnügen, solange nicht neue Entdeckungen vorliegen, ent- 
gegengesetzte Vermutungen gegeneinander abzuwägen. Auf 
dem wogenden Meere des Möglichen muß man oft das Lot 
auswerfen, um einen sicheren Ankergrund zu finden. Aber 
wir sehen wenigstens klar genug die Richtung, in welcher die 
Nachforschungen fortzusetzen sind. Der Punkt, der vor allem 
aufzuhellen wäre, ist m. E. der Mischkult jener jüdischen oder 
jüdisch-heidnischen Gemeinden, welche den Hypsistos, Sab- 
batistes, Sabaziastes u. a. verehrten, und bei denen der neue 
Glaube seit dem apostolischen Zeitalter Eingang fand. Schon 
vor dem Beginn unserer Ära hatte sich dort das mosaische 
Gesetz mit den heiligen Bräuchen der Heiden abgefunden, 
und der Monotheismus der Idolatrie Konzessionen gemacht. 
Sehr viele Glaubensvorstellungen des alten Orients, wie z. B. 
die Ideen des persischen Dualismus über die Hölle, sind auf 
einem doppelten Wege nach Europa gelangt: zunächst durch 
das mehr oder weniger orthodoxe Judentum der Diaspora- 
gemeinden, in denen das Evangelium sofort offene Türen 
fand, sodann durch die aus Syrien oder Kleinasien stammen- 
den heidnischen Mysterien.^) Manche Ähnlichkeiten, über 
welche die Apologeten erstaunt und entrüstet waren, werden 
uns nicht mehr überraschend erscheinen, wenn wir die ferne 
Quelle ins Auge fassen, aus der die Kanäle abgeleitet sind, 
welche in Rom zusammenflössen. 

Doch diese schwierigen und verwickelten Fragen nach 
Herkunft und Abhängigkeit gehören vor allem zur Geschichte 
der alexandrinischen Periode. Betrachtet maif das römische 
Reich, so ist die Hauptsache dies, daß die orientalischen 
Religionen vor und neben dem Christentum Lehren verbrei- 
tet haben, die bei dem Untergange der antiken Welt mit ihm 
zu allgemeiner Anerkennung gelangt sind. Die Predigt der 
asiatischen Priester bereitete mithin gegen ihren Willen den 



I) Vgl. S. 177. 



XrV Vorrede des Verfassers zur ersten franz. Ausgabe 

Triumph der Kirche vor, und dieser bezeichnet die Voll- 
endung des Werkes, dessen unbewußte Mitarbeiter jene ge- 
wesen sind. 

Sie hatten durch ihre volkstümliche Propaganda den alten 
nationalen Glauben der Römer völlig zersetzt, und zwar in 
derselben Zeit, als die Cäsaren nach und nach den politi- 
schen Partikularismus zerstörten. Mit ihnen hört die staat- 
liche Gebundenheit der Religion auf, denn diese wird uni- 
versell; sie wird nicht mehr als öffentliche Pflicht aufgefaßt, 
sondern als persönliche Verpflichtung; sie ordnet das Indi- 
viduum nicht mehr dem Staate unter, sondern will vor allen 
Dingen sein persönliches Heil sichern, hier in dieser Welt 
und namentlich in der anderen. Die orientalischen Myste- 
rien haben sämtlich ihren Anhängern lichte Ausblicke in 
eine ewige Seligkeit eröffnet Die Achse der Sittlichkeit 
wurde demnach verlegt: sie suchte das höchste Gut nicht 
mehr auf dieser Erde zu realisieren, wie in der griechischen 
Philosophie, sondern nach dem Tode. Man handelt nicht 
mehr angesichts greifbarer Wirklichkeiten, sondern um ideale 
Ziele zu erreichen. Das irdische Dasein wurde aufgefaßt als 
die Vorbereitung auf ein seliges Leben, als eine Prüfung, 
deren Abschluß unendliches Glück oder unendliches Leiden 
bringen sollte. Alle ethischen Werte wurden auf diese Weise 
umgewertet 

Das Heil der Seele, das nunmehr zur wichtigsten Ange- 
legenheit des Menschen geworden ist, wird in diesen Myste- 
rien vor allem durch den genauen Vollzug der heiligen Riten 
verbürgt Diese Riten haben reinigende und erlösende Kraft; 
sie machen den Menschen besser und befreien ihn aus der 
Zwingherrschafl feindlicher Geister. Infolgedessen ist der 
Kultus eine überaus wichtige und zeitraubende Sache, und 
die Liturgie fordert einen Klerus, der sich ihr völlig widmet 
Die asiatischen Götter verlangen ungeteilte Hingabe; ihre 
Priester sind nicht mehr obrigkeitliche Personen, kaum Bürger, 
sie widmen sich ohne Vorbehalt ihrem Amte und fordern von 
ihren Gläubigen Unterwerfung unter ihre geheiligte Autorität 



Vorrede des Verfassers zur ersten franz. Ausgabe XV 

Alle diese Züge» die wir nur flüchtig skizzieren konnten, 
nähern die orienialischen Kulte dem Christentum» und wer 
die nachfolgenden Blätter aufmerksam liest, der wird noch 
sehr viele andere beiden gemeinsame Berühnmgspunkte fin- 
den. Uns erscheinen diese Analogien sogar noch weit frap- 
panter als den Zeitgenossen der Cäsaren, weil wir in Indien 
und China Religionen kennen gelernt haben, die sowohl vom 
römischen Heidentum als vom Christentum wesentlich ver- 
schieden sind, und die Verwandtschaft zwischen diesen durch 
den Kontrast noch stärker hervortritt Der Beobachtung der 
Alten entgingen diese theologischen Parallelen, weil sie die 
Existenz anderer Möglichkeiten kaum kannten, und daher 
bemerkten sie in erster Linie die Differenzen. Ich verhehle 
mir keineswegs, wie groß die letzteren waren: der Haupt- 
unterschied ist, daß das Christentum, indem es Gott über die 
Schranken der Welt in eine ideale Sphäre erhob, sich von 
jeder Gemeinschaft mit einem oft verächtlichen Polytheismus 
lossagen wollte. Aber selbst dann, wenn wir der Tradition 
feindlich gegenübertreten, können wir nicht mit derVergangen- 
heit brechen, die uns erzogen hat, uns nicht der Gegenwart 
entziehen, in der wir leben. Je eingehender man die Reli- 
gionsgeschichte der römischen Kaiserzeit erforschen wird, um 
so mehr wird der Sieg der Kirche meiner Ansicht nach als 
der Abschluß einer langen Entwicklung des religiösen Den- 
kens erscheinen. Man kann das Christentum des fünften Jahr- 
hunders, seine Größe wie seine Schattenseiten, seine geistige 
Erhabenheit wie seine kindischen Superstitionen nicht ver- 
stehen, ohne die moralische Vorgeschichte der Welt zu kennen, 
in der es sich entfaltet hat Der Glaube der Freunde des 
Sjonmachus war in der Tat viel weiter von dem religiösen 
Ideal des Augustus entfernt als der ihrer Gegner im Senat 
Ich hoffe, daß diese Studien ihren Lesern zeigen werden, wie 
die heidnischen Kulte des Orients das andauernde Streben 
der römischen Gesellschaft nach höheren und gehaltvolleren 
Formen der Frömmigkeit begünstigten, nachdem diese sich 
lange Zeit hindurch mit einer ziemlich abgesdhmackten Ido- 



XVI Vorrede des Verfassers zur ersten franz. Ausgabe 

latrie begnügt hatte. Vielleicht verdient die Leich^läubigkeit 
ihrer Mystizismen alle die Vorwürfe, denen auch die Theurgie 
des Neuplatonismus ausgesetzt ist, welcher aus denselben 
Quellen der Inspiration schöpft; aber indem sie gleich ihm 
das göttliche Wesen der menschlichen Seele behaupteten, ha- 
ben sie im Menschen das Gefahl seiner einzigartigen Würde 
gestärkt; und indem sie die innere Reinigung zum Hauptin- 
halt des Erdendaseins machten, haben sie das psychische 
Leben verfeinert und gesteigert und ihm eine fast übernatür- 
liche Intensität verliehen, welche die antike Welt vorher nicht 
gekannt hatte. 

Juli 1906. 

F. C. 



VORREDE DES VERFASSERS 
ZUR ZWEITEN FRANZÖSISCHEN AUSGABE 

Die acht Vorträge, welche den lesbaren Teil dieses Buches 
bilden, haben in dieser zweiten Ausgabe kaum eine Änderung 
erfahren, und die gemachten Zusätze sind, abgesehen von 
dem Kapitel über Syrien, unbedeutend. Es würde leicht ge- 
wesen sein, sie weiter auszufuhren, aber ich wollte diese Vor- 
lesungen nicht zur gelehrten Dissertation werden und die 
Ideen, das Wesentliche in einer solchen Darstellung, nicht 
in der Fülle der Tatsachen ertrinken lassen. Ich habe mich 
daher in der Regel darauf beschränkt, aus dem Text einzelne 
Fehler auszumerzen, welche bei der „Korrektur" der Druck- 
bogen übersehen waren oder sich eingeschlichen hatten. 

Die Anmerkungen dagegen sind einer gründlichen Um- 
arbeitung unterzogen; ich habe mich bemüht, in ihnen den 
Anregungen oder Bemerkungen Rechnung zu tragen, welche 
gefallige Leser mir zukonmien ließen, femer die neueste Lite- 
ratur anzugeben und die Ergebnisse meiner eigenen Studien 
zu verwerten. Ein Register wird das Auffinden der berührten 
Themata erleichtem. 

Ich muß hier wiederum meinem Freunde Charles Michel 
danken, der sich mit dem langweiligen Geschäft befaßt hat, 
die Probebogen dieses Buches noch einmal durchzusehen, 
und dessen sorgfaltige und eindringende Aufmerksamkeit mir 
manchen Fehler erspart hat 

Febraar 1909. 

Franz Cumont, 

Professor der &lten Geschichte 
an der Universität Gent. 

Cumont, Die orientaL Religionen b 



VORREDE DES HERAUSGEBEES 
ZUR ERSTEN AUFLAGE DER DEUTSCHEN 

AUSGABE 

Warum ich mich entschlossen habe» eine deutsche Ausgabe 
des vorliegenden Buches zu besorgen, als der Herr Verleger 
eine solche plante, wird dem sachverständigen Leser nicht 
zweifelhaft sein. Eine die neuesten Ergebnisse wissenschaft- 
licher Forschung verwertende Schilderung der bedeutsamen 
Rolle, welche die orientalischen Religionen in der Geistes- 
geschichte der ausgehenden Antike gespielt haben, darf, zu- 
mal wenn sie aus der Feder eines so kenntnisreichen und 
angesehenen Gelehrten stammt, auf das Interesse weiterer 
Kreise rechnen und verdient demnach, wenn sie im Auslande 
erschienen ist, auch eine deutsche Übersetzung. Personliche 
Verhältnisse, die zu ändern nicht in meiner Macht stand, ha- 
ben mehrfache Unterbrechungen meiner Arbeit veranlaßt und 
dadurch das Erscheinen der deutschen Ausgabe nicht un- 
wesentlich verzögert Doch hat dieser Umstand insofern dem 
Buche zum Vorteil gereicht, als es mir auf diese Weise mög- 
lich wurde, die nicht unerheblichen Verbesserungen und Er- 
weiterungen zu berücksichtigen, welche die inzwischen er- 
schienene zweite französische Ausgabe erfahren hat Dem Herrn 
Verfasser, der meine Arbeit mehrfach in liebenswürdigerweise 
unterstützt hat, indem er mir u. a. neben einigen Notizen auch 
solche von Herrn Geh. Hofrat Prof. Dr. Gomperz in Wien zu- 
sandte, sage ich für sein Entgegenkommen auch an dieser 
Stelle meinen verbindlichsten Dank. 

Das alphabetische Register habe ich unter entsprechender 
Benutzung des französischen neu ausgearbeitet und ergänzt; 



Vorrede des Herausgebers zur ersten Auflage usw. XIX 

möchte es seinen Zweck erfüllen, den Inhalt des Baches, 
namentlich auch den seiner zahlreichen Anmerkungen, 
für gelegentliches Nachschlagen bequemer zugänglich zu 
machen. 

Der Aufgabe des Übersetzers und Herausgebers sind einem 
lebenden Autor gegenüber nach meiner Auffassung enge 
Schranken gezogen. Ich begnüge mich demnach damit» hier 
ein paar Bemerkungen zusanunenzustellen, die dem einen oder 
anderen Leser nicht überflüssig erscheinen mögen — für den 
Fachmann handelt es sich dabei um meh^oder weniger be- 
kannte Tatsachen. 

1. Der S.VI» Anm. i angeführten Literatur über die Be- 
ziehungen des Christentums zum Heidentum ist noch hinzu- 
zufügen: Die Abhängigkeit des ältesten Christentums von nicht- 
jüdischen Religionen und philosophischen Systemen hat neuer- 
dings zusammenfassend untersucht und mit besonnener Elri- 
tik dargestellt C. Clemen, JReligionsgeschichtliche Erklärung des 
Neuen Testaments, Gießen 1909. 

2. Zu S. 77. 145 (fipxujv). 239. 309, Anm. 38 (Engel) vgl. 
den lehrreichen Abschnitt über die Mittelwesen bei Clemen, 
a. a, O. S. 63 f. 

3. Zu S. 154 (Emission und Absorption der Seelen durch 
die in der Sonne verkörperte höchste Gottheit) : Eine ähnliche 
Vorstellung von dem Verhältnis des Schöpfers zu seinen Ge- 
schöpfen liegt Ps. 104, 28 — 30 zugrunde. 

4. Die S. 204 erwähnten „großen Jahre** der babylonischen 
Astrologie scheinen mit den Äonen der neutestamentlichen 
Literatur in absteigender Linie verwandt zu sein. 

5. Zu S. 204. 242. 335, Anm. 27 (Weltbrand, *EKTrupu)Cic) 
vgl. 2. Pe. 3, 10. 12 und Clemen, cu cu O, S. 125 f. 

6. Zu S. 244, Anm. 2 : Die Ausführungen Krumbachers über 
die kulturelle Überflügelung des Okzidents durch den Orient 
stehen in der 2. Auflage (1907) von Bd. I, 8 der „Kultur der 
Gegenwart** S. 246 — 253. 

7. Zu S. 251, Anm. 13: Kürzlich hat De Jong eine zusam- 
menfassende Monographie über die Mysterien veröffentlicht 
(Das antike Mysterienwesen in religionsgeschichtlicher, ethnologi-* 
scher und psychologischer Beleuchtung, Leiden 1909). 

h* 



XX Vorrede des Herausgebers 

8. Zu S. 272, Anm. 68: Reiches Material für die Kenntnis 
des antiken Namenglaubens findet man bei W. HeitmüUer^ 
Im Namen Jesu y Göttingen 1903 (Forschungen zur Religion 
und Literatur des A. und N.T., herausgegeben von W. Bousset 
und H. Gunkel, II). 

9. Zu S. 275, Anm. 93 (Lebensquelle im Jenseits) vgl. 
Apk. 7, 17: lujfic TTiiTcic ubdxujv und 21, 6: iriiTfic toO öbaroc 
TTJC Cuific. 

10. Die S. 300, Anm. 90 zitierte Studie des Verfassers über 
La thiologie solaire du paganisme romain ist inzwischen auch als 
S.A. erschienen ^3 S., 4^ Paris 1909, C. Klincksieck. 

11. Das S. 303, Anm. 7 u. ö. genannte Werk von Bousset, 
Die Religion des Judentums im neutestamentlichen Zeitalter ist 1906 
in 2. Auflage erschienen. 

12. Zu S. 311, Anm. 41 (Die Luft als Bereich der bösen 
Geister) vgl. Ephes. 2, 2 : töv äpxovxa xfic dSouciac toO d^poc 
und 6, 12: xd TTveujuaxiKd xfic Trovripiac dv xoTc diroupavioic 
(der letztgenannte Ausdruck ist hier, wie v. Soden in Holtz- 
manns Handkommentar zum N.T., Bd. III, i, S. 146 mit Recht 
bemerkt, sachlich gleichbedeutend mit dr|p 2, 2). 

13. Für den S. 326, Anm. 80 zitierten Keilschriftbericht 
über die Sintflut habe ich für solche Leser, denen Masperos 
große Histoire ancienne nicht zugänglich ist, auf das bekannte 
Buch von A. Jeremias, Das alte Testament im Lichte des alten 
Orients verwiesen. 

14. Zu S. 329, Anm. 14 (Kultus der elementa = cxoiXCi«) 
vgl. Gal. 4, 3. 9; Kol. 2, 8. 20 und dazu die Bemerkungen 
von Giemen, a. a. O. S. 82 f. 

15. Zu S. 330, Anm. 16 (Sprachgebrauch von cxoixcTov) 
vgl. LXX Sap. Sal. 7, 18. 19, 17. 

Außerdem habe ich bei den Werken von E. Male (part 
du XIII' sikle en France), J. R6ville {La religion ä Rome sous 
les Sivlrei) und Robertson Smith {J'he religion 0/ the Semites) 
auf die bezüglichen deutschen Bearbeitungen von L. Zucker- 
mandel, G. Krüger und R. Stube aufmerksam gemacht und 
ebenso S. 301. 302 meine deutsche Ausgabe von Cumont, 
Myst^res de Mithra für solche Leser genannt, denen die fran- 
zösische nicht zur Hand ist Die 7. Auflage des klassischen 
Buches von L. Friedländer, Darstellungen aus der Sittengeschichte 



zur ersten Auflage der deutschen Ausgabe XXI 

JRöms, habe ich nicht angeführt, weil sie die wertvollen An- 
merkungen der 6. nicht mehr enthält, also för den wissen- 
schaftlichen Gebrauch weniger geeignet ist, so dankenswert 
auch die Veranstaltung der neuen billigeren Ausgabe in an- 
derer Hinsicht genannt werden muß. 

Wenn der Herr Verf. S. VIII die Ansicht ausspricht, daß 
man die vermeintlichen Anleihen des Christentums bei seinen 
Gegnern nicht überschätzen dürfe, so teile ich diesen Stand- 
punkt durchaus. Daß es falsch ist, aus der Ähnlichkeit be- 
stimmter Vorstellungen und Gebräuche ohne weiteres ihren 
ursächlichen Zusammenhang zu folgern, hat die Völkerpsycho- 
logie längst zur Genüge nachgewiesen, wird aber nicht selten 
wieder vergessen. Auch die oben von mir angeführten Paral- 
lelen sind mit diesem stillschweigenden Vorbehalt gezogen. 
Aber ich sage auch mit dem Herrn Verf. (S. XV): „Je ein- 
gehender man die Religionsgeschichte der römischen Kaiser- 
zeit erforschen wird, um so mehr wird der Sieg der Kirche 
meiner Ansicht nach als der Abschluß einer langen Entwick- 
lung des religiösen Denkens erscheinen." Und wer von dem 
welthistorischen Recht seines christlichen Glaubens überzeugt 
ist, der wird die nachfolgenden Seiten nicht lesen können, 
ohne mehr als einmal an das gedankenschwere Wort des 
großen Hei4enapo8tels erinnert zu werden: *'0t€ bfe fjXOev tö 
irXrjpujfia toO xpövou, ÖaTr&ieiXev 6 Ocdc töv uldv auToO 
{Gal. 4, 4). 

November 1909. 

G. G. 



VORWORT DES HERAUSGEBERS 
ZUR ZWEITEN AUFLAGE DER DEUTSCHEN 

AUSGABE 

Diejmter gütiger Mitwirkung des Herrn Verfassers bearbeitete 
zweite Auflage meiner deutschen Ausgabe des vorliegenden 
Buches hat in ihrem Text nur unerhebliche Änderungen und 
Zusätze erfahren. Die wissenschaftlichen Anmerkungen da- 
gegen sind unter Berücksichtigung der seither erschienenen 
einschlägigen Literatur vielfach benchtigt und erweitert Die 
hierdurch bedingte Vermehrung der Seitenzahl ist durch größere 
Raumersparnis bei der Drucklegung im wesentlichen ausge- 
glichen. Ein angesehener Gelehrter hat in seiner Besprechung 
der ersten Auflage die fortlaufende Verbindung des Textes 
der Vorlesungen mit den dazu gehörigen wissenschaftlichen 
Anmerkungen empfohlen. Nach reiflicher Überlegung habeich 
indessen davon Abstand genommen, diesem Wunsche Rech- 
nung zu tragen, um die Lesbarkeit des Buches für den wei- 
teren Kreis der Gebildeten nicht zu beeinträchtigen. Auch 
sind manche Anmerkungen so umfangreich, daß Sich ihr Ab- 
druck unter dem Text von selbst verbietet Im übrigen glaube 
ich den mir bekanntgewordenen Anregungen und Ausstellungen 
der Herren Rezensenten — selbst wenn sie gelegenthch in 
minder höflicher Form geäußert wurden — nach Möglichkeit 
gerecht geworden zu sein. 

Bisweilen mußte ich allerdings auch an das Sprichwort 
denken: „Allen Menschen recht getan, ist eine Kunst, die nie- 
mand kann.** Das gilt besonders von der Zurückhaltung, mit 
welcher der Verfasser und der Herausgeber das Problem der 
Abhängigkeit des Christentums von seiner religiösen Umwelt 
behandelt haben (S. Vif. XXI). Diese Skepsis ist auf der einen 
Seite ebensosehr gelobt, wie auf der anderen getadelt Tat- 
sächlich hängt hier die letzte Entscheidung von der persön- 



Vorwort des Herausgebers inr zweiten Auflage usw. XXIII 

liehen Stellungnahme zu psychologischen und metaphysischen 
Fragen ab» die einer empirischen Untersuchung nicht oder 
doch nur schwer zugänglich sind. Meiner Oberzeugung nach 
hat einer unser angesehensten neuereren Historiker, Dieterich 
Schäfer, das Richtige getroffen, wenn er sagt {Deutsche Ge^ 
schichte^ Jena 1910, Bd. II, S.3): „Nicht einmal Durchschnitts- 
menschen lassen sich restlos aus den Verhältnissen verstehen, 
unter deren Geltung sie geworden sind, wie viel weniger fuh- 
rende Geister. Nicht nur, daß man — etwa aus mangelnder 
Kenntnis — nicht vollständig nachweisen kann, welche Ein- 
flüsse in ihnen wirksam wurden, ein Teil ihres Wesens — je 
höher sie stehen, um so mehr — ist tatsächlich nicht von 
außen in sie hineingetragen; es ist mit ihnen geboren. Es 
möchte kaum einen Menschen geben, der nichts hätte, was 
ihm und ihm allein zu eigen gehört; bei den Großen liegt 
gerade hier die Quelle ihrer schöpferischen Kraft." Und ge- 
genüber dieser schöpferischen Kraft des Genius kann zumal 
auf dem Gebiete der Religionsgeachichte jede Übernahme von 
Formen und Formeln nur eine ganz untergeordnete Rolle spielen. 
Der Geist, nicht der Buchstabe ist hier das Entscheidende. 

Die in meiner Vorrede zur ersten Auflage (S. XIX f.) zu- 
sammengestellten Bemerkungen sind auf Wunsch des Herrn 
Verfassers nunmehr an den betreffenden Stellen eingeschaltet. 
Für fachgelehrte Leser ist dabei zur Kennzeichnung ihrer 
Herkunft auf die wieder mit abgedruckte Vorrede verwiesen. 
Ein paar andere Notizen, die ich mir z.T. erst während des 
Druckes der neuen Auflage gemacht habe, mögen hier noch 
ihren Platz finden. 

1. L. Friedländers Darstellungen aus der Sittengeschichte Roms 
(vgl. S. XXu.ö.) haben inzwischen eine 8. Auflage in 4 Bänden 
erlebt, durch welche dieses ausgezeichnete Werk mit Ein- 
schluß der Anmerkungen wieder auf den neuesten Stand der 
Wissenschaft gebracht ist 

2. In einer freundlichen Besprechung des vorliegenden 
Buches, die mir erst kürzlich zu Gesicht kam, bemerkt Fr. J. 
Dölger (Römische Quartalschrift für christL Altertumskunde, 



XXIV Vorwort des Herausgebers 

Jahrg. 19 lo, S. 181 f.): y,Die Gruft des Sabaziuspriesters an 
der Via Appia darf jedoch nicht, wie C.(umont) S. 78 (a. Aufl. 
S. 77) meint, mit der christlichen Prätextatkatakombe identi* 
fiziert werden. Die aus dieser Identifikation entnonmiene Schwie- 
rigkeit existiert also nicht" Da es mir gegenwärtig nicht mög- 
lich ist, nähere Erkundigungen einzuziehen, so begnüge ich 
mich vorläufig damit, D.s Auffassung hier einfach wiederzugeben. 
3. Zu S. 326, Anm. 77 (^eneßcas aries der Magier und To- 
xikologie des Mithridates) hat Hermann Peters in Hannover- 
Kleefeld kürzlich zwei sehr interessante Beiträge geliefert in 
seinen beiden Abhandlungen „Das giftige Stierblut des Alter- 
tums" und „Nochmals das giftige Stierblut des Altertums" 
(Berichte der Deutschen PharmazeuL Gesellsch,, XXIIL Jahrg. Ber- 
lin 1913, S. 243— 256 und 491 — 501). Er macht darauf auf- 
merksam, daß von antiken Schriftstellern (Strabo, Plutarch, 
Herodot, Plinius u. a. ) wiederholt Vergiftungen mit Stierblut 
berichtet werden, und zwar gerade aus der iranischen Kul- 
turwelt oder ihrer Nachbarschaft Da nun Stierblut an sich 
unzweifelhaft nicht giftig ist, zumal im frischen Zustande, 
so muß mit dem Blut eine chemische Veränderung vorgegangen 
sein, ehe es zu einem schnell tötenden Gift wurde. Die Ver- 
wendung von abgestandenem und durch Fäulnis giftig ge- 
wordenem Stierblut ist aus literarischen und physiologischen 
Gründen nicht wahrscheinlich. Nach der Ansicht des Verfassers 
bildete sich jedoch auf den flammenden Opferaltären Mithras 
ein anderes furchtbares Gift, da durch das Zusammenschmel- 
zen des Kaliumkarbonates der Holzasche mit dem Blut des 
geopferten Stieres Zyankalium entstehen mußte. Dieser Vor- 
gang gelangt nach P. auch auf den Mithrasdenkmälem zu sym- 
bolischem Ausdruck durch Schlange und Skorpion, die im 
Dienste Ahrimans Blut und Samen des geopferten Stieres ver- 
giften. Für die eingehende Begründung dieser Hypothese muß 
auf die genannten Abhandlungen verwiesen werden, die von 
neuem zeigen, wieviel gerade auf religionsgeschichtlichem Ge- 
biete von der wechselseitigen Unterstützung der verschieden- 
sten Wissenschaften für die Aufhellung schwieriger Probleme 
zu erhoffen ist 

Zum Schlüsse danke ich herzlich allen, welche das Erscheinen 
der neuen Auflage durch Rat und Tat gefordert haben, nament*^ 



zur zweiten Ä.uflage der deutschen Ausgabe XXV 

lieh dem Herrn Verfasser für seine wertvollen Beiträge und der 
Verlagsbuchhandlung B. G. Teubner für ihre freundliche Geduld, 
die ich infolge zeitweiliger Überhäufung mit Berufsgeschäflen 
mehr als einmal in Anspruch nehmen mußte. Möchte das vor- 
liegende Buch, wenn des großen Krieges Stürme schweigen, 
den unser Vaterland jetzt um seine Ehre und seine Freiheit 
zu führen hat, weiterhin auch in seinem deutschen Gewände 
als kurze und anschauliche Darstellung der religiösen Ge- 
dankenwelt des ausgehenden Heidentimis nicht nur Historikern 
und Philologen nützliche Dienste leisten, sondern auch dazu 
beitragen, das geschichtliche Verständnis des Evangeliums und 
seines Siegeszuges durch die Welt vorzubereiten und zu vertiefen. 

September 19 14. 

Georg Gehrich, 

Pastor und Elreisschulinspeklor 
in Goslar. 



INHALT 

Erstes Kapitel seite 

Rom und der Orient — Die Quellen i — 2^ 

übergewicht des Orients z. — Sein Einfloß auf die 
politischen Institntionen 3 — auf das Privatrecht 6 — 
auf die Wissenschaft 7 — auf die Literatur 7 — auf die 
Kunst 9 — auf die Industrie 10 — auf die Religion 12. 

Die Quellen 13. — Verlust der heidnischen Rituale 13. 

— Die Mythographen 15. — Die Greschichtsschreiber 15. 

— Die Satiriker 16. — Die Philosophen 17. — Die 
Kirchenväter 17. — Die Epigraphik 19. — Die Archäo- 
logie 20. 

Zweites Kapitel 

Warum die orientalischen Kulte sich aus- 
gebreitet haben 24 — 55 

Religiöser Unterschied zwischen Okzident und Orient 
24. — Ausbreitung der orientalischen Kulte 27. — "Wirt- 
schaftliche Einflüsse 28. — Die Degenerationstheorie 30. 

— Die Bekehrungen sind individuell 32. — Die Wir- 
kung der orientalischen Kulte auf die Sinne und das 
Gefahl 34 — auf den Verstand 37 — auf das Grewis- 
sen 42. — Mängel der römischen Religion 42, — Zu- 
nahme der Skepsis 45. — Die orientalischen Kulte und 
die Religionspolitik der Kaiser 46. — Die Reinigung 
der Seelen 48. — Das Priestertum als besonderer Stand 
50. — Die Unsterblichkeitshofihung 52. — Ergebnis 53. 

Drittes Kapitel 
Kleinasien 56— -86 

Ankunft der Cybele in Rom 57. — Ihr Kultus in 
Kleinasien 57. — Römischer Cybelckult während der 
Republik 62. — Adoption der Mä-Bellona 65. — Po- 
litik des Kaisers Claudius 66. — Die FriihUngsfeste 67. 

— Ausbreitung des phrygischen Kultus in den Pro- 
vinzen 69. — Ursachen seiner Ausbreitung 70. — Der 
phrygische Kult als offizielle Religion 72. — Hinzutritt 
anderer Kulte 73. — Men 73. — Das Judentum 75, — 
Sabazius 77. — Anähita 78. — Das Taurobolium 79. 

— Heilige Mahle 82, — Die Philosophie 83. — Das 
Christentum 84. — Ergebnis 85. 



■t' 



Inhalt XXVn 

Viertes Kapitel ^*** 

Ägypten 87 — 119 

Isis nnd Serapis 88. — Stiftnng des Serapiskalts 89. 

— Hellenisierung des ägyptischen Kultas 89. — Be- 
ziehungen zu Griechenland 91. — Isis und Serapis in Ita- 
lien 95. — Verfolgungen in Rom 96. — Adoption unter 
Caligula 99. — Die Folgezeit 100. — Anziehungskraft der 
ägyptischen Gottheiten 10 1. — Unbestimmtheit der ägyp- 
tischen Theologie 102. — Dürftigkeit der ägyptischen 
Moral 105. — Rituelle Reinheit 107. — Magische Kraft 
des Rituals 109. — Täglicher Gottesdienst iii. — Die 
Feste 113. — Die Unsterblichkeitslehre 116. — Das re^ 
frigerium Ii8. 

Fünftes Kapitel 
Syrien 120 — 155 

Die syrische Göttin 12 1. — Einfahrung neuer Gott- 
heiten durch die syrischen Sklaven 122 — die syrischen 
Kaufleute 124 — und die syrischen Soldaten 129. — 
Heliogabal und Aurelian 132. — Wert des semitischen 
Heidentums 133. — Naturalistische Überlebsel 134. — 
Die Baale 136. — Heilige Prostitution und Menschen- 
opfer 137. — Religiöse Fortschritte der Priesterschaft 139. 

— Die Reinheit 139. — Fremde Einflüsse 140, — Die 
Eschatologie 144. — Die Theologie 146. — Der Him- 
melsgott 147 — ist allmächtig 148. — Ewigkeit und Uni- 
versalität Z49. — Syrischer Synkretismus 152 — fuhrt 
zu einem solaren Henotheismus 153. 

Sechstes Kapitel 
Persien 156 — 186 

Persien nnd Europa 156. — Einfluß des Achäme- 
nidenreiches 158 — des Mazdaisihus 159. — Roms Er- 
oberungen 160. — Einfluß der Sassaniden 162. — Ent- 
stehung der Mithrasmysterien 164. — Die Perser in 
Kleinasien 166. — Anatolischer Mazdaismus l66. — 
Einzug Mithras in das Al>endland 171. — Eigenschaften 
des Mithriazismus 173. — Der Dualismus 175. — Die 
mithrische Moral 178. — Das zukünftige Leben 182. — 
Ergebnis 184. 

Siebentes Kapitel 

Astrologie und Magie 187 — 225 

Ansehen der Astrologie 187. — Einführung der Astro- 
logie in den Okzident 189. — Die Astrologie in der 



XXVm Inhalt 

Seite 
Kaiserzeit 189. — Ohnmacht der Polemik gegen die 

Astrologie 192. — Die Astrologie ist eine wissenschaft- 
liche Religion 196. — Die primitive Idee der Sympa- 
thie 198. — Die göttlichen Gestirne 198. — Umwand- 
lung der Gottesidee 201. — Nene Gottheiten 202. — 
Das „groQt Jahr'' 204. — Die astrologische Eschato- 
logie 204. — Astrologische Kommunion 205. — Der 
Fatalismus 206. — Wirksamkeit des Gebets 208 — und 
der Magie 210. — Die magische Literatur 210. — Idee 
der Sympathie 211. — Wissenschaftlicher Charakter der 
Magie 212. — Religiöser Charakter der Magie 213. — 
Zauberei in älterer Zeit 214. — Die Theurgie 216. — 
Die persische Magie 217. — Verfolgung der Magie 221. 
— Ihr Fortleben 221. — Ergebnis 223. 



Achtes Kapitel 
Die Umwandlung des römischen Heidentums 226 — 243 

Das Heidentum vor Konstantin 226. — Kulte aus 
Kleinasien 227 — Ägypten 228 — Syrien 229 — Per- 
sien 229. — Gab es ein Heidentum? 231. — Volks- 
frömmigkeit und Philosophie 232. — Die christliche Po- 
lemik 233. — Die Orientalisierung des römischen Hei- 
dentums 236. — Die Mysterien 237. — Wissenschaft- 
licher Kultus der eletnenta 237. — Der höchste Gott 238. 
— Die Gestirne 239. — Das ethisierte Ritual 240. — 
Das ewige Leben und das Reich des Bösen 241. — Das 
Ende der Welt 242. — Ergebnis 242. 



Anmerkungen 

Kapitel I: Rom und der Orient 244 

Kapitel H: Warum die orientalischen Kulte sich ausgebrei- 
tet haben 249 

Kapitel ni: Klleinasien 256 

Kapitel IV: Ägypten 262 

Kapitel V: Syrien 278 

Kapitel VI: Persien 301 

Kapitel VH: Astrologie und Magie 314 

Kapitel VIII: Die Umwandlung des Heidentums 328 

Register 337 



ROM UND DER ORIENT . DIE QUELLEN 

Wir lieben es, uns als die Erben Roms zu betrachten, 
und schmeicheln uns gern mit der Überzeugung, daß 
der lateinische Genius nach seiner Verschmelzung mit 
dem griechischen in der antiken Welt eine ähnliche 
intellektuelle und moralische Hegemonie ausgeübt 
habe, wie sie Europa noch heute besitzt, und daß er 
der Kultur aller Völker, welche der Herrschaft der 
Cäsaren unterstanden, für immer sein kraftvolles Ge- 
präge aufgedrückt habe. Es ist nicht leicht, vollkommen 
von der Gegenwart zu abstrahieren, und nicht an- 
genehm, auf aristokratische Ansprüche zu verzichten. 
Es fällt uns schwer zu glauben, daß der Orient sich 
nicht immer mehr oder weniger in demselben nie^ 
drigen Zustande befunden habe, aus dem er sich lang- 
sam wieder erhebt, und wir dichten den alten Ein- 
wohnern von Smyma, Berytos oder Alexandrien gern 
die gleichen Fehler an, welche man an der heutigen 
Bevölkerung der Levante zu tadeln pflegt. Der 
wachsende Einfluß der Orientalen, der den Nieder- 
gang des römischen Reiches begleitet, ist oft als eine 
Krankheitserscheinung, als ein Symptom des allmäh- 
lichen Zerfalls der antiken Welt behandelt worden. 
Selbst Renan scheint sich nicht genügend von einem 
alten Vorurteil befreit zu haben, wenn er hierüber 
schrieb 1: «// ^taii inävitable que la civilisation la 

Cumont, Die orientaL Religionen I 



2 Rom und der Orient • Die Quellen 

plus vieille et la plus asäe domptät par sa corruption la 
plus jeune.» 

Aber wenn man den wirklichen Sachverhalt un- 
befangen untersucht und sich vor der optischen Täu- 
schung hütet, welche uns die Gegenstände unserer 
unmittelbaren Umgebung größer erscheinen läßt als 
die femliegenden, so wird man zu einer ganz anderen 
Überzeugung gelangen. Rom fand unleugbar im 
Abendland den Stützpunkt seiner militärischen Macht : 
die Legionen an der Donau und am Rhein waren 
stets zuverlässiger, tapferer und besser diszipliniert 
als die am Euphrat oder am Nil. Aber im Orient 
vornehmlich, speziell in den Ländern der „alten Kul- 
tur**, ist, schon ehe Konstantin das Schwergewicht 
der politischen Gewalt dorthin verlegte, die Industrie 
und der Reichtum, die technische Geschicklichkeit 
und die künstlerische Produktivität, die Intelligenz 
und die Wissenschaft zu suchen. 

Während Griechenland verarmt, erniedrigt, erschöpft 
ein kümmerliches Dasein fristet, während Italien sich 
entvölkert und nicht mehr imstande ist, sich selbst 
zu erhalten, während die anderen europäischen Pro- 
vinzen kaum der Barbarei entwachsen, heimsen Klein- 
asien, Ägypten, Syrien die reiche Ernte .ein, welche 
der röimische Friede ihnen * sichert. Ihre Industrie- 
zentren pflegen all die überlieferten Kenntnisse imd 
Fertigkeiten, welche ihre einstige Größe begründet 
hatten, und bringen sie zu neuer Blüte. Der wirt- 
schaftlichen Regsamkeit dieser ausgedehnten Länder 
auf dem Gebiete des Gewerbes und des Exporthan- 
dels entspricht ein gesteigertes intellektuelles Leben. 
Sie leisten Hervorragendes in allen Berufen, mit Aus- 
nahme des soldatischen, und ihre Überlegenheit springt 



Übergewicht des Orients ^ 

selbst den voreingenommenen Römern in die ,Augen. 
Die Fata Morgana eines gewaltigen orientalischen 
Reiches beschäftigte die Phantasie der ersten Herren 
der Welt. Die Gründimg eines solchen ^Reiches war 
anscheinend der leitende Gedanke des Diktators Cäsar, 
der Triumvir Antonius hätte ihn beinahe verwirklicht, 
und Nero dachte noch daran, seine Residenz nB,ch 
Alexandrien zu verlegen. Wenn Rom, gestützt auf 
die Macht seines Heeres und das von ihm geschaffene 
Recht, lange Zeit hindurch seine politische Autorität 
bewahrte, so erfuhr es doch unvermeidlich den mora- 
lischen Einfluß der Völker, die weiter fortgeschritten 
waren als die herrschende Nation selbst. In dieser Be- 
ziehung läuft die Geschichte des Reiches während der, 
drei ersten Jahrhunderte imserer Zeitrechnung auf eine 
€ Penetration pacifique^ des Okzidents durch den Ori- 
ent hinaus.^ 

Diese Wahrheit ist um so klarer hervorgetreten, je 
eingehender man die verschiedenen Seiten der römi- 
schen Zivilisation erforscht hat, und es möge mir daher 
verstattet sein, ehe ich das eigentliche Thema dieses 
Buches in Angriff nehme, die allmähliche Umwandlung, 
die sich unter anderem in der Ausbreitimg der orien- 
talischen Kulte bekundet, von einzelnen Gesichtspunk- 
ten aus näher zu beleuchten. 

Zunächst wird die Nachahmung des Orients ersicht- 
lich auf dem Gebiet der politischen Institutio- 
nen.3 Um sich hiervon zu überzeugen, braucht man nur 
zu vergleichen, was die Regierung des Reiches bei der 
Thronbesteigung des Augustus war und was sie unter 
Diokletian geworden ist. Im Anfange des Prinzipats 
herrscht Rom über die Welt, aber es verwaltet sie 
nicht. Es beschränkt die Anzahl seiner Beamten auf 



4 Rom und der Orient • Die Quellen 

ein Minimum; seine Provinzen, unorganisierte Gruppen 
von Städten, in denen es sich mit der Polizeigewalt 
begnügt, sind eher imter Protektorat gestellte Länder 
als annektierte.* Wenn nur Ruhe und Sicherheit dort 
aufrechterhalten bleiben, wenn nur seine Bürger, Be- 
amte wie Kaufleute, dort ihren Geschäften nachgehen 
können, so kümmert es sich um das Übrige nicht viel. 
Es erspart sich die Sorge um die Sicherstellung der 
öffentlichen Ordnung, indem es den vor seiner eigenen 
Herrschaft begründeten oder nach seinem Muster ein- 
gerichteten Gemeinwesen eine weitgehende Autonomie 
beläßt. Die Steuern werden durch Bankiers erhoben, 
die sich zu Syndikaten vereinigt haben; die öffentlichen 
Ländere.ien an Unternehmer verpachtet, die einen 
Grundzins zu entrichten haben; selbst die Armee ist vor 
den Reformen des Auguatus kein stehendes Heer mit 
entsprechender Organisation : sie setzt sich in der The- 
orie aus Truppen zusammen, die für einen bevorstehen- 
den Feldzug ausgehoben und nach erfochtenem Siege 
wieder entlassen werden. 

Die Verfassung Roms hat städtischen Charakter be- 
halten und läßt sich nur schwer dem ungeheuren Terri- 
torium anpassen, welches sie beherrschen soll. Sie ist 
eine ungemein plumpe Maschine, die nur stoßweise 
funktioniert, ein rudimentäres System, das sich nicht 
behaupten konnte und sich auch nicht behauptet hat. 

Was finden wir drei Jahrhunderte später? Einen 
streng zentralisierten Staat, in welchem ein absoluter, 
wie eine Gottheit verehrter und von einem zahlreichen 
Hofe umgebener Herrscher über eine ganze Hierarchie 
von Beamten gebietet ; Städte, die ihrer lokalen Vor- 
rechte zugunsten einer allmächtigen Bureaukratie be- 
raubt sind, und die alte Hauptstadt selbst vor den an- 



Politische Institutionen e 

deren ihrer Autonomie entkleidet und Präf ekten unter- 
stellt. Außerhalb der Städte ist der Monarch, dessen 
Privatvermögen mit den Staatsfinanzen zusammen- 
fließt, der Eigentümer von ungeheuren Domänen, die 
von Intendanten beaufsichtigt werden imd eine zahl- 
reiche, an die Scholle gefesselte Bevölkerung von Ko- 
lonen tragen. Die Armee besteht zu einem großen 
Teil aus fremden Söldnern, Berufssoldaten, die als Sold 
oder Prämie Ländereien erhalten, auf denen sie leben. 
Alle diese Züge, und noch sehr viel andere, machen 
das römische Reich den alten orientalischen Monarchien 
ähnlich. 

Man darf hier nicht einwenden, daß gleiche Ursa- 
chen gleiche Wirkungen hervorgebracht hätten, und 
eine Ähnlichkeit in der Geschichte nicht ausreiche, um 
eine Beeinflussung nachzuweisen. Überall, wo wir die 
langsamen Metamorphosen einer einzelnen Institution 
näher verfolgen können, stoßen wir auf die Einwir- 
kung des Orients und besonders die Ägyptens. Rom, 
gleich Alexandrien zu einer großen kosmopolitischen 
Metropole geworden, wurde von Augustus nach dem 
Muster der Ptolemäerresidenz reorganisiert. Die fis- 
kalischen Reformen der Kaiser, wie die Verkaufs- und 
die Erbschaftssteuer, die Anlage eines Grundbuchs und 
die Einführung der direkten Erhebung, sind durch das 
sehr vollkommene Finanzsystem der Lagiden^ ange- 
regt, und so ist die Verwaltung dieser Herrscher, wie 
man mit gutem Gewissen behaupten darf, durch die 
Vermittlung der Römer vorbildlich geworden für die 
des modernen Europa. Die kaiserlichen saltus, welche 
von Kleinbauern bewirtschaftet wurden, die zu Sklaven 
herabgesunken waren und einem Prokurator unterstan- 
den, wurden denen nachgebildet, welche die asiatischen 



6 Rom und der Orient • Die Quellen . 

Potentaten ehemals durch ihre Agenten ausgebeutet 
hatten.® Diese Reihe von Beispielen könnte man mit 
leichter Mühe noch verlängern. Die absolute, zugleich 
theokratische und . bureaukratische Monarchie, wie sie 
in der alexandrinischen Zeit Ägypten, Syrien und so- 
gar Kleinasien gekannt hatten, war das Ideal, welches 
die vergötterten Kaiser bei der von ihnen vorgenom- 
menen allmählichen Umwandlung des römischen Staa- 
tes im Auge hatten. 

Rom hat — und diesen Ruhm kann ihm niemand 
streitig machen — ein Privatrecht ausgebildet, das 
in logischer Weise aus klar formulierten Prinzipien ab- 
geleitet ist und dazu bestimmt war, das Grundgesetz 
für die Gesellschaftsverhältnisse aller Kulturvölker zu 
werden. Aber selbst auf diesem Gebiete des Privat- 
rechts, wo die Originalität Roms imbestreitbar und sein 
Vorrang souverän ist, haben neuere Untersuchungen 
gezeigt, mit welcher Zähigkeit der hellenisierte Orient 
seine alten Rechtsgrundsätze festhielt, welchen Wider- 
stand das örtliche Herkommen, das gleichsam den Le- 
bensnerv einer Nation darstellt, der Einigung entge- 
gensetzte, die immer nur in der Theorie verwirklicht 
wurde.' Mehr noch, sie haben bewiesen, daß die 
fruchtbaren Prinzipien dieses Provinzialrechts, das bis- 
weilen an sittlichem Werte dem römischen überlegen 
ist, auf die fortschreitende Umbildung des alten ius 
civile von Einfluß gewesen sind. Und wie könnte es 
anders sein? Stammte nicht eine große Zahl der be- 
rühmtesten Juristen aus Syrien : Ulpian aus Tyrus, Pa- 
pinian aus Emesa, wie nicht zu bezweifeln ist? Und 
wuchs nicht die juristische Schule von Berytos bestän- 
dig an Bedeutung seit dem dritten Jahrhundert, bis sie 
im fünften der glänzendste Mittelpunkt dieser Studien 



Privatrecht — Wissenschaft 7 

wurde ? So machten sich die Morgenländer daran^ den 
ererbten Acker, den die Scävolas und die Labeos ^ 
urbar gemacht hatten, selbst zu bebauen. 

In dem ernsten Tempel des Rechts nimmt der Orient 
nur eine untergeordnete Stellimg em; sonst ist sein 
Einfluß vorherrschend. Der praktische Geist der Römer, 
der sie zu ausgezeichneten Juristen machte, hinderte 
sie daran, große Gelehrte zu weideri. Sie schätzten diei 
reine Wissenschaft nur mäßig, für die sie nur 
mäßig begabt waren, und man merkt, daß sie überall 
da, wo ihre immittelbare Herrschaft beginnt, nicht mehr 
ernstlich gepflegt wird. Die großen Astronomen, die 
großen Mathematiker, die großen Ärzte sind der Mehr- 
zahl nach Orientalen, wie die großen Schöpfer oder 
Vertreter metaphysischer Systeme. Ptolemäus und Plo- 
tin sind Ägypter, Porphyrius und Jamblichus Syrer, 
Dioscorides und Galenus Asiaten. Der orientalische 
Geist dringt in alle Studien ein. Die Hirngespinste 
der Astrologie und der Magie finden auch bei den Ge- 
bildeten Eingang. Die Philosophie beginnt sich mehr 
und mehr mit der fabelhaften Weisheit Chaldäas oder 
Ägyptens zu befreunden. Die Vemimft, des Suchens 
nach der Wahrheit müde geworden, dankt ab und 
glaubt diese in einer Offenbarung zu finden, die sich 
in den Mysterien der Barbaren erhalten hat. Die Logik 
Griechenlands gabelt darüber nach, wie sich die ver- 
worrenen Überlieferungen der asiatischen Priester zu 
einem harmonischen Ganzen ordnen lassen. 

Ebenso wie die Wissenschaft wird auch die Lite- 
ratur vorzugsweise von den Orientalen gepflegt. Man 
hat oft darauf hingewiesen, daß die Literaten, welche 
in der Kaiserzeit als die reinsten Repräsentanten des 
hellenischen Geistes gelten, fast sämtlich nach Klein- 



8 Rom und der Orient • Die Quellen 

asien, Syrien oder Ägypten gehören. Der Rhetor Dio 
Chrysostomus stammt aus Prusa in Bithynien; der Sa- 
tiriker Lucian aus Samosata in Kommagene an der Eu- 
phratgrenze. Man könnte noch eine Menge anderer 
Namen aufzählen. Von Tacitus und Sueton bis zu 
Ammian findet sich kein einziger talentvoller Schrift- 
steller mehr, der in lateinischer Sprache das Gedächt- 
nis der Ereignisse festgehalten hätte, welche damals die 
Welt bewegten; nur noch ein Bithynier, Dio Cassius von 
Nicäa, sollte in der Zeit der Severer die Geschichte 
des römischen Volkes erzählen. 

Es ist bezeichnend füi^die Lage der Dinge, daß neben 
dieser griechisch redenden andere Literaturen ent- 
stehen oder wieder entstehen imd sich entwickeln. Das 
Syrische, ein Ableger des Aramäischen, das unter den 
Achämeniden die internationale Sprache Vorderasiens 
gewesen war, wird mit Bardesanes von Edessa wieder 
die Sprache einer kultivierten Rasse. Die Kopten er- 
innern sich, daß sie Dialekte sprechen, die vom Alt- 
ägyptischen abgeleitet sind, und machen sich daran, 
sie wieder zu beleben. Im Norden des Taurus bemühen 
sich die Armenier sogar, ihre barbarische Redeweise in 
eine Schriftsprache umzuwandeln und entsprechend zu 
glätten. Die christliche Predigt, die sich ,an das Volk 
wendet, bemächtigt sich der volkstümlichen Idiome und 
erweckt sie wieder aus ihrer langen Lethargie. An den 
Ufern des Nil wie in den Ebenen Mesopotamiens oder 
in den Hochtälern Anatoliens schickt sie sich an, neue 
Gedanken in bisher verachteten Dialekten zu verkün- 
digen, und der alte Orient beginnt überall, wo der Hel- 
lenismus ihn nicht gänzlich seiner nationalen Eigenart 
entkleidet hatte, seine intellektuelle Selbständigkeit er- 
folgreich zurückzuerobern. 



Literatur — Kunst q 

Diesem Wiedererwachen der Sprachen geht eine Re- 
naissance der einheimischen Kunst zur Seite. Auf 
keinem anderen Gebiete geschichtlicher Betrachtung 
ist die Illusion, von der wir oben redeten, vollständiger 
und hartnäckiger gewesen. Noch vor wenigen Jahren 
lebte man der Überzeugung, in Rom hätte sich zur Zeit 
des Augustus eine „kaiserliche** Kunst gebildet ,und 
dann nach und nach ihre Herrschaft Jbis an die Peri- 
pherie der antiken Welt ausgedehnt. Wenn sie in Asien 
einige besondere Modifikationen erfahren habe, so sei 
dies ausländischen, zweifellos assyrischen oder persi- 
schen Einflüssen zuzuschreiben. Selbst die schönen Ent- 
deckungen de Vogü^s im Haurän^ waren nicht im- 
stande gewesen, die Unhaltbarkeit einer Theorie darzu- 
tun, welche sich auf unsere hochfahrende Überzeugung 
von der Überlegenheit Europas stützte. 

Heute liegt klar zutage, daß Rom den Orientalen 
nichts oder fast nichts gegeben, sondern im Gegenteil 
viel von ihnen empfangen hat. Von der Umarmung des 
Hellenismus befruchtet, hat Asien in den Diadochen- 
reichen einen stattlichen Nachwuchs originaler Werke 
hervorgebracht. Die alten Methoden, deren Entdeckung 
bis auf die Chaldäer, die Hittiter oder die Untertanen 
der Pharaonen zurückreicht, wurden von den alexan- 
drinischen Eroberem sofort übernommen, die eine reiche 
Mannigfaltigkeit von neuen Typen erfanden imd daraus 
einen eigenartigen Stil schufen. Aber wenn während 
der drei letzten Jahrhunderte vor dem Beginn unserer 
Zeitrechnung das herrschende Griechenland die Rolle 
des Demiurgen spielt, der aus einem vorher existieren- 
den Stoff lebende Wesen bildet, während der drei fol- 
genden Jahrhunderte erschöpft sich seine Produktivität, 
erlahmt seine Erfindungskraft, die alten einheimischen 



lO Rom und der Orient • Die Quellen 

Überlieferungen lehnen sich gegen seine Herrschaft auf 
und triumphieren über sie mit dem iChristentum. Nach 
Byzanz verpflanzt, entfalten sie sich dort zu neuer Blüte 
imd wandern bis nach Europa hinein, .3V0 sie die Ent- 
stehung der romanischen Kunst des hohen Mittelalters 
vorbereiten.io 

Weit davon entfernt, den Orient in dieser Beziehung 
seine Suzeränität fühlen zu lassen, ist Rom ihm demnach 
vielmehr tributpflichtig. Jener ist ihm überlegen durch 
die Gründlichkeit und den Umfang seiner technischen 
Kenntnisse wie durch sein erfinderisches Genie und 
die Geschicklichkeit seiner Werkleute. Die Cäsaren 
sind große Baumeister gewesen, aber sie haben sich 
oft dabei fremder Hände bedient. Der Hauptarchitekt 
Trajans, ein glänzender Konstrukteur, ist ein Syrer, 
ApoUodoros von Damaskus.^^ 

Seine Untertanen in der Levante lehren Italien nicht 
nur die elegante Lösung architektonischer Probleme, 
wie die Überwölbung eines rechteckigen oder acht- 
eckigen Gebäudes mit einer Kuppel, sondern sie er- 
ziehen es auch zu ihrem Geschmack und befruchten 
es mit ihrem Genie. Sie teilen ,ihm ihre Vorliebe für 
luxuriöse Dekoration und grelle Polychromie mit; sie 
führen in die religiöse Plastik und Malerei den kom- 
plizierten Symbolismus ein, in dem sich ihr abstruser 
imd subtiler Geist gefällt. 

Die Kunst ist im Altertimi eng verbimden mit der I n - 
dustrie, die ausschließlich Handarbeit und mithin 
durchaus individuell geartet ist. Sie lernen beide von- 
einander, steigen und sinken zu gleicher Zeit, sind mit 
einem Wort imzertrennlich. Soll man sie Kimsthand- 
werker oder Künstler nennen, die Maler, welche die 
Wände Pompejis in alexandrinischem und vielleicht 



Kunst — Industrie 1 1 

syrischem Geschmack mit einer phantastischen und luf- 
tigen Architektur dekoriert haben ? die Goldschmiede^ 
ebenfalls alexandrinischer Schule, welche die Trink- 
schalen imd Becher von Boscoreale mit ihrem zierlichen 
Laubwerk, ihren pittoresken Tieren, ihren Gruppen voll 
harmonischer Eleganz oder flotten Schwunges ge- 
schmückt haben? Indem man so allmählich von den 
Erzeugnissen des Kimstgewerbes zu denen der eigent- 
lichen «Industrie herabsteigt, könnte man hier gleich- 
falls den wachsenden Einfluß des Orients feststellen; 
man könnte zeigen, wie die Einwirkung 4er großen 
industriellen Zentren des Ostens in zunehmendem Maße 
die materielle Kultur Europas vollständig umgestaltete; 
man könnte nachweisen, wie bis nach Gallien hinein 12 
die Einfühnmg ausländischer Modelle imd Methoden 
die alte inländische Technik wieder erneuerte imd ihren 
Produkten eine bisher unbekannte Vollendung und Ver- 
breitung verlieh. Aber ich müßte dann befürchten, zu 
lange bei einem Gegenstand zu verweilen, der offenbar 
weit abliegt von dem, welcher uns hier beschäftigen 
soll. 

Indessen war es notwendig, von vornherein zu kon- 
statieren, daß die zeitgenössische Forschung, in wel- 
cher Richtimg sie auch die begonnenen Untersuchun- 
gen fortsetzen mag, immer wieder zu dem Ergebnis 
gelangt, daß die asiatische Kultur allmählich an die 
Stelle der italischen getreten ist. Diese entwickelt 
sich nur durch die Assimilation solcher Elemente, die 
aus den unerschöpflichen Reserven der „alten Kultu- 
ren** entlehnt sind, von welchen wir anfangs sprachen. 
Der hellenistische Orient faßt überall festen Fuß mit 
seinen Menschen und seinen Werken; er unterwirft die 
lateinischen Sieger seinem Einfluß, wie er ihn später 



12 Rom und der Orient • Die Quellen ^ 

den arabischen Eroberem aufdrängen und der Zivili- 
sator des Islam werden sollte. Aber auf keinem an- 
deren Gebiete des Geisteslebens ist seine Einwirkung 
in der Kaiserzeit so entscheidend gewesen wie auf dem 
der Religion, weil sie hier schließlich zu der völligen 
Auflösung des griechisch-römischen Heidentums ge- 
führt hat.i3 

Die Invasion der barbarischen Kulte erfolgte so of- 
fenkundig, so geräuschvoll, so siegreich, daß sie nicht 
unbemerkt bleiben konnte. Sie lenkte die sorgenvolle 
oder sympathische Aufmerksamkeit der antiken Schrift- 
steller auf sich, und seit der Renaissance haben sich 
die modernen Gelehrten oft mit ihr beschäftigt. Nur 
haben sie vielleicht nicht genügend begriffen, daß diese 
religiöse Entwicklung kein isoliertes und außergewöhn- 
liches Phänomen ist, sondern eine allgemeinere Ent- 
wicklung begleitet und begünstigt, wie sie von ihr be- 
günstigt wurde. Die Umwandlung der religiösen Vor- 
stellungen war innig verknüpft mit der Einführung der 
auf göttlichem Rechte beruhenden Monarchie, mit der 
Entwicklung der Kunst, den Tendenzen der Philoso- 
phie, mit allen Äußerungen des Denkens, des Gefühls 
und des Geschmacks. 

Diese religiöse Bewegung mit ihren so zahlreichen 
und so femliegenden Anfängen möchten wir hier 
skizzieren. Wir wollen zuerst nachzuweisen suchen, 
welche Ursachen die Verbreitung der orientalischen 
Kulte hervorgerufen haben. Wir wollen sodann ein- 
zeln diejenigen näher prüfen, welche sich allmählich 
aus Kleinasien, Ägypten, Syrien und Persien eingebür- 
gert und weiter verbreitet haben, und uns bemühen, 
ihre besonderen Eigentümlichkeiten zu charakterisie- 
ren und ihren Wert festzustellen. Wir wollen endlich 



Religion — Verlust der heidnischen Rituale 13 

sehen, wie sie die alte Idolatrie umgewandelt haben> 
und welche Form diese in dem Moment ihres entschei- 
denden Kampfes gegen das Christentum angenommen 
hatte, dessen Aufkommen die asiatischen Mysterien be- 
günstigten, so feindlich sie ihm auch gegenüberstan- 
den. 

Aber bevor wir dieses Thema behandeln, haben wir 
noch eine Vorfrage zu erledigen. Ist das Unternehmen, 
dessen Plan wir eben mitteilten, auch möglich? Über 
welche Hilfsmittel verfügen wir bei seiner Ausführung ? 
Aus welchen Quellen schöpfen wir unsere Kenntnis der 
im römischen Reiche verbreiteten orientalischen Reli- 
gionen ? 

Man muß zugeben: diese Quellen sind ungenügend 
und erst imgenügend erforscht. 

Bei dem großen Schiffbruch der antiken Literatur 
ist vielleicht kein Verlust mehr zu bedauern als der 
der liturgischen Bücher des Heidentums. Einige my- 
stische Formeln, die gelegentlich von heidnischen oder 
christlichen Autoren zitiert werden, einige und zwar 
meist verstümmelte Bruchstücke von Hymnen zu Ehren 
der Götter 1* sind fast alles, was der Vernichtung ent- 
gangen ist. Um uns eine Vorstellung von der mög 
liehen Beschaffenheit der verlorenen Rituale zu ma- 
chen, müssen wir auf die Nachahmungen zurückgrei- 
fen, welche die Chöre der Tragödien enthalten, auf die 
Parodien, welche die Komiker sich bisweilen erlaubten, 
oder in den magischen Sammlimgen die Plagiate auf- 
spüren, welche die Redaktoren von Beschwörungsfor- 
meln begangen haben können.^^ Aber diese ganze Arbeit 
läßt uns nur einen blassen Widerschein der Kultus- 



l^. Rom und der Orient • Die Quellen 

Zeremonien erblicken. Als Profane an die Pforte des 
Sanktuariums verwiesen^ hören wir nur das imdeutliche 
Echo der heiligen Gesänge imd können nicht einmal 
im Geiste der Feier der Mysterien beiwohnen. 

Wir wissen nichts wie die Alten beteten; wir dringen 
nicht ein in das Innere ihres religiösen Lebens^ und 
gewisse Tiefen der antiken Seele bleiben ims somit im- 
bekannt. Wenn ims ein glücklicher Zufall irgendein 
heiliges Buch aus der Endzeit des Heidentiuns zurück- 
gäbe^ so würden die EnthüUimgen^ die es uns brächte^ 
die Welt in Erstaimen setzen. Wir würden dann vor 
unseren Augen jene geheinrnisvoUen Dramen sich ab- 
spielen sehen^ deren symbolische Akte an die Passion 
der Götter erinnerten; wir könnten mit den Gläubigen 
ihre Leiden nachempf inden^ über ihren Tod wehklagen 
und an der Freude über ihre Rückkehr in das Leben 
teilnehmen. Man würde auf einmal in diesen umfang- 
reichen Sammlungen archaische Riten entdecken, wel- 
che die dunkle Erinnerung an überwundene Glaubens- 
vorstellungen erhielten, traditionelle Formeln, die man 
kaum noch verstand, weil sie in einer veralteten Sprache 
abgefaßt waren, all die Gebete, welche der Glaube der 
ersten Zeiten eingegeben, die Frömmigkeit verflosse- 
ner Jahrhunderte geheiligt, imd die Freuden und Lei- 
den vergangener Generationen gleichsam geadelt hat- 
ten. Zugleich würde man in ihnen jene Hymnen lesen, 
in denen die philosophische Reflexion das Gewand 
prächtiger Allegorien anlegte ^^ oder sich vor der All- 
macht des Unendlichen demütigte, Gedichte, von denen 
uns heute nur noch einzelne Ergüsse der Stoiker, wel- 
che das Feuer als Schöpfer und Vemichter feiern oder 
sich ganz und gar der göttlichen Schickung ergeben, 
eine annähernde Vorstellung verschaffen können.^^ 



Mythographen und Geschichtsschreiber 15 

Aber das alles ist dahin^ und wir haben damit auch 
die Möglichkeit verloren, die innere Entwicklung der 
heidnischen Kulte an der Hand authentischer Doku- 
mente zu studieren. 

Wir würden diesen Vertust weniger lebhaft empfin- 
den, wenn wir wenigstens die Werke besäßen, welche 
die griechischen imd lateinischen Mythographen den 
fremden Gottheiten gewidmet haben, umfangreiche Bü- 
cher, wie sie im zweiten xmd dritten Jahrhundert Pallas 
und Eubulus über die Mithrasmysterien veröffentlicht 
hatten. Al^er diese Werke erschienen der Frömmigkeit 
des Mittelalters bedeutimgslos oder gar gefährlich, imd 
sie sollten den Sturz des Heidentums kaum überleben. 
Die mythologischen Abhandlimgen, welche ims erhal- 
ten geblieben sind, beschäftigen sich fast immer nur 
mit den alten hellenischen Fabeln, die von den klassi- 
schen Autoren erläutert wurden, imd vernachlässigen 
die Kulte des Orients.^« 

Im allgemeinen finden wir über diesen Gegenstand 
in der Literatur nur zufällige Notizen und flüchtige 
Anspielimgen. Die Geschichtsschreiber sind in dieser 
Hinsicht von imglaublicher Dürftigkeit. Diese Mangel- 
haftigkeit der Berichterstattung wird zunächst verur- 
sacht durch die Enge des Gesichtskreises, die im Alter- 
tum und besonders in der Kaiserzeit den rhetorischen 
Stil charakterisiert, welchen sie pflegen. Die Politik 
und die Kriege des Herrschers, die Dramen, die Intri- 
gen, ja selbst der Klatsch des Hofes und der offiziellen 

Welt interessiert sie viel mehr als die großen wirtschaft- 
lichen oder religiösen Wandlungen. Sodann gibt es 
keine Periode des römischen Reiches, über die wir 
gleich schlecht unterrichtet sind, wie über das dritte 
Jahrhundert, das gerade dasjenige ist, in welchem die 



i6 Rom und der Orient • Die Quellen 

orientalischen Kulte den Gipfelpunkt ihres Einflusses 
erreichten. Von Herodian xind Dio Cassius bis zu den 
Byzantinern xind von Sueton bis zu Ammianus Marcel- 
linus sind alle irgendwie wertvollen Berichte verloren 
gegangen, und diese bedauernswerte Lücke ist beson- 
ders fatal für Studien über das Heidentum. 

Seltsamerweise beschäftigt sich das leichtere Genre 
der Literatur zuerst mit diesen schwerwiegenden Fra- 
gen. Die Riten der ausländischen Kulte haben den 
Witz der Satiriker herausgefordert, und der Pomp ihrer 
Feste hat den Romanschriftstellern den Stoff zu glän- 
zenden Schilderungen geliefert. Juvenal macht sich lu- 
stig über die Kasteiungen der Isisgläubigen, Lucian ver- 
spottet in seiner Nekyomantie die endlosen Waschun- 
gen der Magier, und Apuleius hat uns in den Metamor- 
phosen mit der Begeisterung eines Neophyten und der 
Sorgfalt eines Rhetors die Szenen einer isischen Ini- 
tiation geschildert. Aber in der Regel findet man bei 
den Literaten nur gelegentliche Bemerkungen, ober- 
flächliche Beobachtungen. Selbst der dem Lucian zu- 
geschriebene kostbare Traktat „Über die syrische Göt- 
tin'*, in dem uns der Verfasser einen Besuch im Tempel 
zu Hierapolis schildert und die Erzählungen wiedergibt, 
die ihm die Priester mitteilten, hat nichts Tiefes : er 
berichtet, was ein intelligenter, neugieriger und vor 
allem ironisch gestimmter Reisender en passant ge- 
sehen hat.i^ 

Um eine vollkommenere Einweihung zu erzielen und 
eine minder unvollständige Offenbarung der Lehren 
zu erhalten, welche in den orientalischen Kulten ge- 
predigt wurden, müssen wir Zeugnisse heranziehen, die 
von entgegengesetzten, aber gleich verdächtigen Ten- 
denzen beseelt sind : die der Philosophen imd der Kir- 



Satiriker — Philosophen — Christliche Schriftsteller 17 

chenväter. Die Stoiker und Platoniker haben sich oft 
für den religiösen Glauben der Barbaren interessiert 
und uns darüber Nachrichten von hohem Wert aufbe- 
wahrt. Die Abhandlung Plutarchs über Isis und Osiris 
ist eine Quelle, deren Wichtigkeit selbst von den Ägyp- 
tologen anerkannt wird, und die ihnen hilft, die Le- 
gende dieser Gottheiten wiederherzustellen.^^ Aber die 
Philosophen stellen die fremden Lehren fast niemals 
objektiv imd um ihrer selbst willen dar. Sie verweben 
sie mit ihren Systemen, denen sie als Beweis oder Illu- 
stration dienen sollen, sie verbrämen sie mit ihrer eige- 
nen Exegese oder ertränken sie in transzendentalen 
Kommentaren; mit einem Wort, sie wollen in ihnen 
alle ihre eigenen Gedanken wiederfinden. Es ist immer 
schwer und bisweilen unmöglich, die Dogmen, von 
denen sie berichten, von den Erläuterungen zu unter- 
scheiden, die sie ihnen so zuversichtlich angedeihen 
lassen, und die doch im allgemeinen von der Wahrheit 
so weit entfernt sind wie nur irgend angängig. 

Vor anderen Irrtümern muß man sich hüten, wenn 
man die kirchlichen Schriftsteller liest, die trotz ihrer 
Parteilichkeit für unseren Zweck unendlich nützlich 
sind. Infolge einer einzigartigen Ironie der Tatsachen 
helfen uns diese Kontroversprediger bisweilen aus- 
schließlich bei dem Bemühen, heute einen Götzen- 
dienst wiedererstehen zu lassen, den sie vernichten 
wollten. Indessen liefern sie uns nicht so ergiebige 
Berichte, wie man erwarten könnte, wenn man be- 
denkt, daß die orientalischen Kulte die gefährlichsten 
und hartnäckigsten Gegner des Christentums gewesen 
sind. Die Ursache davon ist nicht nur der Umstand, 
daß die Kirchenväter oft eine Art Scham zur Schau 
tragen, die sie scheinbar davon abhält, von der Idolatrie 

Cumont, Die oriental. Religionen 2 



i8 Rom und der Orient • Die Quellen 

zu reden, und daß sie mit Vorliebe ihrer Monstro- 
sitäten nur in geflügelten Worten gedenken, sondern 
noch etwas anderes: die Apologetik des vierten Jahr- 
hunderts bleibt, wie wir sehen werden ^i, oft hinter der 
Entwicklung der Doginatik zurück, und indem sie aus 
der literarischen Überlieferung, den Schriften der Epi- 
kureer und der Skeptiker schöpft, bekämpft sie haupt- 
sächlich die Glaubensvorstellungen der alten griechi- 
schen und italischen Religionen, die zugrunde gegan- 
gen waren oder im Sterben lagen, und vernachlässigt 
die noch sehr lebendigen der damaligen Welt. 

Nichtsdestoweniger haben einzelne dieser Polemiker 
ihre Angriffe gegen die Gottheiten des Orients und 
ihre römischen Anhänger gerichtet, sei es nun, daß. 
sie durch Konvertiten belehrt oder selbst in ihrer 
Jugend Heiden gewesen waren, wie es bei Firmicus 
Matemus der Fall ist, der, nachdem er einen schlech- 
ten astrologischen Traktat geschrieben hatte, schließ- 
lich den „Irrtum der profanen Religionen" bekämpfte. 
Doch muß man sich immer fragen, wieweit esoterische 
Lehren und rituelle Zeremonien ihnen bekannt sein 
konnten, deren Geheinmis eifersüchtig gehütet wurde. 
Sie rühmen sich zu laut, daß sie alle Greuel derselben 
aufzudecken vermöchten, irni nicht den Verdacht zu er- 
wecken, daß sie in ihrer Neugierde die Verschwiegen- 
heit der Eingeweihten schmerzlich empfunden haben. 
Femer waren sie geneigt, alle die Verleumdungen für 
bare Münze zu nehmen, welche über die heidnischen 
Mysterien — wie über die religiösen Geheimbünde aller 
Zeiten und die Christen selbst — in Umlauf gesetzt 
wurden. 

Kurzum, die literarische Überlieferung ist wenig um- 
fangreich und oft wenig glaubwürdig. Relativ be- 



Christliche Schriftsteller — Epigraphik und Archäologie iq 

trächtlich hinsichtlich der ägyptischen Kulte, weil 
diese sich seit der Zeit der Ptolemäer in der grie- 
chischen Welt eingebürgert hatten, und die Literatur 
und die Wissenschaften in Alexandrien stets gepflegt 
wurden, ist sie schon weniger belangreich für Phry- 
gien, obwohl Cybele frühzeitig hellenisiert und latini- 
siert wurde, und — abgesehen von dem Werkchen Lu- 
cians über Cybele als Göttin von Hierapolis — beinahe 
gleich Null für die syrischen, kappadozischen und per- 
sischen Kulte. 

Die Mangelhaftigkeit der von den Schriftstellern 
überlieferten Nachrichten macht die epigraphischen 
und archäologischen Denkmäler, deren Anzahl unauf- 
hörlich wächst, als Quellen um so wertvoller. Vor allem 
zeichnen sich die Inschriften durch Bestimmtheit und 
Präzision aus, Eigenschaften, die den Redewendungen 
der Literaten häufig abgehen. Man kann aus ihnen 
wichtige Schlüsse ziehen auf den Zeitpunkt der Aus- 
breitung und des Verschwindens verschiedener Kulte, 
auf ihren Ausdehnungsbezirk, auf die Beschaffenheit 
und soziale Stellung ihrer Anhänger, auf die heilige 
Hierarchie und das Priesterpersonal, auf die Verfas- 
sung der Gemeinden der Gläubigen, auf die Opfer, die 
man den Göttern darbrachte, und auf die Zeremonien, 
welche man ihnen zu Ehren vollzog, mit einem Wort: 
auf die äußere und profane Geschichte dieser Religio- 
nen und bis zu gewissem Grade auf ihr Ritual. Aber 
die Knappheit des Lapidarstils, die beständige Wieder- 
holung stereotyper Formeln macht diese Art Texte mit 
Notwendigkeit schwer verständlich und zuweilen rätsel- 
haft. Über eine Weihinschrift, wie das Nama Sebesio, 
das auf dem großen mithrischen Basrelief des Louvre 
eingegraben steht, hat man eine Menge von Disser- 

2* 



20 Rom und der Orient • Die Quellen 

tationen in die Welt gesetzt, ohne zu einer ausreichen- 
den Erklärung zu gelangen. Überdies liefert uns die 
Epigraphik im allgemeinen nur wenig Angaben über 
die Liturgie und fast g;ar keine über die Lehren. 

Die Archäologie muß sich anstrengen, um die enor- 
men Lücken auszufüllen, welche die schriftliche Tra- 
dition offen läßt; namentlich die Kunstdenkmäler sind 
bisher weder mit genügender Sorgfalt gesammelt noch 
methodisch genügend erklärt. Durch das Studium der 
Anlage der Tempel imd ihres heiligen Inventars kann 
man gleichzeitig dazu gelangen, einen Teil der litur- 
gischen Zeremonien zu bestimmen, die sich in ihnen 
abspielten. Anderseits erlaubt die kritische Interpreta- 
tion der figürlichen Darstellungen einzelne heilige Le- 
genden mit genügender Sicherheit wiederherzustellen 
und zugleich einen Teil der Theologie der Mysterien 
kennen zu lernen. Die religiöse Kunst des ausgehen- 
den Heidentums sucht nicht, wie die griechische, oder 
doch nur gelegentlich, die Seelen durch die Anschau- 
ung eines Ideals von göttlicher Schönheit zu erheben. 
Sie will vor allem erbauen, indem sie belehrt, wie es 
den Traditionen des alten Orients entspricht.*^ Sie er- 
zählt entweder in Bilderzyklen die Geschichte der Göt- 
ter und der Welt, oder sie verkörpert in Symbolen die 
subtilen Gedanken der Theologie oder selbst einzelne 
Lehrsätze der weltlichen Wissenschaft, wie den vom 
Kampfe der vier Elemente. Gerade wie später im Mit- 
telalter, waren auch im römischen Reiche die Künstler 
die Dolmetscher der klerikalen Gedanken, und indem 
sie diese den Gläubigen durch Bilder predigten, mach- 
ten sie auch den Armen am Geiste die erhabensten Leh- 
ren verständlich. Aber um dieses Buch zu entziffern, 
dessen Blätter in unseren Museen verstreut sind, müs- 



I 



Epigraphik und Archäologie 2i 

sen wir mühsam den Schlüssel dazu suchen, und wir 
können uns leider nicht einen Vincent de Beauvais aus 
der Zeit Diokletians zum Führer und Erklärer wählen, 
wie er uns zur Verfügung steht, wenn wir die wimder- 
baren figürlichen Enzyklopädien unserer gotischen Ka- 
thedralen betrachten.23 Unsere Lage ist oft der eines 
Gelehrten aus dem Jahre 4000 vergleichbar, welcher die 
Passionsgeschichte nach den Bildern eines „Kreuzwe- 
ges** erzählen oder die Heiligen Verehrung nach den 
Statuen studieren soll, die man unter den Trümmern 
unserer Kirchen entdeckte. 

Jedoch können die Resultate aller dieser mit großer 
Mühe in den klassischen Ländern betriebenen Nach- 
forschungen hinsichtlich der orientalischen Kulte in- 
direkt kontrolliert werden, und^das ist ein sehr großer 
Vorteil. Wir kennen die alten Religionen, die in Ägyp- 
ten, Babylonien und Persien zu Hause waren, heute leid- 
lich gut. Man liest und übersetzt die Hieroglyphen der 
Nilufer, die Keilschrifttäfelchen Mesopotamiens und 
die heiligen Bücher des Parsismus in der Zend- imd 
Pelehwisprache mit ziemlicher Sicherheit. Ihre Ent- 
zifferung hat der Religionsgeschichte vielleicht noch 
mehr genützt als der politischen oder der Kulturge- 
schichte. Auch in Syrien haben die Entdeckungen ara- 
mäischer und phönizischer Inschriften wie die in den 
Tempeln veranstalteten Ausgrabungen die UnvoUstän- 
digkeit der Berichte, welche die Bibel oder die grie- 
chischen Autoren über das semitische Heidentum ge- 
ben, bis zu einem gewissen Grade ergänzt. Selbst 
Kleinasien — ich meine die anatolische Hochebene — 
beginnt sich den Forschem zu erschließen, obgleich 
hier fast alle großen Heiligtümer, Pessinus, die beiden 
Comanas, Castabala, noch unter den Trümmern begra- 



2 2 Rom und der Orient • Die Quellen 

ben liegen. Wir können uns demnach schon ziemlich 
genau Rechenschaft darüber geben, wie der Glaube 
einzelner von denjenigen Ländern beschaffen war, aus 
welchen die orientalischen Mysterien zu den Römern 
gelangt sind. Allerdings sind diese Forschimgen noch 
nicht weit genug gediehen, um mit Bestimmtheit nach- 
weisen zu können, welche Gestalt die Religion in diesen 
Gegenden gerade in dem Moment angenommen hatte, 
in welchem sie mit Italien in Berührung traten, und 
man würde sich seltsamen Mißverständnissen ausset- 
zen, wollte man Bräuche miteinander vergleichen, die 
möglicherweise durch Jahrtausende voneinander ge- 
schieden sind. Es wird die Aufgabe der Zukunft sein, 
hier eine zuverlässige Chronologie zu schaffen, festzu- 
stellen, zu welcher letzten Phase die Entwicklung der 
Glaubensvorstellungen in allen Ländern der Levante 
um den Anfang unserer Zeitrechnung gediehen war, 
und diese dann, ohne Störung der Kontinuität, mit den 
Mysterien zu verknüpfen, die in der lateinischen Welt 
gefeiert wurden, und in deren Geheimnisse die archäo- 
logische Forschung nach und nach eindringt. 

Wir sind noch bei weitem nicht in der Lage, alle 
Ringe dieser langen Kette fest aneinander schweißen 
zu können; die Orientalisten und die klassischen 
Philologen vermögen sich noch nicht über das Mittel- 
meer herüber die Hand zu reichen. Wir heben erst 
einen Zipfel vom Schleier der Isis und ahnen kaum 
einen Teil der Offenbarungen, die selbst früher einer 
auserwählten Schar von Gläubigen vorbehalten waren. 
Indessen haben wir heute auf dem Wege zur Gewiß- 
heit einen Gipfel erstiegen, von dem aus unser Blick 
bereits das ungeheure Feld beherrscht, welches unsere 
Nachkommen bebauen werden. Ich möchte in dieser 



Epigraphik und Archäologie 23 

Reihe von Vorlesungen den Versuch machen, die 
wesentlichen Resultate, zu denen die Forschung des 
19. Jahrhunderts gelangt ist, kurz zusammenzufassen und 
aus ihnen einige Schlüsse zu ziehen, die vielleicht nur 
provisorische Geltung beanspruchen können. Der Ein- 
bruch der orientalischen Kulte, welcher das alte reli- 
giöse und nationale Ideal der Römer zerstörte, wandelte 
auch die Gesellschaft und die Regierung des Reiches 
von Grund aus um und schon deshalb würde er die Be- 
achtung der Historiker verdienen, selbst wenn er nicht 
den endgültigen Sieg des Christentums angekündigt 
und vorbereitet hätte. 



IL 

WARUM DIE ORIENTALISCHEN KULTE 
SICH AUSGEBREITET HABEN 

Als im vierten Jahrhundert das geschwächte Welt- 
reich in zwei Hälften zerfiel wie eine überlastete Wage, 
deren Schwebebalken gebrochen ist, da bedeutete diese 
politische Scheidung nur die Anerkennung eines be- 
reits seit langem bestehenden kulturellen Zwiespalts. 
Der Gegensatz zwischen der griechisch-orientalischen 
Welt und der lateinischen Welt offenbart sich beson- 
ders in ihren Religionen und in dem Einfluß, welchen 
die Zentralgewalt in dieser Beziehung auf die eine wie 
auf die andere ausübte. 

Das Heidentum war unter den Kaisem im Abend- 
lande fast ausschließlich lateinisch. Nach der Einver- 
leibung Spaniens, Galliens, Britanniens waren die alten 
Kulte, iberische, keltische und andere, nicht imstande, 
den ungleichen Kampf gegen die fortgeschrittenere Re- 
ligion der Sieger zu bestehen. Man hat oft auf die 
wunderbare Schnelligkeit hingewiesen, mit welcher die 
Literatur der Eroberer, die zugleich Kulturbringer wa- 
ren, sich bei den unterworfenen Völkern einbürgerte. Ihr 
Einfluß machte sich in den Tempeln wie auf dem Fo- 
rum bemerklich, und sie wandelte die an die Götter ge- 
richteten Gebete wie die Gespräche um, welche die 
Menschen miteinander pflegten. Die Annahme der rö- 



Unterschied zwischen Okzident und Orient 



25 



mischen Gottheiten allgemein durchzusetzen^ gehörte 
übrigens zum politischen Programm der Kaiser, imd 
die Regierung erlegte ihren neuen Untertanen ebenso- 
wohl die Regeln ihres Sazerdotalrechts auf wie die 
Grundsätze ihres öffentlichen und ihres bürgerlichen 
Rechts: die Munizipalgesetze ordnen die Wahl von 
Pontifices und Auguren gleichzeitig mit der von Du- 
umvirn als Gerichtsherren an. In Gallien ging der Dru- 
idenkult zugnmde samt den langen Gedichten, in denen 
er seine mündliche Überlieferung fortspann, und ver- 
schwand, nicht so sehr dank den gegen ihn ergriffenen 
polizeilichen Maßregeln als infolge der freiwilligen 
Absage der Kelten, seit sie dem Einfluß der lateini- 
schen Kultur unterstanden. In Spanien findet man 
kaum noch vereinzelte Spuren der alten bodenwüch- 
sigen Kulte. Selbst in Afrika, wo die punische Reli- 
gion viel weiter entwickelt war, erhielt sie sich nur 
dadui'ch, daß sie ein völlig römisches Gepräge annahm. 
Baal wurde ein Saturn und Eshmun ein Äskulap. Es ist 
zweifelhaft, ob es zu dieser Zeit, als das Heidentum 
verschwand, in dem ganzen Gebiete der italischen und 
gallischen Präf ekturen noch einen Tempel gab, in wel- 
chem der Gottesdienst nach den einheimischen Riten 
und im örtlichen Dialekt gefeiert wurde. Es ist sogar 
in erster Linie dieser ausschließlichen Vorherrschaft 
des Lateinischen zu danken, daß letzteres die einzige 
liturgische Sprache der abendländischen Kirche blieb, 
welche in dieser Beziehung, wie in mancher anderen, 
sich der gegebenen Situation angepaßt und dadurch 
eine vor ihr geschaffene Einheit aufrechterhalten hat. 
Indem das christlich gewordene Rom seine Ausdrucks- 
weise den Irländem imd den Germanen aufnötigte, 
setzte es nur den Assimilationsprozeß fort, welchen das 



26 Warum die orientalischen Kulte sich ausgebreitet haben 

heidnische in den noch barbarischen Provinzen, die es 
seinem Einfluß unterwarf, eingeleitet hatte. ^ 

Im Orient dagegen gebrauchen noch heute die von 
der griechischen Orthodoxie getrennten Kirchen eine 
Fülle von Idiomen, die an die tiefgehenden Unter- 
schiede der ehemals von Rom beherrschten Rassen 
erinnert. Auch damals redete das religiöse Denken der 
Völker, welche dem Szepter der Cäsaren gehorchten, 
in zwanzig verschiedenen Sprachen. Im Beginn un- 
serer Zeitrechnung hatte der Hellenismus weder die 
anatolische Hochebene ^ noch das Innere von Syrien 
noch die Nomen Ägyptens erobert. Die Einverleibung 
in das römische Reich konnte die Expansionskraft der 
griechischen Zivilisation zwar hemmen und in man- 
chen Gegenden sogar lähmen, aber — abgesehen von 
der Umgebung der Lager der Legionen, welche die 
Grenze bewachten, und einzelnen sehr dünn gesäten 
Kolonien — ersetzte sie jene nicht durch eine latei- 
nische Kultur 3, sondern nützte vielmehr dem land- 
schaftlichen Partikularismus. Namentlich die einhei- 
mischen Kulte behielten ihr volles Ansehen und ihre 
volle Unabhängigkeit. In ihren alten Heiligtümern, die 
zu den reichsten und berühmtesten der Welt zählten, 
pflegte ein einflußreicher Klerus nach wie vor die 
Frömmigkeit seiner Vorfahren gemäß den überkom- 
menen Riten und oft in barbarischer Sprache. Die über- 
lieferte Liturgie, überall mit ängstlichem Respekt be- 
handelt, blieb, je nach der Gegend, ägyptisch oder 
semitisch, phrygisch oder persisch. Weder das Ponti- 
fikalrecht Roms noch seine Auguralwissenschaft be- 
saß jemals außerhalb der lateinischen Welt irgend- 
welchen Kredit. Es ist bezeichnend, daß der einzige 
offizielle Kultus, dessen Pflege die öffentlichen Ge- 



Unterschied zwischen Okzident und Orient 



27 



walten im ganzen Gebiet des Reiciies als Beweis der 
Loyalität gefordert haben, der Kultus der vergötterten 
Kaiser, zuerst spontan in Asien aufkam, daß er auf 
streng monarchischen Traditionen fußt und, der Form 
wie dem Geiste nach, eine Wiederbelebung der Ver- 
ehrung bedeutet, welche die Untertanen der Diadochen 
vordem ihren eigenen Herrschern widmeten. 

Die Gottheiten Ägyptens und Asiens ließen sich 
nicht nur niemals entthronen wie die gallischen oder 
spanischen, sondern sie überschritten sogar bald die 
Meere und begannen in allen lateinischen Provinzen 
Anbeter um sich zu sammeln. Isis und Serapis, Cy- 
bele und Attis, die syrischen Baale, Sabaziüs und Mi- 
thra wurden bis an die äußersten Grenzen Britanniens 
und Germaniens von frommen Bruderschaften verehrt. 
Die orientalische Reaktion, auf welche man seit dem 
Beginn unserer Ära stößt, wenn man die Geschichte der 
Kunst, der Literatur oder der Philosophie studiert, 
macht sich in der religiösen Sphäre mit unvergleich- 
lich stärkerer Kraft geltend. Es handelt sich zuerst um 
ein langsames Einsickern der noch verachteten aus- 
ländischen Kulte; dann, am Ende des ersten Jahrhun- 
derts, ergießen sich, um mit Juvenal zu reden, der 
Orontes und ebenso der Nil und der Halys in den Ti- 
ber, zur großen Entrüstung der alten Römer. Endlich, 
hundert Jahre später, kommt eine Hochflut von ägyp- 
tischen, semitischen, iranischen Glaubenslehren und 
Vorstellungen, die fast alles überschwemmt, was der 
griechische und der römische Genius in mühsamer Ar- 
beit geschaffen hatten. Welche Ursachen haben diese 
geistige Umwälzung hervorgerufen, deren krönenden 
Abschluß der Sieg des Christentums darstellt, welche 
Umstände haben sie begünstigt, und warum ist der Ein- 



28 Warum die orientalischen Kulte sich ausgebreitet haben 

fluß des Orients auf dem Gebiete der Religion stärker 
hervorgetreten? Das sind die Fragen, welche sich in 
erster Linie unserem Nachdenken aufdrängen. 

Wie alle großen geschichtlichen Erscheinungen, 
wurde auch diese durch mannigfache Momente be- 
dingt, die bei ihrer Entstehimg zusammenwirkten. Aus 
der Fülle der zum Teil unbekannten Einzeltatsachen, 
welche sie hervorgerufen haben, kann man jedoch, 
wie es bereits mehrfach geschehen ist, gewisse Fak- 
toren ausscheiden, welche abwechselnd als wesentlich 
angesehen worden sind, also gewisse ausschlaggebende 
Ursachen. 

Wenn wir im Anschluß an eine Theorie, die heute 
viele treffliche Köpfe in ihrem Bann hält, die gesamte 
Geschichte als die Resultante der wirtschaftlichen und 
sozialen Kräfte betrachten wollten, so würde es leicht 
sein, ihr Walten in dieser großen religiösen Bewegimg 
nachzuweisen.* Das industrielle und kommerzielle Über- 
gewicht des Orients liegt auf der Hand : dort befinden 
sich die Hauptzentren der Produktion und des Export- 
handels. Der immer lebhafter sich gestaltende Verkehr 
mit der Levante führt in Italien, Gallien, den Donau- 
ländern, Afrika imd Spanien zur Ansiedlung von Kauf - 
leuten, die in einzelnen Städten förmliche Kolonien bil- 
den. Die Syrer sind imter den Eingewanderten beson- 
ders zahlreich vertreten. Gewandt, verschmitzt und 
fleißig, stellen sie sich überall ein, wo sie auf irgend- 
einen Profit rechnen dürfen, und ihre bis zum Norden 
Galliens verstreuten Niederlassungen dienen als Stütz- 
pimkte für die religiöse Propaganda des Heidentums, 
wie die jüdischen Gemeinden der Diaspora für die 
Predigt des Evangeliums. Italien kauft in Ägypten 
nicht nur das für seinen Konsum erforderliche Ge- 



Wirtschaftliche Einflüsse 29 

treide, sondern importiert auch Menschen; um seine 
verwüsteten Felder zu bestellen, läßt es Sklaven aus 
Phrygien, Kappadozien und Syrien konmien; für die 
Verrichtung der häuslichen Dienste in seinen Palästen 
zieht es wiederum Syrer oder Alexandriner heran. Wer 
vermöchte zu sagen, welchen Einfluß die Kammer- 
zofen aus Antiochien oder Memphis auf den Geist 
ihrer Herrin ausgeübt haben? Gleichzeitig bedingen 
die Erfordernisse der Verteidigung und des Krieges 
die Versetzung von Offizieren und Soldaten von der 
Euphratgrenze an die Rheinufer oder an den Rand 
der Sahara, und überall bleiben diese den Göttern ihrer 
fernen Heimat treu. Die Aufgaben der Verwaltung 
führen die Beamten und ihre Schreiber, die häufig von 
sklavischer Abkunft sind, in die entlegensten Provin- 
zen. Endlich vermehrt die Leichtigkeit des Verkehrs, 
welche durch die Anlage bequemer Straßen wächst, 
die Zahl und die Ausdehnimg der Reisen. 

So wird der Austausch der Güter, Menschen und 
Gedanken naturgemäß immer vielseitiger, und man 
könnte behaupten, daß die Göttermischung eine not- 
wendige Folge der Rassenmischung gewesen sei, daß 
die Gottheiten der Levante den großen kommerziellen 
und sozialen Strömungen folgten, und ihre Ansiedlung 
im Okzident eine natürliche Begleiterscheinung der Be- 
wegung war, welche den Bevölkerungsüberschuß der 
asiatischen Städte und Fluren nach den weniger dicht 
bewohnten Ländern führte. 

Gewiß lassen solche Betrachtungen, die man noch 
lange fortspinnen könnte, zur Genüge begreifen, auf 
welchen Wegen die orientalischen Religionen sich 
ausgebreitet haben. Es steht fest, daß die Kaufleute 
in den Hafenstädten und Handelsplätzen, die Soldaten 



ßo Warum die orientalischen Kulte sich ausgebreitet haben 

an den Grenzen und in der Hauptstadt, die Sklaven 
in den städtischen Häusern s, auf den ländlichen Do- 
mänen und in der öffentlichen Verwaltung ihnen als 
Missionare gedient haben; aber wir lernen auf diese 
Weise nur die Mittel, die Träger der Verbreitung die- 
ser Kulte kennen, nicht die Ursachen ihrer Annahme 
durch die Römer. Wir sehen das Wie, nicht das War- 
um ihrer plötzlichen Expansion. Wir verstehen nament- 
lich nur unvollkommen die Gründe der Differenz zwi- 
schen Orient und Okzident, auf die wir weiter oben 
hingewiesen haben. 

Ein Beispiel wird deutlich machen, was ich meine. 
Eine keltische Gottheit, Epona^, wurde bekanntlich 
besonders verehrt als die Schutzpatronin der Pferde. 
Die gallischen Ritter trugen ihren Kultus überall hin, 
wo sie in Garnison lagen, und man hat entsprechende 
Denkmäler von Schottland bis Siebenbürgen aufgefun- 
den. Aber obwohl diese Göttin sich in derselben Lage 
befand, wie z. B. der Jupiter Dolichenus, der in Europa 
durch die Kohorten aus Kommagene eingeführt wurde, 
bemerkt man nicht, daß ihr auch von zahlreichen 
Fremden gehuldigt worden wäre; man sieht nament- 
lich nicht, daß der Druidismus die Form von Epo- 
na-Mysterien angenommen hätte, in die sich Griechen 
und Römer einweihen ließen. Es fehlte ihm, um Pro- 
selyten zu machen, der innere Wert der orientalischen 
Kulte. 

Andere Historiker oder Denker lieben es heute, 
die Gesetze der Naturwissenschaften auf die religiösen 
Phänomene zu beziehen, und die Theorien über das 
Variieren der Arten finden dann in diesem Falle eine 
überraschende Anwendung. Man hat behauptet, die 
Einwanderung der Orientalen und besonders der Syrer 



Die Degenerationstheoric ji 

sei beträchtlich genug gewesen, um eine rapide Ver- 
änderung und Degeneration der robusten itahschen und 
keltischen Stämme hervorzurufen. Unnatürliche soziale 
Zustände und ein nichtswürdiges politisches Regiment 
führten in ihrem Zusammenwirken den Verlust der 
stärksten Kräfte, die Ausrottung der Besten und das 
Aufsteigen der schlechteren Elemente der Bevölkerung 
herbei. Diese durch verderbliche Blutmischung entar- 
tete, durch rückschreitende Auslese entnervte Masse 
verlor die Fähigkeit, sich dem Eindringen asiatischer 
Hirngespinste und Verirrungen zu widersetzen. Das 
Sinken des intellektuellen Niveaus, das Erlöschen des 
kritischen Geistes begleiten die Decadence der Sitten 
und den Verfall der Charaktere. Der Sieg des Orients 
auf dem Gebiete der religiösen Entwicklung bedeutet 
ein Zurücksinken in die Barbarei, eine Rückkehr zu 
den entlegenen Quellen des Glaubens, zur Anbetung 
der Naturkräfte. Das sind in wenigen Worten die 
Grundgedanken neuerdings vorgetragener Systeme, die 
ziemlich beifällig aufgenommen wurden.'' 

Es ist nicht zu leugnen: in der römischen Deca- 
dence scheinen die Seelen gröber und die Sitten 
roher geworden zu sein; dieser Gesellschaft fehlt es, 
auf das Ganze gesehen, in beklagenswertem Maße an 
Phantasie, Geist und Geschmack. Sie scheint an einer 
Art zerebraler Anämie zu leiden und mit unheilbarer 
Sterilität geschlagen zu sein. Ihre geschwächte Ver- 
nunft befreundet sich mit den plumpsten Superstiti- 
onen, der überspanntesten Askese, der ausschweifend- 
sten Theurgie. Sie gleicht einem Organismus, der nicht 
mehr imstande ist, sich gegen die Ansteckung zu weh- 
ren. Das alles ist zum Teil richtig, aber dennoch gehen 
die Theorien, die wir hier kurz wiedergaben, von einer 



j2 Warum die orientalischen Kulte sich ausgebreitet haben 

ungenauen Auffassung der Dinge aus; sie gründen sich 
in Wirklichkeit auf die alte Illusion^ daß Asien in der 
Kaiserzeit Europa gegenüber minderwertig gewesen 
sei. Wenn auch der Triiunph der orientalischen Kulte 
bisweilen den Anschein eines Wiedererwachens der ur- 
sprünglichen Barbarei hervorruft, so repräsentieren 
diese Kulte doch in Wahrheit einen fortgeschritteneren 
Typus als die alte nationale Frömmigkeit. Sie sind 
weniger primitiv, weniger einfach, mit mehr Organen 
ausgestattet, wenn ich mich so ausdrücken darf, als die 
alte griechisch-italische Idolatrie. Das haben wir so- 
eben angedeutet, imd das wird, wie ich hoffe, im wei- 
tereh Verlauf dieser Studien noch klarer hervortreten. 
Eine große religiöse Umwälzung ist — bedarf es 
noch dieser Versicherung ? — nur aus moralischen Ur- 
sachen zu erklären. Wie sehr man auch bei ihr, wie bei 
jeder sozialen Erscheinung, mit 'dem Nachahmungs- 
triebe imd der Ansteckung durch das Beispiel zu rech- 
nen verpflichtet sein mag, man stößt schließlich immer 
auf eine Reihe von individuellen Bekehrungen. Die ge- 
heimnisvolle Zuneigung der Geister beruht ebensosehr 
auf Reflexion als auf der langen und fast unbewußten 
Einwirkung von verworrenen Empfindungen, welche 
zum Glauben führen. Auch der Geburt eines neuen Ide- 
als gehen angstvolle Stunden vorauf, und harte Kämpfe 
mußten in den Seelen der Massen entbrennen, wenn sie 
ihren alten, von den Vätern ererbten Kulten oder noch 
öfter der Gleichgültigkeit gegen diese anspruchsvollen 
Götter entsagen sollten, welche von ihren Verehrern 
die Hingabe ihrer ganzen Persönlichkeit, Devotion im 
buchstäblichen Sinne des Wortes forderten. Die Weihe 
des Helden des Apuleius für Isis ist in der Tat die 
Folge einer Berufung, eines Appells der Göttin, die 



Die Bekehrungen sind individuell 33 

den Neophyten in ihr heiliges Heer eingereiht sehen 
will.8 Der Gallus, welcher einem wahnwitzigen An- 
triebe folgend seine Mannheit opfert, weiht sich durch 
diese blutige Verstümmelung der Cybele und wird nun- 
mehr ihr Sklave.^ 

Wenn jede Bekehnmg eine psychologische Krisis, 
eine Umwandlung der innersten Persönlichkeit der 
Einzelnen voraussetzt, so gilt dies vor allem von der 
Ausbreitung der orientalischen Religionen. Außer- 
halb der engen Grenzen des römischen Staates ge- 
boren, wuchsen sie oft in feindlichem Gegensatz zu 
ihm auf; und sie waren international — folglich indi- 
viduell. Das Band, welches vordem die Frömtnigkeit 
mit der Stadt oder dem Stamm, der Sippe oder der 
Familie verknüpfte, wird zerschnitten. An die Stelle 
der antiken Gruppierung treten Gemeinden von Ein- 
geweihten, die sich alle — woher sie auch kommen 
mögen — als Brüder betrachten.^^ Ein universell ge- 
dachter Gott nimmt hier alle Sterblichen als seine Kin- 
der an. Wenn diese Kulte Beziehungen zum Staat ha- 
ben, so sind sie nicht dazu berufen, alte munizipale 
oder soziale Institutionen aufrechtzuerhalten, sondern 
die Autorität eines Monarchen, der, wie die Gottheit 
selbst, als der ewige Herr der ganzen Welt betrachtet 
wird, ynter den Mysten findet man Asiaten mit Rö- 
mern vermischt, Sklaven neben hohen Beamten. Die 
Annahme desselben Glaubens machte den armen Frei- 
gelassenen zum Genossen, bisweilen sogar zum Vorge- 
setzten des Dekurionen und des clarissimus. Alle un- 
terwarfen sich denselben Regeln, alle beteiligten sich 
an denselben Festen, bei denen die Rangunterschiede 
einer aristokratischen Gesellschaft wie die Verschie- 
denheit des Blutes und des Vaterlandes sich verwisch- 

Camont, Die oriental. Religionen 3 



j^ Warum die orientalischen Kulte sich ausgebreitet haben 

ten. Es gibt hier keine Rasse und keine Nationalität, 
keine Behörden und keine Hausherren, keine Patrizier 
und keine Plebejer, keine Bürger und keine Ausländer 
mehr, sondern nur noch Menschen, und lun Anhänger 
zu gewinnen, mußten diese Kulte denmach auf den 
Menschen imd-^seine Fähigkeiten wirken. 

Wenn die barbarischen Mysterien, wie es in der 
Tat geschehen ist, nicht nur die Massen der Bevöl- 
kerung, sondern während mehr als eines Jahrhunderts 
auch die Elite der römischen Gesellschaft zu fesseln 
vermochten, so ist diese Erscheinimg mithin doch wohl 
daraus zu erklären, daß sie eine wunderbare Anzie- 
hungskraft besaßen, daß ihr Inhalt tieferen seelischen 
Bedürfnissen entsprach, imd daß man ihnen endlich 
einen höheren Wert zuerkannte als dem alten grie- 
chisch-römischen Kultus. Auch um uns Rechenschaft 
zu geben von den Gründen dieses Sieges, müssen wir 
den Nachweis versuchen, worin diese Überlegenheit be- 
stand—ich meine ihre Überlegenheit in dem Kampfe, 
den sie zu bestehen hatten, ohne diese damit als eine 
absolute bezeichnen zu wollen. 

Man kann sie m. E. folgendermaßen definieren : diese 
Religionen befriedigten in höherem Maße erstens die 
Sinne und das Gefühl, zweitens den Verstand, endlich 
und vor allem das Gewissen. 

Zunächst wirkten sie stärker auf die Sinne. Das ist 
diejenige Seite ihres Wesens, die am deutlichsten her- 
vortritt und am meisten beleuchtet worden ist. Es hat 
vielleicht niemals eine Religion gegeben, die ebenso 
kalt und prosaisch gewesen wäre als die römische. Der 
Politik untergeordnet, sucht sie vor allem durch strikten 
Vollzug der geeigneten Riten dem Staate den Schutz 
der Götter zu sichern oder die Folgen ihrer Ungnade 



Ihre Wirkung auf die Sinne und das Gefühl %c 

abzuwenden. Sie hat mit den himmlischen Mächten 
einen bindenden Vertrag abgeschlossen, aus dem sich 
die gegenseitigen Verpflichtungen ergeben : Opfer auf 
der einen Seite, Gunstbeweise auf der anderen. Ihre 
Pontifices, die zugleich obrigkeitliche Personen sind, 
haben die einzelnen Kultushandlungen mit juristischer 
Exaktheit geregelt i^; ihre Gebete, soweit diese uns be- 
kannt sind, bestehen aus trockenen und wortreichen 
Formeln, wie ein notarieller Akt. Ihre prozessualische 
Liturgie erinnert durch die Kleinlichkeit ihrer Vor- 
schriften an das alte Zivilrecht. Diese Religion weiß 
nichts von Hingabe der Seele und frommer Begeiste- 
rung. Sie zügelt, nötigenfalls mit Gewalt, die allzu leb- 
haften Äußerungen eines allzu eifrigen Glaubens — 
alles was nicht zu der gemessenen Würde paßt, die 
einem civis Romanus im Verkehr mit der Gottheit ge- 
ziemt. Die Juden haben mit den Römern den ängst- 
lichen Respekt vor einem religiösen Kodex und den 
Formeln der Vergangenheit geteilt, aber „die Gesetz- 
lichkeit der Pharisäer, so unfruchtbar auch ihre klein- 
lichen Plackereien sein mochten, hielt doch Herz und 
Gewissen lebendiger als dieser römische Formalis- 
mus* \i2 

Die orientalischen Kulte, die nicht mit der aner- 
kannten Autorität einer offiziellen Religion auftreten, 
müssen, um Proselyten zu werben, auf das Gefühl des 
Individuums wirken. Sie bestricken es von vornherein 
durch den verwirrenden Reiz ihrer Mysterien, welche 
die Seele abwechselnd mit Furcht und Hoffnung er- 
füllen; sie entzücken es durch den Prunk ihrer Feste 
und den Glanz ihrer Prozessionen; sie bezaubern es 
durch ihre schmachtenden Lieder und ihre rauschende 
Musik, aber vor allem lehren sie die Mittel kennen, 



3 6 Warum die orientalischen Kulte sich ausgebreitet haben 

mit deren Hilfe man sich in jenen seligen Zustand 
versetzen kann^ in dem die Seele, von den Fesseln des 
Körpers befreit und von jedem Schmerz erlöst, in der 
Verzückimg sich selbst verliert. Diese Ekstase erzeugen 
sie entweder durch die nervöse Abspannung, welche 
auf fortgesetzte Kasteiungen und angestrengte Kon- 
templation folgt, oder durch materiellere Mittel, wie 
z. B. bei den Gallen der Großen Mutter durch schwin- 
delerregende Tänze und rauschende Musik, oder sogar 
durch den Genuß alkoholischer Getränke nach langer 
Enthaltsamkeit.^^ Im Mystizismus sinkt man leicht vom 
Höchsten zum Gemeinen herab. 

Die Götter, mit denen die Gläubigen in ihren my- 
stischen Entzückungen sich zu vereinigen wähnten, 
waren selbst menschlicher und bisweilen auch sinn- 
licher als die abendländischen. Diesen allein ist die 
Ruhe der Seele eigen, welche die philosophische 
Moral der Griechen als das Privilegiiun des Weisen 
feiert; sie erfreuen sich ewiger Jugend in der heiteren 
Welt des Olympos, sie sind die Unsterblichen. Die 
Götter des Orients leiden und sterben, um nachher 
wieder aufzuerstehen.^* Wie menschliche Persönlich- 
keiten werden Osiris, Attis, Adonis von einer Gattin 
oder einer Geliebten betrauert, die Isis, Cybele oder 
Astarte heißt. Mit ihnen klagen die Mysten in ihren 
Trauergottesdiensten über den gestorbenen Gott, um 
dann, wenn er wieder zum Leben erwacht ist, mit 
Frohlocken seine Wiedergeburt zu einem neuen Da- 
sein zu feiern. Oder sie nehmen auch wohl an der 
Passion Mithras teil, der dazu verurteilt ist, unter 
Schmerzen die Welt zu schaffen. Diese Trauer und 
diese Freude äußern sich bei den Gläubigen oft mit 
wilder Heftigkeit, in blutigen Verstümmelungen, lan- 



Ihre Wirkung auf den Verstand 37 

gern, verzweifeltem Jammern, maßlosem Freudenge- 
schrei. So offenbarte sich der exaltierte Fanatismus 
jener barbarischen Völkerschaften, den selbst der grie- 
chische Skeptizismus nicht geknickt hatte, und die Glut 
ihres Glaubens entflammte die Massen, die den auslän- 
dischen Göttern zuströmten. 

Auf diese Weise versetzen die Religionen des 
Orients alle Saiten des Gemüts in Schwing^img und 
stillen den Durst nach religiösen Erlebnissen, den der 
nüchterne Kultus der Römer nicht zu befriedigen ver- 
mochte. Aber zu gleicher Zeit — und das ist der 
zweite Punkt, den ich hervorheben möchte — genügen 
sie in höherem Maße den Forderungen des Verstandes. 

Griechenland — und Rom ist in dieser Hinsicht bei 
ihm in die Schule gegangen — hat sich sehr frül^ 
zum entschiedenen Rationalismus bekehrt; das macht 
seine große Originalität aus. Die Philosophie ist dort 
ausschließlich Laiensache; das Denken wird durch kei- 
nerlei heilige Tradition gehemmt, nimmt es im Gegen- 
teil als sein Recht in Anspruch, jede zu prüfen, um sie 
zu verwerfen oder zu billigen. Bisweilen feindlich, bis- 
weilen gleichg^tig, bisweilen versöhnlich gestimmt, 
bleibt es stets unabhängig vom Glauben. Wenn es dem- 
nach imstande ist, sich von "den Fesseln einer veralteten 
Mythologie zu befreien und frei und kühn seine me- 
taphysischen Systeme zu errichten, durch welche es 
die Welträtsel zu lösen sucht, so wird anderseits die 
Religion, welche fortan die stärkende Nahrung der Re- 
flexion entbehrt, blutarm und bleichsüchtig. Sie wird 
eine sinnlose Sache, deren Grund man nicht mehr ver- 
steht, ein Sammelsurium von disparaten Vorstellungen, 
die einer vergangenen Weltanschauung angehören. Sie 
neigt mehr und mehr dazu, in Griechenland wie in Rom, 



^8 Warum die orientalischen Kulte sich ausgebreitet haben 

zu einem Komplex von unverständlichen Riten zusam- 
menzuschrumpfen, die man mit peinlicher Genauigkeit, 
maschinenmäßig wiederholt, ohne irgend etwas hinzu- 
zufügen oder fortzulassen, weil sie schon in grauer Ver- 
gangenheit von den Ahn:en so vollzogen wurden; sie 
verkümmert zu Formeln und Gesten, geheiligt durch 
den mos maiorum^ denen aber die Gedanken nicht mehr 
lauschen, und die Seelen nicht mehr antworten. 

Im Gegensatz dazu sind die orientalischen Kulturen 
priesterliche Kulturen. Wie im europäischen Mittel- 
alter, so sind in Asien und Ägypten die Gelehrten 
Kleriker. In den Tempeln sinnt man nicht nur über 
die Natur der Götter und des Menschen nach; nein, 
man studiert dort auch Mathematik, Astronomie, Medi- 
zin, Philologie und Geschichte. Berossus ist Priester zu 
Babylon, und Manetho zu Heliopolis. Noch zur Zeit 
Strabos gelten ihre Nachfolger für gründlich bewan- 
dert in allen Zweigen des Wissens.^^ 

Dieser Stand der Dinge konnte dem Fortschritt der 
Wissenschaften nachteilig sein. Ihre Forschungen wur- 
den von vorgefaßten Ideen beeinflußt und durch fremde 
Voraussetzungen gefälscht. Astrologie und Magie wa- 
ren die wunderlichen Bastarde, die aus dieser unglei- 
chen Ehe hervorgingen. Aber die Religion gewann 
jedenfalls durch sie eine Macht, die sie weder in Grie- 
chenland noch in Rom jemals besaß. Alle Ergebnisse 
forschender Beobachtung, alle Eroberungen des grü- 
belnden Verstandes wurden von einem gebildeten Kle- 
rus dazu benutzt, dem Ziel seiner Wünsche näher zu 
kommen: das Schicksal des Menschen und der Welt, 
die Beziehungen zwischen Himmel und Erde zu enträt- 
seln. Die beständig sich erweiternde Vorstellung vom 
Weltall bildete unaufhörlich die Modalitäten des Glau- 



Ihre Wirkung auf den Verstand ^g 

bens um, der ebensowoM die Physik wie die Meta- 
physik in seinen Dienst zu stellen suchte. Die Ehre 
aller dieser Entdeckungen gab man deni Göttern. T6t 
in Ägypten und B61 in Chaldäa sind nicht nur die Offen- 
barer der Theologie und des Rituals, • sondern alles 
menschlichen Wissens.^^ Wir kennen die Namen der 
orientalischen Hipparche xmd Euklide nicht, welche die 
ersten Probleme der Astronomie und der Geometrie 
gelöst haben; aber eine ganize Literatur von verworre- 
nem und disparatem Charakter beruft sich auf die Auto- 
rität des Hermes Trismegistos : die Lehren über die 
Planetensphären oder den Widerstreit der Elemente 
werden hier als Stützen für Systeme der Anthropologie 
oder der Moral verwandt; astronomische Theoreme die- 
nen zur Feststellung einer angeblichen Methode der 
Divination; Zauberformeln, welche dem Magier gött- 
liche Mächte Untertan machen sollen, verbinden sich 
mit chemischen Experimenten und medizinischen Re- 
zepten. 

Dieses enge Bündnis zwischen Bildung und Glaube 
bleibt in der lateinischen Welt bestehen. Die Theo- 
logie beschränkt sich mit Vorliebe mehr und mehr auf 
die Vergötterung der von der zeitgenössischen Wissen- 
schaft anerkannten Prinzipien oder Kräfte, auf die An- 
betung der Zeit, die man als erste Ursache betrachtete, 
auf die Verehrung der Gestirne, deren Lauf die Er- 
eignisse in dieser Welt bestimmt, der vier Elemente, 
deren zahllose Kombinationen alle Naturerscheinungen 
hervorbringen, und namentlich die der Sonne, welche 
Wärme, Fruchtbarkeit und Leben spendet. Die Dogma- 
tik der Mithrasmysterien ist in mancher Hinsicht rö- 
mische Physik und Astronomie in religiösem Gewände : 
in allen Formen des Pantheismus erscheint die Kennt- 



^O Warum die orientalischen Kulte sich ausgebreitet haben 

nis der Natur unzertrennlich von der Erkenntnis Got- 
tes.i' Selbst die Kunst zeigt, wie wir gesehen haben 
(S. 20 f. ), mehr und mehr das Bestreben, gelehrte Er- 
kenntnisse durch eine subtile Symbolik zu veranschau- 
lichen, und stellt in allegorischen Figuren die Beziehun- 
gen der göttlichen Mächte oder der kosmischen Kräfte 
dar, wie den Himmel, die Erde, den Ozean, die Pla- 
neten, ihre Konstellationen und die Winde. Alles, was 
man denkt und lehrt, schaffen die Bildhauer mit ihrem 
Meißel nach. Im allgemeinen hält man an dem Prinzip 
fest, daß die Erlösung und das Heil von der Offen- 
barung gewisser Wahrheiten abhängen, von der Er- 
kenntnis der Götter, der Welt und des eigenen Wesens, 
und die Frömmigkeit wird zur Gnosis.^^ 

Aber, wird man einwenden, die Philosophie des 
Altertums will doch auch durch ^Unterricht zur Sitt- 
lichkeit erziehen und den Menschen das höchste Gut 
kennen lehren. Warum wich sie vor den orientalischen 
Kulten zurück, die in Wirklichkeit weder neu waren 
noch Neues bringen wollten? In der Tat, wenn eine 
einflußreiche rationalistische Schule, die nach einer 
guten kritischen Methode arbeitete, damals die Geister 
beherrscht hätte, so würde sie vermutlich dem Fort- 
schritt der barbarischen Mysterien Schach geboten oder 
wenigstens ihren Spielraum eingeschränkt haben, denn 
selbst im alten Griechenland besaß, wie man oft betont 
hat, die philosophische Kritik sehr wenig Einfluß auf 
die Volksreligion, die ihren ererbten abergläubischen 
Formen treu blieb. Aber im zweiten Jahrhundert teilten 
sehr viele Köpfe den Skeptizismus Lucians gegenüber 
aller dogmatischen Systematik. Wie lange stritten sich 
nun schon die Schulen, ohne daß eine die andere des 
Irrtums zu überführen vermochte I Der Ironiker von Sa- 



Ihre Wirkung auf den Verstand ^i 

mosata gefällt sich darin, ihren exklusiven Behauptun- 
gen zu opponieren, und legt sich auf das „weiche Kopf- 
kissen des Zweifels**. Aber nur die Gebildeten können 
sich mit dem Zweifel oder der Resignation befreunden; 
die Massen wollen Gewißheit. Nun war nichts dazu 
angetan, das Vertrauen auf die Leistungsfähigkeit einer 
altgewordenen und von mancher Enttäuschung heim- 
gesuchten Wissenschaft wieder zu beleben. Keine große 
Entdeckung erneuerte die Vorstellung des Universums. 
Die Natur behielt ihre Geheimnisse für sich, die Erde 
blieb unerforscht und die Vergangenheit dunkel. Man 
verlernte das wissenschaftliche Denken und Forschen 
auf allen Gebieten : die Welt wußte sich nur zu wieder- 
holen und, mit Unfruchtbarkeit geschlagen, litt sie 
unter dem drückenden Gefühl ihrer Ohnmacht und Ent- 
artung. Ermüdet durch vergebliches Suchen und For- 
schen, empfanden die Geister das Bedürfnis, zu glau- 
ben. Weil die Vernunft nicht imstande war, eine sichere 
Lebensregel aufzustellen, so konnte der Glaube allein 
eine solche geben, und die Menge drängte sich zu den 
Tempeln, in denen man nach und nach all die Wahr- 
heiten enthüllte, welche die Menschen einst von den 
Gottheiten des Orients gelernt hatten. Das unver- 
brüchliche Festhalten der vergangenen Geschlechter an 
den Glaubensvorstellungen und Riten der Urzeit schien 
ihre Richtigkeit und ihre Wirksamkeit zu verbürgen. 
Diese Strömung war so mächtig, daß die Philosophie 
selbst mitgerissen wurde und der Mystik entgegen- 
schwamm ; die neuplatonische Schule endete in Theurgie. 
Die orientalischen Mysterien wirken also auf das Ge- 
mütsleben, indem sie abwechselnd Bewunderung imd 
Scheu, Frömmigkeit und Enthusiasmus erwecken; sie 
erscheinen dem grübelnden Verstände in dem Lichte 



4 2 Warum die orientalischen Kulte sich ausgebreitet haben 

tiefer Weisheit und absoluter Gewißheit; endlich — 
und das ist der dritte Punkt, den wir noch zu erörtern 
haben — befriedigen sie nicht minder wie das CJefühl 
und den Verstand auch das Gewissen. Unter den ver- 
wickelten Ursachen, die ihnen zur Herrschaft verholfen 
haben, ist dies ohne Zweifel die wirksamste. 

Die Römer haben, in dieser Beziehung von den Grie- 
chen verschieden, zu allen Zeiten ihrer Geschichte 
Theorien und Institutionen vor allem nach ihren prak- 
tischen Ergebnissen beurteilt. Für Ideologen haben sie 
stets die Geringschätzung gehegt, mit der Soldaten und 
Geschäftsleute auf jene herabzublicken pflegen. Wie 
man oft bemerkt hat, kehrt die Philosophie in der 
lateinischen Welt der metaphysischen Spekulation den 
Rücken, um ihre Aufmerksamkeit auf die Moral zu 
konzentrieren. Ebenso überließ später die römische 
Kirche die endlosen Kontroversen über das Wesen des 
göttlichen Logos und die beiden Naturen Christi den 
haarspaltenden Hellenen. Die Fragen, welche sie selbst 
erregen und entzweien, sind praktischer Natur, also 
solche, die sich unmittelbar auf das Leben beziehen, 
wie die Lehre von der Gnade. 

Die alte Religion der Römer mußte dieser Forde- 
rung ihrer geistigen Eigenart ebenfalls notwendig ent- 
sprechen. Ihre Armut war eine ehrbare.^^ Ihre Mytho- 
logie entbehrte den poetischen Reiz der griechischen, 
ihre Götter besaßen nicht die unvergleichliche Schön- 
heit der Olympier, aber sie waren moralischer oder 
wollten es wenigstens sein. Eine stattliche Anzahl von 
ihnen waren sogar nur personifizierte Eigenschaften, 
wie Pudicitia und Pietas. Sie alle forderten von den 
Menschen — tnit Hilfe der Zensoren — die Aus- 
übung der nationalen, d.h. der Gesellschaft nützlichen 



Ihre Wirkung auf das Gewissen ^^ 

Tugenden, Mäßigkeit, Tapferkeit, Keuschheit, Gehor- 
sam gegen die Eltern und die Obrigkeit, Ehrfurcht 
vor dem Eide und vor dem Gesetz, Patriotismus in 
allen seinen Gestalten. Wenn man ihnen gewissenhaft 
diente, so erhoffte man von ihn«i ohne Zweifel nfiehr 
greifbare Wohltaten als geistliche Segnungen, aber der 
pünktliche Vollzug der Riten trug doch wesentlich da- 
zu bei, die Idee einer Pflicht gegen die Gottheit, welche 
der Pflicht gegen den Staat entsprach, tiefer einzu- 
prägen. Im letzten Jahrhundert der Republik verwarf 
der Pontifex Scaevola, einer der bedeutendsten Männer 
seiner Zeit, die Gottheiten der Fabel und der Dichter 
als wertlos, die der Philosophen und Exegeten als über- 
flüssig oder schädlich, um sein ganzes Wohlgefallen 
für die der Staatsmänner zu reservieren, die einzigen, 
deren Kenntnis man dem Volke vermitteln solle.^® Und 
diese waren tatsächlich die Schutzpatrone der alten Sit- 
ten, der alten Traditionen und oft auch der alten Privi- 
legien. Aber der Konservativismus trägt, mitten im be- 
ständigen Fluß der Dinge stehend, immer einen Tpdes- 
keim in sich. Ebenso wie das Recht sich vergeblich 
bemühte, die alten Grundsätze, die nicht mehr den wirk- 
lichen Verhältnissen entsprachen, z. B. die unbeschränkte 
Gewalt des Hausvaters, unverkürzt aufrechtzuerhalten, 
ebenso sah die Religion eine Ethik scheitern, die den 
sittlichen Begriffen widersprach, welche sich nach und 
nach herausgebildet hatten, So lag z.B. einer Anzahl 
religiöser Vorstellungen die uralte Idee der Kollektiv- 
verantwortlichkeit zugrunde. Wenn eine Vestalin ihr 
Keuschheitsgelübde verletzt, so schickt die Gottheit 
eine Seuche, die erst dann wieder erlischt, wenn die 
Schuldige ihre Strafe erhalten hat. Bisweilen verleiht 
der erzürnte Himmel dem Heere nur unter der Be- 



44 Warum die orientalischen Kulte sich ausgebreitet haben 

dingung den Sieg, daß ein Feldherr oder ein Soldat 
sich den unterirdischen Göttern weiht und sein eigenes 
Leben als Sühnopfer darbringt. Unter dem Einfluß der 
Philosophen und auch der Juristen hatte sich indessen 
allmählich die Überzeugung Bahn gebrochen, daß jeder 
nur für seine eigenen Verfehlungen verantwortlich, und 
es mithin unbillig sei, eine ganze Stadt unter der Missetat 
eines Einzigen leiden zu lassen. Man konnte nicht mehr 
zugeben, daß die Götter über Gute und Böse die gleiche 
Strafe verhängten; ja, man fand ihren Zorn in seinen 
Äußenmgen wie in seinen Gründen oft geradezu lächer- 
lich. In der Pontif ikalgesetzgebung des römischen Volkes 
lebte der bäuerliche Aberglaube des alten Latiums fort. 
Wenn ein Lamm mit zwei Köpf en oder ein Füllen mit fünf 
Beinen geboren wurde, dann sollten feierliche Prozessio- 
nen veranstaltet werden, um das Unheil abzuwenden, auf 
welches diese schrecklichen Vorzeichen hindeuteten.*^ 

So hatten all die kindischen und monströsen Vor- 
stellungen, welche die römische Religion als ein Erbe 
aus latinischer Vorzeit mit sich schleppte, ihren Kredit 
untergraben. Ihre Ethik entsprach nicht dem neuen 
Begriff der Gerechtigkeit, der sich inzwischen durch- 
gesetzt hatte. In der Regel hat nun Rom die Mängel 
seiner Theologie und seines Kultus durch Anleihen bei 
den Griechen ausgeglichen. Aber in dem vorliegenden 
Falle versagte dieser beliebte Ausweg; denn die hel- 
lenische Religion konnte zwar in poetischer, künstle- 
rischer und selbst intellektueller Hinsicht als Vorbild 
dienen, aber in sittlicher genügte sie nur sehr mäßigen 
Ansprüchen. Und die Fabeln ihrer von den Philosophen 
verspotteten, auf der Bühne parodierten und von leicht- 
fertigen Dichtem in Verse gebrachten Mythologie wa- 
ren nichts weniger als erbaulich. 



Mängel der römischen Religion 45 

Femer — und das war ein zweiter Grund für ihre 
Hinfälligkeit — entbehrte die Moral, die man von dem 
Frommen forderte, wie sie nun auch beschaffen ge- 
wesen sein möge, der nötigen Sanktion. Man glaubte 
nicht mehr, daß die Götter sich jeden Augenblick in 
die Angelegenheiten der Menschen mischten, um ver- 
borgene Freveltaten aufzudecken und das triumphie- 
rende Laster zu strafen, daß Jupiter seinen Blitz schleu- 
dere, um die Meineidigen niederzuschmettern. In der 
Zeit der Proskriptionen und der Bürgerkriege, unter 
dem Regiment eines Nero oder eines Commodus zeigte 
es sich zu deutlich, daß Macht und Genuß dem Stärk- 
sten, dem Gewandtesten oder einfach dem Glücklich- 
sten zufielen, nicht aber dem Weisesten oder dem 
Frömmsten. Man glaubte kaum noch an die Vergeltung 
und die Strafen des Jenseits. Die Vorstellungen, die 
man sich von dem zukünftigen Leben machte, waren 
unbestimmt, schwankend, zweifelhaft, widerspruchsvoll. 
Jeder kennt die berühmte Stelle bei Juvenal : „Daß es 
Manen gibt und ein unterirdisches Reich, einen Fähr- 
mann mit seiner Stange und schwarze Frösche im sty- 
gischen Schlünde; daß so viel tausend Menschen in 
einem einzigen Nachen über das Wasser setzen können, 
das glauben nicht einmal mehr die Kinder.** ^^ 

Seit dem Ende der Republik breitete die Gleich- 
gültigkeit sich immer mehr aus, die Tempel standen 
verlassen und drohten zu verfallen, dem Klerus fehlte 
es an Nachwuchs, die ehemals volkstümlichen Feste 
gerieten in Vergessenheit, undVarro gibt im Eingange 
seiner Antiquitäten der Befürchtung Ausdruck, daß 
„die Götter nicht unter den Streichen auswärtiger 
Feinde, sondern durch die Nachlässigkeit der Bürger 
selbst dahinsinken könnten**.»» Augustus suchte be- 



^6 Warum die orientalischen Kulte sich ausgehreitet haben 

kanntlich diese absterbende Religion wieder lebendig 
zu machen, weniger aus Frömmigkeit als aus politi- 
schen Beweggründen. Seine religiösen Reformen stan- 
den in enger Beziehung zu seiner Sittengesetzgebimg 
und der Begründimg des Prinzipats. Sie bezweckten, 
das Volk zu der pietätvollen Pflege der alten Tugenden 
zurückzuführen, aber es auch mit der neuen Ordnung 
der Dinge auszusöhnen. Von diesem Augenblick an 
datiert in Europa der Bimd zwischen Thron und Altar. 

Im großen und ganzen scheiterte dieser Emeuerungs- 
versuch. Wenn man die Religion in den Dienst der 
Sittenpolizei stellt, so wählt man nicht das rechte Mittel, 
um ihre Herrschaft über die Seelen zu sichern. Der 
formelle Respekt vor den offiziellen Göttern verträgt 
sich oft mit absolutem Skeptizismus in praktischer Be- 
ziehung. Nichtsdestoweniger ist die von Augustus ver- 
suchte Restauration sehr charakteristisch, denn sie be- 
müht sich dem besonderen Bedürfnis des römischen 
Geistes gerecht zu werden, der seiner Eigenart und 
seiner geschichtlichen Vergangenheit gemäß darauf be- 
stand, daß die Religion die Moral und den Staat ^u 
stützen habe. 

Diesen Forderungen kommen nun die asiatischen 
Kulte entgegen. Der Wechsel in der Oberherrschaft, 
der sich trotz ihres Weiterbestehens vollzog, führte zu 
einem Wechsel auch in der Religion. Je mehr sich der 
Cäsarismus in eine absolute Monarchie verwandelte, um 
so mehr stützte er sich auf die orientalischen Priester- 
schaften. Diese Kleriker, den Überlieferungen der 
Achämeniden imd der Pharaonen getreu, verkündigten 
Lehren, welche die Herrscher über die Grenzen der 
Menschheit zu erheben strebten, und gaben den Kaisem 
eine dogmatische Rechtfertigung ihres Despotismus an 



Zunahme der Skepsis — Religionspolitik der Kaiser ^n 

die Hand.2* Auch ist zu bemerken, daß die Kaiser, 
welche ihre autokratischen Ansprüche am nachdrück- 
lichsten geltend machten, wie Domitian und Cotnmo- 
dus, zugleich diejenigen waren, welche die fremden Re- 
ligionen am offensten begünstigten. 

Aber diese eigennützige Protektion vermochte nur 
eine bereits erlangte Gewalt zu legitimieren. Die Pro- 
paganda der orientalischen Kulte war von Haus aus 
demokratisch, bisweilen sogar (wie es bei dem Isiskult 
der Fall ist) revolutionär. Sie breiteten sich immer 
weiter von unten nach oben aus und appellierten von 
vornherein nicht an den Eifer der Beamten, sondern an* 
das Bewußtsein des Volkes. 

Allerdings erscheinen diese Kulte, abgesehen von 
dem des Mithra, auf den ersten Blick viel weniger sitt- 
lich als der römische. Es begegnen uns in ihnen, wie 
wir gelegentlich noch konstatieren werden, plumpe und 
unzüchtige Fabeln, grausame oder gemeine Riten. Die 
ägyptischen Gottheiten wurden von Augustus und Ti- 
berius als unmoralisch aus Rom verbannt, aber sie 
waren dies in den Augen der Regierung namentlich 
deshalb, weil sie im Gegensatz zu einem bestimmten 
Ideal der gesellschaftlichen Ordnung standen. Brach- 
ten sie den öffentlichen Angelegenheiten ein nur mittel- 
mäßiges Interesse entgegen, so legten sie um so mehr 
Gewicht auf das innere Leben, und diesem Verhalten 
entsprach eine erhöhte Wertschätzung der mensch- 
lichen Persönlichkeit. Die orientalischen Priester brach- 
ten i^amentlich zwei neue Dinge nach Italien : geheim- 
nisvolle Sühnmittel, mit deren Hilfe sie die Flecken der 
Seele zu tilgen versprachen, und die Zusicherung, daß 
selige Unsterblichkeit der Lohn der Frommen sein 
werde.25 



^8 Warum die orientalischen Kulte sich ausgebreitet haben 

An erster Stelle machten sich diese Religionen an- 
heischig, den Seelen ihre verlorene Reinheit wieder zu 
verschaff en 2^, und zwar auf doppelte Weise, entweder 
durch rituelle Zeremonien oder durch Kasteiungen und 
Büßungen. Zunächst kennen sie eine Reihe von Wa- 
schungen und Lustrationen, die dem Mysten seine an- 
fängliche Unschuld wiedergeben sollen. Entweder muß 
er sich mit Wasser waschen, das unter Beobachtung be- 
stimmter Vorschriften geweiht ist — es handelt sich 
hier in Wahrheit um einen magischen Ritus, bei dem 
die Reinheit des Körpers durch Sympathie auf den in 
.ihm wohnenden Geist wirken soll, oder geradezu um 
eine geistige Desinfektion, bei welcher das Wasser die 
bösen Geister vertreibt, welche die Befleckung ver- 
ursachen — oder er muß sich mit Blut besprengen 
lassen oder Blut trinken, das von einem geschlachteten 
Opfertier oder den Priestern selbst stammt, und hierbei 
wirkt der Gedanke mit, daß der „besondere Saft", der 
in unseren Adern kreist, ein lebenschaffendes Prinzip 
sei, welches ein neues Dasein verleihen könne.^' Diese 
Riten und ähnliche ^8, die in den Mysterien üblich 
waren, hatten nach der Meinung der Gläubigen die Wir- 
kung, den Eingeweihten zu erneuern, ihn wiederzuge- 
bären zu einem unbefleckten und unvergänglichen Le- 
ben.«» 

Die Reinheit der Seele war jedoch nicht nur durch 
liturgische Handlungen zu gewinnen, sondern man ge- 
langte zu ihr auch auf dem Wege der Entsagung und 
des Leidens.30 Der Sinn des Wortes expiatio hat sich 
geändert: die Entsühnung ist nicht mehr durch den 
genauen Vollzug gewisser, den Göttern wohlgefälliger 
und von einem heiligen Kodex festgesetzter Zeremo- 
nien zu bewerkstelligen, wie man eine Buße auf sich 



Die Reinigung der Seelen ^o 

nehmen muß, um einen Schaden wieder gut zu machen, 
sondern durch persönliche Entsagung und persönli- 
chen Schmerz. Die Enthaltsamkeit, welche verderbliche 
Mächte daran hindert, sich vermittelst der Nahrung in 
unseren Körper einzuschleichen, die Keuschheit, welche 
den Menschen vor jeder Befleckung und jeder Schwä- 
che bewahrt, sind Mittel geworden, um sich von der 
Herrschaft der bösen Geister zu befreien und die Gnade 
des Himmels wiederzugewinnen.*^ Kasteiungen, be- 
schwerliche Wallfahrten, öffentliche Sündenbekennt- 
nisse, bisweilen auch Geißelungen und Verstümmelun- 
gen, alle diese Formen der Buße und der Abtötung des 
Fleisches richten den gefallenen Menschen wieder auf 
und bringen ihn den Göttern wieder nahe. In Phrygien 
schreibt der Sünder, damit jedermann darüber Be- 
scheid wisse, das Bekenntnis seines Fehltritts samt der 
Buße, der er sich unterzogen hat, auf eine Stele und 
dankt dem Himmel dafür, daß er seine reumütige Bitte 
erhört habe.** Der Syrer, der seine Göttin beleidigt 
hat, indem er ihre heiligen Fische verzehrte, kauert am 
Wege nieder, in einen Sack gehüllt und mit schmut- 
zigen Lumpen angetan, und verkündet mit kläglicher 
Stimme seine Missetat, um Vergebimg für sie zu er- 
langen.** „Dreimal**, sagt Juvenal, „taucht die Anhän- 
gerin der Isis mitten im Winter in den eisigen Tiber, 
und vor Kälte zitternd rutscht sie auf ihren blutenden 
Knien um den Tempel; sie reist, wenn die Göttin es 
befiehlt, bis zu den Grenzen Ägyptens, um Wasser aus 
dem Nil zu schöpfen, das sie im Heiligtum sprengen 
soll.*'** Wir sehen hier den Einzug der orientalischen 
Askese in Europa. 

Wenn es nun aber in dieser Welt gottlose Hand- 
lungen und unreine Leidenschaften gibt, welche die 

Cnmont: Die oriental. Religionen 4 



50 Warum die orientalischen Kulte sich ausgebreitet haben 

Seelen beflecken und entweihen, und wenn diese sich 
von solcher Verunreinigung nur durch gewisse, von den 
Göttern vorgeschriebene Sühneriten befreien können, 
so muß sowohl die Tiefe des Falles wie die Beschaffen- 
heit der erforderlichen Büßungen richtig taxiert wer- 
den. Dem Klerus steht es zu, die Verfehlungen zu be- 
urteilen und die ihnen entsprechenden Satisfaktionen 
aufzuerlegen. Das Priestertum erhält hier einen ganz 
anderen Charakter als in Rom. Der Priester ist nicht 
mehr bloß der Hüter der heiligen Überlieferungen, der 
Mittler zwischen dem Menschen oder dem Staate und 
den Göttern, sondern ein Seelsorger. Er macht seine 
Schäflein mit der langen Reihe von Verpflichtimgen 
imd Beschränkungen bekannt, welche ihre Schwach- 
heit gegen die Anfechtungen der bösen Geister be- 
schirmen sollen. Er weiß Gewissensbisse und Zweifd 
zu beschwichtigen und dem Sünder den inneren Frie- 
den wiederzugeben. Mit der heiligen W^issenschaft ver- 
traut, besitzt er die Macht, ihn wieder mit den Göt^ 
tem zu versöhnen. Oft wiederkehrende heilige Mahl- 
zeiten erhalten die Gemeinschaft zwischen den Mysten 
der Cybele, des Mithra oder der Baale** aufrecht, wäh- 
rend täglicher Gottesdienst den Glauben der Isisan- 
beter immer wieder von neuem anregt. Da der Kle- 
rus durch sein Amt vollständig in Anspruch genom- 
men wurde, so lebte er ausschließlich für seinen Tem- 
pel und von seinem Tempel, Er besteht nicht, wie die 
Priesterkollegien Roms, wo die weltlichen und die geist- 
lichen Funktionen noch nicht scharf voneinander ge- 
schieden sind 3^, aus Verwaltungskommissionen, welche 
die religiösen Angelegenheiten des Staates unter Ober- 
aufsicht des Senates regeln, sondern er bildet eine fast 
isolierte Kaste, deren Mitglieder sich durch ihre Ab- 



Das Priestertum als besonderer Stand 



51 



zeichen, ihre Kleidung, ihre Sitten, ihre Ernährung von 
den gewöhnlichen Sterblichen unterscheiden, eine un- 
abhängige Korporation mit hierarchischer Gliederung, 
eigenem Zeremoniell und sogar eigenen Konzilen.?^ 
Seine Vertreter kehrten nicht als Bürger zu ihren bür- 
gerlichen Pflichten oder als obrigkeitliche Personen zur 
Leitung der öffentlichen Angelegenheiten zurück, wie 
es die alten Pontifices zu tun pflegten, wenn sie an 
einem Festtage ihres heiligen Amtes gewaltet hatten. 
Es liegt auf der Hand, wie sehr diese Glaubensvor- 
stellungen und diese Institutionen dazu angetan waren, 
den Einfluß der orientalischen Kulte und ihrer Priester 
zu stärken und zu sichern. Vor allem in der Kaiserzeit 
mußte ihre Macht sich immer mehr geltend machen. 
Die sittliche Decadence im Beginn unserer Ära ist oft 
übertrieben worden, aber sie war vorhanden. Viele un- 
gesunde Symptome zeugen von einer tiefgehenden mo- 
ralischen Anarchie, in welcher die Menschen unschlüs- 
sig und schwankend mit sich selbst kämpften. Je mehr 
man sich dem Ende der Kaiserzeit nähert, um so mehr 
scheint die allgemeine Willensschwäche und die Cha- 
rakterlosigkeit zuzunehmen. Immer seltener wird die 
gesunde Kraft des Geistes, die, einer dauernden Ver- 
irrung unfähig, nicht das Bedürfnis empfindet, von an- 
deren geleitet und gestärkt zu werden. Man sieht, wie 
sich das Gefühl der Entartung und der Sündhaftigkeit 
verbreitet, welches den Verirrungen der Leidenschaft 
auf dem Fuße folgt, und dieselbe Schwäche, welche 
den Fehltritt herbeigeführt hat, treibt dazu, die Verge- 
bung für ihn in den äußerlichen Praktiken der Askese 
zu suchen. Und man geht zu den Priestern der orien- 
talischen Kulte, wie zu Seelenärzten, um sich von ihnen 
geistliche Heilmittel verordnen zu lassen. 

4* 



j2 Warum die orientalischen Kulte sich ausgebreitet haben 

Die Heiligkeit, welche man durch den Vollzug ihrer 
Riten zu erlangen meinte, war die Voraussetzung für 
ein seliges Leben nach dem Tode. Alle barbarischen 
Mysterien erhoben Anspruch darauf, ihren Eingeweih- 
ten das Geheimnis zu offenbaren, wie man zu seliger 
Unsterblichkeit gelang^. Die Teilnahme an den ver- 
schwiegenen Zeremonien der Sekte ist vor allem ein 
Mittel, um sich das Heil zu erwerben.^^ Die schwan- 
kenden und trostlosen Vorstellungen von dem Leben 
im Jenseits, die das antike Heidentum heg^e, verwan- 
deln sich in die verbürgte Hoffnung auf eine bestimmte 
Form der Seligkeit.^^ Die liturgischen Formeln und 
Akte erlösen den Eingeweihten von der Vergänglich- 
keit, welche das Schicksal der übrigen Menschheit auf- 
erlegt: eine von diesem ehernen Gesetz befreite Aus- 
lese wird zu den Unsterblichen erhoben und nimmt an 
ihrer Seligkeit teil><> 

Dieser Glaube an ein persönliches Fortleben der 
Seele und selbst des Leibes entsprach schon an und 
für sich einem tiefgewurzelten Verlangen der mensch- 
lichen Natur, dem Selbsterhaltungstriebe, aber die sozi- 
alen und sittlichen Verhältnisse der ausgehenden Kai- 
serzeit verliehen ihm eine Kraft, die er nie vorher be- 
sessen hatte.*! Im dritten Jahrhundert verursacht das 
Unglück der Zeit soviel Leiden, während dieser stür- 
mischen und gewalttätigen Periode gibt es soviel 
schuldlos gescheiterte Existenzen, soviel ungesühnte 
Verbrechen, daß man seine Zuflucht zu der Erwartung 
eines besseren Daseins nimmt, in dem alle Unge- 
rechtigkeiten dieser Welt ausgeglichen werden sollen. 
Keine irdische Hoffnung leuchtete damals in das Dun- 
kel des Lebens hinein. Die Tyrannei einer korrum- 
pierten Bureaukratie erstickte jeden Anlauf zu poli- 



Die Unsterblichkeitshoffiiung e^ 

tischem Fortschritt* Die verknöcherten Wissenschaf- 
ten enthüllten keine neuen Wahrheiten mehr. Die mit 
Unfruchtbarkeit geschlagene Kunst wiederholte schwer- 
fällig die Schöpfungen der Vergangenheit. Zuneh- 
mende Verarmung lähmte den Unternehmungsgeist. In 
immer weiteren Kreisen glaubte man^ daß die Mensch- 
heit von unheilbarem Verfall heimgesucht sei, daß die 
Natur dem Tode entgegengehe, und das Ende der Welt 
nahe sei.*^ An alle diese Ursachen der Entmutigung 
und des Gefühls der Verlassenheit muß man sich erin- 
nern, um die wachsende Verbreitung der so oft ausge- 
sprochenen Idee zu begreifen, daß der Geist des Men- 
schen durch eine bittere Notwendigkeit dazu gezwun- 
gen sei, sich in die Materie einschließen zu lassen, 
imd daß der Tod eine Befreiung bedeute, die ihn aus 
seinem fleischlichen Gefängnis erlöst.*^ In der drücken- 
den Atmosphäre einer Epoche der Gewalttat und der 
Ohnmacht sehnten die verschmachtenden Seelen sich 
mit unsagbarer Innigkeit darnach, in die lichten Räume 
des Himmels zu enteilen. 

So nahmen, um das Gesagte kurz zusammenzufassen, 
die orientalischen Religionen, welche gleichzeitig auf 
die Sinne, auf den Verstand und auf das Gewissen 
wirkten, den ganzen Menschen hin. Sie boten, wie es 
schien, im Vergleich zu den bisherigen mehr Schön- 
heit in ihren Riten, mehr Wahrheit in ihren Lehren, 
ein höheres Gut in ihrer Ethik dar. Das eindrucks- 
volle Zeremoniell ihrer Feste, ihre abwechselnd pomp- 
haften und sinnlichen, traurigen oder jubilierenden Got- 
tesdienste lockten namentlich die Menge der Einfälti- 
gen und (Geringen an; die fortschreitende Enthüllung 
uralter, vom sagenumwobenen fernen Orient ererbter 
Weisheit fesselte die gebildeten Geister. Die Empfin- 



^4 Warum die orientalischen Kulte sich ausgebreitet haben 

düngen, welche diese Religionen weckten, die Trö- 
stungen, welche sie brachten, erwarben ihnen nament- 
lich die Zuneigung der Frauen: die Priesterschaften 
der Isis und der Cybele fanden in diesen ihre begei- 
stensten und f reigebigtsten Anhängerinnen, welche die 
eifrigste Propaganda für sie machten**, während Mi- 
thra fast ausschließlich Männer um sich sammelte, die 
er in rauhe sittliche Zucht nahm. Alle Seelen aber wur- 
den schließlich gewonnen durch die Verheißung gei- 
stiger Reinigung imd den unendlichen Ausblick auf 
eine ewige Seligkeit. 

Die Verehrung der Götter Roms war bürgerliche 
Pflicht, die der fremden Gottheiten ist der Ausdruck 
persönlichen Glaubens. Diese sind nicht der Gegen- 
stand traditioneller und in gewisser Hinsicht admini- 
strativer Anbetung seitens der Bürger, sondern der Ge- 
danken, der Empfindungen, der geheimen Wünsche 
der Individuen. Die alte mimizipale Frömmigkeit war 
mit einer Fülle von irdischen Interessen verknüpft, 
die ihr als Halt dienten, wie sie ihnen ihre Unterstüt- 
zung lieh. Sie war eine Erscheinungsform des Familien- 
sinnes und der Vaterlandsliebe imd sicherte das Ge- 
deihen der menschlichen Gemeinschaften. Die orienta- 
lischen Mysterien, welche dem Willen ein ideales Ziel 
stecken und den Geist erheben, sind dem Gemeinwohl 
gegenüber sorgloser; aber sie verstehen die tiefsten 
Saiten des sittlichen Empfindens anzuschlagen imd aus 
dem Abgrunde des Unbewußten Willensantriebe auf- 
steigen zu lassen, die stärker sind als alles Räsonne- 
ment. Sie vermitteln durch plötzliche Erleuchtung die 
Anschauung eines geistigen Lebens, dessen Intensität 
alle irdischen Genüsse fade und verächtlich erscheinen 
läßt. Es ist der machtvolle Ruf zu einem neuen Leben, 



Ergebnis 55 

einem übernatürlichen Dasein in dieser und jener Welt, 
der die Propaganda ihrer Priester unwiderstehlich 
macht. Derselbe glühende Enthusiasmus sicherte gleich- 
zeitig in den Kreisen der Philosophen die unbestrittene 
Herrschaft des Neuplatonismus. Die Antike starb, eine 
neue Ära wurde geboren. 



m. 

KLEINASIEN 

Der erste orientalische Kult^ welchen die Römer 
adoptierten, war der der großen phryg^schen Göttin, 
welche in Pessinus und auf dem Ida angebetet wurde 
und im Abendlande den Namen der Magna Mater deum 
Idea annahm. Man kann ihre Geschichte in Italien 
durch sechs Jahrhimderte verfolgen und die Wand- 
lungen studieren, welche aus sehr urwüdbsigen natura- 
listischen Glaubensvorstellungen nach imd nach ver- 
geistigte Mysterien schufen, die man dem Christentum 
entgegenzustellen unternahm. Wir werden die aufein- 
anderfolgenden Phasen dieser allmählichen Metamor- 
phose hier zu skizzieren versuchen. 

Man darf behaupten — es handelt sich dabei imi 
eine einzigartige Ausnahme — , daß die erste Ursache 
des Erfolges, welchen dieser Kult in der lateinischen 
Welt errungen hat, ein Zufall gewesen sei. Im Jahre 205 
V. Chr., als Hannibal, besiegt, aber immer gefürchtet, 
sich noch in den Bergen Bruttiums aufhielt, erschreck- 
ten wiederholte Steinregen das römische Volk. Die 
sibyllinischen Bücher, welche man, wie üblich, über 
dieses Wunderzeichen offiziell befragte, verhießen, daß 
der Feind aus Italien verjagt werden würde, wenn man 
die Große Mutter vom Ida nach Rom brächte. Die 
Sibyllen, welche Unglücksfälle prophezeiten, die sie 
allein abzuwenden wußten, waren selbst aus Kleinasien 



Cybeles Ankunft in Rom ^y 

nach Italien gekommen, und es war ein frommer Brauch 
ihrer alten Heimat, den ihre heilige Dichtung in die- 
ser kritischen Lage empfahl. Dank der Freundschaft 
des Königs Attalos wurde der schwarze Meteorstein, 
der als Sitz der phrygischen Göttin galt, und den die- 
ser Fürst kurz vorher von Pessinus nach Pergamon ge- 
bracht hatte, den Gesandten des Senates ausgeliefert. 
In Ostia dem Befehl des Orakels gemäß durch den 
besten Bürger des Staates empfangen — diese Ehre 
fiel Scipio Nasica zu — wurde er von den angesehen- 
sten Matronen unter dem Zuruf der Massen und von 
wallenden Weihrauchwolken umgeben nach dem Pa- 
latin gebracht, wo er feierlich deponiert wurde (an den 
Nonen des April 204). Dieser triumphierende Einzug 
wurde später mit Wundererzählungen ausgeschmückt, 
und die Dichter berichteten mit Vorliebe von den er- 
baulichen Zeichen, welche die Seefahrt der Cybele be- 
gleiteten.i In demselben Jahre trug Scipio den Krieg 
nach Afrika hinüber, und Hannibal, der somit ge- 
zwungen war, ihn dort wieder aufzunehmen, wurde bei 
Zama besiegt. Die Weissagung der Sibylle hatte sich 
erfüllt: Rom war frei geworden von dem langen pu- 
nischen Schrecken. Die fremde Göttin empfing nun 
Huldigungen, welche dem Dienst entsprachen, den sie 
dem Staate geleistet hatte. Man erbaute ihr einen 
Tempel auf der Höhe des Palatins, und von szenischen 
Spielen begleitete Feste, die ludiMegalenses, erinnerten 
alljährlich an den Tag der Einweihung des Heiligtums 
und den der Ankunft der Göttin (4. — 10. April).* 

Wie war der asiatische Kultus beschaffen, den ein 
außergewöhnlicher Umstand in der soeben geschildert 
ten Weise mit einem Male in das Herz von Rom ver- 
pflanzt hatte ? Er hatte schon eine lange Entwicklung 



58 Kleinasien 

durchlaufen, und religiöse Vorstellungen verschieden- 
ster Herkunft hatten sich in ihm miteinander verbun- 
den. Man findet in ihm zunächst primitive Bräuche 
der anatolischen Religion, die sich zvun Teil unter der 
Herrschaft des Christentums und des Islams bis auf 
xmsere Tage erhalten haben. Wie die heutigen Kizil- 
Bash-Bauem, so versammelten sich die alten Bewoh- 
ner der Halbinsel zur Feier ihrer Feste auf den Gip- 
feln der Berge, wo Pinien wuchsen, die für die Axt un- 
erreichbar blieben ^ : Cybele thronte, so sagte man, auf 
den Hochgipfeln des Ida imd des Berecynthus, und 
äie immergrüne Pinie blieb stets dem Attis heilig, wie 
der fruchtbare und frühreife Mandelbaum. Zugleich 
mit den Bäumen verehrten diese Landleute Steine, Fel- 
sen oder vom Himmel gefallene Bätyle, wie den Me- 
teorstein, der von Pessinus nach Pergamon und Rom 
gebracht wurde. Auch gewissen Tieren zollten sie ihre 
Huldigungen, namentlich dem mächtigsten unter ihnen, 
dem Löwen, welcher vielleicht ehemals das Totem wil- 
der Stänmie* gewesen war: der Löwe blieb im My- 
thus wie in der Kirnst das Reit- oder Zugtier der Gro- 
ßen Mutter. Ihre Vorstellung von der Gottheit war un- 
genau und unpersönlich : eine Erdgöttin, Mä oder Cybele 
genannt, wurde als die fruchtbare Mutter aller Dinge, 
als die „Herrin des Wildes" verehrt, das den Wald 
bevölkert 5; neben ihr stand ein Gott namens Attis oder 
Papas, der als ihr Gatte betrachtet wurde; aber in dieser 
göttlichen Ehe gebührte der Frau der Vorrang, eine 
Reminiszenz an die Zeit des Matriarchats.^ 

Als in sehr früher Zeit die Phrygier aus Thrakien 
einwanderten und sich wie ein Keil in die alten Völker- 
stämme Kleinasiens hineinschoben, da nahmen sie die 
imdeutlich lunrissenen Gottheiten ihrer neuen Heimat 



Der Cybelekult in Kleinasien jg 

an^ indem sie dieselben mit den ihrigen identifizierten^ 
wie es dem gewöhnlichen Verfahren des Heidentums 
entspricht. Attis wurde auf diese Weise mit dem Dio- 
nysos-Sabazios der Eroberer verschmolzen oder entlieh 
ihm wenigstens gewisse Züge seines Charakters. Die- 
ser thrakische Dionysos war ein Vegetationsgott, dessen 
wilde Natur Foucart bewundernswürdig geschildert 
hat.' „Allezeit sind die hohen Gipfel bewaldeter Berge, 
die dichten Eichen- und Pinienforste, die efeubewachse- 
nen Grotten sein bevorzugtes Herrschaftsgebiet geblie- 
ben. Die Sterblichen, eifrig bemüht, die mächtige Gott- 
heit kennen zu lernen, welche in dieser Einsamkeit 
waltete, verfügten hierbei über kein anderes Mittel als 
die Beobachtimg dessen, was sich in ihrem Reich be- 
gab, imd suchten ihr Wesen aus den Erscheinungen zu 
erraten, in denen sie ihre Macht offenbarte. Wenn sie 
die Bäche in schäumenden und tosenden Kaskaden 
herabstürzen sahen, wenn sie das Brüllen der Stiere 
hörten, die auf den Bergwiesen weideten, und dem ge- 
heimnisvollen Rauschen der vom Winde bewegten 
Baumwipfel lauschten, dann glaubten die Thraker die 
Stinmie imd die Zurufe des Herrn dieses Reiches zu 
vernehmen; und sie schufen sich in Gedanken das Bild 
eines Gottes, der gleichfalls an regellosen Sprüngen 
und tollem Lauf durch die Bergwälder seine Freude 
hatte. Die Religion nahm diese Vorstellung in sich 
auf: das sicherste Mittel, durch welches die Menschen 
die Gunst der Gottheit gewinnen können, ist die Nach- 
ahmung ihres Tims und, soweit dies möglich ist, die 
Umgestaltung des eigenen Lebens nach ihrem Vorbilde. 
Auch die Thraker suchten sich in den göttlichen Wahn- 
sinn zu versetzen, der ihren Dionysos erfüllte, und 
glaubten dieses Ziel zu erreichen, wenn sie ihrem un- 



6o Kleinasien 

sichtbaren und doch gegenwärtigen Herrn in seinem 
stürmischen Laufe über das Gebirge folgten." 

Diese Vorstellimgen und diese Bräuche finden sich 
mm kaum verändert im phrygischen Kultus wieder, je- 
doch mit dem Unterschiede, daß der Gott der Vegeta- 
tion, Attis, statt „in menschenscheuer Isolierung** zu 
leben, mit der Göttin der Erde verbimden ist. Wenn der 
Sturm durch die Wälder des Berecynthus oder des Ida 
brauste, dann durcheilte Cybele, von brüllenden Lö- 
wen gezogen, das Land und klagte über den Tod ihres 
Geliebten. Ihr nach stürmte der Schwärm der Gläu- 
bigen quer durch die Büsche, langgezogene Schreie 
ausstoßend, die begleitet wurden von dem durchdrin- 
genden Ton der Flöten, den dumpfen Schlägen des 
Tamburins, dem Klappern der Kastagnetten und dem 
Dröhnen der kupfernen Zymbeln, Erschöpft vom 
Schreien und dem Lärm der Instrumente, erhitzt von 
ihren ungestümen Sprüngen, sanken sie, keuchend und 
auf das äußerste erregt, in die Verzückungen des hei- 
ligen Enthusiasmus. Catull hat uns eine dramatische 
Schilderung dieser göttlichen Besessenheit hinterlassen.^ 

Der Kultus Phrygiens war, der Natur dieser Land- 
schaft entsprechend, vielleicht noch leidenschaftlicher 
geartet als der thrakische. Das Klima des .kleinasiati- 
schen Hochlandes ist ein extremes. Der Winter ist 
rauh, lang, eisig; die Frühlingsregen lassen plötzlich 
eine üppige Flora aufsprießen, welche unter den Glu- 
ten des Sommers wieder verdorrt. Die schroffen Gegen- 
sätze dieser abwechselnd verschwenderischen und im- 
f ruchtbaren, heiteren und melancholischen Natur rufen 
dort Exzesse der Trauer und der Freude hervor, wie 
sie in jenen gemäßigten und anmutigen Gegenden, die 
nie im Schnee begraben und nie von der Sonne ver- 



Der Cybelekult in Kleinasien 6l 

sengt werden, unbekannt sind. Die Phrygier beklagten 
verzweiflungsvoll das langsame Hinsiechen und den 
Tod der Vegetation; wenn aber im März das frische 
Grün wiedererschien, dann überließen sie sich den zügel- 
losen Ausbrüchen lärmender Freude. Wilde Bräuche, 
die in Thrakien unbekannt oder doch nur in abge- 
schwächter Form üblich waren, bekundeten in Asien 
die Heftigkeit dieser entgegengesetzten Gefühle. Bei 
ihren Orgien verwimdeten sich die Galli absichtlich 
nach ausgelassenen Tänzen, berauschten sich durch 
den Anblick des vergossenen Blutes und s/prengten 
es auf die Altäre in dem Glauben, sich dadurch mit 
ihrer Gottheit zu vereinen; oder sie opferten auch 
wohl im Paroxismus fanatischer Begeisterung den Göt- 
tern ihre Mannheit, wie es heute noch gewisse russische 
Sekten tun. Der Hang zu leidenschaftlicher Ekstase 
war von jeher in Phrygien eine endemische Krankheit. 
Noch unter den Antoninen versuchten montanistische 
Propheten, die in diesem Lande aufgestanden waren, 
ihn in die Praxis der Kirche einzuführen. 

Alle diese ausschweifenden und erniedrigenden Er- 
scheinungen überspannter Verehrung dürfen ims nicht 
über die Macht des Gefühls täuschen, das sie hervor- 
rief. In dieser heiligen Besessenheit, diesen freiwilligen 
Verstümmelungen, diesen mit Wollust gesuchten Lei- 
den offenbart sich das heiße Verlangen, sich der 
Knechtschaft der fleischlichen Triebe zu entziehen imd 
die Seelen von den Fesseln der Materie zu befreien. 
Diese asketischen Tendenzen führten sogar zur Schaf- 
fung einer Art Bettelmönche — der Metragyrten. Sie 
standen im Einklang mit gewissen Enthaltsamkeitsge- 
danken, die von der philosophischen Ethik der Grie- 
chen verkündigt wurden, und frühzeitig sah man die 



52 Kleinasien 

hellenischen Theologen sich mit einer Frömmigkeit be- 
schäftigen, die sie gleichzeitig anzog und abstieß. Der 
Eumolpide Timotheus, der — wie wir noch sehen wer- 
den — zu den Begründern des alexandrinischen Se- 
rapiskultes gehörte — machte sich im Interesse seiner 
religiösen Reformveirsuche auch mit den alten phry- 
gischen Mythen bekannt. Zweifellos gelang es diesen 
Denkern, die Priester von Pessinus selbst zur Über- 
nahme vieler Spekulationen zu bewegen, die der klein- 
asiatischen Naturreligion ursprünglich durchaus fremd 
gewesen waren. Die Anbeter der Cybele richteten schon 
in sehr alter Zeit „Mysterien**^ ein, in welchen man 
den Eingeweihten stufenweise eine stets als göttlich 
verehrte Weisheit enthüllte, die jedoch im Laufe der 
Zeit seltsame Wandlungen erfuhr. 

* 

So war also die Religion beschaffen, welche die 
rauhen Römer der Punischen Kriege angenommen und 
adoptiert hatten; unter der Hülle theologischer und 
kosmogonischer Lehren verbarg sich ein alter Bestand 
von sehr urwüchsigen imd rohen religiösen Ideen: 
Baumkult, Steinkult, Tierkult, und zu diesem abergläu- 
bischen Fetischismus gesellten sich Zeremonien sinn- 
lichen und orgiastischen Charakters, all die wahnsinni- 
gen und mystischen Bräuche jener Bacchanalien, welche 
die öffentlichen Gewalten wenige Jahre darauf verbie- 
ten sollten. 

Als der Senat die ihm von der Sibylle aufgedrungene 
Gottheit besser kennen gelernt hatte, mußte das Ge- 
schenk, welches Attalos ihm gemacht hatte, ihn in 
nicht geringe Verlegenheit setzen. Die enthusiastische 
Begeisterimg, der unheimliche Fanatismus der phry- 



Römischer Cybelekult während der Republik 63 

gischen Frömmigkeit standen in scharfem Kontrast zu 
der ruhigen Würde, der ehrbaren Zurückhaltung der 
offiziellen Religion und erregten in gefährlicher Weise 
die Gemüter. Die entmannten Galli waren ein Gegen- 
stand der Geringschätzimg und des Absehens, imd was; 
bei ihnen als eine verdienstliche Handlung galt, war 
in der Kaiserzeit wenigstens ein durch das Strafrecht 
verbotenes Verbrechen.^o DJe Behörtien schwankten 
zwischen dem Respekt, den sie der mächtigen Göttin 
schuldeten, welche Rom von den Karthagern befreit 
hatte, und dem, welchen sie gegenüber dem mos 
maiorum empfanden. Sie zogen sich aus der Verlegen- 
heit, indem sie den neuen Kultus vollständig isolierten, 
um sich so vof der Ansteckungsgefahr zu schützen. 
Jedem Bürger wurde verboten, in den Klerus der aus- 
ländischen Göttin einzutreten oder an ihren heiligen 
Orgien teilzunehmen. Die barbarischen Riten, nach 
denen die Große Mutter verehrt werden wollte, wurden 
von phrygischen Priestern und phrygischen Prieste- 
rinnen vollzogen. Die ihr zu Ehren vom ganzen Volke 
gefeierten Feste, die Megalensia^ hatten nichts Orien- 
talisches an sich und wurden den römischen Traditionen 
gemäß gestaltet. 

Eine bezeichnende Anekdote, die uns Diodor er- 
zählt ^i, gestattet einen Schluß auf die Volksstimmung 
zu ziehen, welche diesem asiatischen Kultus gegenüber 
am Ende der Republik herrschte. Zur Zeit des Pom- 
pejus war ein Oberpriester von Pessinus nach Rom ge- 
konmien imd zeigte sich auf dem Forum in priester- 
licher Kleidung, mit einem goldenen Diadem ge- 
schmückt und einem langen gestickten Kleide angetan; 
auch wollte er unter dem Vorwande, daß das Standbild 
seiner Göttin entweiht worden sei, öffentliche Sühne- 



64 Kleinasien 

feierlichkeiten veranstalten. Aber ein Tribun verbot 
ihm das Tragen der königlichen Krone, und als das 
Volk davon hörte, rottete es sich gegen ihn zusammen 
und zwang ihn zu schleunigem Rückzuge in seine Woh- 
nimg. Später leistete man allerdings vor ihm förmliche 
Abbitte, aber diese Geschichte beweist, wie sehr die 
große Masse damals noch von der Verehrung entfernt 
war, mit der Cybele und ihre Priesterschaft hundert 
Jahre später umgeben wurde. 

In dieser strengen Übeiiwachimg führte der phry- 
gische Kult ein verborgenes Dasein bis zur Kaiserzeit: 
es ist dies die erste Periode seiner Geschichte in Rom. 
Nur bei gewissen Festen lenkte er die Aufmerksamkeit 
auf sich, wenn seine Priester, in bimtscheckiger und 
mit plumpen Zieraten geschmückter Tracht, beim 
Schall der Tamburine in Prozession durch die Straßen 
zogen. In diesen Tagen hatten sie kraft Senatsbe- 
schlusses das Recht, eine Hauskollekte für die Bedürf- 
nisse ihres Tempels zu veranstalten. Den übrigen Teil 
des Jahres verbrachten sie als Verbannte in ihrem hei- 
ligen Bezirk auf dem Palatin und vollzogen dort in 
fremdartiger Sprache fremdartige Zeremonien. Sie 
lassen in dieser Zeit so wenig von sich verlautbaren, daß 
sowohl ihre Bräuche wie ihr Glaube fast ganz imbekannt 
bleiben. Man hat sogar behaupten können, daß Attis 
während der Republik nicht mit seiner Gefährtin, der 
Großen Mutter, angebetet worden sei — ohne Zweifel 
mit Unrecht, denn die beiden Personen dieses göttlichen 
Paares blieben sowohl im Ritus als im Mythus not- 
wendigerweise unzertrennlich.!* 

Aber trotz der polizeilichen Aufsicht, der sie unter- 
stand, trotz der Vorsichtsmaßregeln und der Vorurteile, 
die sie isolierten, lebte die phrygische Religion; und 



Adoption der Mä-Bellona 65 

in die rissige Festung der alten römischen Grundsätze 
war eine Bresche gelegt, durch welche schließlich der 
ganze Orient in sie eindringen sollte. 

Seit dem Ende der Republik hatte eine zweite klein- 
asiatische Gottheit, die der Großen Mutter nahe ver- 
wandt war, sich in der Hfiuptstadt angesiedelt. Wäji- 
rend der Kriege gegen Mithridates lernten die römi- 
schen Soldaten die große Göttin der beiden Comanas 
verehren, Mä, die in den Schluchten des Taurus und an 
den Ufern des Iris von ein^m ganzen Volk von Hiero- 
dulen angebetet wurde. Sie war, wie Cybele, eine alte 
kleinasiatische Gottheit, eine Personifikation der frucht- 
baren Natur. Nur hatte ihr Kultus nicht unter thra- 
kischem Einfluß gestanden, sondern, wie die Religion 
Kappadokiens überhaupt, unter dem der Semiten und 
der Perser.i3 Es steht fest, daß sie sich mit der mazdäi- 
schen Anähita verband, deren Wesen dem ihrigen ähn- 
lich war. Ihre Riten waren noch blutiger und grau- 
samer als die von Pessinus, imd sie hatte einen kriege- 
rischen Charakter gewonnen oder bewahrt, der sie der 
italienischen Bellona näherte. Der Aberglaube des Dik- 
tators Sulla, dem diese imbesiegbare Herrin der Schlach- 
ten im Traum erschienen war, veranlaßte ihn, ihren 
Gottesdienst in Rom einzuführen. Die schrecklichen 
Zeremonien desselben machten einen tiefen Eindruck. 
Ihre fanatici — diesen Namen gab man ihren Dienern 
— drehten sich bei Trommel- und Trompetenschall in 
ra3endem Tanze, während ihr langes aufgelöstes Haar 
im Winde flog, und 'wenn sie der Taumel gefühllos ge- 
macht hatte, dann schlitzten sie sich die Arme und den 
Körper mit langen Schwert- und Axtstreichen auf, . 
brachten sich durch den Anblick des fließenden Blutes 
in Verzückung, besprengten damit die Statue der Göt- 

Curaont, Die oriental. Religionen 5 



66 Kleinasien 

tin wie ihre Gläubigen und schlürften es sogar in 
langen Zügen. Endlich verkündeten sie, von prophe- 
tischem Wahnsinn ergriffen, den Anwesenden die Zu- 
kunft. 

Dieser wilde Kult reizte anfänglich die Neugierde, 
aber er genoß niemals besondere Wertschätzung. Wahr- 
scheinlich ist die kappadokische Bellona in das Gefolge 
der der Magna Mater untergeordneten Gottheiten ein- 
getreten imd, wie die Texte sich ausdrücken, ihre Be- 
gleiterin {pedisequa) geworden.^* Doch zeigt die vor- 
übergehende Beliebtheit, deren sich die ausländische 
Mä um den Anfang unserer Zeitrechnung erfreute, den 
wachsenden Einfluß des Orients und besonders der 
kleinasiatischen Religionen. 

Im Beginn der Kaiserzeit machte das ängstliche Miß- 
trauen, mit welchem man bisher dem Kultus der Cybele 
imd des Attis gegenübergestanden hatte, einer ausge- 
sprochenen Bevorzugung Platz. Die Beschränkungen, 
welche man ihm auferlegt hatte, wurden beseitigt: die 
Ardhigalli wurden seitdem aus den römischen Bürgern 
genonunen, und die Feste der phrygischen Gottheiten 
wurden in Italien solenn imd offiziell mit größerem 
Pomp gefeiert als jemals in Pessinus. 

Der Urheber dieser Veränderung war, nach Johannes 
Lydus, der Kaiser Claudius : man hat zwar den Bericht 
dieses sehr späten Kompilators angezweifelt imd den 
Zeitpunkt jener Umwandlung bis in die Epoche der 
Antonine hinauszuschieben versucht; aber das ist ein 
Irrtum. Das Zeugnis der Inschriften bestätigt die An- 
gabe des byzantinischen Schriftstellers.^^ Claudius war 
• es, der trotz seiner archaistischen Neigungen dieser 
Neuerung zustimmte, und wir können m. E. die Beweg- 
gründe seines Entschlusses erraten. 



Politik des Kaisers Claudius 6*7 

Unter seinem Vorgänger Caligula wurde der Isis- 
dienst von den öffentlichen Behörden nach langem 
Widerstreben anerkannt. Seine eindrucksvollen Feste, 
seine imposanten Prozessionen sicherten ihm einen be- 
deutenden Erfolg. Diese Konkurrenz mußte verhäng- 
nisvoll für die Priester der Magna Mater werden, welche 
in ihren Tempel auf dem Palatin verbannt waren, und 
der Nachfolger Caligulas sah sich gezwungen, derphry- 
gischen Göttin, die schon so lange in der Stadt wohnte, 
wenigstens dieselben Vergünstigimgen zu bewilligen, 
welche die eben erst nach Rom gekommene äg^tische 
bereits erlangt hatte. Claudius verhinderte so, daß die- 
ser zweite Fremdkult in Italien zu sehr in den Vorder- 
grund trat, und lenkte den Strom des populären Aber- 
glaubens in ein anderes Bett. Isis mußte einem Herr- 
scher, der für die alten nationalen Institutionen ein- 
genommen war, sehr verdächtig erscheinen. i* 

Der Kaiser Claudius führte daher einen neuen Zyklus 
von Festen ein, die vom 15. bis zum 27. März be- 
gangen wurden, also in der Zeit, wenn der Frühling 
kommt, imd die in Attis personifizierte Vegetation zu 
neuem Leben ersteht. Die einzelnen Akte dieses großen 
Dramas sind uns leidlich bekannt. Am 15. wurde es 
durch einen Zug von cannophori oder Schilfträgem 
eingeleitet : sie erinnerten ohne Zweifel an die Auffin- 
dung des Attis durch Cybele, welcher der Sage nach 
als Kind an den Ufern des Sangarius, des großen phry- 
gischen Flusses, ausgesetzt worden war; vielleicht ist 
diese Zeremonie auch aus einer uralten Phallophorie 
entstanden 1^, welche die Fruchtbarkeit der Felder 
sichern sollte. Am Tage des Frühlingsäquinoktiums 
begann die eigentliche Handlimg : eine Pinie wurde ge- 
fällt und in den Tempel auf dem Palatin gebracht, und 

5* 



68 Kleinasien 

zwar durch eine Bruderschaft^ welche dieser Funktion 
ihren Namen dendrophori (Baumträger) verdankte. 
Jener Baum, der wie ein Leichnam mit wollenen Biil- 
den umwickelt imd mit Veilchen bekränzt wurde, stellte 
den toten Attis dar: dieser bedeutete ursprünglich 
nichts anderes als den Geist der Pflanzen, und somit 
lebte ein uralter ländlicher Brauch der phryg^schen 
Bauern neben dem Palast der Cäsaren in den Ehren fort, 
welche diesem „Märzbaum" erwiesen wurden.^^ Der 
folgende Tag war der Trauer und der Enthaltsamkeit 
gewidmet : die Gläubigen fasteten und wehklagten um 
den gestorbenen Gott. Der 24. führte in den Kalendern 
den bezeichnenden Namen Sanguis. Man hat in ihm 
die Leichenfeier des Attis wiedererkannt, dessen Manen 
man durch blutige Libationen beschwichtigte, wie man 
es bei einem gewöhnlichen Sterblichen getan haben 
würde. Die Galli, ihre schrillen Schreie in den gellen- 
den Klang der Flöten mischend, geißelten sich, ver- 
wundeten sich durch Einschnitte, imd die auf dem 
Gipfel der Raserei angelangten Neophyten vollzogen, 
gegen den Schmerz unempfindlich geworden, mit Hilfe 
eines scharfen Steines das höchste Opfer.^^ Nun folgte 
eine geheimnisvolle Vigilie, bei welcher der Eingeweihte 
sich anscheinend als ein neuer Attis mit der großen 
Göttin vereinen sollte 20 ; dann, am 25. März, verwandel- 
ten sich die verzweifelten Schreie plötzlich in frene- 
tischen Jubel : das waren die „Hilarien". MitderWieder- 
emeuerung der Natur erwachte Attis aus seinem lan- 
gen Todesschlaf ; und in zügellosen Vergnüg^ungen, mut- 
willigen Maskeraden, reichlichen Mahlzeiten ließ man 
der Freude freien Lauf, die seine Auferstehung hervor- 
gerufen hatte. Nach vierundzwanzig Stunden durchaus 
notwendiger Ruhe {requietio) schlössen die Festlich- 



Die Frühlingsfeste 5^ 

keiten am- 27. mit einer langen Prozession, die ihren 
Prunk auf den Straßen und in der Umgebung Roms 
entfaltete: man führte das silberne Standbild der Cy- 
bele unter einem Regen von Blumen nach dem Bache 
Almo, wo es nach einem im Altertum sehr verbreiteten 
Brauche gebadet und gereinigt wurde (tavatio). 

Der Kult der Göttermutter war, lange bevor er sich 
in Rom angesiedelt hatte, in die hellenischen Länder 
eingewandert, aber er nahm hier eine besondere Ge- 
stalt an und verlor in dieser anderen Umgebimg seinen 
barbarischen Charakter. Der griechische Geist emp- 
fand eine unüberwindliche Abneigung gegen die zwei- 
deutige Persönlichkeit des Attis. Die Magna Mater^ 
die sich von ihrer hellenisierten Genossin scharf imter- 
scheidet, drang mit der römischen Religion in alle latei- 
nischen Provinzen ein : in Spanien, in Britannien, in die 
Donauländer, in Afrika und namentlich in Gallien. 
Sie wurde mehr als jede andere ausländische Gottheit 
von der städtischen Bürgerschaft angenommen. 21 In 
Autun ist der von Ochsen gezogene Wagen der Göttin 
noch im vierten Jahrhundert mit großem Pomp durch 
die Felder und die Weinberge gefahren, um ihre 
Fruchtbarkeit zu verbürgen.*^ Die Dendrophoren, die 
— wie wir gesehen haben — die heilige Pinie bei den 
Frühlingsf eiern trugen, bildeten in den Mimizipalstädten 
staatlich anerkannte Assoziationen, die neben ihrem reli- 
giösen Beruf zugleich den Dienst unserer Feuerwehren 
zu versehen hatten. Diese Holzhauer oder Zimmerleute, 
welche den göttlichen Baum des Attis zu fällen ver- 
standen, wußten im Notfall auch mit den Balken der 
brennenden Häuser fertig zu werden. Im ganzen Reiche 
war der Kultus samt den von ihm abhängigen Bruder- 
schaften unter die Oberaufsicht der hauptstädtischen 



70 



Kleinasien 



Quindecimvim gestellt, die den Priestern ihre Abzeichen 
verliehen. Die priesterliche Hierarchie und die dem 
Klerus wie den Gläubigen zustehenden Befugnisse soll- 
ten durch eine Reihe von Senatsbeschlüssen genau ge- 
ordnet werden. Die phrygischen Gottheiten, welche in 
aller Form naturalisiert und offiziell eingereiht waren, 
wurden demnach als römische Götter mit den anderen 
römischen Göttern von den Völkerschaften des Abend- 
landes adoptiert, und diese Art der Verbreitung unter- 
scheidet sich merklich von der aller anderen orientali- 
lischen Religionen. Die Handlungsweise der Regie- 
rung entspricht hier vollkommen der Zuneigung, welche 
die Frömmigkeit der Massen diesen asiatischen Gott- 
heiten entgegenbrachte. 

Ihre Volkstümlichkeit war die Wirkung verschiedener 
Ursachen. Die Alten haben ims die Erinnerimg an den 
Eindruck aufbewahrt, welchen jene prunkvollen Auf- 
züge auf die große Menge machten, bei denen Cybele 
auf ihrem Wagen unter den Klängen einer berauscTien- 
den Musik vorüberfuhr, von Priestern geleitet, die in 
schimmernde Gewänder gekleidet und mit Amuletten 
beladen waren, während die lange Theorie der Ein- 
geweihten und der Mitglieder der Bruderschaften, bar- 
fuß und ihre Insignien tragend, voranschritt. Handelte 
es sich hierbei noch um eine ganz flüchtige und äußer- 
liche Einwirkung auf die Sinne, so wurde der Neophyt 
von tieferer Bewegung ergriffen, sobald er den Tempel 
betrat. Wie rührend war doch die Geschichte der Göt- 
tin, welche den Leichnam ihres Geliebten sucht, der in 
der Blüte seiner Jugend dahingemäht ist wie das Gras 
auf dem Felde I Wie ergreifend die traurigen und blu- 
tigen Feiern, bei denen man unablässig den grausamen 
Tod des Jünglings beklagte, und dann wieder die 



Ursachen der Ausbreitung des phrygischen Kultus 71 

triumphierenden Hymnen und die heiteren Lieder, 
mit denen man seine Rückkehr ins Leben begrüßte! 
Auf einer umsichtig konstruierten Stufenleiter der Ge- 
fühle erhob man die Teilnehmer bis zum Rausch der 
Ekstase. Namentlich die weibliche Frömmigkeit fand 
bei diesen Zeremonien ihre Rechnung imd fühlte sich 
durch diese in ganz besonderer Weise angeregt und 
befriedigt — von jeher wurde die Große Mutter, die 
fruchtbare und nährende Göttin, vor allem von den 
Frauen angebetet. 

Femer knüpfte man an die fromme Ausübung dieser 
Religion unendliche Hoffnungen. Die Phrygier glaub- 
ten wie die Thraker frühzeitig an die Unsterblichkeit 
der Seele. Ebenso wie Attis alljährlich starb und 
wiedererstand, sollten auch seine Gläubigen nach ihrem 
Hinscheiden wiedergeboren werden zu neuem Leben. 
In einer der heiligen Hymnen sang man: „Seid ge- 
trost, o Mysten, denn der Gott ist gerettet; und auch 
euch wird aus euren Mühsalen Rettung werden.** 23. 
Selbst die Totenbräuche bezeugen die Lebendigkeit 
d^ses Glaubens. In manchen Städten, namentlich dem 
makedonischen Amphipolis, fand man den Gräbern 
Statuetten aus Terrakotta beigegeben, welche den Hir- 
ten Attis darstellen 2*; und bis nach Germanien hinein 
sind die Grabsteine häufig mit dem Bilde eines jungen 
Mannes in orientalischer Tracht geschmückt, der sich 
traurig auf einen Knotenstock (pedum) lehnt, imd in 
dem man ebenfalls Attis wiedererkannt hat. Cybele ist 
die „Mutter des Heils**, die den geläuterten Seelen ihrer 
Gläubigen eine nie endende Glückseligkeit verheißt.^* 
Allerdings wissen wir nicht, wie sich die morgenländi- 
schen Jünger der phrygischen Priester die Seligkeit 
im Jenseits dachten. Vielleicht glaubten sie wie die 



72 



Kleinasien 



Anhänger des Sabazius, daß die Seligeii unter der Füh- 
rung des Hermes Psychopompos zu einem großen Fest 
im Himmel geladen seien, auf das die heiligen Mahl- 
zeiten der Mysterien vorbereiten sollten.** 



* sü 



Was aber dieser importierten Religion jedenfalls 
auch einen erheblichen Einfluß verlieh, das war dei* 
bereits hervorgehobene Umstand, daß sie offiziell an- 
erkannt war. Sie hatte demnach unter allen, die aus 
dem Orient gekommen waren, eine bevorzugte Stel- 
lung, wenigstens im Anfange der Kaiserzeit. Sie er- 
freute sich nicht nur widerruflicher und beschränkter 
Duldung; sie war nicht der Willkür der Polizei und 
dem Koerzitionsrechte der Magistrate preisgegebeti; 
ihren Bruderschaften drohte nicht beständig die Auf- 
lösung und ihren Priestern die Verbannung. Sie war 
öffentlich autorisiert und dotiert, ihre Feste standen 
im Kalender der Pontifices verzeichnet, ihre Dendro- 
phorengenossenschaften waren in Italien wie in der 
Provinz Organe des munizipalen Lebens und besaßen 
die Rechte juristischer Peräonen. 

Auch konnte es nicht tiberraschen, daß die anderen 
in Rom eingewanderten Fremdkulte sich gegen die Ge- 
fahren einer ungesetzlichen Existenz durch ein Bünd- 
nis mit der Großen Mutter zu schützen suchten. In 
sehr vielen Fällen gab diese gern ihre Zustimmung zu 
Abkommen und Verträgen, durch welche sie iii Wirk- 
lichkeit ebensoviel empfing als gab. Als Entgelt für 
materielle Vorteile erhielt sie die ganze moralische Auto- 
rität der Götter, die sich ihrem Patronat unterstellten. 
Cybele und Attis hatten somit die Tendenz, die meisten 
kleinasiatischen Gottheiten zu absorbieren, welche das 



Der phrygische Kult als offizielle Religion 73 

Ionische Meer überschritten. Ihr Klerus suchte jedenfalls 
eine Religion zu schaffen, die umfassend genug war, 
um alle die Menschen, welche aus den verschiedenen 
Landschaften der großen Halbinsel in die Ferne ge- 
zogen waren, Leute jeden Standes, Sklaven, Kaufleute, 
Soldaten, Beamte und Gelehrte, ihre angestammten und 
bevorzugten frommen Vorstellungen und Bräuche in 
ihr wiederfinden zu lassen. Und in der Tat hat kaum 
eine andere anatolische Gottheit ihre Unabhängigkeit 
neben Cybele und Attis aufrechterhalten können.*^ 

Wir kennen die innere Entwickiimg der phrygischen 
Mysterien nicht mehr genau genug, um das allmähliche 
Anwachsen aller dieser Zutaten Schritt für Schritt ver* 
folgen zu können. Aber man vermag wenigstens den 
Beweis zu fähren, daß gewisse Kulte sich an den an- 
schlössen, welchen man seit der Republik in dem Tempel 
auf dem Palatin ausübte. 

Attis trägt in den Weihinschriften des vierten Jahr- 
himderts den Beinamen menotyrannus. Man erklärte 
diesen Titel in der genannten Zeit ohne Zweifel dahin, 
daß er „Herr der Monate** bedeute. Attis .wurde somit 
als die Sonne aufgefaßt, welche jeden Monat in ein neues 
Zeichen des Tierkreises eintritt.*^ Aber dies ist nicht 
der ursprüngliche Sinn des Ausdrucks, denn „Men ty* 
tannos** wird mit ganz anderer Bedeutung in zahl- 
reichen kleinasiatischen Inschriften erwähnt. Tupavvoc, 
Herr, ist ein Wort, welches die Griechen dem Lydi- 
schen entlehnten, und man ehrte mit diesem Titel den 
Men, eine alte barbarische Gottheit, die in ganz Phry- 
gien und den benachbarten Gauen angebetet wurde.** 
Die anatolischen Stämme von Karlen bis zum Fuße der 
pontischen Gebirge verehrten unter diesem Namen einen 
Mondgott, der gleichzeitig als Herrscher sowohl über 



74 



Kleinasien 



den Himmel als über die Unterwelt galt, wie ja denn 
das Gestirn, das die Nacht regiert, oft in Beziehung zu 
dem dunkeln Reiche der Toten gesetzt worden ist. 
Seinem himmlischen Einfluß schrieb man das Wachs- 
tum der Pflanzen, das Gedeihen des Viehes und des Ge- 
flügels zu, und die Dorfbewohner riefen ihn an als den 
Schirmherm ihrer Koppeln und ihrer Mark. Auch 
stellten sie ihre ländlichen Grabstätten unter den Schutz 
dieses Königs der Schatten. Keiner war volkstümlicher 
in bäuerlichen Kreisen als er. 

Dieser mächtige Gott gelangte frühzeitig nach Grie- 
chenland. Unter der gemischten Bevölkerung der Hafen- 
orte am Ägäischen Meer, im Piräus, in Rhodos, Delos, 
Thasos bildeten sich religiöse Genossenschaften zum 
Zwecke seiner Verehrung. In Attika, wo seine An- 
wesenheit seit dem vierten Jahrhundert zu konstatieren 
ist, traten seine Denkmäler nach Zahl und Mannig- 
faltigkeit neben die der Cybele. Im lateinischen Abend- 
lande findet man dagegen keine Spur seines Kultes. 
Warum? — Weil er von dem der Magna Mater ab- 
sorbiert wurde. Selbst in Asien waren Attis und Men 
bisweilen als identisch angesehen worden, und diese 
alte Annäherung gestattete es, diese beiden in Wirk- 
lichkeit sehr verschiedenen Persönlichkeiten in Rom 
vollständig miteinander zu verschmelzen. Eine in Ostia 
entdeckte Marmorstatue zeigt uns Attis, wie er den zu- 
nehmenden Mond trägt, der das charakteristische Attri- 
but des Men ist. Seine Ähnlichkeit mit dem „Tyrannen** 
der unterirdischen Regionen mußte die Verwandlung 
des Hirten vom Ida in den Herrn der Totenwelt herbei- 
führen, und diese neue Funktion paßte sehr gut zu der, 
welche er als Urheber der Auferstehung bereits ver- 
waltete. 



Men — Das Judentum j^ 

Ein zweiter Titel, den er erhielt, läßt auf einen anderen. 
Einfluß schließen. Eine römische Inschrift ist Attis, dem 
SehrHohen oder demHöchsten,''ATT€i uMikTtfi, gewidmet'^ 
Dieses Epitheton ist sehr charakteristisch. „Hypsistos" 
ist in Kleinasien die Bezeichnung für den Gott Israels.^i 
Dort hatten sich zahlreiche heidnische Thiasen gebildet, 
die, ohne sich allen Vorschriften der Synagoge zu unter- 
werfen, dennoch dem Sehr Hohen, dem höchsten Gott, 
dem ewigen Gott, dem Schöpfergott, dem alle Sterb- 
lichen zu huldigen verpflichtet waren, einen exklusiven 
Kultus widmeten. Genau so faßt der Autor jener Weih- 
inschrift den Gefährten der Cybele auf, denn der Vers 
lautet weiter : Km cuv^xovti tö träv, „dir, der du alle Dinge 
umfassest und erhältst* '.^^ Müssen wir daraufhin an- 
nehmen, daß der hebräische Monotheismus die My- 
sterien der Großen Mutter irgendwie beeinflußt hat? 
Die Sache ist keineswegs unwahrscheinlich. Wir wissen, 
daß zahlreiche jüdische Kolonien von den Seleukiden 
in Phrygien gegründet wurden, und daß diese israeli- 
tischen Exulanten sich zu Zugeständnissen bequemten, 
um ihren väterlichen Glauben nwt dem der Heiden zu 
versöhnen, in deren Mitte sie lebten. Möglicherweise 
könnte auch der Klerus von Pessinus seinerseits den 
Einfluß der biblischen Theologie erfahren haben. Attis 
und Cybele sind unter den Kaisem die „allmächtigen 
Götter** {omnipotentes) par exellence geworden, und 
es hält schwer, in dieser neuen Auffassung nicht eine 
Anleihe bei der semitischen oder der christlichen, aller 
Wahrscheinlichkeit nach der semitischen Gedankenwelt 
zu erblicken.33 

Wir berühren hier ein sehr verwickeltes Problem: 
welchen Einfluß konnte das Judentum in der alexan- 
drinischen Epoche und im Beginn der Kaiserzeit auf 



^6 Kkinasien 

die Mysterien ausüben? Man hat sich oft um den 
Nachweis bemüht, inwiefern die heidnischen Glaubens- 
gedanken auf di^ jüdischen eingewirkt hätten; man 
hat aufgezeigt, wie der israelitische Monotheismus in 
Alexandrien hellenisiert wurde, und wie die jüdische 
Propaganda um die Synagogen Scharen von Proselyten 
sammelte, die — ohne sich an das ganze jüdische Ge- 
setz zu binden — dennoch an den Einen Gott glaubten. 
Aber man hat noch nicht den Versuch gemacht, oder es 
ist wenigstens noch nicht gelungen, genauer zu be- 
stimmen, bis zu welchem Grade das Heidentum durch 
eine Infiltration biblischer Vorstellungen modifiziert 
worden ist. In irgendwelchem Maße mußte sich diese 
Umwandlung notwendig vollziehen. Über das ganze 
Mittelmeerbecken war eine so beträchtliche Anzahl von 
jüdischen Kolonien zerstreut, und diese waren von jeher 
so eifrig darauf bedacht, Proselyten zu machen, daß sie 
den in ihrer Umgebung wohnenden Heiden unbedingt 
einige ihrer Vorstellungen übermitteln mußten. Die 
magischen Texte — fast die einzigen literarischen Ori- 
ginalurkunden des Heidentums, die wir besitzen — be- 
zeugen klar und deutlich diese Vermischung der jüdi- 
schen Theologie mit der der anderen Völker. Die Namen 
Jao (Jahwe), Sabaoth oder der Engel finden sich hier 
häufig neben denen äg^tischer imd griechisdier Gott- 
heiten. Besonders in Kleinasien, wo die Israeliten ein 
bedeutsames und einflußreiches Element der Bevölke- 
rung bildeten, mußte sich eine wechselseitige Durch- 
dringung der alten einheimischen Traditionen und der 
Religion der Fremden vollziehen, die von der anderen 
Seite des Taurus gekommen waren. 

Diese Mischung vollzog sich jedenfalls in den mit 
dem Kult des Attis verwandten Mysterien eines Gottes, 



Sabazius 



77 



der oft mit diesem verwechselt wurde, des phrygischen 
Jupiter oder Dionysos, Sabazius.^^ Diese alte Gottheit 
der thrakisch-phrygischen Stämme wurde vermöge einer 
kühnen Etymologie, die bis in die hdlemstische Epoche 
zurückreicht, mit dem biblischen Jahwe Zebaoth, dem 
„Gott derHeersdiaren** identifiziert. Der KÜpioc ZaßaiwG 
der Septuaginta wurde als das Äquivalent des barba- 
rischen Kuptoc Zaßdlioc betrachtet. Dieser wurde als 
der höchste, allmächtige und heilige Herr angebetet. 
Die in diesen Mysterien von jeher vollzogenen Reinigun- 
gen, durchweiche man sich von erblichen Befleckimgen 
zu befreien glaubte, die nach primitiver Vorstellung 
die gesamte Nachkommenschaft eines schuldigen Vor- 
fahren unrein machten und den Zorn des Himmels auf 
sie herabriefen, konnten nach einer neuen Auslegung 
als Heilmittel gegen die Erbsünde betrachtet werden, 
mit welcher der Ungehorsam Adams die Menschheit 
belastet hatte. Der von den Sabaziasten geübte Brauch, 
Votivhände darzubringen, welche unter Ausstreckung 
der drei ersten Finger die liturgische Geste der Segnung 
machen — die benedictio latina der Kirche — war ver- 
mutlich durch Vermittlung der Juden dem Ritual der 
semitischen Tempel entlehnt. Die Eingeweihten glaub- 
ten ferner, inmier wie die Juden, daß ihr guter Engel 
(bonos angelus) sie nach ihrem Tode zum Festmahl 
der Seligen geleiten würde, dessen ewige Freuden die 
liturgischen Mahlzeiten hier auf Erden weissagend ab- 
bildeten. Man sieht dieses Festmahl im Jenseits auf 
einer Freske dargestellt, die das Grab eines Sabazius- 
priesters namens Vincentius schmückt, welcher in der 
christlichen Katakombe des Prätextatus beigesetzt wurde 
— ein seltsames Faktum, dessen befriedigende Erklä- 
nmg noch nicht gelungen ist. Ohne Zweifel gehörte er 



'j 8 Kleinasien 

zu einer jüdisch-heidnischen Sekte, die zu ihren mysti- 
schen Zeremonien Neophyten jeder Rasse zuließ. Bildete 
nicht auch die Kirche anfänglich eine geheime Ge- 
nossenschaft, die zwar der Synagoge entsprossen, aber 
von ihr getrennt war und die die Heiden wie die Kinder 
Israels zu gemeinsamer Anbetung vereinte? 

Wenn demnach der Einfluß des Judentiuns auf den 
Sabaziuskult außer Zweifel steht, so hat er wahr- 
scheinlich auch auf den Cybeledienst gewirkt, obgleich 
man ihn hier nicht so sicher feststellen kann. Doch 
nicht nur von Palästina hat der letztgenannte die Keime 
neuer Gestaltungen empfangen; er wurde vielmehr 
gründlich umgewandelt, als sich die Götter eines noch 
weiter entfernten Landes zu ihm gesellten, nämlich die 
persischen. In der alten Religion der Achämeniden 
bildet Mithra, der Genius des Lichtes, ein Paar mit 
Anähita, der Göttin der befruchtenden Gewässer. In 
Kleinasien wurde diese der fruchtbaren Großen Mut- 
ter angeglichen, die auf der ganzen Halbinsel verehrt 
wurde »^ und als sich gegen Ende des ersten Jahr- 
hunderts unserer Zeitrechnung die mithrischen Myste- 
rien in den lateinischen Provinzen verbreiteten, da er- 
bauten ihre Anhänger ihre heiligen Krypten im Schat- 
ten der Tempel der Magna Mater. Die beiden Relir 
gionen lebten im ganzen römischen Reiche in inniger 
Gemeinschaft miteinander. Indem sich die Priester des 
Mithra des Wohlwollens ihrer phrygischen Kollegen 
versicherten, erhielten sie — wir haben gesehen warum 
— den Schutz einer offiziellen Einrichtung und nahmen 
an den Vergünstigungen teil, welche der Staat dieser 
gewährte. Femer durften, wenigstens im Abendlande, 
nur die Männer sich an den geheimen Zeremonien des 
persischen Gottesdienstes beteiligen; mithin mußten 



Anähita 



79 



andere Mysterien, bei denen die Frauen zugelassen wur- 
den, mit jenen verbunden werden, um sie zu ergänzen. 
Die der Cybele nahmen die Frauen und Töchter der 
Mithriasten auf. 

Dieses Bündnis hatte für den alten Kult von Pessinus 
noch bedeutsamere Folgen als das teilweise Eindringen 
jüdischer Gedanken. Seine Theologie erhielt einen tie- 
feren Sinn und einen höheren Schwung, als er gewisse 
Vorstellungen vom Mazdaismus übernommen hatte. 

Mit dieser Umwandlung ist höchstwahrscheinlich die 
Einführung des Tauroboliums in das Ritual der Magna 
Mater verknüpft, in dem es sich seit der Mitte des 
zweiten Jahrhunderts findet. Es ist bekannt, worin 
dieses Opfer besteht, von dem uns Prudentius, der ihm 
jedenfalls als Augenzeuge beiwohnte, eine packende 
Schilderung hinterlassen hat.'* Der in einer Höhlung 
verborgene Myste empfing das Blut eines Stieres, der 
über ihm auf einem durchlöcherten Bretterfußboden 
geschlachtet wurde. „Durch die tausend Ritzen des 
Holzes**, sagt der Dichter, „rinnt der blutige Tau in die 
Grube. Der Geweihte bietet sein Haupt all den herab- 
fallenden Tropfen dar, er setzt ihnen seine Kleider und 
seinen ganzen Körper aus, den sie besudeln. Er beugt 
sich rücklings, damit sie seine Wangen, seine Ohren, 
seine Lippen, seine Nase treffen; er benetzt seine Augen 
mit dem Naß, ja er schont nicht einmal seinen Gaumen, 
sondern fängt das schwarze Blut mit der Zunge auf und 
schlürft es gierig.** Nachdem er seine widerwärtige Be- 
sprengung erhalten hatte, bot der Zelebrant oder viel- 
mehr der Patient sich der Verehrung der Menge dar. 
Denn man glaubte durch diese Bluttaufe von seinen 
Sünden rein und der Gottheit gleich zu werden. 

Obwohl der eigentliche Ursprung dieses Opfers, wel- 



go Kleinasien 

ches auf die eben geschilderte Weise in Rom als Be- 
standteil der Cybelemysterien gefeiert wurde, noch sehr 
dunkel ist, so kann man doch, dank den neueren Ent- 
deckungen, die einzelnen Phasen seiner Entwicklung 
imgefähr skizzieren. 

Nach einer zur Urzeit im ganzen Orient verbreiteten 
Sitte vergnügten sich die Herren Anatoliens in femer 
Vergangenheit damit, die wilden Büffel mit dem Lasso 
zu jagen und zu fangen, die sie dann den Göttern dar- 
brachten. Das Tier, welches man auf der Jagd erlegt 
hatte, wurde geopfert, wie es oft auch mit dem Kriegs- 
gefangenen geschah. Allmählich milderte sich die Ro- 
heit dieses primitiven. Brauches, und er reduzierte sich 
auf ein bloßes Zirkusspiel. In der alexandrinischea 
Epoche begnügte man sich damit, in der Arena eine 
corrida zu veranstalten, bei welcher man sich des zum 
Opfer bestinunten Tieres bemächtigte. Dies ist der 
eigentliche Sinn der so lange rätselhaft gebliebenen 
Wörter Taurobolium und Kriobolium(TaupoßöXiov, Kpio- 
ßöXiov)^^. Sie be^ichneten die Erlegung eines Stieres 
oder eines Widders mit einer Wurf waffe, wahrschein- 
lich dem Riemen eines Lassos. Dieser Akt selbst 
schrumpfte zweifellos in der römischen Kaiserzeit zu 
einer bloßen Scheinhandlung zusanunen, aber man be- 
diente sich noch immer zur Tötung des Tieres einer 
Jagdwaffe, eines heiligen Speers.^^ 

Die Idee, welche dem Opfer zugrunde lag, war lu:- 
sprünglich ebenso barbarisch wie dieses selbst. Nach 
einem bei wilden Völkern sehr verbreiteten Glauben 
erhält man dadurch, daß man das Blut eines im Kampfe 
gefallenen Feindes oder eines auf der Jagd erlegten 
Tieres trinkt oder sich damit wäscht oder auch etwas 
von seinen Eingeweiden verzehrt, die Eigenschaften 



Das Taurobolium 8i 

des Getöteten selbst. Namentlich das Blut ist oft als 
der Sitz der Lebenskraft betrachtet worden. Indem 
der Offiziant sich von dem Blute des geschlachteten 
Stieres überströmen ließ, gla^ubte er die Kraft des 
furchtbaren Tieres seinen Gliedern einzuverleiben. 

Diese naive, rein materialistische Vorstellung läuterte 
sich bald. In Phrygien verkündeten und verbreiteten 
die Thraker, in Kappadokien die persischen Magier 
den Glauben an die Unsterblichkeit des menschlichen 
Wesens, Unter ihrem Einfluß, namentlich unter dem 
des Mazdaismus, nach welchem ein mythischer Stier 
der Urheber der Schöpfung' und der Auferstehung ist, 
gewann der alte wilde Brauch eine geistigere und er- 
habenere Bedeutung. Man meinte nicht mehr, indem 
man sich ihm unterzog, die Stärke eines Büffels zu er- 
halten; nicht mehr die Erneuerung der physischen 
Energie durch das Blut, das Prinzip des Lebens, be- 
trachtete man als den Zweck jener Handlung, sondern 
die zeitweilige oder sogar ewige Wiedergeburt der 
Seele. Der Hinabstieg in die Grube wird als Begräbnis 
aufgefaßt; eine Trauerweise begleitet die Beerdigung 
des alten Menschen, der nun stirbt. Wenn er dann aber, 
dank der blutigen Besprengung von allen seinen Sün- 
den gereinigt, wieder zu neuem Leben gelangt ist, so 
betrachtet man ihn als gottgleich, und die Menge betet 
ihn ehrfurchtsvoll aus der Ferne an.^^ 

Der Erfolg, den die Ausübung dieses abstoßenden 
Brauches im römischen Reiche erzielte, erklärt sich nur 
durch die außerordentliche Wirkung, welche man der 
geschilderten Bluttaufe zuschrieb. Wer sich ihr unter- 
zieht, wird — wie die Inschriften besagen — in aeter- 
num renatus.^^ 

Ebenso könnte man die Wandlungen anderer phry- 

Camont, Die orientaL Religionen 6 



82 Kleinasien 

gischer Zeremonien skizzieren^ die sich, wenn nicht 
dem Buchstaben, so doch dem Geiste nach unter 
der Einwirkung fortgeschrittenerer sittlicher Anschau- 
ungen allmählich änderten. Dies gilt z. B. von den hei- 
ligen Mahlen, welche die Eingeweihten zu feiern pfleg- 
ten. Eine der wenigen liturgischen Formeln, welche 
das Altertum uns hinterlassen hat, bezieht sich auf diese 
phrygischen Agapen. Man sang in einem Hymnus: 
„Ich habe vom Tamburin gegessen, ich habe aus der 
Zymbel getrunken, ich bin Myste des Attis geworden.** 
Das festliche Mahl, welches man in mehreren orienta- 
lischen Religionen wiederfindet, ist bisweilen einfach 
das äußere Zeichen dafür, daß die Verehrer derselben 
Gottheit eine große Familie bilden. Der Neuling, wel- 
cher Zutritt zu dem heiligen Tische erhält, wird als 
Gast der Gemeinde begrüßt und als Bruder unter Brü- 
dern. Das religiöse Band des Thiasos oder des sodalicium 
tritt an die Stelle der natürlichen Verwandtschaft der 
Familie, der gens^ des Clan, wie der fremde Kult den 
des häuslichen Herdes ersetzt. Zuweilen erhofft man 
auch andere Wirkungen von der gemeinschaftlich ge- 
nossenen Nahrung : man verzehrt das Fleisch eines als 
göttlich angesehenen Tieres und glaubt sich so mit dem 
Gotte selbst zu identifizieren und an seinem Wesen imd 
seinen Charaktereigenschaften teilzunehmen. Dies ist 
wahrscheinlich die erste Bedeutung, welche die phry- 
gischen Priester vor Alters ihrer barbarischen Kom- 
munion beilegten.*! Aber gegen das Ende der Kaiser- 
zeit verbanden sich mit dem Genuß der heiligen Speisen 
und Getränke, die man von dem Tamburin und aus der 
Zymbel des Attis zu sich nahm, vorzugsweise mora- 
lische Ideen. Sie werden zur Nahrung des geistlichen 
Lebens und sollen den Geweihten in den Prüfungen des 



Heilige Mahle 83 

Lebens stärken, der in dieser Zeit die Götter vor allem 
als „die Hüter seiner Seele und seiner Gedanken** be- 
traclitet.*^ 

So haben all die Wandlungen, welche das Denken 
über die Welt und den Menschen in der Gesellschaft 
der Kaiserzeit erfuhr, sich in der Lehre der Mysterien 
abgespiegelt. Selbst die Vorstellung, die man sich von 
den alten Pessinuntischen Gottheiten macht, verändert 
sich beständig. Als, namentlich unter dem Einfluß der 
Astrologie und der semitischen Kulte, ein solarer Heno- 
theismus in Rom die herrschende Religion geworden 
war, da wurde Attis als der Sonnengott betrachtet, der 
am Himmel „der Hirt der funkelnden Sterne** ist. Man 
identifizierte ihn mit Adonis, Bacchus, Pan, Osiris; Mi- 
thra; man machte aus ihm ein „polymorphes** *3 Wesen, 
in dem alle himmlischen Kräfte sich abwechselnd ma- 
nifestierten, einen „Pantheos**, der gleichzeitig die 
Strahlenkrone und den wachsenden Mond trug, und 
dessen verschiedene Attribute seine unendlich mannig- 
faltigen Funktionen bezeichneten. 

Als der Neuplatonismus zur Herrschaft gelangte, 
wurde die phrygische Legende die traditionelle Form, 
in welche subtile Exegeten kühn ihre philosophischen 
Spekulationen über die schöpferischen und befruchten- 
den Kräfte, die Prinzipien aller materiellen Erscheinun- 
gen, und über die Befreiung der in das Verderben die- 
ser irdischen Welt versunkenen göttlichen Seele gössen. 
In den nebelhaften Diskursen Julians über die Götter- 
mutter läßt die Überspannung der Allegorie diesen 
enthusiastischen Geist schließlich jede Fühlung mit der 
Wirklichkeit einbüßen, und von einem zügellosen Sym- 
bolismus fortgerissen, verliert er den Boden unter den 
Füßen.** 

6* 



84 Kleinasien 

Eine Religion^ die äußeren Einwirkungen so zu- 
gänglich war wie diese^ mußte notwendigerweise auch 
den Einfluß des Christentums erfahren. Wir wissen aus 
den bestimmten Angaben der kirchlichen Schriftsteller, 
daß man die phrygischen Mysterien den kirchlichen 
entgegenstellen wollte. Man behauptete, daß die blu- 
tige Reinigung des Tauroboliums wirksamer sei als die 
Taufe; die Nahnmgsnwttel, welche man bei den mysti- 
schen Mahlzeiten aß und trank, wurden mit dem Brot 
und dem Wein der Kommunion verglichen; die Mutter 
der Götter wurde über die Mutter Gottes erhoben, deren 
Sohn in ähnlicher Weise auf erweckt worden war. Ein 
christlicher Autor, der gegen 37 5 n.Chr. in Rom schrieb, 
macht hierzu eine sehr beachtenswerte Bemerkung. Am 
24. März, dem dies sanguiniSy beging man, wie wir ge- 
sehen haben, eine Trauerfeier, bei welcher die Galli 
ihr Blut verspritzten /und bisweilen sich verstümmelten 
zum Gedächtnis an die Verwundung, welche den Tod 
des Attis verursacht hatte, imd man schrieb dem auf 
solche Weise vergossenen Blute eine versöhnende und 
erlösende Kraft zu. Die Heiden behaupteten infolge- 
dessen, daß die Kirche ihre heiligsten Riten nach- 
geahmt hätte, indem sie, wie jene, aber nach ihnen, 
um die Zeit des Frühlingsäquinoktiums ihre Karwoche 
feierte, zur Erinnerung an das Opfer am Kreuz, bei wel- 
chem das Blut des Lammes Gottes ihrer Angabe nach 
die Menschheit erlöst habe. St. Augustinus, der sich 
über diese gotteslästerliche Anmaßung entrüstet, er- 
zählt, daß er einen Cybelepriester gekannt habe, der 
dabei blieb : Et ipse Pileatas christianus est. „Der Gott 
in der phrygischen Mütze,'* d.h. Attis, „ist ebenfalls 
ein Christ.'**^ 

Aber alle Anstrengungen, einen barbarischen, von 



Die Philosophie — Das Christentum 85 

sittlichem Verfall heimgesuchten Kultus zu erhalten, 
waren vergeblich. An derselben Stätte, wo man um 
die Neige des vierten Jahrhunderts in dem Phrygianum 
die letzten Taurobolien vollzog, erhebt sich heute die 
Basilika des Vatikans. 



Es gibt keine orientalische Religion, deren fort- 
schreitende Entwicklung wir in Rom so genau ver- 
folgen können wie die des Cybele- und Attiskultes, 
und keine, bei der so deutlich eine der Ursachen her- 
vortritt, welche ihren gemeinsamen Verfall und ihr Ver- 
schwinden herbeigeführt haben. Alle wurzeln in einer 
uralten Zeit der Barbarei und haben aus ihrer wilden 
Vergangenheit eine Menge von Mythen überkommen, 
deren abstoßender Inhalt durch philosophischen Sym- 
bolismus wohl zu vertuschen, aber nicht zu beseitigen 
war, und Bräuche, deren rohen Charakter, das Über- 
lebsei eines primitiven Naturalismus, alle mystischen 
Erklärungen nur schlecht bemäntelten. Nirgends ist 
der Zwiespalt zwischen den moralisierenden Tendenzen 
der Theologen und der grausamen Schamlosigkeit der 
Tradition so deutlich zu bemerken. Ein Gott, den man 
zum erhabenen Herrn des Weltalls machen wollte, war 
der bemitleidenswerte und verächtliche Held eines ob- 
szönen Liebesabenteuers; das Taurobolium, welches die 
höchste Sehnsucht des Menschen, die nach Reinheit 
und Unsterblichkeit der Seele befriedigen wollte, erwies' 
sich als ein Blutbad, das an irgendeine kannibalische 
Orgie denken ließ. Die Gebildeten und die Senatoren, 
welche an diesen Mysterien teilnahmen, sahen dabei ge- 
schminkte Eunuchen ihres Amtes walten, denen man 
ihren schändlichen Lebenswandel zum Vorwurf machte. 



86 Kleinasien 

und die sich schwindelerregenden Tänzen überließen, 
welche an das Gebaren sich im Wirbel drehender Der- 
wische und Aissauas gemahnten. Man versteht die Ab- 
neigung, welche diese Zeremonien allen einflößten, 
deren Urteil nicht durch fanatische Devotion getrübt 
war. Es gibt keine heidnische Superstition, von der die 
christlichen Polemiker mit rückhaltloserer Verachtung 
sprechen, und zweifellos mit Recht. Aber sie selbst 
waren auch nicht gezwungen, ihren neuen Wein in die 
alten Schläuche zu gießen, und alle Schändlichkeiten, 
'welche dieser alten phrygischen Religion anhaften moch- 
ten, dürfen uns nicht ungerecht gegen sie machen und 
uns die langjährigen Anstrengungen übersehen lassen, 
welche den Zweck verfolgten, sie nach und nach zu 
läutern imd ihr eine Form zu geben, die es ihr ermög- 
lichte, den neuen sittlichen Anforderungen zu genügen 
imd der römischen Gesellschaft auf dem beschwerlichen 
Wege des religiösen Fortschritts zu folgen. 



*\ 



IV. 

ÄGYPTEN 

Von allen Religionen des Altertums ist uns keine so 
gut bekannt wie die der Ägypter. Man kann ihre Ent- 
wicklung durch drei oder vier Jahrtausende verfolgen, 
die heiligen Texte, mythische Erzählungen, Hymnen, 
Rituale, das Totenbuch, in ihrer ursprünglichen Ge- 
stalt lesen und die verschiedenen Vorstellungen unter- 
scheiden, welche sie sich von dem Wesen der höheren 
Mächte und dem zukünftigen Leben machte; imzählige 
Denkmäler haben uns die Bildnisse der einzelnen Gott- 
heiten und Darstellungen von liturgischen Akten über- 
liefert; eine Menge von Inschriften und Papyri unter- 
richten uns über die priesterliche Organisation der wich- 
tigsten Tempel. Es könnte scheinen, als ob diese un- 
ermeßliche Fülle der Quellen aller Art, an deren Ent- 
zifferung seit fast einem Jahrhundert ununterbrochen 
gearbeitet wird, jede Ungewißheit über den Glauben 
der alten Ägypter beseitigt und uns in den Stand gesetzt 
habe, die Entstehung und die ursprünglichen Eigen- 
tümlichkeiten des Kultus, den die Griechen und die 
Römer von den Untertanen der Ptolemäer entlehnt 
haben, klar zu erkennen. 

Und dennoch ist dem nicht so. Zwar ist unter den 
vier großen orientalischen Religionen, welche in den 
Okzident verpflanzt wurden, die der Isis und des Serapis 
zweifellos diejenige, bei der sich die vorhandenen Be- 



88 Ägypten 

Ziehungen zu den alten Kulten ihres ersten Vaterlandes 
am besten feststellen lassen, aber wir wissen erst sehr 
unvollkommen, wie sie ursprünglich entstand und wie 
sie vor der Kaiserzeit beschaffen war, in der sie eine 
so bedeutende Rolle spielen sollte. 

Eine Tatsache indessen erscheint gesichert: der ägyp- 
tische Kultus, der sich in der griechisch-römischen Welt 
verbreitete, ging von dem Serapeum in Alexandrien 
aus, welches Ptolemäus Soter gegründet hatte, ähnlich 
wie das Judentum von dem Tempel zu Jerusalem. Aber 
die früheste Geschichte dieses berühmten Heiligtums 
ist von einer solchen Fülle frommer Legenden über- 
wuchert, daß die scharfsinnigsten Forscher sich nicht 
in dieser Wildnis zurechtfinden konnten. War Serapis 
ein einheimischer Gott oder stammte er aus Sinope, aus 
Seleucia oder sogar aus Babel ? Jede dieser Meinungen 
hat bis in die neueste Zeit ihre Vertreter gefunden. Ist 
sein Name von dem des ägyptischen Gottes Osiris-Apis 
oder dem des chaldäischen Sar-Apsi abgeleitet? Oram- 
matici certanty 

Doch welche Lösung man auch annehmen mag, dar- 
über herrscht Einstimmigkeit : Serapis und Osiris waren 
entweder von Anfang an identisch oder sie wurden so- 
fort miteinander identifiziert. Die Gottheit, deren Kul- 
tus der erste Ptolemäer in Alexandrien einführte, ist 
die, welche über die Toten herrscht und diese an ihrer 
eigenen Unsterblichkeit teilnehmen läßt. Es ist ein 
durchaus ägyptischer Gott, der populärste von allen 
Göttern des Niltales. Schon Herodot berichtet uns, daß 
Isis und Osiris von allen Einwohnern des Landes geehrt 
wurden, und ihre traditionellen Feste enthielten ge- 
heimnisvolle Zeremonien, deren heilige Bedeutung der 
griechische Schriftsteller nicht zu enthüllen wagt.^ 



Isis und Serapis 3q 

Ebenso nahmen die Ägypter ohne Schwierigkeit den 
neuen Kult des Serapis an^ in dem sie ihren Osiris 
wiedererkannten. Es war bei ihnen von jeher üblich ge- ' 
wesen, daß eine neue Dynastie auch einen neuen Gott 
einführte oder dem Gott desGaus^ aus dem sie stammte, 
eine gewisse bevorzugte Stellung einräumte. Die Po- 
litik hatte !stets mit dem irdischen Regiment gleich- 
zeitig auch das himmlische wechseln lassen. Der alexan- 
drinische Serapis wurde natürlich unter den Ptolemäem 
eine der Hauptgottheiten des Landes, ebenso wie unter 
den Pharaonen von Theben der Ammon dieser Stadt 
das Haupt der hinunlischen Hierarchie gewesen, oder 
imter den Dynasten von Sais die lokale Neit zu souve- 
räner Bedeutung gelangt war. In der Zeit der Antonine 
zählte man in Ägypten 42 Serapeen.* 

Aber der Zweck der Ptolemäer war nicht, der un- 
zähligen Menge von ägyptischen Göttern, die bereits 
von ihren Untertanen verehrt wurden, noch einen wei- 
teren hinzuzufügen. Sie wollten, daß dieser Gott die 
beiden Rassen, die ihr Land belohnten, zu gemein- 
samer Anbetung vereinen und dadurch ihre Vermischung, 
fördern sollte. Die Griechen sollten ihm dienen wie die 
Eingeborenen. Es war eine fruchtbare politische Idee, 
in Alexandrien einen ägyptisch-hellenistischen Gottes- 
dienst einzurichten. Eine von Plutarch* aufbewahrte 
Überlieferung behauptet, daß ein den neuen Ideen zu- 
gänglicher Priester von Heliopolis, Manetho, und ein 
Eumolpide aus Eleusis, Timotheos, zusammen über den 
Charakter nachgedacht hätten, den man dem neuen 
Ankönunling geben müßte. Und in der Tat ist es wohl 
eine Kombination des alten Glaubens der Pharaonen 
mit den Mysterien Griechenlands, welche die von den 
Lagiden begründete Mischreligion kennzeichnet. 



90 Ägypten 

Zunächst — und das bedeutete eine tiefgreifende 
Wandlung — war die liturgische Sprache nicht mehr 
das Idiom des Landes, sondern das Griechische. Der 
Philosoph Demetrius von Phaleron, der durch Serapis 
von seiner Blindheit geheilt war, verfaßte zu seiner 
Ehre Päane, die noch Jahrhunderte später unter den 
Cäsaren gesungen wurden.^ Die von den Ptolemäem 
besoldeten Dichter wetteiferten, wie man sich denken 
kann, in der Verherrlichung des Gottes ihrer Wohl- 
täter, und die alten, aus dem Ägyptischen übersetzten 
Rituale wurden noch mit erbaulichen Zusätzen von 
originalem Gehalt bereichert. Obwohl von jüngerem 
Datum, vermag ein Hymnus zu Ehren der Isis, der 
sich auf der Insel Andros in Marmor eingegraben 
fand«, uns doch eine annähernde Vorstellimg von 
diesen heiligen Kompositionen zu geben. 

Zweitens ersetzten die Künstler die alten hieratischen 
Idole durch ansprechendere Bilder und liehen ihnen 
die Schönheit der Unsterblichen. Es ist nicht bekannt, 
wer den Typus der Isis geschaffen hat, die, mit einem 
linnenen Kleide angetan und in einen mit Fransen be- 
setzten, auf der Brust zusammengeknüpften Mantel ge- 
hüllt, mit ihren holden und sinnenden, anmutigen und 
erhabenen Zügen dib Idealgestalten Heras und Aphro- 
dites in sich vereinigt. Aber wir kennen den Schöpfer 
der ersten Serapisstatue, die bis zum Untergange des 
Heidentums in dem großen Heiligtum zu Alexandrien 
sland. Diese Statue, der Prototyp aller auf uns ge- 
langten Repliken, ein in kostbarem Material ausgeführtes 
Kolossalbild, rührte von einem berühmten athenischen 
Bildhauer, Bryaxis, einem Zeitgenossen des Skopas, her. 
Es war eine der letzten göttlichen Schöpfungen des 
hellenischen Genius. Das majestätische Haupt mit seinem 



Beziehungen zu Griechenland qi 

zugleich schwermütigen und wohlwollenden Ausdruck, 
von üppigem Gelock überschattet und eine tschacko- 
artige Kopfbedeckung tragend, erinnerte an den Doppel- 
charakter des Gottes, der gleichzeitig über die frucht- 
bare Erde und das trauervolle Reich der Toten herrschte.^ 
So hatten die Ptolemäer ihrer neuen Religion eine 
literarische und künstlerische Form gegeben, die sie 
befähigte, die feinsten und gebildetsten Geister für sich 
zu gewinnen. Aber die Anpassung an die hellenistische 
Art des Fühlens und des Denkens war keine rein äußer- 
liche. Der Gott, dessen Kultus auf diese Weise erneuert 
wurde, Osiris, eignete sich besser als jeder andere dazu, 
mit seiner Autorität die Entstehung eines synkretisti- 
schen Glaubens zu decken. Seit langer Zeit — schon 
ehe Herodot schrieb — hatte man Osiris mit Dionysos 
und Isis mit Demeter identifiziert. In einer geistreichen 
Abhandlung hat Foucart sich um den Nachweis be- 
müht, daß diese Assimilation keine willkürliche ge- 
wesen sei, und daß Osiris und Isis, nachdem sie in 
prähistorischer Zeit nach Kreta und Attika gelangt 
waren, dort mit Dionysos und Demeter verschmolzen 
wurden.8 Ohne bis in so entlegene Zeiten zurückzu- 
gehen, wollen wir uns damit begnügen, mit ihm festzu- 
stellen, daß die Dionysosmysterien mit denen des Osiris 
nicht durch oberflächliche und zufällige Übereinstim- 
mung, sondern durch innere Verwandtschaft verbunden 
sind. In beiden Fällen gedachte man der Geschichte 
eines Gottes, der dem Wachstum der Pflanzen vorstand 
imd zugleich die Unterwelt regierte, eines Gottes, der 
von einem Feinde getötet und in Stücke zerrissen war, 
eines Gottes, dessen zerstreute Glieder eine Göttin sam- 
melte, um sie auf wunderbare Weise wieder zu beleben. 
Die Griechen mußten daher geneigt sein, einen Kultus 



92 Ägypten 

anzunehmen^ in dem sie ihre eigenen Gottheiten und 
ihre eigenen Mythen in etwas eindrucksvollerer und 
prächtigerer Form wiederfanden. Es ist eine sehr merk- 
würdige Tatsache, daß imter der Menge der in den 
Nomen des Ptolemäerreiches verehrten Gottheiten die 
aus der Umgebung oder, wenn man will, dem Zyklus 
des Osiris, seine Gemahlin Isis, ihr Sohn Harpokrates 
und ihr treuer Diener Anubis, die einzigen sind, welche 
von den hellenischen Stämmen adoptiert wurden. Alle 
anderen himmlischen oder höllischen Geister, denen 
Ägypten diente, sind in Griechenland Fremde ge- 
blieben.* 

Zwei entgegengesetzte Stinmiungen gegenüber der 
ägyptischen Religion machen sich in der griechisch- 
lateinischen Literatur bemerklich. Sie wird bald als 
die erhabenste, bald als die niedrigste angesehen, die 
es gibt, und in der Tat klaffte ein Abgrund zwischen 
den immer lebendigen populären Vorstellungen und 
dem aufgeklärten Glauben der beamteten Priester. Auf 
der einen Seite betrachteten die Griechen imd die Römer 
mit Bewunderung die Pracht der Tempel und des Zere- 
moniells, das fabelhafte Alter der heiligen Überliefe- 
rungen, das Wissen des Klerus, der eine von der Gott* 
heit offenbarte Weisheit hütete, und indem sie bei 
diesem in die Schule gingen, meinten sie aus der reinen 
Quelle zu schöpfen, aus der ihre eigenen Mythen ge- 
flossen waren. Sie ließen sich durch die Ansprüche 
einer Priesterschaft imponieren, die mit Stolz auf die Ver- 
gangenheit blickte, in der sie sich konsolidiert hatte, und 
empfanden lebhaft die Anziehungskraft des wunderbaren 
Landes, in dem alles voll von Geheinmissen war, vom NU, 
der es schuf, bis zu den Hieroglyphen, die an den Wän- 
den seiner gigantischen Bauten eingemeißelt standen.^^ 



Beziehungen zu Griechenland g^ 

Gleichzeitig aber nehmen sie Anstoß an seinem 
plumpen Fetischismus und seinen absurden Supersti- 
tionen. Sie empfanden namentlich eine unbezwingliche 
Abneigung gegen den Tier- und Pflanzenkultus, der zu 
allen Zeiten die auffälligste Seite der ägyptischen Volks- 
religion bildete und anscheinend seit der saitischen Dy- 
nastie, wie alle altertümlichen frommen Bräuche, mit 
neuem Eifer gepflegt worden ist. Die Komiker und 
Satiriker sind unerschöpflich in ihren Witzen über die 
Verehrer von Katze, Krokodil, Lauch und Zwiebel. „O 
heiliges Volk**, ruft Juvenal ironisch aus, „dessen Göt- 
ter selbst in seinen Gärten geboren werden I**ii Kurz, 
die Abendländer haben dieses seltsame Volk, welches 
von der übrigen Welt himmelweit verschieden war, fast 
mit denselben Augen betrachtet, wie der Europäer lange 
Zeit den Chinesen. 

Ein rein ägyptischer Kultus würde in der griechisch- 
römischen Welt unmöglich gewesen sein. Das Verdienst 
der Mischreligion, welche das politische Genie der Pto- 
iemäer schuf, bestand in der Ausscheidung oder Ab- 
schwächung dessen, was — wie die Phallophorien von 
Abydos — abstoßend oder ungeheuerlich erschien, wäh- 
rend einzig und allein das festgehalten wurde, was er- 
greifend oder anziehend zu wirken vermochte. Sie war 
die kultivierteste aller barbarischen Religionen; sie ent- 
hielt Exotisches genug, um die Neugier der Griechen 
zu reizen, aber nicht genug, um ihren empfindlichen 
Sinn für das Maßvolle zu beleidigen, und ihr Erfolg 
war ein glänzender. 

Sie wurde überall adoptiert, wo die Autorität oder 
das Ansehen der Lagiden sich fühlbar machte, und 
überall, wo Beziehungen zu der großen Handelsmetro- 
pole Alexandrien bestanden. Die erstgenannten bewirk- 



94 Ägypten 

ten ihre Annahme durch die Fürsten und Völker, mit 
denen sie Bündnisse schlössen. Der König Nikokreon 
führte sie in Zypern ein, nachdem er das Orakel des 
Serapeums befragt hatte i*, Agathokles in Sizilien, als 
er die Stieftochter Ptolemäus'I. heiratete (298).^* In 
Antiochien erbaute Seleukus Kallinikus ein Heiligtiun, 
imi dort eine Isisstatue aufzustellen, welche Ptolemäus 
Euergetes ihm aus Memphis gesandt hatte.^* Ptolemäus 
Soter führte, gleichsam als Unterpfand seiner Freund- 
schaft, Serapis in Athen ein, der seitdem einen Tempel 
am Fuße der Akropolis besaß ^^ und Arsinoe, seine 
Mutter oder seine Gattin, gründete ein anderes in Hali- 
kamassus um das Jahr 307.^* So förderte der politische 
Einfluß der ägyptischen Dynastie überall die Anerken- 
nung der Götter, deren Ruhm irgendwie mit dem ihres 
Hauses verknüpft war. Wir wissen diurch Apuleius, daß 
in der Kaiserzeit die Priester der Isis in ihren Gebeten 
an erster Stelle des regierenden Herrschers gedach- 
ten 1^; sie bewiesen damit gewiß nur die gleiche dank- 
bare Ergebenheit, welche ihre Vorgänger den Ptole- 
mäem gewidmet hatten. 

Unter dem Schutze der ägyptischen Geschwader 1® 
verbreiteten die Seeleute und die Händler gleichzeitig 
den Kultus der Isis, der Schirmherrin der Schiffer, an 
allen Küsten Syriens, Kleinasiens und Griechenlands, 
auf den Inseln des Archipels und bis zum Hellespont 
und nach Thrakien hinein.i^ In Delos, wo die Inschrif- 
ten uns gestatten, ihn etwas eingehender zu studieren, 
wird er nicht nur von Fremden ausgeübt, sondern selbst 
die priesterlichen Funktionen werden von Mitgliedern 
der athenischen Aristokratie wahrgenommen. ^^ Die Po- 
pularität der in diesen Mysterien verkündigten Vorstel- 
lungen über das zukünftige Leben wird durch eine An- 



Isis und Serapis in Italien ge 

zahl von Grabreliefs bezeugt, auf denen der heroisierte 
Verstorbene, welchem seine Verwandten Nahrungsmittel 
darbringen, als Kopfbedeckung den Kdldthos des Se- 
rapis trägt. Er ist, dem ägyptischen Glauben gemäß, 
dem Gotte der Toten assimiliert.^i 

Selbst als der Glanz des alexandrinischen Hofes ver- 
blaßte und dahinschwand, als die Kriege gegen Mithri- 
dates und die Entwicklung der Seeräuberei den Handel 
im Ägäischen Meere ruiniert hatten, da konnte der 
alexandrinische Gottesdienst wohl in einzelnen Häfen, 
wie Delos, Gefahr laufen, aber er war viel zu fest in den 
Boden Griechenlands eingepflanzt, um hier unterzu- 
gehen. Von der ganzen Götterwelt des Orients behielten 
allein Isis und Serapis bis zum Ende des Heidentums 
ihren Platz in der Reihe der großen Gottheiten, welche 
die hellenische Welt verehrte.^* 



Diese synkretistische, im ganzen östlichen Mittelmeer- 
becken bereits populär gewordene Religion kam mm 
zu den Römern. Sizilien und Süditalien waren mehr 
als zur Hälfte hellenische Länder, und die Ptolemäer 
unterhielten dort diplomatische Beziehungen, wie die 
Handelsherren Alexandriens solche geschäftlicher Art. 
Auch dort verbreitete sich der Isiskult fast ebenso schnell 
wie an der jonischen Küste oder auf den Zykladen.*^ 
Syrakus und Catania nahmen ihn, wie bereits gesagt, 
seit dem Anfang des dptten Jahrhunderts, unter Aga- 
thokles an. Das Serapeum von Puteoli, dem lebhaftesten 
Hafen des damaligen Campaniens, wird in einem Muni- 
zipalbeschluß vom Jahre 105 v.Chr. erwähnt.^* Um 
dieselbe Zeit wurde ein Iseum in Pompeji gestiftet, 
dessen dekorative Fresken noch heute vor aller Augen 



96 Ägypten 

die Expansionskraft bekunden^ welche der alexandri- 
nischen Kultur eigen war. 

Als diese Religion sich so im Süden der italienischen 
Halbinsel eingebürgert hatte^ mußte sie natürlich bald 
auch nach Rom gelangen. Seit dem zweiten Jahrhun- 
dert vor imserer Zeitrechnung fand sie Anhänger in der 
bunten Menge der Sklaven und der Freigelassenen. Das 
Kollegium der Pastophotßti gedachte unter den An- 
toninen seiner Stiftung in der Zeit Sullas.*^ Vergeblich 
suchten die Behörden das Eindringen der alexandrini- 
schen Gottheiten zu hindern. Fünfmal, in den Jahren 
59> 58, 53, 50 und 48 v. Chr., ließ der Senat durch die 
Magistrate ihre Kapellen zerstören und ihre Bildsäulen 
zerschlagen.** Aber diese Gewaltmaßregeln waren nicht 
imstande, die Verbreitung des neuen Glaubens zu hem- 
men. Die ägyptischen Mysterien liefern uns in Rom 
das erste Beispiel einer in der Hauptsache populären 
religiösen Bewegung, welche über den Widerstand der 
Obrigkeit und der offiziellen Priesterschaft triumphiert. 

Warum ist von allen orientalischen Kulten gerade 
dieser allein wiederholten Verfolgungen ausgesetzt ge- 
wesen? Die letzteren hatten ein doppeltes Motiv, ein 
religiöses imd ein politisches. 

Zunächst tadelte man an der neuen Religion, daß sie 
die Sitten verderbe imd die Pietät imtergrabe. Ihre 
Moral war lax, und das Geheimnis, mit dem sie sich um- 
gab, nährte schlimmen Verdacht. Ferner appellierte sie 
mit Nachdruck an das Gefühl und an die Sinne. Alle 
ihre Gebräuche verletzten den würdevollen Anstand, 
den ein Römer in Gegenwart der Götter zu wahren 
hatte. Alle Verteidiger des mos maiorum traten den 
Neuerem feindlich gegenüber. 

Sodann war dieser Kult gestiftet, begünstigt und aus- 



Verfolgungen in Rom gj 

gebreitet worden durch die Ptolemäer, er kam aus einem 
Lande^ das am Ende der Republik Italien fast immer 
feindlich gegenüber gestanden hatte.^^ Er stammte aus 
Alexandrien, einer Stadt, deren Überlegenheit Rom 
fühlte und fürchtete. Seine geheimen Assoziationen, 
die sich hauptsächlich aus dem niederen Volk rekrutier- 
ten, konnten xmter dem Deckmantel der Religion leicht 
zu Klubs von Agitatoren und Schlupfwinkeln von Spio- 
nen werden. Alle diese Motive des Verdachts und des 
Hasses trugen ohne Zweifel viel mehr dazu bei, die 
Verfolgimg anzustacheln, als die rein theologischen Be- 
weggründe. Man sieht, wie jene erlischt und wieder 
aufflammt je nach dem wechselnden Stande der all- 
gemeinen Politik. 

Im Jahre 48 zerstörte man noch, wie wir gesehen 
haben, die der Isis geweihten Kapellen. Nach Cäsars 
Tode, im Jahre 43, beschließen die Triumvim, ohne 
Zweifel um die Massen für sich zu gewinnen, ihr auf 
Staatskosten einen Tempel zu erbauen, was die offi- 
zielle Anerkennung in sich schloß; aber dieses Projekt 
wurde anscheinend nicht verwirklicht. Wenn Antonius 
der Sieger von Aktium gewesen wäre, so würden Isis 
und Serapis mit ihm im Triumph in Rom eingezogen 
sein, aber sie wurden mit Kleopatra besiegt, un!d 
Augustus, zum Herrn des Reiches geworden, zeigte 
eine tiefgewiurzelte Abneigung gegen die Schutzgott- 
heiten seiner alten Feinde. Konnte er übrigens das 
Eindringen des ägyptischen Klerus in die römische 
Priesterschaft dulden, als deren Beschützer, Wieder- 
hersteller imd Oberhaupt er aufgetreten war ? Im Jahre 
28 wurde ein Verbot erlassen, den alexandrinischen 
Gottheiten Altäre innerhalb der geheiligten Schranke 
des pomoerium zu errichten, und sieben Jahre später 

Camont, Die oriental. Religionen 7 



98 Ägypten 

dehnte Agrippa dieses Verbot bis auf einen Umkreis 
von tausend Schritt Entfernung von der Stadt aus. Ti- 
berius befolgte dieselben Gnmdsätze^ und im Jahre 49 
n.Chr. entfesselte eine Skandalgeschichte, in welche 
eine Matrone imd ein Ritter mit Isispriestem verwickelt 
waren, die blutigsten Verf olgimgen gegen die let:?teren, 
welche sie jemals zu erdulden hatten. 

Doch alle diese Polizeimaßregeln erwiesen sich als 
völlig imwirksam. Der ägyptische Kult war prinzipiell, 
wenn nicht tatsächlich, aus Rom und seiner unmittel- 
baren Umgebung verbannt, aber die ganze übrige Welt 
stand seiner Propaganda of f en.^ 

Seit dem Beginn der Kaiserzeit dringt er allmählich 
nach Mittel- und Norditalien vor und breitet sich in den 
Provinzen aus. Die Händler, die Seeleute, die Sklaven, 
die Handwerker, die ägyptischen Gebildeten, selbst die 
entlassenen Soldaten der drei im Niltale gamisonieren- 
den Legionen tragen zu seiner Verbreitung bei. Er 
wandert über Karthago in Afrika und über das große 
Emporium Aquileia in die Donauländer ein. Die neue 
Provinz Gallien wurde vom Rhönetal aus erobert. Zahl- 
reiche orientalische Auswanderer versuchten damals in 
diesem noch wenig bekannten Lande ihr Glück zu 
machen: der Verkehr zwischen Arles und Alexandrien 
war lebhaft, imd wir wissen, daß eine durch Augustus 
in Nimes angesiedelte Kolonie von ägfyptischen Grie- 
chen die Götter ihres Vaterlandes dorthin brachte.** 
Mit den ersten Jahren unserer Ära beginnt jene ge- 
waltige Bekehrungsbeweg^xmg, welche in kurzer Zeit 
die Anbetung der Isis und des Serapis vom Rande der 
Sahara bis zum britannischen Grenzwall und von den 
asturischen Bergen bis zu den Donaumündungen ver- 
breitete. 



Adoption unter Caligula gg 

Der Widerstand, den die Zentralgewalt noch leistete, 
mußte aufgegeben werden. Es war verlorene Mühe, 
diesen uferlosen Strom eindänmien zu wollen, dessen 
daherrauschende Wogen auf allen Seiten die wanken- 
den Mauern des Pomoeriums umspülten. War der Vor- 
rang Alexandriens nicht unbestreitbar? £s ist damals 
schöner, weiser und gesitteter als Rom; es stellt das 
Vorbild einer vollkommenen Hauptstadt dar, dem die 
Lateiner nachzueifern suchen. Sie übersetzen seine Ge- 
lehrten, ahmen seine Schriftsteller nach, berufen seine 
Künstler, kopieren seine Einrichtungen. Wie hätte seine 
Religion nicht ihren Einfluß geltend machen sollen? 
In der Tat behauptete der Eifer ihrer Gläubigen trotz 
der erlassenen Gesetze ihre Heiligtümer bis auf das Ka- 
pitol. Die Astronomen Alexandriens hatten unter Cäsar 
den Kalender der Pontifices reformiert; seine Priester 
trugen bald darauf in ihn das Datum der Isisfeste ein. 

Der entscheidende Schritt wurde fast unmittelbar 
nach dem Tode des Tiberius getan. Caligula errichtete, 
zweifellos im Jahre 38, auf dem Marsfelde den großen 
Tempel der Isis Campensis.^^ Um die Empfindlichkeit 
der Priester zu schonen, hatte er dazu einen Platz außer- 
halb des heiligen Bezirks der Stadt des Servius ge- 
wählt. Domitian machte diesen Tempel später zu einem 
der glänzendsten Baudenkmäler Roms. Seitdem ge- 
nossen Isis und Serapis die Gunst aller kaiserlichen 
Dynastien, der Flavier wie der Antonine und der Se- 
verer. Um das Jahr 215 erbaute ihnen Caracalla im 
Herzen der Stadt auf dem Quirinal einen noch prunk- 
volleren Tempel als der des Domitian und vielleicht 
noch einen anderen auf dem Coelius. Die Götter Ägyp- 
tens waren, wie der Apologet Minucius Felix konsta- 
tiert, nun tatsächlich zu römischen geworden.^i 



loo Ägypten 

Im Anfange des dritten Jahrhunderts scheinen sie 
den Höhepunkt ihrer Macht erreicht zu haben; später 
gingen die Vorliebe des Volkes und die Unterstützung 
des Staates mehr auf andere Gottheiten über, die syri- 
schen Baale und den persischen Mithra. Dann wurden 
die Fortschritte des Christentums für ihren Einfluß 
verhängnisvoll* Gleichwohl blieb dieser im Heidentum 
noch inuner beträchtlich bis zum Ende der antiken Welt. 
Die isischen Prozessionen diurchzogen die Straßen Roms 
noch um die Neige des vierten Jahrhunderts — ein 
Augenzeuge beschreibt sie noch im Jahre 394.^* Aber 
schon im Jahre 391 hatte der Patriarch Theophilos das 
Serapeum in Alexandrien den Flammen überliefert und 
selbst den ersten Beilhieb gegen die abergläubisch ver- 
ehrte Kolossalstatue des Gk)ttes geführt, indem er so, 
wie Ruf in sagt^», „das Haupt der Idolatrie selbst** ab- 
schlug* 

Diese hatte in der Tat eine tödliche Wunde emp- 
fangen. Die fromme Verehrung der Götter der Ptole- 
mäer erlosch schließlich zwischen der Regierung des 
Theodosius und der des Justinian»*, und nach der trost- 
losen Weissagung des Hermes Trismegistos ^^ wurde 
nun selbst Ägypten von seinen Göttern verlassen und 
ein Land der Toten; von seinen Religionen blieb nichts 
übrig als Fabeln, denen kein Mensch mehr Glauben 
schenkte, und nur Worte, die auf Stein geschrieben 
standen, erzählten den einwandernden Barbaren von der 
Frömmigkeit vergangener Zeiten. 

Wie aus dieser flüchtigen Skizze ihrer Geschichte 
ersichtlich ist, wurden Isis und Serapis in der lateini- 
schen Welt während eines Zeitraumes von mehr als 



Anziehungskraft der ägyptischen Gottheiten loi 

fünfhundert Jahren angebetet. Welche Wandlungen ihr 
Kultus in dieser langen Periode erfuhr, und welche 
lokalen Differenzen sich möglicherweise in den ver^ 
schiedenen Provinzen herausgebildet haben, muß die 
Forschung der Zukunft entscheiden. Sie wird jedenfalls 
feststellen, daß der alexandrinische Kultus, statt sich 
imter den Kaisem zu romanisieren, im Gegenteil immer 
orientalischer geworden ist. Domitian, welcher das 
Iseiun auf dem Campus Martins und das zu Benevent 
restauriert, läßt aus dem Niltal Sphingen, Apisstiere, 
Paviane und Obelisken aus schwarzem oder rosenfarbe- 
nem Granit dorthin schaffen, welche die Kartuschen 
des Amasis, Nektanebos oder sogar Ramses' IL tragen, 
während auf anderen, in den Propyläen aufgestellten 
Obelisken die Weihinschriften des Kaisers selbst in 
Hieroglyphen eingemeißelt sind.^« Ein halbes Jahr- 
himdert später preist Hadrian, der in seiner riesen- 
haften Villa zuTibur, allerdings in dilettantischer Weise, 
neben dem Tal Tempe die Freuden von Canopus nach- 
bilden ließ, um dort unter dem wohlwollenden Blick 
des Serapis üppige Feste zu feiern, in Inschriften, 
welche die alte Sprache der Pharaonen reden, die Ver- 
dienste des vergötterten Antinous und bringt die ägyp- 
tisierenden Statuen aus schwarzem Basalt in die Mode.s^ 
Die Liebhaber gefielen sich damals in erkünstelter Be- 
geistenmg für die hieratische Strenge barbarischer 
Idole gegenüber der eleganten Freiheit alexandrinischer 
Kunst. Diese ästhetischen Erscheinungen sind wahr- 
scheinlich auf religiöse Vorurteile zurückzuführen, und 
der lateinische Kultus war von jeher mehr als der grie- 
chische geneigt, den Gottesdienst nachzuahmen, der in 
den Tempeln des Niltals gefeiert wurde. Die vorliegende 
Entwicklung entsprach allen Tendenzen der Kaiserzeit. 



I02 Ägypten 

Welche geheime Kraft hat die ägyptische Religion 
in den Stand gesetzt, eine so unwiderstehliche Anzie- 
hung auf die römische Welt auszuüben ? Was brachten 
diese Priester Neues, die in allen Provinzen Proselyten 
gewannen? Bezeichnet der Erfolg ihrer Predigt einen 
Fortschritt oder einen Rückschritt gegenüber dem alt- 
römischen Glauben ? Das sind komplizierte und delikate 
Fragen, die sehr genau analysiert und vorsichtig be- 
handelt sein wollen, überdies ein feines Empfinden für 
Nuancen voraussetzen. Ich muß mich hier auf einen 
flüchtigen Überblick beschränken, der, wie ich fürchte, 
gleich jeder derartigen Verallgemeinerung zu trocken 
xmd zu schematisch erscheinen wird. 

Es sind nicht oder doch nur in beschränktem Maße 
die besonderen Lehren der Isis- und Serapismysterien 
über die Natur und die Macht der Götter gewesen, die 
ihren Sieg herbeigeführt haben. Man hat bemerkt, daß 
die ägyptische Theologie immer in „flüssigem** ^^ oder, 
wenn man lieber will, chaotischem Zustande geblieben 
sei. Sie besteht aus einem Gemisch von disparaten 
Legenden, einem Aggregat von einzelnen Kulten, wie 
Ägypten selbst aus einer Anzahl von Nomen. Niemals 
hat diese Religion ein zusammenhängendes System von 
allgemein anerkannten Dogtnen gebildet. Entgegenge- 
setzte Vorstellungen und Überlieferungen finden sich 
in ihr vereint, und all der Scharfsinn des Klerus hat es 
nicht fertig gebracht oder, besser gesagt, niemals unter- 
nommen, die widerstreitenden Elemente in harmoni- 
scher Synthese zu versöhnen.^^ Das Prinzip des Wider- 
spruchs existiert nicht für dieses Volk. Alle heterogenen 
religiösen Vorstellungen, die in den verschiedenen Gauen 
und in den verschiedenen Epochen einer überaus langen 
Geschichte geherrscht haben, erhalten sich wetteifernd 



Unbestimmtheit der ägyptischen Theologie 103 

nebeneinander und bilden in den heiligen Büchern ein 
unentwirrbares Knäuel. 

Im abendländischen Kultus der alexandrinischen Gott- 
heiten war es kaum anders. In seinem Klerus standen 
an erster Stelle, ganz wie in Ägypten, „Propheten**, 
die gelehrt über die Religion diskutierten, aber niemals 
ein ausschließlich angenonmienes theologisches System 
vertraten. Der heilige Schreiber Chaeremon, welcher 
'der Lehrer Neros wurde, fand in den priesterlichen 
Überlieferungen seines Vaterlandes die Lehren der 
Stoiker wieder.*® Wenn der Eklektiker Plutarch von dem 
Charakter der ägyptischen Götter spricht, so stimmt 
dieser wimderbar mit der Philosophie des Plutarch *i 
überein, und wenn der Neuplatoniker Jamblichus das- 
selbe tut, dann wieder mit der des Jamblichus. Die 
nebelhaften Ideen der orientalischen Priester erlauben 
jedem, in ihnen die Phantome zu erblicken, denen er 
nachjagt; die individuelle Phantasie hat freie Bahn, 
und der Dilettantismus der Gebildeten liebt es, diese 
geschmeidigen Lehren nach seinem Geschmack zu 
modeln. Diese hatten niemals so bestimmte Umrisfse 
imd waren niemals so klar formuliert, daß sie auf die 
Menge hätten Eindruck machen können. Die Götter 
sind alles und nichts; sie verlieren sich in einem 
sfumäto. Anarchie und Konfusion beherrschen ihr 
Reich in beängstigendem Mäße. Der „Hermetismus****, 
welcher durch eine weise Mischung griechischer, 
ägyptischer und semitischer Elemente eine für alle 
Geister annehmbare Theologie herzustellen suchte, 
sfcheint die alexandrinisk:hen Mysterien, die älter sind 
als er, niemals g^nmdsätzlich beeinflußt zu haben 
und konnte sich überdies den Widerstprüchen des 
ägyptischen Denkens nicht entziehen. Nicht durch 



104 Ägypten 

ihre Dogmatik hat die isische Religion die Seelen ge- 
wonnen. 

Indessen — man muß ihr diesen Vorzug einräumen 
— kraft der ihr eigenen Elastizität paßte sich diese Re- 
ligion mit Leichtigkeit den verschiedenen Verhältnissen 
an, in die sie verpflanzt wurde, und sie genoß das kost- 
bare Privilegium, stets mit det herrschenden Philo- 
sophie in vollkommenem Einklang zu stehen. Femer 
entsprachen die synkretistischen Gepflogenheiten Ägyp- 
tens in bewundenmgswürdiger Weise denen, welche 
sich mehr und mehr in Rom einbürgerten. Seit alter 
Zeit waren henothedstische Theorien in priesterlichen 
Ejreisen beliebt gewesen, imd wenn die Priester auch 
dem Gotte ihres Tempels den Vorrang wahrten, so 
gaben sie doch zu, daß er eine Menge verschiedener 
Persönlichkeiten besitzen könne, in denen man ihn 
gleichzeitig verehrte. Auf diese Weise wurde die Ein- 
heit des höchsten Wesens für die Denkenden behauptet, 
imd der Polytheismus mit seinen unantastbaren Über- 
lieferimgen für die Masse festgehalten. So hatten Isis 
und Osiris schon unter den Pharaonen mehrere Lokal- 
gottheiten absorbiert und einen komplizierten Charak- 
ter angenommen, der unendlicher Erweiterung fähig 
war. Derselbe Prozeß setzt sich unter den Ptolemäern 
fort, als man Fühlung mit Griechenland gewonnen hatte. 
Isis wird gleichzeitig mit Demeter, Aphrodite, Hera, 
Semele, lo, Tyche und wer weiß womit noch identifi- 
ziert. Sie wird als Königtin des Himmels und der Unter-, 
weit, der Erde und der Meere gefeiert. Sie ist „die 
Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft" *3, „die 
Natur als Mutter der Dinge, die Herrin der Elemente, 
geboren am Anfang der Jahrhunderte**.** Sie ist die 
Göttin mit den Myriaden von Namen, mit den zahllosen 



Unbestimmtheit der ägyptischen Theologie 105 

Gestalten, mit den unerschöpflichen Fähigkeiten. Mit 
einem Worte: sie ist eine pantheistische Macht ge- 
worden, die für sich allein alles ist, j^una quae est 

Serapis hat ein nicht minder hohes Ansehen und eine 
nicht minder umfassende Bedeutung. Er wird in ähn- 
licher Weise als ein Universalgott aufgefaßt, von dem 
man mit Vorliebe versichert, daß er „Ein^r" sei: Eic 
Zeuc ZdpaTTic. Er vereinigt in sich alle Tätigkeiten, ob- 
gleich man ihm vorzugsweise die Funktionen des Zeus, 
des Pluto oder des Helios beilegt. Seit langer Zeit 
wurde Osiris in Abydos zugleich als Urheber der 
Fruchtbarkeit und als Herr der Unterwelt angebetet *ö, 
und dieser Doppelcharakter ließ ihn früh mit dem 
Sonnengott verschmelzen, der während seines Tages- 
laufes die Erde befruchtet und nachts die unterirdischen 
Gefilde durcheilt,*^ So stimmte die Vorstellung, welche 
man sich schon an den Ufern des Nils von diesem 
Naturgott machte, ohne weiteres mit dem solaren Pan- 
theismus überein, der die letzte Form des römischen 
Heidentums darstellt. Aber nicht Ägypten führte dieses 
theologische System im Okzident ein, wo es erst im 
zweiten Jahrhundert imserer Ära zur Herrschaft ge- 
langte. Es hatte in diesem Lande nicht das ausschließ- 
liche Übergewicht, das es in der Kaiserzeit gewann, und 
noch zur Zeit des Plutarch war es nur eine Ansicht 
imter vielen anderen. *» In dieser Beziehung gaben die 
syrischen Baale imd die chaldäische Astrologie den 
entscheidenden Ausschlag. 

Die Theologie der ägyptischen Mysterien folgte also 
vielmehr der allgemeinen Entwicklung der Ideen, als 
daß sie diese angeregt hätte. Ebenso verhielt es sich 
mit ihrer Moral. Sie empfahlen sich der Welt nicht 



io6 Ägypten 

durch den Adel ihrer sittlichen Forderungen und durch 
ein höheres Ideal der Heiligkeit. Man hat oft den im 
Totenbuch enthaltenen erbaulichen Katalog der Pflich- 
ten bewundert, welche der Tote, sei es mit Recht oder 
Unrefcht, erfüllt zu haben behauptete, lun von Osiris 
ein günstiges Urteil zu erlangen. Diese Deontologie 
ist zweifellos sehr erhaben, wenn man die Zeit berück- 
sichtigt, in der sie verfaßt wurde, aber sie muß elemen- 
tar und fast kindlich erscheinen, wenn man sie, ich 
will nicht einmal sagen, mit den feinen psychologischen 
Analysen der stoischen Kasuisten, sondern mit den 
Grundsätzen vergleicht, welche die römischen Rechts- 
gelehrten formuliert haben. Übrigens wird auch in die- 
sem Ideenkreise das ägyptische Denken durch das Fest- 
halten der auffälligsten Kontraste charakterisiert. Es 
stieß sich niemals an all den grausamen und obszönen 
Dingen, welche die Mythologie und das Ritual befleck- 
ten. Gewisse heilige Texte mahnen sogar dazu, ganz 
wie Epikur in Athen, das Leben zu genießen, ehe der 
traurige Tod herannaht.*^ 

Als Isis in Italien einzog, war sie keine sehr strenge 
Göttin mehr. Mit Venus identifiziert, wie ihr Sohn 
Harpokrates mit Eros, wurde sie besonders von den 
Frauen verehrt, welche aus der Liebe ein Geschäft 
machen. In einer so vergnügungssüchtigen Stadt, wie 
es Alexandrien damals war, hatte sie alles Unnach- 
sichtige verloren; und in Rom blieb diese gütige Göt- 
tin sehr geduldig gegenüber menschlichen Schwächen. 
Juvenal bezeichnet sie grob als Kupplerin ^^ und ihre 
TemJ)el standen in noch schlechterem Rufe; sie wur- 
den von jungen Leuten aufgesucht, die sich auf der 
Jagd nach galanten Abenteuern befanden. Selbst 
Apuleius wählt eine schlüpfrige Erzählung, i!m die 



Ägyptische Moral und rituelle Reinheit 107 

Begeisterung kundzutun, die als er als Eingeweihter 
empfindet. 

Aber Ägypten ist, wie bereits gesagt wurde, das 
Land der Widersprüche, und als eine anspruchsvollere 
Sittlichkeit von den Göttern forderte, daß sie den Men- 
schen tugendhaft machen sollten, da erboten sich die 
alexandrinischen Mysterien, sie zu befriedigen. 

Von jeher legte das ägyptische Ritual großes Ge- 
wicht auf Reinheit oder, um einen besser entsprechen- 
den Ausdruck zu gebrauchen, auf Sauberkeit. Vor jeder 
Zeremonie mußte der Offiziant sich Waschungen, bis- 
weilen Räuchenmgen oder Salbungen unterziehen, sich 
bestimmter Speisen enthalten und den Geschlechtsver- 
kehr während eines gewissen Zeitraums meiden. An- 
fangs verband man mit dieser Kathartik keine sittliche 
Idee. In der Vorstellimg des Zelebranten war sie eine 
Prozedur zur Vertreibung der bösen Geister oder sie 
hatte den Zweck, ihn in eine solche Verfassung zu ver- 
setzen, daß das Opfer die gewünschte Wirkimg hervor- 
bringen könnte. Sie war damals der Diät, den Duschen 
und den Einreibungen vergleichbar, welche der Arzt 
verordnet, um die physische Gesundheit wiederherzu- 
stellen. Die innere Verfassung des Offizianten war den 
hinmilischen Geistern ebenso gleichgültig wie das Ver- 
dienst oder die Verdienstlosigkeit des Verstorbenen dem 
Richter der Unterwelt Osiris; damit er der Seele den 
Eingang in die Aalugef ilde öffnete, genügte es, daß sie 
die liturgischen Formeln aussprach, und wenn sie nach 
dem vorgeschriebenen Texte versicherte, daß sie nicht 
schuldig sei, so glaubte er ihr aufs Wort. 

Aber wie in allen Religionen des Altertums *S so 
wandelte sich auch in der ägyptischen nach und nach 
die primitive Vorstellung um, und allmählich ent- 



io8 Ägypten 

wickelte sich aus ihr ein neuer Begriff. Man erwartete 
von sakramentalen Handlungen die Tilgung sittlicher 
Makel^ man überredete sich, daß sie den Menschen 
besser machten. Die Anbeterinnen der Isis, welche Ju- 
venaP* uns vorführt, wie sie das Eis des Tibers zer- 
brechen, um sich im Flusse zu baden, und auf ihren 
blutenden Knien die Rimde um den Tempel machen, 
hofften durch diese Leiden ihre Sünden zu sühnen und 
ihre Verfehlungen wieder gut zu machen. 

Als im zweiten Jahrhundert ein neues Ideal im Volks- 
bewußtsein erwuchs, als die Magier selbst fromme und 
ernste Leute wurden, frei von Leidenschaften und Be- 
gierden, mehr geehrt wegen der Würde ihres Wandels 
als wegen ihres weißen Linnengewandes **, da verinner- 
lichten sich auch die Eigenschaften, welche die ägfyp- 
tischen Priester von ihren Anhängern forderten. Man 
sah mehr auf die Reinheit des Herzens als auf die des 
Körpers. Der Verzicht auf sinnliche Genüsse war die 
imiungängliche Voraussetzung für die Erkenntnis der 
Gottheit, die als das höchste Gut galt.** Isis begünstigte 
nicht mehr verbotene Liebschaften : in dem Roman des 
Xenophon von Ephesus (um 280 n.Chr.) behütet sie 
die Keuschheit der Heldin vor allen Fallstricken und 
verleiht ihr den Sieg. Das ganze Dasein war dem alten 
Glauben gemäß eine Vorbereitung auf das furchtbare 
Urteil, welches Serapis sprach: 

Dort in der tiefen Nacht, dahin alles wieder zurückkehrti 

aber wenn es für den Mysten günstig lauten sollte, so 
durfte sich dieser nicht damit begnügen, die Riten 
seiner Sekte zu kennen, sondern sein Leben mußte auch 
rein sein von Verbrechen, denn der Herr der Unterwelt 
wies dort jedem den Platz an, der seinem Verhalten 



Magische Kraft des Rituals lOo 

entsprach.*^ Man sieht die Lehre von einer zukünf- 
tigen Vergeltung sich entwickeln. 

Nur sind auch hier, wie in ihrer Auffassung der Gott- 
heit, die ägyptischen Mysterien dem allgemeinen Ideen- 
fortschritt gefolgt, ohne ihn ihrerseits zu leiten; sie 
sind mehr durch die Philosophie tungewandelt, als sie 
Üiese inspiriert haben. 

Wie hat ein Kultus, der weder in seiner Theologie 
noch in seiner Moral wirklich Neues brachte, bei den 
Römern gleichzeitig soviel Feindseligkeit und soviel 
Begeistenmg erregen können? Theologfie imd Ethik 
bilden heutzutage für viele beinahe die ganze Religion; 
aber im Altertiun war dem nicht so, und die Priester 
der Isis imd des Serapis haben die Seelen vorzugs- 
weise durch andere Mittel gewonnen. Sie haben sie zu- 
erst angelockt durch den bestrickenden Zauber ihres 
Rituals und haben sie dann festgehalten durch die wun- 
derbaren Verheißungen ihrer eschatologischen Lehren. 

Der Ritus hat bei den Ägyptern einen sehr viel 
höheren Wert, als wir ihm heute zugestehen. Er wirkt 
ex opere operatOy ganz abgesehen von den Intentionen 
des Zelebranten. Die Wirksamkeit des Gebets hängt 
nicht von der inneren Disjjosition des Gläubigen ab, 
sondern von der Richtigkeit der Worte, der Geberden 
und der Intonation. Der Kultus unterscheidet sich nicht 
klar von der Magie. Wenn eine Gottheit in den rich- 
tigen Formen angerufen wird, vor allem:, wenn man 
ihren wirklichen Namen zu nennen weiß, so wird sie 
gezwimgen, nach dem Willen ihres Dieners zu handeln. 
Die heiligen Worte stellen eine Beschwörung dar, 
welche die höheren Mächte zum Gehorsam gegenüber 



HO Ägypten 

dem Of fizianten verpflichtet, gleichviel welchen Zweck 
dieser verfolgen mag. Der Mensch erlangt durch die 
Kenntnis der Liturgie eine ungeheure Macht über die 
Welt der Geister. Porphyrius ist darüber erstaiuil imd 
entrüstet, daß die Ägypter in ihren Gebeten bisweilen 
ihren Göttern zu drohen wagen.^* Bei den Weihehand- 
lungen zwang die Anrufung des Priesters sie dazu, ihre 
Statuen zu beseelen, und seine Stimme schuf demnach 
Gottheiten ^^, wie im Anbeginn die allmächtige Stinune 
T6ts die Welt geschaffen hatte.^® 

Auch das Ritual, welches übermenschliche Macht ver- 
leiht**, entwickelt sich in Ägypten zu einer im Abend- 
lande imbekannten Vollkommenh'eit, Fülle und Pracht. 
Es verrät eine Einheitlichkeit, eine Bestimmtheit und 
eine Festigkeit, die seltsam absticht gegen die Mannig- 
faltigkeit der Mythen, die Unbestinuntheit der Dogmen 
imd die Willkür der Erklänmgen. Trotz der enormen 
2^ahl der Jahre, die inzwischen verflossen sind, repro- 
duzieren die heiligen Bücher der griechisch-römischen 
Epoche getreulich die Texte, die ehemals an die Wände 
der Pyramiden geschrieben wurden. Noch unter den 
Cäsaren vollzieht man mit peinlicher Sorgfalt die alten 
Zeremonien, die aus den Anfängen der ägyptischen 
Geschichte stammen, und deren kleinstes Wort, deren 
imscheinbarste Geste ihre besondere Bedeutung haben. 

Dieses Ritual und die Vorstellung, die man sich von 
ihm gebildet hatte, sind großenteils in die lateinischen 
Tempel der Isis und des Serapis übergegangen. Das 
ist eine lange verkannte, aber nicht zu bezweifelnde 
Tatsache. Sie wird zimächst dadurch erhärtet, daß der 
Klerus dieser Tempel wie der äg^tische in der Pto- 
lemäerzeit organisiert ist.^o Er bildet eine Hierarchie^ 
die von einem Hohenpriester geleitet wird und, wie 



Der Gottesdienst 1 1 1 

im Niltal, Propheten^ die der göttlichen Wissenschaft 
kundig sind, Stolisien oder OrncUrices^^, welche die 
Götterbilder zu bekleiden haben, Pastophoren^ welche 
die heiligen Kapellen in den Prozessionen tragen, und 
noch andere umfaßt. Wie in ihrer ursprünglichen Hei- 
mat unterscheiden sich diese Priester von den gewöhn- 
lichen Sterblichen durch eine Tonsur, durch eine leinene 
Alba, durch ihre Sitten wie durch ihre Kleidung. Sie 
weihen sich ganz ihrem Amte und haben keinen an- 
deren Beruf. Diese Priesterschaft ist immer ihrem Cha- 
rakter, wenn nicht ihrer Nationalität nach ägyptisch 
geblieben, weil die Liturgie es war, die sie zu vollziehen 
hatte; ebenso sind die Priester der Baale Syrer ®2, weil 
sie allein wissen, wie man die Götter Syriens ehren muß. 

Vor allem muß, wie im Nillande, täglich Gottes- 
dienst gehalten werden. Die ägyptischen Götter er- 
freuten sich nur einer bedingften Ewigkeit; sie waren 
der Vergänglichkeit unterworfen und der Pflege be- 
dürftig. Nach einer uralten und immer festgehaltenen 
Vorstellung mußten sie jeden Tag, sollten sie nicht 
zugrunde gehen, ernährt, gekleidet und lebendig ge- 
macht werden. So ergab sich die Notwendigkeit einer 
Liturgie, die in allen Nomen offenbar dieselbe war, 
während mehrerer Jahrtausende im Gebrauch blieb 
imd mit ihrer Beständigkeit der Mannigfaltigkeit der 
lokalen Legenden und Kulte gegenübertrat.^* 

Diese tägliche Liturgfie, die ins Griechische, dann 
vielleicht ins Lateinische übersetzt und von den Stif- 
tern des Serapeums neuen Bedürfnissen angepaßt war, 
wird in den römischen Tempeln der alexandrinischen 
Gottheiten getreulich befolgt. Die wichtigste Zere- 
monie ist die „Öffnung** {aperiio^) des Heilig^ms ge- 
blieben, d. h. bei Tagesanbruch enthüllte man den Gläu- 



ii2 Ägypten 

bigen die Statue der Gottheit, die in dem während der 
Nacht verschlossenen und versiegelten Naos stand.^* 
Dann zündete der Priester — immer wie in Ägypten — 
das heilige Feuer an und brachte Libationen von Wasser 
dar, welches angeblich aus dem vergötterten Nil 
stammte ««, indem er die üblichen Hymnen anstimmte, 
die mit Flötenspiel begleitet wurden. Endlich, „auf der 
Schwelle stehend" — ich übersetze wörtlich eine Stelle 
des Porphyrius«^ — „erweckt er den Gott, indem er 
ihn in ägyptischer Sprache anruft", per Gott wird also, 
wie unter den Pharaonen, durch' das Opfer wieder be- 
lebt, und sobald er bei seinem Namen gerufen wird, er- 
wacht er aus seinem Schlummer. Der Name ist in der 
Tat mit seiner Persönlichkeit unlöslich verknüpft; wer 
den wahren Namen eines Individuiuns oder einer Gott- 
heit auszusprechen weiß, macht sie sich dienstbar, wie 
ein Herr seinen Sklaven.«* Daher die Notwendigkeit, 
die ursprüngliche Form dieses mysteriösen Wortes bei- 
zubehalten. Die Einführung einer Menge von barba- 
rischen Benennimgen in die magischen Inkantationen 
hat keinen anderen Gnmd. 

Wahrscheinlich beschäftigte man sich auch jeden 
Tag, wie im äg^tischen Ritual, mit der Toilette der 
Statue, man kleidete sie an und frisierte sie.«^ Wir 
haben gesehen, daß „Omatrices" oder „Stolisten" mit 
diesen Verrichtungen besonders betraut waren. Das 
Idol war mit kostbaren Gewändern bekleidet, mit Ju- 
welen und Gemmen beladen. Eine Inschrift hat ims 
das Inventar der Kleinodien aufbewahrt, welche eine 
Isis in der Umgebung von Granada trug ^®: ihr Schmuck 
ist glänzender als der einer spanischen Madonna. 

Den ganzen Vormittag, von dem Augenblick an, in 
dem lärmender Zuruf den Aufgang der Sonne begrüßt 



Die Feste 1 1 ^ 

hatte, waren die Bilder der Götter der stillen Anbe- 
tung der Eingeweihten zugänglich.^! Ägypten ist das 
Land, aus dem die kontemplative Frömmigkeit nach 
Europa gelangt ist. Am Nachmittag wurde dann ein 
zweiter Gottesdienst abgehalten, welcher der Schlie- 
ßung des Heiligtums galt.'* 

Diese tägliche Liturgie mußte tiefen Eindruck ma- 
chen. Sie führte in das römische Heidentum eine fol- 
genschwere Neuerung ein. Man huldiget der Gottheit 
nicht mehr nur bei dieser oder jener Gelegenheit, son- 
dern zweimal an jedem Tage längere Zeit. Wie bei den 
Ägyptern, die Herodot bereits für das religiöseste aller 
Völker erklärte'*, beginnt die Frömmigkeit das ganze 
Dasein zu durchdringen und die privaten wie die öffent- 
lichen Interessen zu beherrschen. Die beständige Wie- 
derholung derselben Gebete nährte und stärkte den 
Glauben, und man lebte sozusagen immer vor dem 
Angesicht der Götter. 

Den täglichen Riten stehen in dem Ritual von Aby- 
dos die Feste zum Beginn der Jahreszeiten gegenüber, 
die alljährlich an bestimmten Daten wiederkehrten.'* 
Ebenso war es in Italien. Die Kalender haben uns die 
Namen von mehreren dieser Feste aufbewahrt, und der 
Rhetor Apuleius'^ hat uns von einem derselben, dem 
Navigium Isidis, eine glänzende Beschreibung hinter- 
lassen und, um mit den Alten zu reden, alle seine 
Farbentuben zu diesem Zwecke geleert. Am 5. März, 
dem Tage, an welchem die durch die Wintermonate 
imterbrochene Schiffahrt wieder eröffnet wurde, be- 
wegte sich eine prunkvolle Prozession nach dem 
Strande, und man ließ ein der Isis, der Schutzpatronin 
der Seeleute, geweihtes Schiff in die Wellen gleiten 
( TrXoiacpdcia ).^* Eine burleske Gruppe von verkleideten 

Camont, Die oriental. Religionen 8 



114 Ägypten 

Personen eröffnete den Zug'^ dann kamen blumenstreu- 
ende Frauen in weißen Gewändern; die Stolisten, wel- 
che die Toilettenutensilien der Göttin mit sich führten; 
die Dadophoren mit brennenden Fackeln in der Hand; 
die Hynmoden, deren Wechselgesänge sich in den 
schrillen Ton der Querpfeifen und in das Rasseln der 
metallenen Sistren mischten, dann die dichtgedrängte 
Schar der Eingeweihten imd der Priester, die, mit ge- 
schorenem Kopf imd in schneeweiße Kleider gehüllt, 
die Bilder der tiergestaltigen Götter mit ihren seltsamen 
Symbolen wie eine goldene Urne mit dem göttlichen 
Nilwasser trugen. Vor Ruhealtären ^® machte man halt, 
wo diese heiligen Dinge den Gläubigen zur Verehrung 
dargeboten wurden. Die verschwenderische und bizarre 
Pracht, welche bei diesen Festen entfaltet wurde, hin- 
terließ bei der schaulustigen Menge einen unvergeß- 
lichen Eindruck. 

Aber . die ergreifendste und wirksamste von allen 
isischen Feiern war das Gedächtnis der „Auffindung 
des Osiris*' {InventiOy Eöpecic)« Ihre Vorgeschichte 
reicht bis in das graue Altertum zurück. Seit der 
Zeit der XII. Dynastie und ohne Zweifel schon lange 
vorher führte man in Abydos und an anderen Orten 
ein heiliges Schauspiel auf, welches den Mysterien des 
Mittelalters ähnlich war und die Peripetien der Passion 
imd der Auferstehung des Osiris darstellte. Das ent- 
sprechende Ritual ist uns erhalten ^^ : der seinen Tem- 
pel verlassende Gott fiel imter den Streichen des Set; 
man stimmte an seiner Leiche die Totenklage an und 
bestattete sie in der üblichen Weise; darin wurde Set 
von Horus besiegt, und der dem Leben wiedergegebene 
Osiris kehrte in seinen Tempel zurück, nachdem er 
über den Tod triumphiert hatte. 



Die Feste 



"5 



Dieser Mythus wurde alljährlich vom 28. Oktober bis 
zum I.November in Rom fast in derselben Weise auf- 
geführt.ßo Isis, von Schmerz überwältigt, suchte unter 
den trostlosen Klagen der Priester xmd der Gläu- 
bigen den göttlichen Leib des Osiris, dessen Glie-i 
der von Typhon zerstreut waren. Wenn dann aber 
der Leichnam wiedergefunden, wiederhergestellt und 
wiederbelebt war, so folgte ein langer Freudenrausch, 
ein unaufhörliches Jubilieren, von dem die Tempel 
und die Straßen widerhallten — bis zum Überdruß 
der Passanten. 

Die Teilnahme an dieser Verzweiflung und diesem 
Enthusiasmus wirkte stark auf das Gemüt der Gläu- 
bigen, gerade wie das Frühlingsfest der phrygischen 
Religion und durch dieselben Mittel. Aber obendrein 
verband sich damit ein esoterischer Sinn, den nur eine 
Schar von auserlesenen Frommen kannte. Neben den 
öffentlichen Zeremonien gab es einen Geheimkult, zu 
dem man nur nach einer stufenweisen Initiation zuge- 
lassen wurde. Dreimal muß der Held des Apuleius 
sich dieser Prüfung unterziehen, um die volle Offen- 
barung zu empfangen. Schon in Ägypten wurden ge- 
wisse Riten und Interpretationen vom Klerus nur gegen 
das Versprechen mitgeteilt, nichts davon zu verraten; 
es war dies gerade bei dem Kultus der Isis zu Abydos 
und anderswo der Fall.®^ Als die Ptolemäer das grie- 
chische Ritual ihrer neuen Religion bestimmten, erhielt 
diese die Gestalt der in der hellenischen Welt verbrei- 
teten Mysterien, wobei besonders die Eleusinischen als 
Vorbild dienten. Hier macht sich die Vermittlimg des 
Eumolpiden Timotheos bemerklich.^« 

Aber wenn so das Zeremoniell der Weihen xmd die 
Auffühnmg des liturgischen Dramas selbst den reli- 

8* 



1 1 6 Ägypten 

giösen Gepflogenheiten der Griechen angepaßt wur- 
den : der lehrhafte Inhalt der alexandrinischen Myste- 
rien blieb rein ägyptisch. Den alten Glaubensvorstel- 
lungen gemäß meinte man stets^ die Unsterblichkeit 
durch eine Identifikation des Toten mit Osiris oder 
Serapis zu erlangen. 

Vielleicht bewahrheitet sich bei keinem Volke so 
vollkommen wie bei den Ägyptern das Wort von 
Fustel de Coulanges : „Z^ mori fui te premier mystire, 
il mit Vhomme sur la voie des autres mystires.*^^^ Nir- 
gends war das Leben so sehr der Vorbereitung auf das 
Jenseits gewidmet; nirgends wendete man eine so mi- 
nutiöse imd komplizierte Fürsorge auf, mn den Verstor- 
benen ein neues Dasein zu sichern tmd zu erhalten. Die 
fimeräre Literatur, deren Denkmäler in unermeßlicher 
Zahl auf ims gekommen sind, hatte eine alles Ähnliche 
übertreffende Entwicklimg erfahren, und die Architek- 
tur keines anderen Volkes hat solche Gräber aufzuwei- 
sen wie die Pyramiden oder die Felsengrüfte von The- 
ben. 

Dieses beständige Bestreben, den Seinigen wie sich 
gelbst ein Leben nach dem Tode zu sichern, offen- 
barte sich in verschiedenen Formen, aber es ver- 
körperte sich endgültig im Kult des Osiris. Das 
Schicksal des Osiris, des gestorbenen und wieder- 
erwachten Gottes, wurde schließlich typisch für das 
eines jeden Menschen, welcher die Totenbräuche beob- 
achtete. „So wahr Osiris: lebt/' sagt ein ägyptischer 
Text, „wird er auch leben; so wahr Osiris nicht tot 
ist, wird er auch nicht sterben; so wahr Osiris nicht 
vernichtet ist, wird er auch nicht vernichtet werden." ^^ 

Der Verstorbene wird also, wenn er Osiris - Serapis 
fromm gedient hat, diesem assimiliert und nimmt an 



Die Unsterblichkeitslehre 117 

seiner Ewigkeit in dem unterirdischen Reiche teil, wo 
der unvermeidliche Richter thront. Er lebt nicht als 
schwacher Schatten oder als zarter Hauch fort, son- 
dern im Vollbesitze seines Leibes wie seiner Seele. So 
lautete die ägyptische L^hre und so jedenfalls auch die 
der Mysterien, welche in der griechisch - lateinischen 
Welt gefeiert wurden.®* 

Durch die Initiation wurde der Myste zu einem über- 
menschlichen Leben wiedergeboren und den Unsterb- 
lichen gleich.86 In seiner Ekstase glaubte er die 
Schwelle des Todes z\x überschreiten imd die Götter 
der Unterwelt und des Himmels von Angesicht zu An- 
gesicht zu schauen.®*^ Nach seinem Tode werden Isis 
und Serapis, wenn er die Vorschriften genau erfüllte, 
welche sie ihm durch den Mund ihrer Priester gaben, 
sein Leben über die ihm vom Schicksal bestimmte 
Dauer verlängern, und er wird in ihrem xmterirdischen 
Reiche ewig an ihrer Seligkeit teilnehmen und ihnen 
seine Huldigungen darbringen können.^® Die „unaus- 
sprechliche Wonne**, die er bei der Betrachtimg der 
heiligen Bilder im Tempel empfindet ^^, wird sich in 
imvergängliche Freude wandeln, wenn er an Stelle des 
Bildes die Gottheit selbst schauen, und seine dürstende 
Seele, eng mit ihr verbimden, sich an dieser unaus- 
sprechlichen Schönheit laben darf .^^ 

Als die alexandrinischen Mysterien sich während der 
Republik in Italien verbreiteten, hatte noch keine Re- 
ligion den Menschen eine gleich bestimmte Verheißung 
seliger Unsterblichkeit gebracht, imd dieser Umstand 
namentlich gab ihr eine unwiderstehliche Anziehungs- 
kraft. An Stelle der schwankenden und widerspruchs- 
vollen Meinungen der Philosophen über das Schicksal 
der Seele bot Serapis eine Gewißheit, die auf gött- 



ii8 Ägypten 

lieber Offenbarung berubte und durcb den Glauben un- 
zäbliger Generationen, die sieb zu ibr bekannt batten, 
gestärkt war. Was die Orpbiker binter dem Scbleier 
der Legenden dimkel geabnt und Großgriecbenland 
verkündigt batten*^, nänüieb; daß dieses Erdenleben 
eine Prüfung sei, die auf ein anderes, böberes und rei- 
neres Dasein vorbereiten solle, daß die Seligkeit im Jen- 
seits diureb Riten imd Bräuebe verbürgt werden könne, 
die von den Göttern selbst offenbart seien, das alles 
wurde jetzt mit einer bis dabin unerbörten Bestimmtbeit 
und Klarbeit gepredigt. Vor allem durcb diese escba- 
tologiscben Lebren bat Ägypten die lateinisebe Welt 
und besonders die elenden Massen gewonnen, welebe 
den Druck all der Ungereebtigkeiten der römiscben 
Gesellscbaft scbmerzlieb empfanden. 

Der Einfluß, die Popularität dieser Vorstellimgen 
über das zukünftige Leben ist nocb im Spracbgebraucb 
der Gegenwart zu spüren, imd zum Abscbluß dieser 
Studie, in der icb auf alles maleriscbe Detail geflissent- 
lich verzicbten mußte, möcbte icb zeigen, wie in einem 
französischen Wort die Erinnerung an die alten äg^- 
tiseben Ideen nocb leise nachklingt. 

In der kalten Nacht ihrer langen Winter haben die 
alten Skandinavier von einer Walhalla geträumt, wo in 
wohl verwahrten und bellerleucbteten Sälen die dahin- 
geschiedenen Recken sich an dem berauschenden Tranke 
erwärmten, den ihnen die Walküren reichten; unter 
dem heißen Himmel Ägfyptens, am Rande der dürren 
Saridwüste, wo der Wanderer von glühendem Durste 
gequält wird, wünscht man dem Toten für seine Reisen 
im Jenseits, daß er eine klare Quelle fände, xim die 



Das refrigeriutn 1 1 q 

Glut zu löschen, die ihn peinigt, und daß er durch 
den Hauch des Nordwindes erfrischt werden möchte.** 
Selbst in Rom schreiben die Anhänger der alexan- 
drinischen Götter auf ihre Gräber oft den Wunsch: 
„Osiris gebe dir kühles Wasser I"*» Dieses Wasser 
wurde bald figürlich zum Quell des Lebens, der den 
dürstenden Seelen die Unsterblichkeit spendete. Die 
Metapher kam so sehr in Aufnahme, daß das latei- 
nische refrigerium schließlich dasselbe bedeutete wie 
Erquickimg und Seligkeit. In diesem Sinne ging der 
Ausdruck dann in die Liturgie der Kirche über**, und 
das ist der Gnmd, wanun man noch heute, obwohl das 
christliche Paradies den Aalugefilden kaiun ähnlich 
ist, fortfährt für das geistliche „rafralchissement** der 
Dahingeschiedenen zu beten. 



V. 
SYRIEN 

Die syrischen Kulte sind im Abendlande niemals in 
derselben Geschlossenheit aufgetreten wie die ägyp- 
tischen oder die kleinasiatischen. Von der phönikischen 
Küste und aus den Tälern des Libanon^ von der 
Euphratgrenze und den Oasen der Wüste kamen sie 
zu verschiedenen Zeiten dorthin^ wie die nacheinander 
heranrollenden Wogen einer steigenden Flut, und leb- 
ten in der römischen Welt fort, ohne sich, trotz ihrer 
Ähnlichkeit, miteinander zu vermischen. Die Isolierung, 
in der sie verharren, das hartnäckige Festhalten ihrer 
Anhänger an ihren besonderen Riten ist eine Folge 
und gleichsam ein Abbild der Zerstückelung Syriens 
selbst, wo die einzelnen Stämme xmd Gaue schärfer 
als irgendwo sonst geschieden blieben, auch dann, alä 
sie unter römischer Herrschaft vereinigt waren. Mit 
zäher Kraft bewahrten sie ihre Lokalgottheiten wie ihre 
semitischen Dialekte. 

Es würde nicht möglich sein, jeden einzelnen dieser 
Kulte hier in seiner Besonderheit und seinem indi- 
viduellen Gepräge zu charakterisieren imd seine Ge- 
schichte zu rekonstruieren — die UnvoUständigkeit der 
Berichte würde es nicht zulassen — aber wir können 
wenigstens in großen Zügen die Wege angeben, auf 
denen sie nach und nach' in die Länder des Okzidents 
eingewandert sind, und den Versuch machen, ihre ge- 



Die syrische Göttin 12 1 

meinsamen Eigenschaften zu bestimmen, indem wir ims 
zu zeigen bemühen, was das syrische Heidentum den 
Römern Neues gebracht hat. 

Die erste semitische Gottheit, die in Italien auf- 
tauchte, war Atargatis — oft mit der phönikischen 
Astarte verwechselt — , die einen berühmten Tempel in 
Barabyke oder Hierapolis unweit des Euphrat besaß 
und, abgesehen von der heiligen Stadt, mit ihrem Ge- 
mahl Hadad in einem großen Teile von Syrien verehrt 
wurde. Auch die Griechen betrachteten sie als die sy- 
rische Göttin (Zupia Öect) schlechthin, und in den la- 
teinischen Ländern war sie gewöhnlich unter dem Na- 
men dea Syria bekannt, der im Volksmunde schließlich 
zu lasura verdorben wurde. 

Man wird sich der wenig erbaulichen Schilderungen 
erinnern, welche Lucian und Apuleius^ uns von ihren 
wandernden Priestern hinterlassen haben. Unter der 
Leitung eines alten Eunuchen von zweifelhaftem Cha- 
rakter zieht ein Trupp geschminkter junger Leute auf 
der Landstraße einher, der auf einem Esel das aufge- 
putzte Bild der Göttin mit sich führt. Kommen sie durch' 
ein Dorf oder an einem reichen Landhause vorüber, 
so geben sie sich alsbald ihren frommen Übungen hin. 
Zum gellenden Klang ihrer syrischen Flöten drehen 
und wenden sie sich krampfhaft mit zurückgebogenem 
Kopf, indem sie rauhe Schreie ausstoßen. Dann, wenn 
sie in Ekstase geraten und dadurch unempfindlich ge- 
worden sind, geißeln sie sich heftig; sie verwunden 
sich mit ihren Schwertern und verspritzen ihr Blut vor 
den Augen der ländlichen Menge, die sie im Kreise 
umsteht, und endlich veranstalten sie bei den staunen- 
den Zuschauern eine ergiebige Kollekte. In die Falten 
ihrer weiten Gewandung bergen sie Krüge mit Milch 



122 Syrien 

und Wein^ Käse und Mehl samt kupferner Scheide* 
münze und sogar einige Silberstücke. Gelegentlich wis- 
sen sie auch ihren Profit durch geschickte Diebstähle 
zu mehren oder dadurch;, daß sie zu mäßigem Preise 
Orakel für den Hausgebrauch verzapfen. 

Dieses pittoreske Bild^ das aus einem Roman des 
Lucius von Patras stammt, ist ohne Zweifel sehr dim- 
kel gehalten. Es ist kaum glaublich, daß die Priester- 
schaft der Göttin von Hierapolis nur ein Haufe von 
Charlatanen und Vagabimden gewesen sei. Aber wie 
sollen wir uns die Existenz dieses bettelnden imd wan- 
dernden Clerus minor im Abendlande erklären? 

Es steht fest, daß die ersten Anbeter der syrischen 
Göttin in der lateinischen Welt Sklaven waren. Die 
Kriege gegen Antiochus den Großen hatten eine Masse 
von Gefangenen nach Italien geführt, die dem Her- 
kommen gemäß versteigert wurden; und mit dieser 
Tatsache hat man das erste Auftreten der Chaldaei^ 
in Italien — d. h. der orientalischen Wahrsager, die 
sich auf die chaldäische Astrologie beriefen — in Ver- 
bindung gebracht. Diese Wahrsager fanden gläubige 
Anhänger tmter dem ländlichen Gesinde, und der 
strenge Cato macht es dem guten Hausvater zur Pflicht, 
sie hinauszuweisen.3 

Seit dem zweiten Jahrhundert v. Chr. vollzog sich der 
Import syrischer Sklaven gleichmäßig durch den Han- 
del. Delos war damals der g^oße Stapelplatz dieser 
Menschenware, und gerade auf dieser Insel wurde Atar- 
gatis mit ihrem Gemahl Hadad von athenischen und 
römischen Bürgern verehrt.* Der Sklavenhandel ver- 
breitete ihren Kultus im Okzident.^ Wir wissen, daß 
der g^oße Sklavenaufstand, der im Jahre 134 v. Chr. 
Sizilien verheerte, von einem Sklaven aus Apameia, 



Die syrischen Sklaven 123 

einem Diener der syrischen Göttin, entfacht wurde. 
Heilige Raserei heuchelnd rief er seine Genosseyi zu 
den Waffen, als habe er den Befehl dazu vom Himmel 
erhalten.^ Diese Einzelheit, die uns zufällig bekannt 
geworden ist, beweist, wie stark damals da^ semitische 
Element in der Masse der landwirtschaftlichen Arbeiter 
vertreten war, und welches Ansehen Atargatis in sol- 
cher Umgebimg genoß. Zu arm, um ihrer nationalen 
Göttin Tempel errichten zu können, warteten diese 
Leute mit der Darbietimg ihrer Huldigungen, bis eine 
Schar umherziehender Galli die entlegene Siedelung 
passierte, nach der der Zufall des Meistgebotes sie ver- 
schlagen hatte. Die Existenz dieser wandernden Prie- 
ster hing also von der großen Zahl ihrer Volksgenossen 
ab, die sie überall auf dem Lande antrafen, und welche 
sie am Leben erhielten, indem sie ihnen einen Teil 
ihres kargen Lohnes opferten. 

Gegen das Ende der Republik scheint die Beach- 
timg, welche man den Dienern der syrischen Göttin in 
Rom schenkte, bereits ernsthaft genug gewesen zu sein. 
Eine syrische Wahrsagerin bezeichnete Marius die Op- 
fer, welche er darbringen sollte.^ 

Unter den Kaisern wurde die Einfuhr von syrischen 
Sklaven noch beträchtlicher. Das entvölkerte Italien 
bedurfte mehr und mehr fremder Arbeitskräfte, und 
Syrien stellte ein beträchtliches Kontingent zu der ver- 
stärkten Einlvanderung von landwirtschaftlichen Arbei- 
tern. Aber diese Syrer, die ebenso lebhaft und intelli- 
gent als kräftig und arbeitsam sind, übernehmen auch 
sehr viele andere Verrichtungen. Sie besorgen die im- 
zähligen häuslichen Geschäfte in den Villen der Ari- 
stokratie und wurden von dieser ganz besonders als 
Sänftenträger geschätzt.^ Die kaiserliche Verwaltung 



124 Syrien 

wie die der Munizipalstädte, die großen Unternehmer, 
welche die Erträge der Zölle und der Bergwerke ge- 
pachtet haben, mieten oder kaufen sie in Menge, und 
bis in die entlegensten Grenzprovinzen hinein findet 
man den Syrus im Dienst des Fürsten, der Städte oder 
der Privatleute. Der Kult der syrischen Göttin zog er- 
heblichen Gewinn aus diesem wirtschaftlichen Vorgang, 
der ihm unaufhörlich neue Gläubige zuführte. Sie wird 
im ersten Jahrhimdert unserer Zeitrechnimg in einer 
römischen Inschrift erwähnt, die sich speziell auf den 
Sklavenmarkt bezieht, imd wir wissen, daß Nero eine 
besondere Vorliebe für diese Ausländerin zeigte, die er 
jedoch bald wieder aufgab.* In dem vorwiegend von 
kleinen Leuten bewohnten Stadtviertel Trastevere be- 
saß sie seit derselben Zeit einen Tempel, der, zweimal 
erneuert, bis zum Untergange des Heidentiuns be- 
stand.io 

Doch sind in der Kaiserzeit die Sklaven nicht mehr 
die einzigen Missionare, die aus Syrien kommen, und 
Atargatis ist nicht mehr die einzige Gottheit dieses 
Landes, die im Okzident angebetet wird. Die Ausbrei- 
tung der semitischen Kulte erfolgte in der Hauptsache 
auf andere Weise. 

Im Beginn unserer Ära sah man, wie die syrischen 
Kaufleute, die Syri negotiatores, eine förmliche Koloni- 
sienmg der lateinischenProvinzen unternahmen.^^ Schon 
im zweiten Jahrhundert v. Chr. hatten syrische Händler 
an der kleinasiatischen Küste, im Piräus und im Archi- 
pel Kontore angelegt. Auf der Insel Delos, die sich 
trotz ihrer Kleinheit zu einem gproßen Handelsplatze 
entwickelt hatte, gab es Genossenschaften von Kauf- 
leuten, die ihre nationalen Götter anbeteten, besonders 
Hadad und Atargatis. Aber die Kriege, welche am 



Die syrischen Kaufleute 125 

Ausgange der Republik den Osten heimsuchten, und 
vor allem die Überhandnähme des Piratenunwesens rui- 
nierten den Seehandel und hemmten die Au3wande- 
rungsbewegimg. Diese nahm jedoch einen neuen Auf- 
schwimg, als die Gründung des Kaiserreichs die Sicher^ 
heit auf dem Meere wiederhergestellt hatte, imd der 
Handelsverkehr mit der Levante sich zu ungeahnter 
Blüte entwickelte. Man kann die Geschichte der sy- 
rischen Niederlassungen in den lateinischen Provinzen 
vom ersten bis zum achten Jahrhundert verfolgen imd 
beginnt seit einiger Zeit ihre wirtschaftliche, soziale 
und religiöse Bedeutung ihrem wirklichen Umfange 
entsprechend einzuschätzen. 

Das Handelstalent der Syrer war s|prichwörtlich. Rüh- 
rig, geschmeidig, geschickt, oft wenig bedenklich, ver- 
standen sie überall erst kleine, dann größere Geschäfte 
zu machen. Die besonderen Anlagen ihrer Rasse vor- 
teilhaft verwertend, brachten sie es fertig, sich an allen 
Küsten des Mittelmeers bis nach Spanien einzunisten^*: 
eine Inschrift aus Malaga gedenkt einer von ihnen be- 
gründeten Körperschaft. Die Häfen Italiens, in denen 
der Handel besonders lebhaft war, Puteoli, Ostia, später 
Neapel, lockten sie in Massen herbei. Aber sie be- 
schränkten sich nicht auf das Küstengebiet, sondern 
drangen auch weiter in das Innere der Länder ein, so- 
fern sie dort auf vorteilhafte Geschäfte rechnen konn- 
ten. Sie folgten den Handelsstraßen und wanderten an 
den großen Flüssen hinauf. Sie drangen der Donau 
entlang bis nach Pannonien und im Rhönetal bis nach 
Lyon vor. In Gallien war diese Bevölkerung besonders 
dicht : in diesem aufblühenden Lande, das soeben erst 
dem Handel erschlossen war, konnte man sich schnell be- 
reichem. Eine im Libanon entdeckte Verordnung wendet 



126 Syrien 

sich an die Seeleute von Arles, die mit dem Transport 
des Getreides beauftragt waren, imd im Ain-Departe- 
ment hat man das zweisprachige Epitaph eines Kauf- 
manns aus dem dritten Jahrhimdert gefunden, der 
Thaim oder Julian, der Sohn Saads hieß, Decurio der 
Stadt Kanatha in Syrien war und zwei Faktoreien im 
Rhönebecken besaß, wohin er die Waren aus Aqui- 
tanien kommen ließ." Die Syrer verbreiteten sich so 
durch die ganze Provinz bis nach Trier, wo ihre Nation 
einflußreich war. Selbst die Invasionen der Barbaren 
im fünften Jahrhundert hielten ihre Einwanderung 
nicht auf. St. Hieronymus zeigt sie uns, wie sie mitten 
in den Stürmen der Völkerwanderung die römische Welt 
durcheilen, dem erhofften Gewinn zuliebe allen Ge- 
fahren trotzend. In der barbarischen Gesellschaft, die 
nun an die Stelle der römischen trat, wuchs der Einfluß 
dieses gebildeten und städtischen Elements noch mehr. 
Unter den Merowingern, um 591, waren sie in Paris 
mächtig genug, um die Wahl eines der Ihrigen zum 
Bischof durchzusetzen und sich aller kirchlichen Ämter 
zu bemächtigen. Gregor von Tours erzählt, daß man 
bei dem Einzüge des Königs Gontrand in Orleans im 
Jahre 585 die Menge sein Lob „in der Sprache der 
Lateiner, der Juden und der Syrer** singen hörte.^* Und 
diese Kolonien von Kaufleuten verschwanden erst, als 
die sarazenischen Korsaren den Mittelmeerhandel zer- 
stört hatten. 

Diese Niederlassimgen übten eine tiefgreifende Wir- 
kung auf das wirtschaftliche und materielle Leben der 
lateinischen Provinzen und besonders Galliens aus : als 
Bankiers konzentrierten die Syrer in ihren Händen einen 
großen Teil des Geldverkehrs und monopolisierten die 
Einfuhr der kostbaren Waren der Levante wie die der 



Die syrischen Kaufleute 127 

Luxusartikel; sie verkauften Weine, Spezereien, Glas- 
waren, Seidenstoffe und Purpurgewänder, und eben- 
so Gegenstände der Goldschmiedekunst, welche den ein- 
heimischen Handwerkern als Vorlagen dienten. Ihr sitt- 
licher imd religiöser Einfluß war nicht minder erheb- 
lich: so hat man nachgewiesen, wie sie in christlicher 
Zeit die Entwicklung desMönchtums begünstigten, und 
wie die Verehrung des Kruzifixes, die im Gegensatz 
zu den Monophysiten erwuchs, von ihnen im Abend- 
lande eingeführt wurde; während der fünf ersten Jahr- 
hunderte empfanden die Christen eine unüberwindliche 
Abneigimg dagegen, sich den Heiland der Welt an 
ein Marterwerkzeug genagelt vorzustellen, das schimpf- 
licher war als unsere Guillotine. Einen verschwonune- 
nen Symbolismus ersetzten die Syrer zuerst durch die 
Wirklichkeit in ihrer ganzen ergreifenden Gewalt.^* 

Zu heidnischer Zeit war die Rolle, welche diese ein- 
gewanderte Bevölkenmg in religiöser Hinsicht spielte, 
nicht weniger bemerkenswert. Diese Kaufleute befaß- 
ten sich inuner mit den Geschäften des Himmels wie 
mit denen der Erde. Zu allen Zeiten war Syrien die 
Heimat einer glühenden Frömmigkeit, und seine Kin- 
der wandten im ersten Jahrhundert ebensoviel Eifer 
daran, im Abendlande den Kultus ihrer barbarischen 
Götter einzubürgern, als nach ihrer Bekehrung das 
Christ entxun bis nach Turkestan und China hinein zu 
verbreiten. Auf den Inseln des Archipels während der 
alexandrinischen Periode wie in den lateinischen Pro- 
vinzen unter den Cäsaren beeilten sich die Kaufleute 
gleichzeitig mit ihren Kontoren Kapellen zu gründen, 
in denen sie ihre exotischen Riten ausübten. 

Die Gottheiten der phönikischen Küste gelangten 
leicht über die Meere: man sah Adonis landen, den 



I30 Syrien 

wird eine berittene Kohorte von tausend Bogenschützen 
aus Emesa in Pannonien stationiert^ eine andere von 
damaszenischen Bogenschützen in Obergennanien ; Mau- 
retanien erhält Irreguläre aus Palmyra, und Korps> die 
in Ituräa, am Rande der ägyptischen Wüste, ausge- 
hoben sind, liegen gleichzeitig in Dazien, Germanien, 
Ägypten und Kappadozien. Kommagene allein stellt 
nicht weniger als sechs Kohorten zu fünftausend Mann, 
die an die Donau und nach Niunidien gesandt werden.*^* 

Die Zahl der von Soldaten herrührenden Weih- 
inschriften bezeugt sowohl die Lebendigkeit ihres Glau- 
bens als die Verschiedenheit ihrer bezüglichen Vor- 
stellungen. Gleich den heutigen Seeleuten in fremde 
Breiten verschlagen und beständigen Gefahren ausge- 
setzt, neigten sie dazu, unaufhörlich den Schutz des 
Himmels anzurufen und blieben den Göttern treu, die 
sie in ihrem Exil an die ferne Heimat erinnerten. So 
ist es nicht zu verwimdem, daß die in die Armee ein- 
gereihten Syret in der Nähe ihrer Lager den Kultus 
ihrer Baale pflegten. Eine Inschrift in Versen zu Ehren 
der Göttin von Hierapolis ist im Norden Englands bei 
dem Valium Hadriani aufgefunden; sie hat einen Prä- 
fekten zum Verfasser, der vermutlich eine Kohorte 
Hamii kommandierte, welche auf diesem vorgeschobe- 
nen Posten stationiert war.^^ 

Nicht alle Soldaten verstärkten, wie dieser Offizier, 
die Reihen der Gläubigen, welche solche Gottheiten 
verehrten, die seit langer Zeit von der lateinischen Welt 
adoptiert waren. Sie haben auch neue mitgebracht, die 
aus noch weiterer Ferne stammten als ihre Vorgänge- 
rinnen, selbst von den Grenzen der Barbarenwelt, denn 
hier vor allem waren kriegstüchtige Rekruten zu fin- 
den. Zu diesen wird z.B. Baltis gehören, eine „Notre 



Die syrischen Soldaten i^i 

Dame** aus Osrhoene jenseits des Euphrat**, femer 
Aziz, der „starke Gott** von Edessa^ der mit dem Stern 
Luzifer identifiziert wurde *», Malakbely der „Bote des 
Herrn**, der Patron der Palmy rener, welcher mit ver- 
schiedenen Begleitern in Rom, inNumidien imdDazien 
erscheint.2* Der berühmteste jener Götter ist in dieser 
Epoche der Jupiter von Doliche, einer kleinen Stadt 
Kommagenes, die ihm ihren Ruhm schuldete. Dank den 
aus dieser Gegend stammenden Truppen fand der un- 
bekannte Baal, dessen Namen kein einziger Schrift- 
steller erwähnt, Anbeter in allen römischen Provinzen 
bis nach Afrika, Germanien und Britannien hinein. Die 
Anzahl der aufgefundenen Weihin-schriften, die sich 
auf ihn beziehen, beträgt über hundert und wächst von 
Tag zu Tag. Ursprünglich ein Blitzgott, der mit einer 
geschwungenen Axt dargestellt wurde, avancierte die- 
ser lokale Gewitterdämon zum Schutzpatron der kaiser- 
lichen Heere.25 

Die Ausbreitung der semitischen Kulte in Italien, die 
unmerklich im Zeitalter der Republik begann, vollzog 
sich namentlich vom ersten Jahrhundert n. Chr. an. 
Rasch wuchs ihr Anhang und ihre Zahl, und im dritten 
Jahrhundert erreichten sie den Gipfel ihrer Macht. Ihr 
Einfluß wurde fast vorherrschend, als die Severer den 
Thron bestiegen, und der kaiserliche Hof ein halb syri- 
sches Gepräge erhielt. Die Beamten aller Rangstufen, 
die Senatoren und die Offiziere wetteiferten in der Ver- 
ehrung der Götter, welche die Protektoren ihrer Sou- 
veräne waren und von diesen selbst protegiert wurden. 
Intelligente und ehrgeizige Fürstinnen, Julia Domna, 
Maesa, Mammaea, Sohaemias, verwandten ihren bedeu- 
tenden Einfluß zur Förderung ihrer nationalen Religion. 
Bekannt ist das kühne Pronimziamento, das im Jahre 218 

9* 



132 Syrien 

einen vierzehnjährigen Knaben^ einen Diener des Baal 
von Emesa;, den Kaiser Heliogabal, auf den Thron er- 
hob. Er suchte seinem bis dahin fast unbekannten bar- 
barischen Gott die Oberhoheit über alle anderen zu ver- 
schaffen. Die alten Schriftsteller erzählen mit Ent- 
rüstung, wie dieser gekrönte Priester seinen schwarz^i 
Stein, ein pliunpes, aus Emesa herbeigeholtes Idol, zur 
herrschenden Gottheit des Reiches erheben wollte, in- 
dem er ihm das ganze alte Pantheon unterordnete; sie 
wissen nicht genug empörende Einzelheiten über die 
Zügellosigkeit der Ausschweifungen zu berichten, denen 
die Feste des neuen Sol invictus Elagabal ziun Vor- 
wande dienten.*^ Allerdings kann man fragen, ob die 
römischen Historiker, dem Fremdling überaus feindlich 
gesinnt, der durchaus die Bräuche seines Vaterlandes 
zur Herrschaft bringen wollte, nicht die wirklichen Tat- 
sachen teilweise entstellt oder verkannt haben. Der Ver- 
such Heliogabals, die Anerkennung seines Gottes als 
des höchsten Gottes durchzusetzen und im Himmel eine 
Art Monotheismus zu etablieren, wie auf Erden die 
Monarchie herrschte, war ohne Zweifel zu gewaltsam, 
imgeschickt und verfrüht, aber er entsprach dem Geiste 
der Zeit, und man muß sich daran erinnern, daß nicht 
nur in Rom, sondern im ganzen Reiche einflußreiche 
syrische Kolonien der kaiserlichen Politik zur Stütze 
dienen konnten. 

Ein halbes Jahrhundert später verfolgte Aurelian den- 
selben Gedanken, indem er einen neuen Kultus der 
„unbesiegbaren Sonne** schuf. In einem glänzenden 
Tempel von Pontifices angebetet, die den alten römi- 
schen Pontifices gleichstanden, alle vier Jahre mit 
prächtigen Spielen gefeiert, war Sol invictus ebenfalls 
zur höchsten Stufe der göttlichen Hierarchie empor- 



Heliogabal und Aurelian i^^ 

« 

gestiegen und wurde der besondere Schirmherr der 
Kaiser und des Reiches. Das Land, in welchem Aurelian 
das Vorbild fand, das er nachzuahmen versuchte, war 
wiederum Syrien: in das neue Heiligtum ließ er die 
Bilder des Bei und des Helios stellen, die er ausPalmyra 

geraubt hatte, nachdem dieses seinen Waffen erlegen 

war.27 

* * 

* 

So beabsichtigten die Herrscher zweimal den lupiter 
Capitolinus durch einen semitischen Gott zu ersetzen 
und einen semitischen Kult zum Haupt- und Staatskult 
der Römer zu erheben. Sie proklamierten die Abschaf- 
fung der alten lateinischen Religion zugunsten einer 
anderen, die aus Syrien entlehnt war. Inwiefern er- 
schien der Glaube dieses Landes dem eigenen über- 
legen ? Warum erblickte selbst ein illyrischer Feldherr 
wie Aurelian in ihm den vollkommensten Typus der 
heidnischen Religion ? Diese Frage drängt sich uns auf, 
imd wir können sie nur lösen, wenn wir uns genauere 
Rechenschaft darüber geben, welche Entwicklung die 
Glaubensvorstellungen der Syrer unter den Cäsaren 
durchlaufen hatten. 

Es handelt sich hier allerdings um ein noch ziemlich 
undurchsichtiges Problem. Abgesehen von dem recht 
oberflächlichen Werkchen Lucians über die dea Syria 
finden wir kaum glaubwürdige Berichte bei den grie- 
chischen oder lateinischen Autoren. Die Schrift Philos 
von Byblos, die euhemeristische Erklärung einer an- 
geblich phönikischen Kosmogonie, ist eine Kompilation 
von sehr geringem Werte* Wir besitzen nicht mehr die 
ursprünglichen Sammlungen der semitischen Liturgien, 
wie dies auf dem Gebiete der ägyptischen Religion der 



134 Syrien 

Fall ist. Was wir in Erfahrung gebracht haben, ver- 
danken wir in erster Linie den Inschriften; und wenn 
diese wertvolle Angaben über die zeitliche und räum- 
liche Ausdehnung der in Rede stehenden Kulte liefern, 
so schweigen sie anderseits fast vollkommen über ihre 
Lehren. Das nötige Licht ist hier von Ausgrabungen 
in den großen Heiligtümern Syriens zu erhoffen, und 
auch von einer genaueren Deutimg der figürlichen Mo- 
numente, die wir jetzt schon in hinreichender Anzahl 
besitzen, namentlich der des lupiter Dolichenus. 

Indessen sind bereits gewisse Grundzüge des semi- 
tischen Heidentums zu erkennen; und wenn man sich 
bei seinem Urteil an die Merkmale hält, die dem for- 
schenden Blick zuerst entgegentreten, so kann dieses 
allerdings nur img^nstig lauten. 

Die semitische Religion trägt einen Rest von sehr 
primitiven Ideen, von urwüchsigem Naturalismus in 
ihrem Schöße, der sich lange Jahrhunderte hindurch 
erhalten hat und teilweise noch unter der Herrschaft 
des Christentums und des Islams bis auf unsere Tage 
fortleben sollte ^^ — den Kult der Höhen, auf denen 
bisweilen eine kunstlose Einfriedigung die Grenze des 
heiligen Gebietes bezeichnet — den Kult der Wasser, 
der dem Meere gilt wie den Bächen, die von den Bergen 
herabrauschen, den Quellen, die aus der Erde hervor- 
sprudeln, den Teichen; den Seen und den Brunnen, in 
die man ebenfalls Opfergaben wirft; sei es nun, daß 
man in ihnen den Trank verehrt, der den Dürstenden 
erquickt und belebt, oder mehr noch das Naß, das die 
Erde befruchtet — den Kult der Bäume, welche die 
Altäre beschatten, und die niemand abhauen oder ver- 
stümmeln darf — den Kult der Steine und namentlich 
der rohen Blöcke, die als „Bätyle** bezeichnet und, wie 



' Naturalistische Überlebscl 135 

der Name {heih-El) besagt, als Wohnung des Gk>ttes 
betrachtet werden oder, besser ausgedrückt, als die Ma 
terie, in der das Göttliche sich verkörpert.^^ So wurde 
Aphrodite Astarte in Gestalt eines kegelförmigen Steines 
in Paphos angebetet; ein schwarzer Meteorit, mit Vor- 
sprüngen und Vertiefungen bedeckt, denen man sym- 
bolische Bedeutung beilegte, stellte Elagabal dar und 
wurde, wie bereits erwähnt, von Emesa nach Rom ge- 
schafft. 

Neben diesen materiellen Objekten empfingen die 
Tiere ihren Tribut an Huldigungen. Bis zum Ende des 
Heidentums und noch darüber hinaus erhielten sich 
Überlebsel der altsemitischen Zoolatrie. Die Götter 
werden häufig auf Tieren dargestellt : so der Baal von 
Doliche auf einem Stier und seine Genossin auf einem 
Löwen. Manche Tempel waren von einem Park um- 
geben, in dem eine Anzahl wilder Tiere frei umher- 
lief 30 — eine Reminiszenz an die Zeit, in der sie als 
göttliche Wesen angebetet wurden. Zwei Tiere nament- 
lich genossen allgemeine Verehrung : Taube und Fisch. 
Zahllose Schwärme von Tauben begrüßten den Reisen- 
den, wenn er in Askalon ans Land stieg ^i, und in den 
Vorhöfen aller Heiligtümer der Astarte sah man sie 
ihre weißen Schwingen regen ^2, denn die Taube war 
gewissermaßen das besondere Eigentum der Göttin der 
Liebe, deren Symbol sie geblieben ist, und des Volkes, 
welches diese vorzugsweise verehrte. 

Quid referam ut volitet crebras intacta per urbes 
Alba Palaestino sancta columba Syro?'* 

Der Fisch, der Atargatis heilig, die ohne Zweifel vor 
Zeiten selbst in dieser Gestalt dargestellt wurde, wie es 
mit Dagon noch immer geschah 3*, wurde in Teichen 



136 Syrien 

nahe bei den Tempeln gehalten ^^ und abergläubische 
Furcht verwehrte es!, ihn anzufassen, denn die Göttin 
bestrafte dieses Sakrileg mit Beulen und Geschwüren, 
die den Körper des Missetäters bedeckten.'* Aber bei 
gewissen mystischen Mahlzeiten verzehrten die Priester 
und die Eingeweihten diese verbotene Nahrung;, in dem 
Glauben, daß sie so das Fleisch der Gottheit selbst 
genössen. Dieser Kult xmd diese Bräuche, die in Syrien 
zu Hause waren, haben wahrscheinlich in christlicher 
Zeit die Ichthys-Symbolik erzeugt.'^ 

Aber über dieser primitiven und virwüchsigen Schicht, 
die stellenweise noch zutage trat, hatten sich minder 
rohe Vorstellungen gebildet. Neben materiellen Gegen- 
ständen und Tieren verehrte das syrische Heidentiun 
auch und vor allem persönliche Gottheiten. Mit nicht ge- 
ringem Scharfsinn hat man den Charakter der von den 
semitischen Stämmen ursprünglich verehrten Götter 
rekonstruiert.^^ Jeder hat seinen Baal und seine Baalath, 
die ihn beschützen, und denen seine Glieder allein einen 
Kult widmen können. Der Name Ba'al „Herr** ist be- 
zeichnend für die Vorstellung, die man sich von einem 
solchen Gott macht. Er wird in erster Linie als der 
Gebieter seiner Gläubigen betrachtet, und sein Verhält- 
nis zu ihnen gleicht dem eines orientalischen Poten- 
taten zu seinen Untertanen; sie sind seine Diener, oder, 
besser gesagt, seine Sklaven.'* Der Baal ist gleichzeitig 
der „Herr* * oder Eigentümer des Landes, in dem er wohnt 
und das er befruchtet, indem er die Quellen hervorspru- 
deln läßt. Oder sein Herrschaftsgebiet ist auch wohl 
das Firmament ; er ist der dominus caetij der die oberen 
Wasser im Toben des Gewittersturms herabrauschen 
läßt. Stets vereint man ihn mit einer himmlischen oder 
irdischen „Königin**, und er ist daher drittens der 



Die Baale — Heilige Prostitution 137 

„Herr** oder der Gemahl der „Herrin**, die ihin zu- 
gesellt wird. Der eine repräsentiert das männliche, die 
andere das weibliche Prinzip; sie sind die Urheber jeg- 
licher Fruchtbarkeit, und der Kultus dieses göttlichen 
Paares nimmt daher oft einen sinnlichen imd wollüsti- 
gen Charakter an. 

In der Tat stellte sich die Schamlosigkeit nirgends 
so rückhaltlos zur Schau wie in den Tempeln der 
Astarte, deren Dienerinnen die Göttin mit unermüd- 
licher Inbrunst verehrten. Die heilige Prostitution ist in 
keinem Lande .so entwickelt gewesen wie in Syrien, und 
man findet sie im Okzident eigentlich nur dort, wo die 
Phönikier sie eingeführt haben, wie auf dem Berge 
£ryx. Diese Ausschweifungen, die man bis zum Ende 
des Heidentums fortsetzte *^ sind wahrscheinlich aus 
der ursprünglichen Verfassung der semitisfchen Stämme 
zu erklären, und der religfiöse Brauch wird anfänglich 
eine Art der Exogamie gewesen sein, welche das Weib 
dazu verpflichtete, sich zuerst einem Fremden hinzu- 
geben.*^ 

Femer, und das ist ein zweiter Mangel, hat keine 
Religion so lange die Menschenopfer beibehalten, in- 
dem man blutdürstigen Göttern zu Gefallen Kinder und 
Erwachsene tötete. Hadrian mochte diese mörderischen 
Opfer noch so sehr verbieten *2: sie erhielten sich in 
gewissen Geheimriten und den Niederungen der Magie 
bis zum Sturz der Götzen und sogar noch länger. Sie 
entsprachen den Anschauungen einer Epoche, in der 
das Leben eines Gefangenen oder eines Sklaven nicht 
höher eingeschätzt wurde als das des Viehes. 

Diese heiligen Bräuche und viele andere, bei denen 
Lucian in seinem Büchlein über die Göttin von Hiera- 
polis mit Vorliebe verweilt, riefen demnach in den 



138 Syrien ' 

Tempeln Syriens täglich die Sitten einer barbarischen 
Vergangenheit wieder ins Leben. Von all den früheren 
Vorstellungen, die nacheinander im Lande geherrscht 
hatten, war keine vollständig verschwunden. Wie in 
Ägypten bestanden hier Glaubensgedanken ganz ver- 
schiedenen Alters und ganz verschiedener Herkunft 
nebeneinander fort, ohne daß man es versucht oder 
fertig gebracht hätte, sie miteinander auszugleichen. 
Zoolatrie, Litholatrie, alle naturalistischen Kultarten 
überlebten hier das kulturlose Zeitalter, das sie ge- 
schaffen hatte. Die Götter waren mehr als anderswo 
Clanhäuptlinge geblieben**, weil die Stanunverfassung 
sich hier lebendiger und schärfer ausgeprägt erhielt 
als in jeder anderen Gegend: noch in der Kaiserzeit 
stehen viele Gaue unter solcher Herrschaft und werden 
von „Ethnarchen** oder „Phylarchen** regiert.** Die 
Religfion, yelche der Gottheit das Leben der Männer 
und die Scham der Frauen opferte, war in vieler Hin- 
sicht auf dem Niveau imgeselliger xmd blutdürstiger 
Völkerschaften stehen geblieben. Ihre obszönen imd 
grausamen Riten forderten den erbitterten Widerspruch 
des römischen Bewußtseins heraus, als Heliogabal sie 
mit seinem Baal von Emesa in Italien einzubürgern 
suchte. 

* 

Wie ist es denn zu verstehen, daß die syrischen Göt- 
ter trotzdem in das Abendland eingedrungen imd sogar 
von den Cäsaren selbst angenonunen sind? Des Rätsels 
Lösung ist, daß das semitische Heidentum ebensowenig 
wie das ägyptische einzig und allein nach gewissen 
Bräuchen beurteilt werden darf, die uns empörend vor- 
kommen, weil sie in zivilisierter Umgebung die Bar- 



Menschenopfer — Religiöse Fortschritte i^q 

barei und die kindischen Einfälle einer unzivilisierten 
Horde fortpflanzen. Wie. in Ägypten muß man hier 
luiterscheiden zwischen der unendlich mannigfaltigen^ 
in lokalen Gepflogenheiten verkörperten Volksf römmigi- 
keit imd der Religion der Priester. Syrien besaß eine 
Anzahl großjer Heiligtümer, in denen ein gebildeter 
Klerus über die Natur der göttlichen Wesen und über 
den Sinn der aus ferner Vorzeit überkommenen Tradi- 
tion meditierte und disputierte. Er bemühte sich un- 
ablässig — sein eigenes Interesse machte ihm das zur 
Pflicht — die heiligen Überlieferungen zu verbessern, 
ihren Geist zu modifizieren, wenn der Buchstabe sich 
nicht ändern ließ, damit sie den neuen Aspirationen 
einer weiter fortgeschrittenen Zeit entsprachen, und er 
hatte seine Mysterien und seine Eingeweihten, denen 
er eine Weisheit enthüllte, die den populären Vorstel- 
limgen der Masse überlegen war.*^ 

Man kann oft aus demselben Prinzip diametral ent- 
gegengesetzte Konsequenzen ableiten. So wurde die ur- 
alte Idee des taba, welche die Häuser der Astarte in 
Freudenhäuser zu verwandeln schien, auch die Quelle 
eines strengen Sittengesetzes. Die semitischen Stämme 
wurden von der Furcht vor dem Tabu geplagt. Eine 
Menge von Dingen war unrein oder heilig, denn in der 
ursprünglichen Vorstellimg waren diese beiden Begriffe 
noch nicht klar geschieden. Das Vermögen des Men- 
schen, die umgebende Natur seinen Bedürf hissen dienst- 
bar zu machen, war so begrenzt durch eine Fülle von 
Verboten, Einschränkungen imd Bedingungen. Wer 
einen verbotenen Gegenstand berührte, war befleckt 
imd verdorben; seine Gefährten hielten sich fem von 
ihm, und er durfte nicht mehr am Opfer teilnehmen. 
Um diesen Flecken zu tilgen, mußte er sich Waschun- 



1 40 Syrien 

gen oder anderen Zeremonien unterziehen^ die den 
Priestern bekannt waren. Die anfänglich rein materiell 
aufgefaßte Reinheit wird bald zu einer rituellen und 
endlich zu einer spirituellen. Das Leben wird in ein 
Netz von umständlichen Vorschriften gehüllt^ und jede 
Verletzimg desselben hat einen Nachteil ziu: Folge imd 
fordert eine Sühne. Das Bestreben, sich stets im Zu- 
stande der Heiligkeit zu erhalten oder sie wiederzu- 
gewinnen, wenn man sie verloren hat, erstreckt sich 
über das ganze Dasein. Es ist den Semiten nicht aus- 
schließlich eigen, aber sie haben ihm einen einzig-^ 
artigen Wert beigelegt.*« Und die Götter, welche jene 
Eigenschaft notwendigerweise in hervorragendem Maße 
besitzen, sind „heilige** (ärioi) Wesen schlechthin.*^ 

So ist es in vielen Fällen gelimgen, aus alten trieb- 
haften imd absurden religfiösen Vorstellimgen ethische 
Prinzipien imd dogmatische Formeln abzuleiten. Alle 
theologischen Lehren, die sich in Syrien ausbreiteten, 
modifizierten die antike Vorstellung, die man sich von 
den Baalen machte. Aber es ist bei dem gegenwärtigen 
Stande unserer Kenntnisse ungemein schwierig, das 
Konto der verschiedenen Einflüsse aufzustellen, die von 
den Eroberungszügen Alexanders bis zur römischen 
Herrschaft dazu beigetragen haben, das syrische Heiden- 
tum zu dem zu machen, was es unter den Cäsaren ge- 
worden war. Die Kultur des Seleucidenreiches ist we- 
nig bekannt, und wir können nicht ermitteln, welcher 
Umstand hier die Verschmelzung des griechischen Den- 
kens mit den Überlieferungen der Semiten herbeigeführt 
hat.*8 Die Religfionen der Nachbarvölker haben eben- 
falls eine unleugbare Einwirkung ausgeübt. Phönikien 
und der Libanon blieben in kultureller Beziehung noch 
lange von Ägypten abhängig, nachdem sie das Joch 



Die Reinheit — Fremde Einflüsse 



141 



der Pharaonen abgeschüttelt hatten.. Die Theogonie 
Philos von Byblos entlehnt diesem Lande Götter und 
Mythen, und Hadad wurde in Heliopolis „mehr nach 
ägyptischem als nach assyrischem Ritus" geehrt.** Der 
strenge Monotheismus der über das ganze Land zer- 
streuten Juden mußte sich gleichfalls als wirksames 
Ferment bei der Umwandlimg bemerklich machen.^® 
Die geistige Führung aber behielt Babylon, selbst 
nach seinem politischen Zusammenbruch. Die mäch- 
tige Priesterkaste, die dort herrschte, ging nicht mit 
der Unabhängigkeit ihres Vaterlandes zugrunde und 
überlebte die Feldzüge Alexanders wie vorher die per- 
sische Herrschaft. Die Forschungen der Assyriologen 
haben die Fortdauer ihres alten Kultus unter den Seleu- 
ciden erwiesen, und zur Zeit Strabos disputierten die 
„Chaldäer" noch in den beiden rivalisierenden Schulen 
von Borsippa und Orchoe über die Urprinzipien imd 
die Kosmologie.*^ Der Einfluß dieses gelehrten Klerus 
erstreckte sich auf alle umliegenden Länder: im Osten 
auf Persien, im Norden auf Kappadozien, aber mehr als 
irgendwo sonst wurde er von den Syrern anerkannt, die 
mit den orientalischen Semiten durch die Gemeinschaft 
der Sprache und des Blutes verbunden waren. Selbst 
als die Parther den Seleuciden das Euphrattal entrissen 
hatten, bestanden die Beziehungen zu den großen 
Tempeln dieser Landschaft ohne Unterbrechung fort. 
Die mit stanmiverwandten Völkerschaften besiedelten 
Ebenen Mesopotamiens hatten nach zwei Seiten hin 
keine natürliche Grenze; große Handelsstraßen folgten 
dem Lauf der beiden Ströme, die dem persischen Meer- 
busenentgegeneilen, oder führten quer durch die Wüste, 
imd von Babel kamen die Pilger, wie uns Lucian er- 
zählt, um der Herrin von Bambyke zu huldigen.** 



ind ^«ler ^ri&exi reiigidsea j£ermpnie *iLidei acxt der 
Zetr-'lesiLdsnncheng^r. .\ls las Iar"Mwu:im ■Trr^yanrf, 
trirden ae ^ichxbsr Ji iexn Aatbiühen der jTTn*j j^ fc^t^ 
deinen, ;n d«ien die Leninsche ^t-tfiokigiB mfr jüxB- 

(ftn^*!!^ jnd piianiasnsciiGi SpekuiancHiaL rar Gruid- 
iag^fi diente.^ Und als das rmpqriiim adEi <i»ii Unter- 
gin^e rmei^fte, da ging^ wtedemn voa Bafacl die letite 
/ *vrm rie^ Heiden nms aiÄ die in dio^ lafHrifsdbmWrft 
r'^pierr wurde: der VanVfiafHmrt Man kann ach vor- 
sf^dien, wie stark der religiöse FrnrTT^ di e ses Taodrs 
ä:i/ den vrruchen Paganisncs gewesen seni xnnß. 

I/ier^er Einf. .i2 marhre sicii in ixbehr6aclfecr Hinsidit 
ivemerklirh, Zcnachst in der Fmfiihmng nciKr Götter: 
^> )^.^ Bä axiis dem babykmisrhm PandieQQ in das 
palmyreni^iche über und werde in ganz Xordsyrien ver- 
ehrt.^ Er venmlaßte feiner neoe GruppiGimgen alter 
C<>ftheiten : der nrsprönglidKn Dyas Baal and Baalath 
fügte man ein drittes Glied ein, am za einer Trias zu 
gelangen^ wie sie die rhaldaisrhe Thecrfogie lid>te. Dies 
war in Hierapolis wie in Heliopolis der Fall, wo die 
drei Gottheiten Hadad, Atargatis and Simios in den 
Jatetnischen Inschriften zu Jupiter, Venus und Merkxu: 
werden.^ Endlich und vor allem wandelte der Gestirn* 
dienst den Charakter der himmlischen Machte und da- 
mit in weiterer Folge auch den des gesamten römischen 
Heidentums von Grund aus um. Er gab ihnen zuerst 
neben ihrem eigenen Wesen eine zweite Persönlich- 
keit; die siderischen Mythen begannen sich über die 
agrarischen zu legen, wie die jüngere Schrift eines 
Palimpsestes über den älteren Text, und verwischten 
sie schließlich ganz. Die an den Ufern des Euphrat 



Fremde Einüüsse 



143 



geborene Astrologie bürgerte sich sogar in Ägypten 
bei dem stolzen und unzugänglichen Klerus des kon- 
servativsten aller Völker ein.^^ Syrien nahm sie rück- 
haltlos an und gab sich ihr gänzlich hin ^7; das bezeugt 
ebensowohl die Literatur als die Numismatik und die 
Archäologie: so hatte sich der König Antiochus von 
Kommagene^ der im Jahre 34 v. Chr. starbt auf einem 
Vorsprunge des Taurus ein monumentales Grabmal er- 
baut, wo er sein Horoskop auf einem großen Basrelief 
neben die Bilder der väterlichen Götter stellte.^s 

Die Bedeutung, welche der Einführung der syrischen 
Kulte im Abendlande beizumessen ist, besteht also 
darin, daß sie dort indirekt gewisse theologische Lehren 
der Chaldäer importierten, wie Isis und Serapis altägyp- 
tische Glaubensvorstellxmgen von Alexandrien dorthin 
übertrugen. Das Römische Reich empfing nach und 
nach den religiösen Tribut der beiden großen Völker, 
welche ehemals die orientalische Welt beherrscht hatten. 
Es ist bezeichnend, daß der Gott, den Aurelian aus 
Asien mitbrachte, um ihn zum Schirmherrn seiner Staa- 
ten zu machen (S. 132 f.), B61, in Wirklichkeit ein Baby- 
lonier ist, der sich in Palmyra niedergelassen hatte 0', 
dem Welthandelsplatze, der durch seine geographische 
Lage dazu prädestiniert erschien, die Vermittlung zwi- 
schen der Kultur des Euphrattals und der des Mittel- 
meerbeckens zu übernehmen. 

Der Einfluß, welchen die Spekulationen der Chaldäer 
auf das griechisch-römische Denken ausgeübt haben, 
kann zwar mit Sicherheit behauptet, aber noch nicht 
strikt definiert werden. Er war gleichzeitig philosophi- 
scher und religiöser, literarischer und populärer Art. 
Die ganze neuplatonische Schule beruft sich auf diese 
ehrwürdigen Meister, ohne daß es möglich wäre, ge- 



1 44 Syrien 

nauer festzustellen, was sie ihnen in Wahrheit verdankt. 
Eine seit dem dritten Jahrhundert unter dem Titel 
,,Chaldäische Orakel** (AÖTia XaXbaiKd) häufig zitierte 
Sammlimg von Versen kombiniert die hellenischen 
Theorien mit einem phantastischen Mystizismus, der 
jedenfalls aus dem Orient stammt. Sie bedeutet für 
Babylonien dasselbe wie die hermetische Literatur für 
Ägfypten, und es ist in beiden Fällen gleich schwierig, 
die Natur der einzelnen Ingredienzien zu bestimmen, 
welche der Redaktor des Gedichtes bei seiner Arbeit 
verwandt hat. Aber schon vorher hatten die syrischen 
Kulte durch ihre den Massen zugewandte Propaganda 
weithin im Abendlande Ideen verbreitet, die an den 
fernen Ufern des Euphrat geboren waren, und ich 
möchte hier in Kürze zu zeigen versuchen, welchen Bei- 
trag sie zu dem heidnischen Synkretismus geleistet 
haben. 



« 



Wir sahen, daß die alexandrinischen Gottheiten sich 
die Herzen vor allem durch die Verheißung einer seligen 
Unsterblichkeit gewonnen hatten. Jedenfalls mußten 
auch die syrischen eine befriedigende Antwort auf die 
Fragen zu geben wissen, welche damals alle Gemüter 
quälten. Nun waren allerdings die altsemitischen Ideen 
über das Schicksal der Verstorbenen wenig tröstlich'. 
Die Vorstellung von dem Leben im Jenseits, die sich 
aus ihnen ergab, war traurig, dunkel und hoffnungslos 
genug. Die Toten steigen in ein imterirdisches Reich 
hinab, wo sie ein elendes Dasein führen, das einen 
blassen Reflex des verlorenen darstellt; der Pflege be- 
dürftig imd dem Leiden unterworfen, müssen sie durch 
die Totenopfer unterhalten werden, welche ihre Nach- 



Fremde Einflüsse — Die Eschatologie i^^ 

kommen auf ihren Gräbern darbringen. Es handelt sich 
hier um primitive Vorstellungen und Gebräuche, denen 
wir auch in der Urzeit Griechenlands und Italiens be- 
gegnen. 

Aber an die Stelle dieser rudimentären Eschatologie 
trat im Laufe der Zeit eine ganz andere Vorstellung, 
die in enger Beziehung zu der chaldäischen Astrologie 
stand und sich mit ihr im Okzident am Ende der Re- 
publik verbreitete. Nach dieser Lehre steigt die Seele 
des Menschen nach seinem Tode zum Himmel empor, 
um dort unter den göttlichen Gestirnen weiterzuleben. 
Solange sie hienieden weilt, ist sie all den harten Be- 
dingungen eines durch den Lauf der Gestirne bestimm- 
ten Schicksals unterworfen; aber wenn sie sich in die 
oberen Regionen erhebt, dann wird sie dieser Notwen- 
digkeit imd sogar den Schranken der Zeit entrückt; sie 
nimmt an der Ewigkeit der siderischen Götter teil, die 
sie umgeben, und denen sie gleich geworden ist.^® Nach 
der einen Anschauimg wird sie von den Sonnenstrahlen 
angezogen, und nachdem sie den Mond passiert hat, 
wo sie sich läutert, geht sie in deni leuchtenden Tages- 
gestim auf.«i Eine noch stärker astrologisch gefärbte 
Theorie, die sich ohne Zweifel aus der ersten entwickelt 
hat, lehrte, daß die Seelen von der Höhe des Himmels 
auf die Erde hinabstiegen, hierbei die Sphären der 
sieben Planeten durcheilten und dadurch die jedem die- 
ser Gestirne zukommenden Anlagen und Eigenschaften 
erhielten. Nach dem Tode kehrten sie auf demselben 
Wege in ihre frühere Behausung zurück. Um nun aus 
einer Sphäre in die folgende zu gelangen, müssen die 
Seelen, so sagte man, ein Tor passieren, das von einem 
Gebieter (äpxiwv) bewacht wird.^^ Nur die Seelen der 
Eingeweihten kennen die Parole, welche jene unbestech- 

Camont, Die orientaL Religionen 10 



146 Syrien 

liehen Hüter gefügig macht, und unter der Führung 
eines die Seelen geleitenden Gottes!^^ steigen sie sicher 
von einer Region in die andere hinauf. Je höher sie 
sich erheben, desto mehr legen sie „wie Kleider" die 
Leidenschaften xmd Fähigkeiten ab, die sie bei ihrem 
Abstiege zur Erde angenommen haben, imd von jedem 
Fehl und aller Sinnlichkeit erlöst gehen sie in den achten 
Himmel ein, um dort als verklärte Wesen eine endlose 
Seligkeit zu genießen. 

Vielleicht hat diese zuletzt dargelegte Lehre, die im- 
zweifelhaft babylonischen Urspnmgs ist, nicht in allen 
syrischen Kulten allgemeine Anerkennung gefimden, 
wie dies in den Mysterien des Mithra der Fall war, aber 
jedenfalls haben alle diese mit astrologischen Gedanken 
imprägnierten Kulte den Glauben verbreitet, daß die 
Seelen der Gläubigen, die ein frommes Leben geführt 
haben, sich bis zimi obersten Himmel erhöben, wo eine 
Apotheose sie den Lichtgottheiten ähnlich machte.^* 
Diese Lehre entthronte in der Kaiserzeit alle anderen; 
die elysischen Gefilde, welche die Anhänger der Isis 
und des Serapis nocji in den Tiefen der Erde suchten, 
werden in die ätherische Region der Fixsterne ver- 
legt ^^ und die Unterwelt wurde seither den Bösen vor- 
behalten, welchen das Durchschreiten der Himmelstore 
verwehrt worden war. 

Die erhabenen Räume, in denen die geläuterten 
Seelen weilen, sind auch der Aufenthalt des höchsten 
Gottes.«^ In derselben Zeit, als die Astrologie die Vor- 
stellungen vom Jenseits umwandelte, änderte sich unter 
ihrem Einfluß auch das Bild, welches man sich vom 
Wesen der Gottheit zu machen pflegte. Namentlich auf 
diesem Gebiete haben die syrischen Kulte bahnbrechend 
gewirkt; denn wenn auch die alexandrinischen Myste- 



Die Eschatologie — Die Theologie iai 

rien den Menschen ebenso trostreiche Aussichten in 
eine unsterbliche Zukunft zu eröffnen vermochten als 
die Eschatologie ihrer Nebenbuhler, so schwangen sie 
sich doch nur langsam zu einer gleichwertigen Theo- 
logie auf. Den Semiten kommt das Verdienst zu, den 
antiken Fetischismus am gründlichsten reformiert zu 
haben. Ihre anfänglich so engen und niedrigen Begriffe 
erweitern und erheben sich bis zu einer Art Mono- 
theismus. 

Die syrischen Stämme verehrten, wie wir gesehen 
haben (S. 136), gleich allen primitiven Völkerschaften 
einen Gewittergott.«^ Er öffnete die Schleusen des Fir- 
maments, um den Regen herabströmen zu lassen, und 
spaltete die Baumriesen der Wälder mit Hilfe der 
Doppelaxt, die immer sein Attribut blieb.^^ Als die 
Fortschritte der Astronomie die Sternbilder in imer- 
meßliche Weiten hinausrücken ließen, mußte der „Ba'al 
der Himmel" {Ba^ al-samtM) notwendigerweise an Maje- 
stät wachsen. Ohne Zweifel hat in der Zeit der Achä- 
meniden eine Berührung mit dem persischen Ahura- 
Mazda, dem alten Gotte des Hinunelsgewölbes, der zur 
höchsten physischen und ethischen Macht geworden 
war, die Umwandlung des ursprünglichen Donner- 
dämons gefördert.^^ Man fuhr fort, in ihm den sicht- 
baren Himmel anzubeten, er wird noch unter den 
Römern ebensowohl einfach Caetus genannt, wie der 
himmlische Jupiter {Jupiter Caelestis,Ze\)c Ovp&yxoc'^^); 
aber es handelt sich nun um den Himmel, dessen har- 
monischen Mechanismus eine geheiligte Wissenschaft 
studiert und verehrt. Die Seleukiden stellen ihn auf 
ihren Münzen dar, wie er, an der Stirn mit einem Halb- 
monde geschmückt, eine Sonne mit sieben Strahlen 
trägt, um daran zu erinnern, daß er den Lauf der Ge- 

10* 



148 Syncn 

stime beherrscht ^1; anderswo wird er von den beiden 
Dioskuren begleitet, weil diese Heroen nach dem grie- 
chischen Mythus abwechselnd im Reich des Lebens 
und des Todes weilten imd daher zu Personifikationen 
der beiden himmlischen Hemisphären geworden waren. 
Diese religiöse Uranographie verlegte die Residenz der 
höchsten Gottheit in die erhabenste Region der Welt; 
sie gab ihm seinen Sitz in der Zone, die am weitesten 
von der Erde entfernt war, hoch über dem Bereich der 
Planeten und der Fixsterne. Dies suchte man durch 
den Namen ,,der Höchste" (*Ti|iicTOc) auszudrücken, wel- 
chen man den syrischen Ba'alim ebensowohl wie Jahve 
beilegte.^* Nach der Theologie dieser kosmischen Re- 
ligion wohnt der Höchste in dem ungeheuren Raimie, 
der die Sphären aller Gestirne in sich schließt und das 
gesamte Weltall umgabt, das seiner Herrschaft unter- 
steht. Die Lateiner übersetzten den Namen dieses „Hy- 
psistos** mit lupiter summus exsußerantlssimus'^^, um 
seine Erhabenheit über alle göttlichen Wesen anzu- 
deuten. 

Seine Macht war in der Tat unbeschränkt! Das grund- 
legende Postulat der chaldäischen Astrologie besagt, 
daß alle Erscheinungen und Ereignisse dieser Welt 
durch Wirkimgen der Gestirne mit Notwendigkeit be- 
stimmt werden. Die Wandlungen der Natur wie die An- 
lagen der Menschen sind unbedingt abhängig von den 
göttlichen Kräften, die im Himmel wohnen. Mit an- 
deren Worten: die Götter sind „allmächtig**; sie sind 
die Herren des Schicksals, welches das Weltall souverän 
regiert.^* Diese Vorstellung von ihrer Omnipotenz er- 
scheint als die Fortentwicklung der alten Autokratie, 
die man den Ba'alim zuschrieb. Wie bereits erwähnt, 
wurden diese nach dem Vorbilde eines asiatischen Mon- 



Der Himmelsgott ist allmächtig iaq 

archen gedacht, und die religiöse Terminologie pflegte 
mit Vorliebe die Niedrigkeit ihrer Anbeter im Vergleich 
mit jenen zu betonen. In Syrien findet man keinerlei 
Analogie zu dem, was wir in Ägypten beobachtet haben, 
daß nämlich der Priester seine Götter zum Handeln 
zwingen zu können glaubte imd sie sogar zu bedrohen 
wagte (S. logf.).^* Der Abstand, der Menschliches und 
Göttliches trennt, war bei den Semiten immer viel 
größer, xmd die Astrologie konnte nur dazu beitragen, 
ihn noch stärker zu betonen, indem sie ihm eine lehr- 
hafte Grundlage und ein wissenschaftliches Gewand 
lieh. Die asiatischen Kulte verbreiteten in der lateini- 
schen Welt die Vorstellung von der absoluten, unbe- 
schränkten Souveränität der Gottheit auf Erden. Apu- 
leius nennt die syrische Göttin omnipotens et omni- 
parenSy „Herrin und Mutter aller Dinge".''* 

Außerdem hatte die Beobachtung des gestirnten 
Himmels die Chaldäer zum Begriff der göttlichen Ewig- 
keit geführt. Die Regelmäßigkeit, mit der die Him- 
melskörper ihre Bahnen ziehen, ließi auf ihre bestän- 
dige Dauer schließen. Die Gestirne setzen ohne Unter- 
brechung ihren stets unvollendeten Lauf fort; am Ziel 
ihrer Bewegung angekommen, beginnen sie, ohne still- 
zustehen, die eben zurückgelegte Bahn von neuem zu 
durcheilen, und die Jahreszyklen, in denen sich' ihre 
Bewegungen vollziehen, bilden eine xmendliche Reihe 
rückwärts bis in die fernste Vergangenheit und vor- 
wärts bis in die fernste Zukunft.'^'' Ein astronomisch 
gebildeter Klerus mußte daher den Baal, welcher der 
„Beherrscher des Himmels** ist, als den „Herrn der 
Ewigkeit" oder den, „dessen Name gelobt wird in Ewig- 
keit**, auffassen, und es kann uns nicht überraschen, 
daß diese Titel in den semitischen Inschriften beständig 



1 50 Syrien 

wiederkehren.78 Die göttlichen Gestirne sterben nicht 
mehr, wie Osiris oder Attis; jedesmal, wenn sie abzu- 
nehmen scheinen, werden sie wiedergeboren zu neuem 
Leben, stets unbesiegbar {invicti). 

Dieser theologische Begriff drang mit den Mysterien 
der syrischen Ba'alim in das abendländische Heiden- 
tum einJ^ Wenn man in den lateinischen Provinzen 
eine Weihinschrift für einen deus aeternus findet, so 
handelt es sich immer um einen syrischen Astralgott, 
und es ist eine bemerkenswerte Tatsache, daß jenes 
Epitheton erst im zweiten Jahrhundert imserer Ära in 
den rituellen Gebrauch übergeht, also zu derselben Zeit, 
in der sich der Kultus des Himmelsgottes (Caelus) aus- 
breitet.80 Mochten die Philosophen auch schon seit lan- 
gem die erste Ursache über die Grenzen der Zeit hin- 
ausgerückt haben: ihre Theorien waren weder in das 
Volksbewußtsein eingedrungen, noch imstande gewesen^, 
die überlieferten liturgischen Formeln umzuwandeln. 
Für das Volk waren die Götter immer noch zwar schö- 
nere, kraftvollere, mächtigere Wesen als die Menschen, 
aber doch geboren wie diese und nur dem Alter imd 
dem Tode entrückt, die Unsterblichen des alten Homer. 
Die syrischen Priester dagegen verbreiteten in der 
römischen Welt die Idee, daß Gott ohne Anfang und 
ohne Ende sei> und trugen so, ähnlich wie der jüdische 
Proselytismus, dazu bei, einer Vorstellimg, die bisher 
nur eine metaphysische Theorie gewesen war, die Auto- 
rität eines religiösen Dogmas zu geben. 

Die Ba'alim sind universell, wie sie ewig sind, xmd 
ihre Gewalt wird unbeschränkt im Raum wie in der 
Zeit. Die beiden Ideen sind Korrelate; der Titel „mÄ/ 
*ö/fl7n", den sie bisweilen führen, kann ebensowohl 
„Herr des Universums" als „Herr der Ewigkeit** be- 



Ewigkeit und Universalität 15 1 

deuten, und man pflegte ohne Zweifel diese doppelte 
Würde für sie in Anspruch zu nehmen.^i Die Himmel, 
mit göttlichen Sternbildern bevölkert imd von deil Pla- 
neten durcheilt, die man mit den Bewohnern des Olymps 
identifizierte, bestimmen durch ihre Bewegungen die 
Geschicke des ganzen Menschengeschlechts, und die ge- 
samte Erde ist den Veränderungen unterworfen, welche 
ihre Revolutionen hervorrufen.82 Infolgedessen verwan- 
delt sich der alte Ba'al samtn mit Notwendigkeit in 
eine weltumfassende Macht. Ohne Zweifel gab es noch 
unter den Kaisern in Syrien Spuren einer vergangenen 
Zeit, in welcher der Lokalgott als Fetisch eines Clans 
nur von den Gliedern des letzteren verehrt werden 
konnte, und Fremden der Zutritt zu seinen Altären nur 
nach einer Einweihungszeremonie gestattet wurde, durch 
welche sie den Brudernamen oder wenigstens die Rechte 
von Gästen und Klienten empfingen.^^ Aber von dem 
Zeitpunkte an, wo wir die Geschichte der großen Gott- 
heiten von Heliopolis oderHierapolis verfolgen können, 
werden diese als allen S)rrern gemeinsam betrachtet, 
und eine Menge von Pilgern wallfahrtet aus fernen 
Ländern nach diesen heiligen Städten. Als Schirm- 
herren der gesamten Menschheit haben die Baale Pro- 
selyten im Okzident gemacht und dort in ihren Tem- 
peln Gläubige jeder Rasse und jeder Nation um sich 
versammelt. In dieser Hinsicht unterscheiden sie sich 
deutlich von Jahwe. 

Es gehört zum Wesen des Heidentums, daß die Vor- 
stellung von einer Gottheit gleichzeitig mit der Zahl 
ihrer Verehrer wächst. Jeder leg^ ihr irgendeine neue 
Eigenschaft bei, und ihr Charakter wird um so kom- 
plizierter, je mehr sich die Schar ihrer Anbeter ver- 
größert. Indem sie aber mächtiger wird, strebt sie auch 



152 Syrien 

darnach^ sich die Götter zu unterwerfen, die sie um- 
geben, und ihre Funktionen in sich selbst zu konzen- 
trieren. Um dem Absorptionsprozeß, der sie bedroht, 
mit Erfolg zu widerstehen, müssen diese eine scharf 
umrissene Persönlichkeit, einen durchaus originellen 
Charakter besitzen. Nun fehlte aber den verschwom- 
menen Vorstellungen, welche sich die Semiten von 
ihren Göttern machten, gerade diese ausgeprägte Indi- 
vidualität. Man findet bei ihnen nicht, wie im helleni- 
schen Olymp, eine wohl organisierte Gesellschaft von 
Unsterblichen, in der jeder seine eigene Physiognomie, 
sein selbständiges, an Abenteuern und Erlebnissen 
reiches Leben hat imd imter Ausschluß der anderen 
einen besonderen Beruf erfüllt: dieser ist Arzt, jener 
Dichter, ein dritter Hirt oder Jäger oder Schmied. Die 
gpriechischen Weihinschriften, die man in Syrien findet, 
sind in dieser Beziehimg von vielsagender Kürze®*: sie 
tragen gewöhnlich den Namen des Zeus in Begleitung 
eines einfachen Epithetons : Kupioc „Herr", dviKrjTOC „xm- 
besiegbar", pi^tiCTOc „überaus groß**. Alle diese Ba'alim 
scheinen Brüder zu sein. Es sind Persönlichkeiten mit 
unbestinunten Konturen, vertauschbaren Eigenschaften, 
und sie wurden demnach leicht miteinander verwechselt. 
In dem Moment, als die Römer in Beziehungen zu 
Syrien traten, hatte dieses schon eine synkretistische 
Periode durchlaufen, die jener anderen analog , ist, 
welche wir mit größerer Genauigkeit in der lateini- 
schen Welt beobachten können. Die alte Exklusivität, 
der nationale Partikularismus waren überwunden. Die 
Ba'alim der großen Heiligtümer hatten sich mit den 
Kräften (virtuies)^^ ihrer Nachbarn bereichert; dann 
hatten sie im weiteren Verlaufe desselben Prozesses den 
fremden Gottheiten, welche die griechischen Eroberer 



Syrischer Synkretismus je» 

mitgebracht hatten, gewisse Züge entlehnt. Ihr Cha- 
rakter war auf diese Weise undefinierbar geworden: 
sie verwaheten entgengesetzte Funktionen und besaßen 
widersprechende Attribute. Eine in Britannien s« auf- 
gefundene Inschrift identifiziert die syrische Göttin mit 
Pax, Virtus, Ceres, der Göttermutter und sogar mit dem 
Zeichen der Jungfrau. 

Gemäß dem Gesetze, welches die Entwicklung des 
Heidentums beherrscht, strebten somit die semitischen 
Gottheiten danach, „Allgötter" (irdvOeoi) zu werden, die 
ihrem Begriff nach alles umfaßten und mit der ganzen 
Natur identifiziert wurden. Die einzelnen Gottheiten 
sind nur noch verschiedene Erscheinungsweisen, in 
denen sich das höchste, unendliche Wesen offenbart. 
Syrien, obwohl praktisch durchaus und sogar in grober 
Weise dem Götzendienst huldigend, näherte sich doch 
theoretisch dem Monotheismus oder, wenn man lieber 
will, dem Henotheismus. Mit Hilfe einer absurden, aber 
merkwürdigen Etymologie wurde dem Namen Hadad 
die Bedeutimg „Einer, Einer** i^ad^ad) uqfergescho- 
ben.»7 

Überall begegnet man in dem an sich beschränk- 
ten und unzusammenhängenden Polytheismus einer 
verworrenen Tendenz, die ihn antreibt, sich zu einer 
höheren Synthese aufzuschwingen, aber in Syrien gab 
die Astrologie solchen sonst unklaren Anwandlungen 
die Festigkeit einer vernünftigen Überzeugung. Die 
chaldäische Kosmologie, welche alle Elemente ver- 
göttert, aber den Gestirnen den überwiegenden Ein- 
fluß zuschreibt, beherrscht den ganzen syrischen Syn- 
kretismus. Sie betrachtet die Welt als einen großen 
Organismus, dessen sämtliche Teile, innig verbunden, 
in dem Verhältnis von Wirkung und Gegenwirkung 



154 ^y"^^ 

zueinander stehen. Die Gottheit kann daher^ wie es 
dem Glauben der alten Semiten entspricht, im Wasser, 
im Blitzstrahl, in Steinen oder Pflanzen verkörpert ge- 
dacht werden. Aber die mächtigsten Götter sind die 
Sternbilder und die Planeten, welche den Lauf der Zei- 
ten und der Dinge regieren, und vor allem die Sonne, 
die, um mit den Astrologen zu reden, den Reigen der 
Sterne führt, der König imd der Führer aller anderen 
Himmelslichter imd der ganzen Welt ist.^ Die astrono- 
mischen Lehren der „Chaldäer" verkündigten, daß 
dieser glühende Ball die anderen Himmelskörper ab- 
wechselnd anzöge imd abstieße, und die orientalischen 
Theologen hatten daraus geschlossen, daß er, die Be- 
wegungen des Himmels regelnd, das ganze Leben des 
Universmns bestimmte. Sie betrachteten ihn als den 
Quell der göttlichen Energie, welche die ganze Welt 
bis zu ihren äußersten Enden durchflutete. Als „in- 
telligentes Licht** war er speziell der Schöpfer der 
menschlichen Vernunft, und ebenso wie er die Planeten 
abwechsel^jdvon sich forttrieb imd zu sich zurückführte, 
so sandte er — glaubte man — im regelmäßigen 
Rhythmus von Emission imd Absorption die Seelen 
bei der Geburt in die Leiber, die sie bewohnen sollten, 
und ließ sie nach dem Tode wieder in seinen Schoß 
zurückkehren.^^ 

Als man später den Thron des Höchsten über die 
Grenzen des Universums hinaushob, da wurde das strah- 
lende Gestirn, das uns leuchtet, als das sichtbare Bild 
der obersten Gewalt, als die Quelle alles Lebens und 
aller Einsicht und der Mittler zwischen einem unnah- 
baren Gott und den Menschen, für die Massen der be- 
vorzugfte Gegenstand ihrer Huldigungen.^^ 

Der solare Pantheismus, der auf diese Weise wäh- 



Solarer Henotheismus 



155 



rend der hellenistischen Periode in Syrien unter dem 
Einfluß des chaldäischen Gestimdienstes erwuchs, er- 
oberte während der Kaiserzeit die gesamte römische 
Welt. Indem wir hier ganz flüchtig den Charakter dieses 
theologischen Systems z!u skizzieren unternahmen, haben 
wir gleichzeitig die letzte Form geschildert, welche die 
Idee der Gottheit im Heidentum annahm. Rom folgte 
auf diesem Gebiete der Lehre und dem Vorgange 
Syriens. Eine einzige, allmächtige, ewige, allumfassende, 
unnennbare Gottheit, die sich in der ganzen Natur kund- 
gibt, deren glänzendste und kraftvollste Offenbarung 
jedoch die Sonne darstellt — das ist die letzte Formel, 
in welche die Religion der heidnischen Semiten und 
in ihrer Nachfolge die der Römer ausmündete. Man 
brauchte nur noch eine Fessel zu zerschneiden, indem 
man diesen Gott, der in einem fernen Himmelsraum 
residierte, über die Welt zu einsamer Größe erhob, 
um zum christlichen Monotheismus zu gelangen.^i So 
stellen wir hier noch fest, daß die Verbreitung der 
orientalischen Kulte dem Christentum den Weg ge- 
ebnet und seinen Sieg angekündigt hat. Die Astrologie, 
welche von der Kirche beständig bekämpft wurde, hatte 
doch die Geister für die Aufnahme der Dogmen vor- 
bereitet, welche diese nun proklamierte. 



VL 
PERSIEN 

Die Haupttatsache^ welche die ganze Geschichte 
Vorderasiens im Altertum beherrscht, ist der Gegen- 
satz zwischen der griechisch-römischen und der ira- 
nischen Zivilisation, der nur eine Episode des großen 
Kampfes darstellt, welcher in jenen Gegenden zwischen 
Orient imd Okzident beständig ausgefochten wurde. 
Tm ersten Ansturm ihrer Eroberungszüge dehnen die 
Perser ihre Herrschaft bis zu den Städten loniens und 
den Inseln des Ägäischen Meeres aus; aber ihre Ex- 
pansionskraft bricht sich am Fuße der Akropolis. Hun- 
dertundfünfzig Jahre darnach zerstört Alexander das 
Reich der Achämeniden und trägt die hellenische Kul- 
tur bis zu den Ufern des Indus. Die parthischen Arsa- 
kiden rücken zweiundeinhalbes Jahrhundert später von 
neuem an die Grenzen Syriens, und Mithridates Eupator, 
ein angeblicher Nachkomme des Darius, dringt an der 
Spitze des persischen Adels vom Pontus bis in das 
Herz Griechenlands vor. Auf die Flut folgt die Ebbe; 
das von Augustus reorganisierte römische Reich nötigt 
Armenien, Kappadozien und selbst dem Partherreich 
bald eine Art Vasallenverhältnis auf. Aber seit der 
Mitte des dritten Jahrhunderts stellen die Sassaniden 
die Macht Irans wieder her und machen seine alten 
Ansprüche geltend. Von dieser Zeit an wird bis zum 
Triumphe des Islams zwischen zwei rivalisierenden Staa- 



Hellenismus und Iranismus 



157 



ten ein langwieriges Duell ausgetragen, in dem jeder 
von beiden bald Sieger, bald Besiegter ist, ohne jemals 
ganz zu unterliegen, zwei Staaten, die nach! dem Wort 
eines Gesandten des Königs Narses an Galerius, „die 
beiden Augen des Menschengeschlechts** waren.^ 

Das „imbesiegbare** Gestirn der Perser kann er- 
bleichen und sich verfinstern, aber nur um immer wie- 
der in hellerem Glänze zu erstrahlen. Die politische und 
militärische Kraft, welche dieses Volk im Laufe der Jahr- 
hunderte entwickelt, ist das Ergebnis imd die Offen- 
barung seiner hohen intellektuellen und moralischen 
Eigenschaften. Seine eigenartige Kultur widerstrebte 
stets der Assimilation, welche die phrygischen Arier 
wie die syrischen Semiten und die ägyptischen Cha- 
miten in verschiedenem Maße erfuhren. Der Hellenis- 
mus und der „Iranismus'* — wenn ich diesen Ausdruck 
gebrauchen darf — sind zwei Gegner von demselben 
Adel, aber verschiedener Bildung, die ebensosehr durch 
instinktiven Rassenhaß wie durch erbliche Interessen- 
gegensätze stets geschieden blieben. 

Jedoch war es nicht zu vermeiden, daß zwischen zwei 
Kulturen, die mehr als tausend Jahre lang in gegen- 
seitiger Berührung gestanden hatten, sich mancherlei 
Tauschgeschäfte vollzogen. Der Einfluß, welchen der 
Hellenismus bis zur zentralasiatischen Hochebene aus- 
übte, ist oft beleuchtet worden 2, aber man hat viel- 
leicht nicht ebenso genau gezeigt, wie groß die ganze 
Zeit hindurch das Ansehen Irans, und wie weitreichend 
die Ausstrahlung seiner Energie gewesen ist. Denn 
wenn auch der Mazdaismus die höchste Offenbarung 
seines Genius, imd seine Einwirkung infolgedessen vor- 
wiegend religiöser Art war, so war sie dies doch nicht 
ausschließlich. 



1^8 Persien 

Die Erinnerung an das Reich der Achämeniden 
spukte noch lange nach ihrem Sturze in den Gedanken 
der Nachfolger Alexanders weiter. Nicht nur die an- 
geblich von Darius abstammenden Dynastien, welche 
den Pontus, Kappadozien und Kommagene beherrsch- 
ten, pflegten die politischen Überlieferungen, welche 
sie mit ihren vermeintlichen Ahnen verbanden, sondern 
selbst die Seleukiden imd die Ptolemäer übernahmen 
sie teilweise als legitime Erben der alten Herren Asiens. 
Man rief sich gern ein Ideal vergangener Größe ins Ge- 
dächtnis zurück und suchte es in der Gegenwart wieder 
zu verwirklichen. Verschiedene Institutionen wurden auf 
diese Weise den römischen ICaisem durch die Ver- 
mittlung der asiatischen Monarchien zugetragen. So 
erhielt die der anüci Aagasti, der offiziellen Freunde 
und intimen Berater der Herrscher, in Italien die For- 
men, welche sie am Hofe der Diadochen angenommen 
hatte, die ihrerseits wiederum die alte Organisation des 
Palastes der Großkönige nachgeahmt hatten.* Ebenso 
geht die Sitte, vor den Cäsaren das heilige Feuer als 
Sinnbild der Dauer ihrer Herrschaft einherzutragen, bis 
auf Darius zurück und gelangte mit anderen iranischen 
Traditionen zu den Dynastien, welche sich in das Reich 
Alexanders teilten. Die Ähnlichkeit nicht nur der Ob- 
servanz der Cäsaren mit der Praxis der orientalischen 
Monarchen, sondern auch der Vorstellungen, die sie 
zum Ausdruck bringen, ist frappant, und die Kontinui- 
tät dieser politischen und religiösen Tradition kaum zu 
bezweifeln.* Je besser das höfische Zeremoniell und 
die innere Geschichte der hellenistischen Königreiche 
bekannt werden, um so eingehender wird man nach- 
weisen können, wie die zerstückelte und verringerte 
Erbschaft der Achämeniden durch Generationen von 



Einfluß des Achämenidenreichs 



159 



Souveränen schließlich den abendländischen Fürsten 
übermittelt wurde, die sich, wie die Artaxerxes, als die 
sakrosankten Herren der Welt bezeichneten.^ Wer weiß 
noch, daß die Gewohnheit, Freiuiden einen Kuß zum 
Willkommen zu geben, einen Bestandteil der orientali- 
schen Hofetikette bildete, bevor sie in Europa zum 
familiären Brauch wurde ?ß 

Schwieriger ist es, die verborgenen Wege zu ver- 
folgen, auf denen die reinen Ideen von Volk zu Volk 
wandern. Aber es ist sicher, daß gewisse mazdäische 
Vorstellungen sich bereits im Anfange unserer Ära weit 
über Asien hinaus verbreitet hatten. Unter den Achä- 
meniden hatte der Parsismus auf die religiösen Vor- 
stellimgen Israels einen Einfluß ausgeübt, über dessen 
Tragweite man streiten kann, der an sich aber unleug- 
bar ist.*^ Einige seiner Lehren, wie die von den Engeln 
und den Dämonen, vom Ende der Welt und der Auf- 
erstehung der Toten, waren durch die weithin verstreu- 
ten jüdischen Kolonien über das ganze Mittelmeer- 
becken verbreitet. 

Anderseits richtete sich die stets rege Aufmerksam- 
keit der Griechen seit den Eroberungszügen des Cyrus 
und des Darius auf die religiösen Lehren und Bräuche 
der neuen Beherrscher des Orients.^ Eine Menge von 
Legenden, die Pythagoras, Demokrit und andere Philo- 
sophen zu Schülern der Magier machen, zeugen für das 
Ansehen, welches dieses mächtige Priestergeschlecht 
damals genoß. Die makedonische Eroberung, welche 
die Griechen in immittelbare Beziehimgen zu zahlreichen 
Anhängern des Mazdaismus brachte, regte zu Arbeiten, 
die sich mit dieser Religioa beschäftigten, von neuem 
an, und die große wissenschaftliche Bewegimg, die Ari- 
stoteles ins Leben gerufen hatte, veranlaßte eine An- 



1 6o Pcrsien 

zahl von Gelehrten dazu^ die von den iranischen Unter- 
tanen der Seleukiden bekannten Lehren zu studieren. 
Ein glaubwürdiger Bericht sagt uns, daß die unter dem 
Namen Zoroasters katalogisierten Werke der Biblio- 
thek in Alexandrien zwei Millionen Zeilen um£aßt«i. 
Diese ungeheure heilige Literatur mußte die Aufmerk- 
samkeit der Gelehrten anziehen und die Reflexion der 
Philosophen herausfordern. Die verworrene und zwei- 
deutige Wissenschaft, die sich unter dem Namen der 
„Magie" bis in die niederen Volksklassen verbreitete, 
war — wie schon ihr Name besagt — zum gproßen Teil 
persischen Ursprungs imd verkündete gleichzeitig mit 
den Rezepten der Naturforscher und den Prozeduren der 
Thaumaturgen in unklarer Weise theologische Lehren.^ 

Lange bevor die Römer in Asien Fuß faßten, hatten 
demnach einzelne Institutionen der Perser Nachahmer, 
imd einzelne ihrer Glaubensvorstellungen Anhänger in 
der griechisch-römischen Welt gefunden. Ihre Annahme 
vollzieht sich indirekt, verstohlen, oft imkontroUierbar, 
ist aber nicht zu bezweifeln. Die wirksamsten Träger 
dieser Ausbreitung scheinen für den Mazdaismus, wie 
für das Judentum, Kolonien von Gläubigen gewesen zu 
sein, die sich fem von ihrem Mutterlande angesiedelt 
hatten. Es gab eine iranische Diaspora,*die der jü- 
dischen entsprach. Magiergemeinschaften hatten sich 
nicht nur im Osten Kleinasiens, sondern auch in Gala- 
tien, in Phrygien, in Lydien und sogar in Ägypten nie- 
dergelassen und blieben überall mit zäher Beharrlich- 
keit ihren Sitten und ihrem Glauben treu.^** 

Der Einfluß Irans wirkte noch viel unmittelbarer, als 
Rom seine Erobenmgen in Kleinasien imd Mesopota- 
mien erweiterte. Vorübergehende Berührungen mit 
mazdäischen Völkerschaften fanden seit den Kriegen 



Roms Eroberungen i6i 

gegen Mithridates statt, aber erst im ersten Jahrhun- 
dert n. Chr. wurden sie häufiger und andauernder. Da- 
mals dehnte das Kaiserreich seine Annexionen bis zum 
oberen Euphrat aus imd gliederte sich so die ganze ana- 
tolische Hochebene und, im Süden des Taurus, Kom- 
magene an« Die einheimischen Dynastien, die trotz des 
Vasallenverhältnisses, in welches sie nun eingetreten 
waren, die jahrhundertelange Isolierung dieser fernen 
Gegenden aufrechtzuerhalten suchten, verschwanden 
eine nach der anderen. Die Flavier erbauten ein unge- 
heures Straßennetz, welches diese bisher fast unzugäng- 
lichen Regionen dem Verkehr erschloß, und schufen 
so Wege zur Durchdringung jener Länder, die für Rom 
dieselbe Bedeutimg hatten wie die Eisenbahnen in Tur- 
kestan luid Sibirien für das heutige Rußland. Gleich- 
zeitig schlugen die Legionen an den Ufern des Euphrats 
imd in den Bergen Armeniens ihre Lager auf. So ka- 
men einerseits^ all die über Kappadozien imd den Pontus 
verstreuten mazdäischen Inselchen notwendigerweise in 
dauernde Berührung mit der lateinischen Welt, und 
anderseits machte das Verschwinden der Pufferstaaten 
an der Grenze in der Zeit Trajans (98 — 117 n. Chr.) 
das römische Reich und das der Parther zu immittel- 
baren Nachbarn. 

Von diesen Eroberungen und diesen Annexionen in 
Kleinasien und Syrien an datiert die plötzliche Verbrei- 
tung der persischen Mithrasmysterien im Abendlande. 
Denn wenn auch eine Kultgenossenschaft von Mithras- 
anbetem in Rom schon seit der Zeit des Pompejus (seit 
67 V. Chr.) bestanden zu haben scheint, so hat doch 
ihre tatsächliche Ausbreitung erst seit den Flaviem 
gegen das Ende des ersten Jahrhunderts begonnen. 
Unter den Antoninen und den Severem drangen sie 

Camont, Die orientaL ReHgioomi II 



i62 Persien 

immer weiter vor, um sich bis zum Ende des vierten 
Jahrhunderts als wichtigster Kult des Heidentums zu 
behaupten. Durch ihre Vermittlung verbreiteten sich 
die ursprünglichen Lehren des Mazdaismus weithin 
über alle lateinischen Provinzen, und mit ihnen haben 
wir uns in erster Linie zu beschäftigen, um die Ein- 
wirkung Irans auf die römischen Glaubensvorstellun- 
gen zu ermessen. 

Aber, beachten wir es wohl, der wachsende Einfluß 
Persiens offenbart sich nicht nur in der religiösen 
SpTiäre. Namentlich seit dieses Land mit dem Auf- 
kommen der sassanidischen Dynastie (228 n. Chr.) das 
Bewußtsein seiner Eigenart zurückgewonnen, die Pflege 
seiner nationalen Überlieferungen wieder aufgenom- 
men, die Hierarchie seines staatlichen Klerus reor- 
ganisiert und jene politische Geschlossenheit wieder- 
erlangt hatte, die ihm unter den Parthern fehlte, da 
fühlte es seine Überlegenheit über das Nachbarreich 
und ließ dieses sie fühlen, das damals von Parteikämp- 
fen zerrissen, dem Zufall der Pronunciamentos preis- 
gegeben, wirtschaftlich und moralisch ruiniert war. 
Fortgesetzte Studien über die Geschichte dieser nur 
wenig bekannten Periode zeigen mehr und mehr, daß 
das geschwächte Rom damals Persien nachahmte. 

Der Hof Diokletians mit seinen Proskynesen vor dem 
gottgleichen Herrscher, seiner komplizierten Beamten- 
hierarchie und der Masse von Eunuchen, die ihn schän- 
det, ist nach der Aussage von Zeitgenossen eine Imi- 
tation des sassanidischen. Galerius erklärte ohne Um- 
schweife, daß in seinem Reiche der persische Absolu- 
tismus eingeführt werde sollte 11, und der alte, auf dem 
Voikswillen beruhende Cäsarismus schien im Begriff, 
sich in eine Art Kalifat zu verwandeln. 



Das persische Vorbild 163 

Neuere Entdeckungen lassen auch undeutlich erken- 
nen, daß sich im pa,rthischen und dann im sassani- 
dischen Reiche eine große Künstlerschule entwickelt 
hat, die miabhängig von den griechischen Produktions- 
zentren erwuchs. Wenn sie der hellenischen Skulptur 
oder Architektur gewisse Vorbilder entlehnt, so ver- 
schmilzt sie diese mit orientalischen Motiven zu einer 
Dekoration von überquellendem Reichtum. Ihr Ein- 
flußgebiet erstreckt sich weit über Mesopotamien hin- 
aus bis nach dem südlichen Syrien, wo sie uns Denk- 
mäler von unvergleichlichem Glanz der Ornamen- 
tierung hinterlassen hat, und die Strahlen dieses hellen 
Lichtes leuchteten ohne Zweifel zu gleicher Zeit By- 
zanz, den nordischen Barbaren und China.^^ 

So beeinflußte der iranische Orient siegreich die 
politischen Institutionen und den künstlerischen Ge- 
schmack wie die Ideen und Glaubensvorstellungen 
der Römer. Der Ausbreitung der mithrischen Reli- 
gion, die sich immer mit Stolz als persische bekannte, 
ging eine Fülle von parallelen Einwirkungen desselben 
Volkes zur Seite, dem jene entsprossen war. Niemals, 
selbst nicht in der Epoche der mohammedanischen 
Invasionen, schien Europa mehr der Gefahr ausgesetzt, 
asiatisch zu werden wie in dem Augenblick, als Diokle- 
tian in Mithra den Protektor des wiederhergestellten 
Reiches offiziell anerkannte.^^ Die Epoche, in welcher 
dieser Gott sich anschickte, seine Herrschaft über die 
ganze zivilisierte Welt auszudehnen, war eine der kriti- 
schen Phasen der antiken Kulturgeschichte. Ein unwi- 
derstehliches Heer von semitischen und mazdäischen 
Vorstellungen drohte den abendländischen Geist für 
immer zu überwältigen. Selbst als Mithra besiegt und 
aus dem christlich gewordenen Rom vertrieben war, 

II» 



164 Pcrsicn 

rüstete Persien noch nicht ab. Das Bekehrungswerk, 
bei dem er gescheitert war, wurde vom Manichäismus 
wieder aufgenommen, der seine Hauptlehren geerbt 
hatte, und der iranische Dualismus fuhr bis zum Mittel- 
alter fort, blutige Kämpfe in der alten römischen Welt 
anzuzetteln. 

Ebenso wie man den Charakter der Isis- und Sera- 
pismysterien nur verstehen kann, wenn man die Um- 
stände ins Auge faßt, unter denen sie von den Ptole- 
mäem geschaffen wurden, ebenso kann man sich von 
den Ursachen, welche den Mithrasm3rsterien einen so 
bedeutenden Einfluß verschlaf ften, nur dann Rechen- 
schaft geben, wenn man diese bis zu ihrer Entstehung 
verfolget. 

Allerdings ist ihre Vorgeschichte leider weniger be- 
kannt. Die alten Schriftsteller berichten ims fast nichts 
über die Herkunft des Mithra. Daß er ein persischer 
GK>tt ist, darüber sind freilich alle einig, und wenn sie es 
ims nicht bezeugten, so würde das Avesta ims darüber 
aufgeklärt haben. Aber wie ist er von der Hochebene 
Irans nach Italien gelangt? Zwei magere Zeilen desf 
Plutarch sind alles, was wir an näheren Nachrichten 
darüber besitzen. Er erzählt gelegentlich, daß die von. 
Pompejus besiegten kleinasiatischen Seeräuber selt- 
same Opfer auf dem Olymp, einem lykischen Vulkan, 
darbrächten imd daß sie geheime Riten ausübten, un- 
ter anderen die des Mithra, welche — sagt er — „bis 
auf uns(ere Tage erhalten imd von ihnen zuerst bekannt 
gemacht worden sind".^* Ein Scholiast des Statins, 
Lactantius Placidus, ein Schriftsteller von mittelmä- 
ßiger Autorität, berichtet uns noch, daß dieser Kultus 



Entstehung der Mithrasmysterien 165 

von den Persern zu den Phrygiem und von den Phry- 
giem zu den Römern gelang^e.^* 

Die beiden Schriftsteller verlegen also einstimmig 
den Ursprung der iranischen Religion, die sich im 
Abendlande ausbreitete, nach Kleinasien. Und in der 
Tat weisen uns verschiedene Anzeichen nach dieser 
Gegend. So spricht die Häufigkeit des Namens Mi- 
thridates in den Dynastien von Pontus, Kappadozien, 
Armenien und Kommagene, die ihre Abkunft durch 
fingierte Stammbäume von den Achämeniden herzu- 
leiten suchten, für die Verehrung, welche diese Könige 
dem Mithra entgegenbrachten. 

Der Mithriazismus, der den Römern zur Zeit des 
Pompejus bekannt wurde, hatte sich demnach in den 
anatolischen Monarchien während der vorhergehenden 
Periode gebildet, die eine Zeit lebhafter moralischer 
und religiöser Gärung war. Leider haben wir kein ein- 
ziges Denkmal aus diesem Abschnitt seiner Geschichte. 
Der Mangel an direkten Zeugnissen über die Entwick-"^ 
lung der mazdäischen Sekten während der letzten drei 
Jahrhunderte vor unserer Ära steht einer sicheren 
Kenntnis des kleinasiatischen Parsismus hindernd im 
Wege. 

Man hat in dieser Gegend keinen einzigen dem 
Mithra geweihten Tempel ausgegraben.^* Die In- 
schriften, welche seinen Namen erwähnen, sind dort 
bis jetzt selten und belanglos. Infolgedessen können 
wir diesem primitiven Kult, der sich imseren Nach- 
forschungen entzieht, nur indirekt näher kommen. In- 
dem wir das Milieu studieren, in welchem er entstand, 
werden wir die Merkmale, die ihn im Okzident kenn- 
zeichnen, zu erklären suchen. 

Unter der Herrschaft der Achämeniden wurde der 



i66 Persicn 

Osten Kleinasiens von den Persem kolonisiert. Die 
anatolische Hochebene ähnelte In kultureller und kli- 
matischer Hinsicht der iranischen und eignete sich na- 
mentlich zur Pferdezucht.^^ Der grundbesitzende Adel 
gehörte in Kappadozien und selbst im Pontus wie in 
Armenien zur Nation der Eroberer. Unter den verschie- 
denen Regierungen, die nach dem Tode Alexanders 
einander ablösten, blieben diese Grundhferren die wah- 
ren Herren des Landes, Clanhäuptlinge, welche den 
Gau verwalteten, in dem sie ihre Güter hatten, und an 
den Grenzen Armeniens wenigstens behielten sie durch 
alle politischen Wandlungen hindurch bis zu Justinian 
den erblichen Titel „Satrapen", der an ihre persische 
Herkmift erinnerte.^^ Diese militärische und feudale 
Aristokratie lieferte dem Mithridates Eupator eine gute 
Anzahl der Offiziere, welche es ihm ermöglichten, den 
Anstrengungen Roms so lange zu trotzen, und später 
verstand sie die stets bedrohte Unabhängigkeit Arme- 
niens gegen die Unternehmungen der Cäsaren zu ver- 
teidigen. Nun beteten diese Krieger aber Mithra als 
den Schirmherm ihrer Waffen an, und aus diesem 
Grunde blieb Mithra, selbst in der lateinischen Welt, 
immer der unbesiegbare Gott, der Schutzgott der 
Heere, dem namentlich von den Soldaten gehuldigt 
wurde. 

Neben dem persischen Adel hatte ein persischer 
Klerus sich auf der Halbinsel angesiedelt. Er versah 
den Dienst an berühmten Tempeln, die den mazdä- 
ischen Göttern geweiht waren, zu Zela im Pontus, zu 
Hierocäsarea in Lydien. Magier, die man Magusäer 
oder Pyrethen (Feueranzünder) nannte, waren über die 
ganze Levante zerstreut. Wie die Juden bewahrten sie 
mit peinlicher Sorgfalt ihre nationalen Sitten und tra- 



Anatolischer Mazdaismus 167 

ditionellen Gebräuche, und zwar in solchem Grade, daß 
Bardesanes von Edessa, wenn er die Lehren der Astro- 
logie widerlegen und nachweisen will, daß ein Volk 
unter verschiedenen Himmelsstrichen dieselben Sitten 
beibehalten kann, ihr Beispiel anführt.^^ Wir kennen 
den von ihnen ausgeübten Kultus zur Genüge, um des- 
sen sicher zu sein, daß der syrische Autor ihnen nicht 
mit Unrecht eine so konservative Gesinnimg jzuge- 
schrieben hat. Die Opfer der Pyrethen, welche Strabo 
in Kappadozien beobachtete, erinnern in allen Einzel- 
heiten an die avestische Liturgie. Es waren dieselben 
psalmodierten Gebete vor dem Feueraltar, mit dem hei- 
ligen Bündel {baresman) in der Hand, dieselben Obla- 
tionen von Milch, öl und Honig, dieselben Vorsichts- 
maßregeln, damit der Atem des Offizianten die heilige 
orthodoxen Mazdaismus oder doch beinahe dieselben. Sie 
Flamme nicht verunreinige. Ihre Götter waren die des 
beteten Ahura- Mazda an, der in ihren Augen feine Him- 
melsgottheit geblieben war, wie Zeus und Jupiter es ur- 
sprünglich gewesen sind. Unter ihm standen deifizierte 
Abstraktionen wie Vohu-Mano, der gute Gedanke, Ame- 
retat, die Unsterblichkeit, aus denen der Zoroastrismus 
seine Amshaspands gemacht hat, die Erzengel, welche 
den Höchsten umgeben.^o Endlich opferten sie den Na- 
turgeistem, den Yazatas, wie Anähita oder Anaitis, der 
Göttin der befruchtenden Wasser, Atar, der Personifi- 
kation des Feuers, und vor allem Mithra, dem reinen 
Genius des Lichts. So bildete der Mazdaismus — ein 
Mazdaismus, der ein wenig von dem avestischen ver- 
schieden und in gewisser Hinsicht dem primitiven Na- 
turalismus der Arier näher geblieben war, aber nichts- 
destoweniger ein scharf ausgeprägter und fest begrün- 
deter Mazdaismus — das Fundament der Religion der 



1 68 Pcrsien 

kleinasiatischen Magier und er sollte auch in den 
abendländischen Mithrasmysterien die solideste Basis 
ihrer Größe bleiben. 

Nur — es ist das eine Tatsache, welche die jüng- 
sten Funde zweisprachiger Inschriften endgültig be- 
wiesen haben 2^ — die Sprache, welche die iranischen 
Kolonien Kleinasiens gebrauchten oder wenigstens 
schrieben, waren nicht ihr altes arisches Idiom, sondern 
ein semitischer Dialekt, das Aramäische. Dieser diente 
unter den Achämeniden dem diplomatischen und kom- 
merziellen Verkehr in allen westlich vom Tigris ge- 
legenen Ländern. Namentlich in Kappädozien imd Ar- 
menien blieb er bis zu dem Zeitpunkte, wo er während 
der hellenistischen Periode allmählich durch das Grie- 
chische ersetzt wurde, die literarische und wahrschein- 
lich auch die liturgische Sprache. Selbst der Name, 
den man den Magusäem ( jiiaTOucaToi ) gab, ist die ge- 
naue Transskription eines semitischen Plurals.*' Diese 
auf den ersten Blick überraschende Erscheinimg er- 
klärt sich durch die Geschichte der in Kleinasien ein- 
gewanderten „Magusäer**. Sie sind nicht direkt von 
Persepolis oder Susa dorthin gelangt, sondern über 
Mesopotamien, imd ihr Kultus war nachhaltig beein- 
flußt durch die Spekulationen des mächtigen Klerus, 
der an den babylonischen Tempeln seines Amtes wal- 
tete. Die gelehrte Theologie der Chaldäer drang in 
den ursprünglichen Mazdaismus ein, der mehr ein Sam- 
melsurium von Traditionen und Riten als ein dogpma- 
tisches System war. Die Gottheiten der beiden Reli- 
gionen wui^den identifiziert, ihre Legenden miteinander 
ausgeglichen, imd die semitische Astrologie,eine Frucht 
langer wissenschaftlicher Beobachtungen, begann die 
naturalistischen Mythen der Iranier tu überlagern; Ahü- 



Anatolischer Mazdaismus i5q 

ra-Mazda wurde dem BÄl gleichgesetzt, Anähita der 
Ishtar und Mithra dem Somiengott Shamash. Infolge- 
dessen hieß Mithra in den römischen Mysterien durch- 
weg Sol invi€tuSy obwohl er eigentlich von der Sonne 
verschieden ist, imd ein abstruser und komplizierter 
astronomischer Symbolismus bildete aus diesem Grunde 
immer einen Teil der den Eingeweihten offenbarten 
Lehre imd bekundete sich in den künstlerischen Kom- 
positionen, welche die Tempel schmückten. 

Ah einem Kultus von Kommagene, dessen wir be- 
reits früher (S. 131) kurz gedachten, können wir deut- 
lich genug beobachten, wie sich die Verschmelzung des 
Parsismus mit semitischen imd anatolischen Glaubens- 
vorstellimgen vollzog, denn in diesen Gegenden sind 
religiöse Wandlungen zu allen Zeiten in der Form des 
Synkretismus aufgetreten. In der Nähe des Markt- 
fleckens Doliche verehrte man auf dem Gipfel eines 
Berges eine Gottheit, die, nachdem sie zahlreiche Ver- 
körpenmgen durchlaufen hatte, schließlich ein schir- 
mender Jupiter der römischen Heere geworden war. 
Ursprünglich scheint dieser Gott, der den Gebrauch 
des Eisens erfunden haben sollte, durch einen Stamm 
von Schmieden, die vom Norden gekommenen Chaly- 
ber, nach Kommagene gebracht zu sein.^» Man stellt 
ihn dar auf einem Stiere stehend, in der Hand die 
Doppelaxt, ein altes Symbol, das auf Kreta in der my- 
kenischen Epoche verehrt wurde und sich zu Labranda 
in Karien und in ganz Kleinasien wiederfindet.^* Diese 
Bipennis, welche der Gott von Doliche schwang, kenn- 
zeichnet ihn als den Herrn des Blitzes, der im Gewitter 
mit krachenden Schlägen die Bäume des Waldes fällt. 
Auf syrischem Boden ansässig geworden, verband sich 
dieser Genius des Donners mit irgendeinem lokalen 



lyo 



Persien 



Baal^ und sein Kultus nahm alle Merkmale der semi- 
tischen an. Nach den Feldzügen des Cyrus imd der Be- 
gründung der persischen Herrschaft wurde dieser „Herr 
des Himmels** leicht mit Ahura-Mazda verwechselt, der 
gleich ihm, um eine Definition Herodots zu gebrau- 
chen**, „der ganze Kreis des Hinmiels** war, welchen 
die Perser ebenfalls auf den Gipfeln hoher Berge an- 
beteten. Dann, als nach Alexander eine halb iranische, 
halb hellenische Dynastie über Kommagene herrschte, 
wurde dieser Baal ein Zeus-Oromasdes (Ahura-Mazda), 
der in den höchsten Räumen des Äthers residierte. Eine 
griechische Inschrift redet von „himmlischenThronen**, 
wo diese höchste Gottheit die Seelen ihrer Gläubigen 
empfängt.26 Endlich in den lateinischen Ländern ver- 
blieb der lapiter Caelus weiterhin an der Spitze des 
mazdäischen Pantheons 2^, imd in allen Provinzen stellte 
der lapiter Dotichenus seine Tempel neben die des 
Mithra, zu welchem er die engsten Beziehungen imter- 
hielt.28 

Dieselbe Kette von Wandlungen vollzog sich an 
einer Anzahl anderer Orte mit einer Reihe von ande- 
ren Göttern.*^ Die mithrische Religion entstand somit 
im wesentlichen aus einer Kombination der iranischen 
Glaubensvorstellungen mit der semitischen Theologie 
imd in zweiter Linie mit gewissen Elementen, die den 
einheimischen Kulten Kleinasiens entlehnt waren. Die 
Griechen mochten dann später die Namen der per- 
sischen Gottheiten in ihre Sprache übersetzen und den 
mazdäischen Kultus in gewisse Formen ihrer Myste- 
rien kleiden J^ö; die hellenische Kirnst mochte den Ya- 
zatas die ideale äußere Erscheinung leihen, in der sie 
die Unsterblichen darzustellen liebte; die Philosophie, 
namentlich die stoische Philosophie, mochte sich be- 



Einzug Mithras in das Abendland lyi 

mühen, in den Traditionen der Magier ihre eigenen 
physischen und metaphysischen Theorien wiederzufin- 
den — trotz aller dieser Ausgleichungen, Anpassungen 
und Interpretationen blieb der Mithriazismus immer 
seinem Wesen nach ein chaldäisch imprägnierter Maz- 
daismus und folglich eine im Grunde genommen bar- 
barische Religion. Er war jedenfalls viel weniger helle- 
nisiert als der alexandrinische Kultus der Isis und des 
Serapis oder selbst der der Großen Mutter von Pessi- 
nus und erschien infolgedessen der griechischen Welt 
stets unannehmbar, von der er fast gänzlich ausge- 
schlossen blieb. Die Sprache selbst liefert dafür einen 
merkwürdigen Beweis: sie enthält eine Menge vontheo- 
phoren Namen, die mit denen der ägyptischen oder 
phrygischen Gottheiten zusammengesetzt sind, wie Se- 
rapion, Metrodoros, Metrophilos — Isidor hat sich bis 
auf unsere Tage erhalten — aber alle bekannt gewor- 
denen Derivate von Mithra sind barbarischen Ur- 
sprungs. Die Griechen nahmen den Gott ihrer Erb- 
feinde niemals auf, und die großen Zentren der helle- 
nischen Kultur entzogen sich seinem Einfluß, wie er 
dem ihrigen femblieb.^i Mithra wanderte unmittelbar 
von Asien in die lateinische Welt ein. 

Hier vollzog sich die Übernahme des fremden Gottes 
mit überraschender Schnelligkeit, sobald der Kontakt 
hergestellt war. Als der Vormarsch der Römer nach 
dem Euphrat ihnen gestattete, sich des heiligen Schat- 
zes zu bemächtigen, den Iran den kleinasiatischen Ma- 
giern anvertraut hatte, und als ihnen die mazdäischen 
Glaubensvorstellungen bekannt wurden, welche in der 
weltabgeschiedenen Einsamkeit der anatolischen Berge 
zur Reife gelangt waren, da nahmen sie diese mit En- 
thusiasmus an. Gegen das Ende des ersten Jahrhun- 



172 



Persteo 



derts von den Soldaten an alle Grenzen des römischen 
Reiches verpflanzt, hat der persische Kultus zahlreiche 
Spuren seiner gleichzeitigen Anwesenheit in der Um- 
gebung der Lager an der Donau und am Rhein^ bei 
den Stationen des britannischen Grenzwalls und in der 
Nähe der Posten hinterlassen, die staffeiförmig am 
Rande der Sahara aufgereiht oder in den asturischen 
Tälern verteilt waren. Um dieselbe Zeit führten ihn die 
asiatischen Kaufleute in die Mittelmeerhäfen und längs 
der großen Verkehrsstraßen zu Wasser imd zu Lande 
in alle handeltreibenden Städte ein. Endlich fungierten 
als seine Missionare die orientalischen Sklaven, die 
iiberall waren und zu allen möglichen Dingen verwen- 
det wurden, im öffentlichen Dienst wie im Privathaus-, 
halt, in den landwirtschaftlichen Betrieben wie in finan- 
ziellen imd bergbaulichen Untemehmimgen imd vor 
allem in der kaiserlichen Verwaltung, deren Bureaux 
sie bevölkerten. Der ausländische Gott gewann bald 
die Gunst der hohen Beamten und des Herrschers: 
selbst. Am Ende des zweiten Jahrhunderts ließ Com- 
modus sich in seine Mysterien einweihen, und diese 
Bekehnmg machte ungeheueres Aufsehen. Hundert 
Jahre später war die Macht Mithras derart gewachsen, 
daß es einen Augenblick schien, als könnte er seine 
Rivalen aus dem Orient imd dem Okzident verdunkeln 
imd sollte er die ganze römische Welt beherrschen. 
Im Jahre 307 weihten Diokletian, Galerius und Lici- 
nius, welche eine feierliche Entrevue in Camuntum an 
der Donau zusammenführte, dort dem Mithra ein Hei- 
ligtum als dem „Beschützer ihres Reiches" {fautori im- 
perii sai)fi^ 



Eigenschaften des Mithriazismus lyj 

Welche Motive erzeugten die allgemeine Begeiste- 
rung, welche die obskuren Plebejer wie die Großen der 
Erde zu den Altären des barbarischen Gottes trieb ? Wir 
haben schon früher diese Frage durch eine Darstellung 
dessen zu beantworten versucht, was wir von den Myste- 
rien des Mithra zu wissen vermochten. Und wir würden 
Bedenken tragen, hier zu wiederholen, was jeder, der 
sich darüber imterrichten wollte, in einem großen und 
sogar in einem kleinen Buche hat lesen können.*' Aber 
wir haben in diesem Zusammenhange das Problem un- 
ter einem anderen Gesichtswinkel zu betrachten. Der 
persische Kultus ist von allen orientalischen der letzte, 
der zu den Römern gelangt ist. Welches neue Prinzip 
hat er ihnen gebracht? Welchen besonderen Eigen- 
schaften verdankt er seine Überlegenheit? Wodurch 
zeichnete er sich aus in dem Wettstreit der Bekennt- 
nisse jeder Herjcunft, die damals um die Weltherrschaft 
rangen ? 

Es waren nicht seine Lehren über das Wesen der 
hinunlischen Götter, die seine Eigenart ausmachten und 
ihm seinen besonderen Wert verliehen. Ohne Zweifel 
ist der Parsismus unter allen heidnischen Religionen 
diejenige, welche sich am meisten dem Monotheismus 
nähert; Ahura- Mazda ist hoch über alle anderen 
himmlischen Geister erhaben. Aber die Lehren des 
Mithria!zismus sind nicht die zoroastrischen. Von Iran 
erhielt er vor allem seine Mythen imd seine Riten; 
seine mit chaldäischer Gelehrsamkeit durch imd diurch 
getränkte Theologie unterschied sich jedenfalls nicht 
merklich von der der syrischen Priester. Sie stellt an 
die Spitze der göttlichen Hierarchie eine Abstraktion, 
welche sie als die erste Ursache betrachtet: die deifi- 
zierte Zeit, den Zrvan Akarana des Avesta, der die Re- 



174 



Persien 



volutionen der Gestirne regelt und der absolute Herr 
aller Dinge ist. Der in den Himmeln thronende Ahura- 
Mazda ist, wie wir gesehen haben, das Äquivalent des 
Baal samin geworden, und vor den Magiern führten 
die Semiten im Okzident die Anbetimg der Sonne als 
des Prinzips alles Lebens und alles Lichtes ein. Der 
Astrolatrie imd Astrologie Babels entstammen dieTheo- 
rien, die in den Mithräen vorgetragen wurden, wie die 
der semitischen Tempel, und so erklärt sich der intime 
Konnex der beiden Kulte. Nicht dieses halb religiöse, 
halb wissenschaftliche System ist in dem erstgenannten 
das spezifisch Iranische und Originelle. 

Auch nicht durch ihre Liturgie haben die persischen 
Mysterien die Massen gewonnen. Ihre geheimen Zere- 
monien, die in den Höhlen der Berge oder wenigstens 
im Dunkel der unterirdischen Krypten vollzogen wur- 
den, waren ohne Zweifel dazu geeignet, heiliges Grauen 
einzuflößen. Man fand dort in der Teilnahme an gottes- 
dienstlichen Mahlen auch sittliche Stärkung imd Be- 
lebung; indem man sich einer Art Taufe unterzog, 
glaubte man Versöhnung für seine Sünden und Ruhe für 
sein Gewissen zu erlangen. Aber diese heiligen Mahle 
und diese reinigenden Waschungen begegnen uns, mit 
denselben geistlichen Hoffnungen verknüpft, auch in 
anderen orientalischen Kulten, und das suggestive und 
prunkvolle Ritual des ägyptischen Klerus war gewiß 
eindrucksvoller als das der Magier. Das in den Höhlen 
des persischen Gottes figürlich dargestellte mythische 
Drama, dessen Schlußkatastrophe in der Opferung 
eines Stieres bestand, welcher als Schöpfer und Erneu- 
erer dieser irdischen Welt betrachtet wurde, war jeden- 
falls trivaler und minder pathetisch als der Schmerz 
und die Trauer der Isis, welche den zerstückelten Leich- 



Der Dualismus 



175 



nam ihres Gatten sucht und ihn ins Leben zurückruft, 
oder als die Klagen luid der Jubel der Cybele, die ihren 
Geliebten Attis beweint und wiedererweckt. 

Aber Persien führte in die Religion ein wichtiges 
Prinzip ein : den Dualismus. Er war es, der den Mi- 
thria:zismus von den anderen Sekten unterschied und 
seine Dogmatik wie seine Moral beseelte, indem er 
ihnen eine Bestimmtheit imd eine Geschlossenheit ver- 
lieh, welche bis dahin im rönüschen Heidentum unerhört 
war. Er betrachtete das Universum unter einem vorher 
unbekannten Gesichtswinkel und wies gleichzeitig dem 
Dasein ein neues Ziel. 

Zweifellos erscheint der Dualismus, wenn man dar- 
unter den. Gegensatz zwischen Geist imd Materie, 
Vemimft imd Sinnlichkeit versteht, schon viel früher 
in der griechischen Philosophie'^* und bildet eine der 
grundlegenden Ideen des Neupythagoreismus und des 
Philonischen Denkens. Aber was die Lehre der Ma- 
gier auszeichnet, ist dies, daß sie das böse Prinzip ver- 
göttlicht, es dem höchsten Gott als Rivalen gegen- 
überstellt und verkündet, daß allen beiden kultische 
Verehrung gebühre. Dieses System, welches für das 
Problem der Existenz des Bösen, diese Klippe theo- 
logischer Spekulation, eine offenbar einfache Lösimg 
darbot, zog die gebildeten Geister an, wie es die 
Massen gewann, die in ihm eine Erklärung für ihre 
Leiden fanden. Gerade in dem Augenblick, als sich 
die Mysterien des Mithra verbreiteten, setzt Plutarch 
es wohlgefällig auseinander und neig^ dazu, es anzu- 
nehmen J^*, und seit dieser Zeit sieht man in der Lite- 
ratur die „Gegengötter** (avTiGeoi)*' auftauchen, Dä- 
monen, welche unter dem Befehl der Macht der Fin- 
sternis ^^^ gegen die himmlischen Geister, die Boten oder 



176 Persien 

„Engel" 3ö der höchsten Gottheit, streiten* Es sind die 
Dadvas Ahrimans im Kampfe mit den Yazatas des Or- 
muzd. 

Eine merkwürdige Steile bei Porphyrius 3» zeigt uns, 
wie schon die ersten Neuplatoniker die persische Dä- 
monologie ihrem System eingegliedert haben. Unter 
der höchsten Gottheit, die unkörperlich und imteilbar 
ist, unter den Sternen und den Planeten leben unzäh- 
lige Dämonen *0; manche haben einen besonderen Na- 
men erhalten — es sind die Götter der Nationen xmd 
der Staaten — der Rest bildet eine anonyme Masse. 
Sie zerfallen in zwei Heerhaufen : die einen sind wohl- 
tätige Geister; sie schenken den Pflanzen und Tieren 
Fruchtbarkeit, der Natur schönes Wetter, dem Men- 
schen die Wissenschaft. Sie dienen als Mittler zwischen 
den Gottheiten und ihren Verehrern, indem sie Huldi- 
gungen imd Gebete zum Himmel hinauf, Vorzeichen 
xmd Weissagungen vom Himmel herab bringen. Die 
anderen dagegen sind böse Geister, welche die der 
Erde benachbarten Räume bewohnen, und es gibt 
nichts Schlechtes, das sie nicht ins Werk zu setzen be- 
strebt sind.*^ Gewalttätig und listig, ungestüm und ver- 
schlagen zugleich, sind sie die Urheber alles Unglücks, 
das über die Erde hereinbricht : Seuchen, Hungersnöte, 
Stürme, Erdbeben sind ihre Werke. Sie entzünden im 
Herzen der Menschen unselige Leidenschaften und ver- 
botene Wünsche und stiften Kriege und. Revolutionen 
an. Im Täuschen gewandt, haben sie Wohlgefallen an 
Lüge imd Betrug; sie begünstigen das Blendwerk xmd 
die Mystifikationen der Zauberer *2 und weiden sich an 
den blutigen Opfern, welche die Magier ihnen allen 
und namentlich ihrem Anführer darbringen. 

Mit diesen nahe verwandte Lehren wurden jeden- 



Der Dualismus 



177 



falls in den Mithrasmysterien verkündet; Ahriman 
{Arimanius), der König des düsteren Reichest der Unter- 
welt, der Herr der höllischen Geister, wurde in ihnen 
kultisch verehrt.*' Dieser Kultus hat sich im Orient bei 
Iden Yezidis oder Teufelsanbetem bis auf die Gegen^ 
wart erhalten. 

Wenn Theodor von Mopsuestia in seiner Schrift 
gegen die Magier** von Ahriman spricht, so nennt 
er ihn Satan (ZaTaväc), In der Tat besteht zwischen 
diesen beiden Gestalten eine auf den ersten Blick über- 
raschende Ähnlichkeit. Sie sind beide die Häupter eines 
zahlreichen Heeres von Dämonen; jeder von beidten 
ist der Geist des Irrtums und der Lüge, der Fürst der 
Finsternis, der Versucher und der Verderber. Man 
könnte ein beinahe identisches Bild von diesen beiden 
Doppelgängern entwerfen, imd tatsächlich handelt es 
sich um ein und dieselbe Figur imter verschiedenem 
Namen. Man nimmt allgemein an, daß das Judentum 
deii Mazdäem mit einem Teil ihres Dualismus die Vor- 
stellimg eines Widersachers Gottes entlehnt hat.*^ Es 
ist daher sehr natürlich, daß die jüdische Lehre, deren 
Erbin das Christentum wurde, der der Mithrasmysterien 
ähnlich ist. Ein großer Teil der mehr oder weniger 
orthodoxen Gedanken und Bilder, aus denen im Mittel- 
alter das Schreckgespenst der Hölle und des Teufels 
erwuchs, flössen ihm mithin von Persien auf einem dop- 
pelten Umwege zu : einerseits durch die jüdisch-christ- 
liche, kanonische oder apokryphe Literatur, anderseits 
durch die Überlebsel des Mithraskultes imd die ver- 
schiedenen Manichäersekten, die in Europa die alten 
iranischen Lehren über den Gegensatz der beiden Welt« 
prinzipe weiter verkündigten. 

Aber die theoretische Zustimmung der Geister zu 

Camont, Die oriental. Religionen 12 



lyS Persien 

Dogmen, welche sie befriedigen, genügt noch nicht, 
um sie für eine Religion zu gewinnen. Diese muß 
ihnen neben Gründen des Glaubens Motive des Han- 
delns und Gegenstände der Hoffnimg schenken. Der 
iranische Dualismus war nicht nur eine bedeutende me- 
taphysische Konzeption; er bildete auch die Grundlage 
einer überaus kraftvollen Moral. Es war vor allem diese 
Moral, welche in der römischen Gesellschaft des zwei- 
ten und dritten Jahrhunderts mit ihrem unbefriedigten 
Verlangen nach voUkonunener Gerechtigkeit imd Hei- 
ligkeit den Erfolg der mithrischen Mysterien sicherte. 

Eine leider zu bündige Redewendung des Kaisers 
Julian*« lehrt uns, daß Mithra seinen Eingeweihten 
„Gebote** (dvToXai) gab und deren getreue Erfüllung 
in dieser wie in jener Welt belohnte. Das Gewicht, 
' welches die Perser auf ihre eigenartige Ethik legten, 
die Strenge, mit der sie auf die Erfüllung ihrer Vor- 
schriften hielten, ist vielleicht der bezeichnendste Zug 
ihres nationalen Charakters, wie er uns im Lichte der 
Geschichte entgegentritt. Eine Rasse von Eroberem, 
standen sie, wie die Römer, unter straffer Disziplin 
und empfanden, wie jene, ihre Notwendigkeit für die 
Verwaltung eines ausgedehnten Reiches. Zwischen den 
beiden Herrschervölkern bestanden verwandte Bezie- 
hungen, welche sie über die griechische Welt hinweg 
miteinander verknüpften. Der Mazdaismus brachte dem 
alten lateinischen Gefühl, daß die Religion eine prak- 
tische Wirkung haben müsse, die langersehnte Befrie- 
digung, regelte den Lebenswandel der Individuen imd 
trug zum Wohl des Staates bei.*^ Indem er hier die im- 
perative Moral Irans einführte, flößte Mithra dem Hei- 
dentum des Abendlandes neue Kraft ein. 

Leider ist uns der Wortlaut des mithrischen Deka- 



Die mithrische Moral 



179 



logs nicht erhalten, und wir können daher seine 
Hauptvorschriften nur auf induktivem Wege rekon- 
struieren. 

Mithra, der alte Genius des Lichtes, ist im Zoroastris- 
mus der Gott der Wahrheit und der Gerechtigkeit gewor- 
den und es im Okzident geblieben. Er ist der mazdäische 
ApoUon, aber während der Hellenismus mit seinem re- 
geren Schönheitssinn in dem Bilde seines ApoUon die 
ästhetischen Eigenschaften weiter entwickelt hat, haben 
die Perser, in ihrem Denken vor allem den Aufgaben des 
sittlichen Lebens zugewandt, bei Mithra den morali- 
schen Charakter betont.*^ Ein Zug, welcher den in die- 
ser Hinsicht wenig skrupulösen Griechen bei ihren 
orientalischen Nachbarn aufgefallen war, war ihr Ab- 
scheu vor der Lüge; diese war tatsächlich in Ahriman 
verkörpert. Mithra war immer der Gott, den man als 
Bürgen des gegebenen Wortes anrief, und der die 
strikte Erfüllung übernommener Verpflichtungen si- 
cherte. Die absolute Eidestreue mußte eine der wich- 
tigsten Tugenden für eine Religion von Soldaten sein, 
deren erste Handlung nach ihrer Einreihung in das 
Heer darin bestand, daß sie dem Herrscher Gehorsam 
und Ergebenheit schwuren. Man pries im Kreise ihrer 
Anhänger Loyalität und Biedersinn und pflegte ohne 
Zweifel Anschauungen, die unserem modernen Ehrbe- 
griff sehr nahe standen. 

Neben dem Respekt vor der Autorität predigte man 
hier brüderliche Gesinnung. Die Eingeweihten betrach- 
teten sich sämtlich als Söhne desselben Vaters, die in 
wechselseitiger Zuneigung verbunden sein sollten. Er- 
weiterten sie die Nächstenliebe bis zu jener universellen 
Charitas, die von der Philosophie und vom Christen- 
tum gelehrt wurde? Der Kaiser Julian, der ein from- 

12* 



i8o Persien 

mer Myste war, stellt mit Vorliebe ein ganz ähnliches 
Ideal auf, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß< sich 
die Mithriasten gegen das Ende des Heidentums zu 
dieser Auffassimg ihrer Pflicht aufschwangen**. Aber 
sie waren nicht ihre Urheber. Sie scheinen mehr Ge- 
wicht auf männliche Eigenschaften als auf Mitleid oder 
Sanftmut gelegt zu haben. Die Brüderlichkeit dieser 
Eingeweihten, die den Namen „Soldaten* 'erhielten, war 
ohne Zweifel weit mehr mit der Kameradschaft in 
einem Regiment verwandt — den Korpsgeist nicht aus- 
genommen — als mit der Nächstenliebe, welche die 
Werke der sich aller Notleidenden annehmenden Barm- 
herzigkeit beseelt. 

In der Vorstellung aller primitiven Völker ist die 
Natur mit imreinen imd boshaften Geistern erfüllt, 
welche diejenigen verderben imd quälen, die ihre Ruhe 
stören^ Aber der Dualismus verlieh diesem allgemeinen 
Glauben mit der dogmatischen Begründimg eine im- 
erhörte Kraft. Der ganze Mazdaismus wird von den 
Ideen der Reinheit und der Unreinheit beherrscht. 
„Keine Religion der Welt hat jemals so vollkommen 
in dem Dienste eines kathartischen Ideals gestanden." ^^ 
Vollkommene Reinheit war das Ziel, dem das Leben 
des Gläubigen zustreben sollte. Mit unendlicher Vor- 
sicht mußte er es vermeiden, die göttlichen Elemente, 
wie Wasser und Feuer, oder auch seine eigene Person 
zu verimreinigen, imd sich, um jede Befleckung zu til- 
gen, vielfachen Lustrationen unterziehen. Aber eben- 
sowenig wie in den syrischen Kulten der Kaiserzeit 
(S. 139 f.) waren diese Riten im Mithriazismus ein äuße- 
rer, mechanischer, körperlicher, von der alten Idee 
des tabu erfüllter Vorgang geblieben. Die mithrische 
Taufe wusch sittliche Makel ab; die Reinheit, nach 



Die mithrische Moral i8i 

der man sich sehnte^ hatte geistigen Charakter er- 
halten. 

Diese vollkommene Reinheit unterscheidet die per- 
sischen Mysterien von denen aller anderen orienta- 
lischen Götter. Serapis ist der Bruder imd der Gemahl 
der Isis; Attis der Geliebte der Cybele; jeder syrische 
Baal ist mit einer Gefährtin verbunden — Mithra lebt 
einsam, Mithra ist keusch, Mithra ist heilig {sanctus)^^^ 
und an die Stelle der Anbetung der fruchtbaren Natur 
setzt er eine neue Verehrung, die der Enthaltsamkeit. 

Aber wenn der Kampf gegen die Sinnlichkeit lo- 
benswert ist, wenn das Vollkonmienheitsideal dieser 
mazdäischen Sekte sich schon der Askese zuneigt, in 
welche der manichäische Tugendbegriff imischlug, so 
wird doch das Gute nicht nur durch Entsagung und 
Herrschaft über sich selbst, sondern auch durch die Tat 
verwirklicht. Es genügt nicht, daß eine Religion einen 
Pflichtenkodex aufstellt; lun wirksam zu sein, muß sie 
Motive für seine praktische Erfüllung an die Han!d 
geben. Der Dualismus — gerade hier macht sich sein 
Einfluß vor allem geltend — war besonders dazu an- 
getan, die individuelle Anstrengung zu begünstigen 
imd die menschliche Energie zu entwickeln. Die Welt 
ist der Schauplatz eines beständigen Kampfes zwischen 
zwei Mächten, die sich in die Herrschaft über sie teilen, 
und das Ziel, welches sie erreichen soll, ist die Beseiti- 
gung des Bösen imd die unbestrittene Herrschaft, das 
ausschließliche Regiment des Guten. Die Tiere imd 
die Pflanzen wie die Menschen stehen sich in zwei 
feindlichen Lagern gegenüber, und unversöhnliche 
Feindschaft trennt sie voneinander; die ganze Natur 
nimmt teil an dem ewigen Kampfe der beiden entge- 
gengesetzten Prinzipien. Die von dem höllischen Geiste 



iSz Persien 

geschaffenen Dämonen tauchen unaufhörlich aus der 
Tiefe auf, lun über die Oberfläche der Erde zu schwei- 
fen; sie dringen überall ein und überallhin tragen sie 
Verderben, Angst, Krankheit und Tod. Die Himmels- 
geister und die Frommen müssen ihre unablässig wie- 
derholten Angriffe inmier wieder abschlagen. Jener 
Kampf setzt sich fort imd spiegelt sich in Herz und 
Gewissen des Menschen, des Mikrokosmos, wo das gott- 
liche Gesetz der Pflicht imd die Einflüsterung der bösen 
Geister miteinander streiten. Das Leben ist ein Krieg 
ohne Waffenstillstand und ohne Erbarmen. Die Auf- 
gabe des wahren Mazdäers besteht darin, in jedem 
Augenblick das Böse zu bekämpfen und so allmäh- 
lich den Triumph des Ormuzd in der Welt herbeizu- 
führen. Der Gläubige ist der Mitarbeiter der Götter 
bei ihrem Werk der Reinigung und der Vollendung. 
Die Mithriasten verloren sich nicht wie andere Sekten 
in beschauliche Mystik; ihre agonistische Moral, ich 
wiederhole es, begünstigte in hervorragender Weise 
das Handeln, und in einer Zeit der Erschlaffimg, der 
Anarchie und der Verwirrung fanden die Eingeweihten 
in ihren Vorschriften Antrieb, Halt und Stütze. Der Wi- 
derstand gegen die Verlockungen niedriger Instinkte 
erschien ihnen in dem Glänze kriegerischer Helden- 
taten, und so wurde ihr Charakter durch ein wirksames 
Prinzip des Fortschritts bereichert. Indem der Dualis- 
mus eine neue Weltanschauung brachte, verlieh er auch 
dem Lebeli einen neuen Sinn. 

Derselbe Dualislnus bestimmt auch die eschatolo- 
gischen Vorstellungen der Mithriasten, und das Ringen 
zwischen Himmel und Hölle findet in der Welt jen- 
seits des Grabes seine Fortsetzung.^^ Mithra ist nicht 
nur der „unbesiegbare** Gott, welcher seinen Gläubigen 



Das zukünftige Leben 183 

in ihrem Kampfe gegen die Bosheit der Dämonen bei- 
steht, der starke Gefährte, der in den Versuchungen 
der Menschen ihrer Schwachheit aufhilft. Als Gegner 
der höllischen Mächte sichert er das Heil seiner Schutz- 
befohlenen im Jenseits wie hienieden. Wenn nach dem 
Tode der Geist der Verwesung sich des Leichnams be- 
mächtigt, so kämpfen die Geister der Finsternis und 
die Boten des Himmels um den Besitz der Seele, die 
ihrem fleischlichen Gefängnis entronnen ist. Sie wird 
vor ein Gericht gestellt, bei dem Mithra den Vorsitz 
führt, und wenn ihre Verdienste, auf die Wage des 
Gottes gelegt, ihre Sünden übertreffen, so verteidigt 
er sie gegen die Diener Ahrimans, die sie in den Ab- 
grund der Hölle zu schleppen versuchen, und führt sie 
den himmlischen Räumen zu, wo Jupiter-Ormuzd in 
ewiger Klarheit thront. Die Mithriasten glaubten nicht, 
wie die Anhänger des Serapis, daß der Ort der Se- 
ligen in den Tiefen der Erde läge^»; dieses dunkle 
Reich ist für sie die Domäne der bösen Wesen: die 
Seelen der Gerechten wohnen in dem ewigen Lichte, 
das über den Sternen leuchtet, und auf der Reise durch 
die Planetensphären jeder Sinnlichkeit und jeder Be- 
gierde entkleidet s*, werden sie so rein wie die Götter, 
deren Genossen sie fortan bleiben. 

Am Ende der Welt sollen auch die Leiber sogar 
jener Seligkeit teilhaftig werden, denn, wie bei den 
Ägyptern (S. 1 17), so ist es hier die ganze menschliche 
Persönlichkeit, welche zum Genuß des ewigen Lebens 
berufen ist. Wenn die Zeit vollendet ist, dann wird 
Mithra alle Menschen auferwecken und den Guten 
einen wunderbaren Trank reichen, der ihnen Unsterb- 
lichkeit verleiht, während die Bösen samt Ahriman 
selbst vernichtet werden. 

* 



1 84 Persien 

Unter allen orientalischen Kulten bildet keiner ein 
so festgeschlossenes System wie dieser; keiner hatte 
solchen sittlichen Schwung und konnte die Geister und 
die Herzen so gefangen nehmen. In vieler Hinsicht 
gab er der heidnischen Welt die endgültige Form 
ihres religiösen Bekenntnisses^ und die Einwirkung der 
Ideen, welche er verbreitet hat, ging weit über den Mo- 
ment hinaus, in dem er eines gewaltsamen Todes starb. 
Der iranische Dualismus hat in Europa gewisse Prin- 
zipien heimisch gemacht, die nicht nur seine römi- 
schen Gegner beeinflußt haben, sondern die bis auf den 
heutigen Tag wirksam sind, und seine gesamte Ge- 
schichte beweist mithin die Tatsache, auf welche wir 
bereits zu Anfang hindeuteten: die defensive und die 
aggressive Kraft der persischen Kultur und Religion.^* 
Beide waren von so selbständiger Originalität, daß sie 
im Orient nicht nur der Absorption durch den Hellenis- 
mus widerstanden und die christliche Propaganda ziun 
Scheitern brachten, sondern selbst durch die zerstö- 
rende Gewalt des Islams nicht ausgerottet werden konn- 
ten. Firdusi verherrlicht noch die alten nationalen Über- 
lieferungen imd die mythischen Heroen des Mazdais- 
mus, imd während die Idolatrie Ägjrptens, Syriens und 
Kleinasiens verschwvmden oder von ihrer einstigen Höhe 
herabgesunken ist, gibt es noch heute Anhänger Za- 
rathustras, welche die Zeremonien des Avesta fronmi 
vollziehen und den reinen Kult des Feuers pflegen. 

Der mithrische Mazdaismus wäre femer beinahe — 
und das ist ein neuer Beweis für seine Lebenskraft — 
im dritten Jahrhundert eine Art Staatsreligion des rö- 
mischen Reiches geworden. Oft hat Inan bei dieser Ge- 
legenheit das Rort Renans^« zitiert : „5/ le christianisme 
eüt H6 arrHi dans sa €roissance par quelqae malädie 



Ergebnis 185 

morteUe^ te moride eüt Hi mithriasteJ* Der berühmte 
Gelehrte hat^ als er diesen kühnen Gedanken dachte^ 
ohne Zweifel einen Augenblick über die Gestalt nach- 
gesonnen^ welche diese arme Welt dann angenommen 
haben würde. Vermutlich hat er sich' dabei auch 
vorgestellt, was einer seiner Schüler uns einreden 
möchte ^7, nämlich daß dann die Moral der Menschheit 
kaum eine andere geworden wäre — ein wenig männ- 
licher vielleicht, etwas weniger barmherzig, aber nur 
um eine geringe Nuance. Die gelehrte Theologie, 
welche die Mysterien verkündeten, würde augenschein- 
lich einen lobenswerten Respekt vor der Wissenschaft 
gezeigt haben, aber da ihre Dogmen auf einer ver- 
kehrten Physik beruhten, so würde sie offenbar eime 
unendliche Masse von Irrtümern konserviert haben : die 
Astronomie würde nicht verschwunden sein, aber die 
Astrologie wäre unausrottbar gewesen, und noch heute 
würde sich, wie sie es forderte, der Himmiel um die 
Erde drehen. Eine besonders große Gefahr wäre, so 
scheint es, die Begründung eines theokratischen Ab- 
solutismus durch die Cäsaren gewesen, dem die orien- 
talischen Lehren über die Gottheit der Könige zur 
Stütze gedient hätten; der Bund zwischen Thron und 
Altar würde dann unauflöslich geworden sein, und Eu- 
ropa niemals den im großen und ganzen doch leben- 
weckenden Kampf zwischen Kirche und Staat kennen 
gelernt haben. Aber anderseits trug die Disziplin des 
Mithriazismus, welche die individuelle Energie förderte, 
und die demokratische Verfassung seiner Assoziationen, 
in denen sich Senatoren und Sklaven zusammenfanden, 

einen Keim der Freiheit in sich Man könnte 

lange über diese entgegengesetzten Möglichkeiten dis- 
kutieren; aber es gibt kaum ein müßigeres Spiel der 



i86 Persien 

Gedanken als den Versuch, die Geschichte noch einmal 
zu machen und Vermutimgen darüber anzustellen^ was 
geschehen sein würde, falls sich ein solches Ereignis 
nicht begeben hätte. Welche Vision könnte ims die 
unbekannten Ufer schauen lassen, die der Strom der 
Wirkungen und Gegenwirkimgen, der uns mit sich fort- 
trägt, dann mit seinen Wellen bespült haben würde, 
wenn er einst von seinem tatsächlichen Laufe ab- 
gewichen wäre ? 



vn. 

ASTROLOGIE UND MAGIE 

Wenn wir die unbedingte Autorität gewahren, welche 
die Astrologie in der römischen Kaiserzeit besitzt, so 
können wir uns eines Gefühls der Überraschung kaum 
erwehren. Wir begreifen nur schwer, daß man sie als 
die vornehmste aller Künste und als die Königin der 
Wissenschaften feiern konnte.^ Nur mit Mühe vergegen- 
wärtigen wir uns die kulturellen Verhältnisse, die ein 
solches Phänomen möglich machten, weil unsere Geistes- 
verfassung heute eine ganz andere geworden ist. Nach 
und nach hat sich die Überzeugung durchgesetzt, daß 
man die Zukunft — wenigstens die Zukunft des Men- 
schen und der Gesellschaft — nicht zu erkennen, son- 
dern nur Mutmaßungen darüber aufzustellen vermag. 
Der Fortschritt des Wissens hat zum Nichtwissen ge- 
führt. 

Anders lagen die Dinge im Altertum: der Glaube an 
Orakel und Weissagungen war allgemein verbreitet. 
Nur die alten Methoden der Divination waren im Be- 
ginn unserer Zeitrechnung mit dem Rest der griechisch- 
römischen Religion in einen gewissen Mißkredit ge- 
raten. Man glaubte nicht mehr recht daran, daß die; 
Gier oder die Unlust, welche die heiligen Hühner ihrem 
Futter gegenüber bewiesen, oder auch die Richtung 
des Vogelflugs zukünftige Erfolge oder Mißgeschicke 
ankündigten. Die hellenischen Orakel waren verein- 



i88 Astrologie und Magie 

samt und schwiegen. Die Astrologie dagegen erschien 
damals in dem vollen Glänze einer exakten Wisseh- 
Schaft^ die auf imendlich langer Erfahrung beruhte. 
Sie machte sich anheischige die Ereignisse im Leben 
des einzelnen mit derselben Sicherheit vorherzusagen 
wie das Datum einer Eklipse. Die Welt fühlte sich un- 
widerstehlich zu ihr hingezogen. Nach und nach drängte 
sie all die alten Methoden^ die man ersonnen hatte^ um 
die Rätsel der Zukunft zu lösen^ in den Hintergrund 
und brachte sie in Vergessenheit. Die Haruspizin imd 
die augurale Kirnst wurden aufgegeben, und nicht ein- 
mal die Orakel schützte ihr alter Ruf gegen den un- 
aufhaltsam fortschreitenden Verfall. Dieses ungeheure 
Wahngebilde wandelte den Kultus wie die Divination 
um; es durdidrang alles mit seinem Geiste. Und in 
der Tat, wenn das wesentliche Charakteristikimi der 
Wissenschaft in der Fähigkeit zur Voraussage besteht, 
wie manche Gelehrte noch heute meinen*, dann konnte 
keine Disziplin sich mit dieser messen oder sich ihrem 
Einfluß entziehen. 

Ihr Erfolg war an den der orientalischen Religionen 
gebxmden, welche der Astrologie ihre Unterstützung 
liehen, wie sie diesen die ihrige gewährte. Wir haben 
gesehen, wie sie in das semitische Heidentum einge- 
dnmgen war, den persischen Mazdaismus umgewandelt 
und sogar den exklusiven Hochmut der ägjrptischen 
Priester zur Unterwerfung gebracht hatte.* Ohne Zweifel 
wurden in Alexandrien, um das Jahr 150 v.Chr.*, in 
griechischer Sprache mystische Traktate verfaßt, die 
man dem alten Pharao Nechepso und seinem Vertrauten, 
dem Priester Petqsiris zuschrieb, nebelhafte und abstruse 
Werke, die im gewissen Sinne die heiligen Bücher des 
neuen Glaubens an die Macht der Gestirne wurden. Um 



Einführung der Astrologie in den Okzident iSg 

dieselbe Zeit beginnt sich in Italien die chaldäische 
Genethlialogie zu verbreiten, für welche vorher ein 
Diener des Gottes B61, der von Babylon nach der Insel 
Kos gelangt war, Berosos, die Neugierde der Griechen 
mit Erfolg in Anspruch genommen hatte.^ 

Im Jahre 139 vertreibt ein Prätor gleichzeitig mit 
den Juden die Chatdaei aus Rom. Aber alle Diener der 
syrischen Göttin, die sich bereits in beträchtlicher An- 
zahl im Abendlande vorfanden, waren die Klienten und 
die Anwälte dieser orientalischen Propheten (S. 122), 
und die getroffenen polizeilichen Maßregeln vermoch- 
ten die Ausbreitung ihrer Lehren ebensowenig zu hin- 
dern wie die der asiatischen Mysterien. Zur Zeit des 
Pompejus schrieb ein für den Okkultismus sehr einge- 
nommener Senator, Nigidius Figulus, in lateinischer 
Sprache über die barbarische Uranographie. Aber der 
Gelehrte, dessen Ansehen vor allem dazu beitrug, der 
geheimnisvollen Kunst der Stemdeutung Eingang zu 
verschaffen, war ein syrischer Philosoph von enzyklo- 
pädischem Wissen, Posidonius von Apamea, der Lehrer 
Ciceros.ß Die Werke dieses ebenso kenntnisreichen als 
frommen Denkers waren von imvergleichlicher Be- 
deutung für die Entwicklung der gesamten römischen 
Theologie. 

In der Kaiserzeit, als die semitischen Ba'edim und 
Mithra ihre Triumphe feiern, macht auch die Astro- 
logie überall ihren Einfluß geltend. In dieser Epoche 
huldigen ihr alle: die Cäsaren werden ihre eifrigen 
Adepten, oft auf Kosten der alten Kulte. Tiberius ver- 
nachlässigt die Götter, weil er nur an das Schicksal 
glaubt 7, und Otho, erfüllt von blindem Vertrauen auf 
seine orientalischen Wahrsager, marschiert gegen Vi- 
tellius trotz der unheilvollen Vorzeichen, die seinen offi- 



IQO Astrologie und Magie 

ziellen Klerus erschrecken.® Die ernsthaftesten Gelehr- 
ten, wie Ptolemäus unter den Antoninen, beschäftigen 
sich mit den Prinzipien dieser vermeintlichen Wissen- 
schaft, und die besten Geister erkennen sie an. In der 
Tat unterscheidet eigentlich keiner mehr zwischen der 
Astronomie und ihrer illegitimen Schwester. Die Lite- 
ratur bemächtigt sich dieses neuen und schwierigen 
Themas, imd schon unter Augustus oder Tiberius ver- 
suchte Manilius in seiner Begeisterung für den side- 
rischen Fatalismus die trockene „Mathematik* 'poetisch 
zu gestalten, wie Lucretius, dessen Rivale er ist, es be- 
züglich des epikureischen Atomismus getan hatte. So- 
gar die Kirnst sucht hier Anreg^imgen und findet Ge- 
fallen daran, die Gestimgottheiten darzustellen: die 
Architekten erbauen in Rom und den Provinzen prunk- 
volle septizonia nach dem Vorbilde der sieben Sphären, 
in denen sich die Planeten, die Herren unserer Ge- 
schicke, bewegen.^ Anfangs aristokratisch ^^ — denn 
ein genaues Horoskop zu erhalten ist eine komplizierte 
Sache, und eine Konsultation kostet viel Geld — wird 
die asiatische Divination rasch populär, namentlich in 
den städtischen Zentren, die von morgenländischen 
Sklaven wimmeln. Die gelehrten Genethlialogen an 
den Observatorien hatten obskure Kollegen, die an den 
Straßenecken oder m den Höfen der Landgüter wahr- 
sagten. Selbst die vulgären Epitaphe, die nach einem 
Wort de Rossis das Gesindel unter den Inschriften dar- 
stellen, haben Spuren dieser Glaubensvorstellungen be- 
wahrt. Es wird üblich, in ihnen die Stunde der Geburt 
genau anzugeben, denn diese hat bereits über die 
Stunde des Todes entschieden: 

Nascentes morimur, finisque ab origine pendet.** 



Die Astrologie in der Kaiserzeit igi 

Bald will man nichts mehr unternehmen, sei es 
Großes oder Kleines, ohne den Astrologen zu be- 
fragen. Nicht nur über die wichtigeren Ereignisse der 
Öffentlichkeit, wie die Operationen eines Feldzuges, 
die Gründung einer Stadt oder die Thronbesteigimg 
eines Fürsten möchte man seine Voraussagen hören; 
nicht nur eine Heirat, eine Reise, ein Umzug, sondern 
die unbedeutendsten Verrichtungen des täglichen Le- 
bens werden in allem Ernste von seinem Gutachten 
abhängig gemacht. Man ladet nicht mehr zu einem 
Diner ein oder nimmt eine solche Einladung nicht mehr 
an, man geht nicht mehr ins Bad oder zu seinem Fri- 
seur, man wechselt nicht mehr die Kleider, man feilt 
sich nicht mehr die Nägel, ohne den günstigen Moment 
dazu abgewartet zu haben.^^ DJe Sammlungen von „Ini- 
tiativen** (Kaiapxcti), die auf ims gekommen sind, ent- 
halten Fragen, die uns lächeln lassen. Ob ein Sohn, 
dessen Geburt bevorsteht, eine große Nase haben wird ? 
Ob eine Tochter, die zur Welt kommt, galante Abenteuer 
haben wirdpi^ Und gewisse Vorschriften erscheinen 
fast wie eine Parodie : wer sich bei zunehmendem Monde 
die Haare schneiden läßt, wird kahlköpfig — offenbar 
ist hier die Analogie maßgebend gewesen.^* 

Das ganze Dasein der Individuen wie der Staaten bis 
zu seinen unbedeutendsten Vorkommnissen hängt also 
von den Gestirnen ab. Die unbedingte Herrschaft, 
welche sie nach allgemeiner Annahme über das täg- 
liche Geschick eines jeden ausübten, modifizierte sogar 
die Umgangssprache und hat Spuren in allen Derivaten 
des Lateinischen hinterlassen. Wenn wir z. B. die fran- 
zösischen Namen der Wochentage Lundi, Mardi, Mer- 
credi gebrauchen, so treiben wir Astrologie, ohne es zu 
wissen, denn gerade diese lehrte, daß der erste dem 



IQ2 Astrologie und Magie 

Bfonde, der zweite dem Mars, der dritte dem Merkur 
unterstände^ wie die vier letzten den anderoi Planeten; 
und wir legen diesen Gestirnen, ohne daran zu denken, 
noch ihre alten Eigenschaften bei, wenn wir von 
einem martialischen, jovialen oder lunatischen Charak- 
ter reden." 

Indessen ist anzuerkennen, daß der griechische Geist 
sich gegen den Wahn aufzulehnoi versuchte, der sich 
der Welt bemächtigte, und seit der Epoche ihrer Aus- 
breittmg fand die Apotelesmatik Gegner unter den Phi- 
losophen. Der scharfsinnigste dieser Gegner war im 
zweiten Jahrhimdert vor unserer 2^itrechnung der Pro- 
babilist Kameades. Die topischen Argumente, die er 
geltend gemacht hatte, wurden von den späteren Pole- 
mikern in tausend Formen wieder auf genonmien, repro- 
duziert imd weiter entwickelt. So dieses: sind alle Men- 
schen, die in einer Schlacht oder bei einem Schiffbruch 
zusammen umkommen, in demselben Augenblick ge- 
boren, weil sie dasselbe Los ereilt hat? Oder umgekehrt: 
Sehen wir nicht oft, daß Zwillinge, die tun dieselbe 
Zeit zur Welt gekonmien sind, die tmgleichartigsten 
Charaktere imd die verschiedensten Schicksale haben? 

Aber die Dialektik ist eine Art Fechtkimst, in der 
sich die Griechen immer ausgezeichnet haben, imd die 
Verteidiger der Astrologie fanden auf alles eine Ant- 
wort. Sie bemühten sich namentlich, die augenschein- 
lichen Wahrheiten zu erhärten, auf denen das ganze 
Lehrgebäude ihre Kunst beruhte: die Wirkung, welche 
die Gestirne auf die Phänomene der Natiu* imd den 
Charakter der Individuen ausübten. Kann man leugnen, 
so sagten sie, daß die Sonne die Vegetation erstehen 
imd vergehen läßt, daß sie die Tiere brünstig macht 
oder sie in lethargischen Schlummer versenkt? Häng^ 



Ohnmacht der Polemik gegen die Astrologie iq^ 

die Bewegung der Gezeiten nicht vom Lauf des Mondes 
ab? Ist der Eintritt gewisser Konstellationen nicht in 
jedem Jahr von Stürmen begleitet? Sind endlich die 
physischen und moralischen Eigenschaften der Rassen 
nicht offenbar durch das Klima bestimmt, unter dem sie 
leben ? Der Einfluß des Himmels auf die Erde ist un- 
verkennbar, und wenn man die Einwirkung der Gestirne 
zugibt, dann sind auch alle Voraussagen, welche sich 
auf diese g^ründen, berechtigt. Nimmt man das grund- 
legende Prinzip einmal an, so ergeben sich aus ihm die 
entsprechenden Lehrsätze in logischer Weise von selbst. 
Dieses Räsonnement erschien im allgemeinen un- 
widerleglich. Die Astrologie hatte vor dem Auftreten 
des Christentxmis, von dem sie namentlich wegen ihres 
Zusammenhangs mit dem Götzendienst bekämpft 
wurde, kaum noch andere Gegner als die, welche die 
Möglichkeit jeder Wissenschaft leugneten: die Neu- 
akademiker, welche behaupteten, daß der Mensch nie 
zur Gewißheit gelangen könne, und die radikalen Skep- 
tiker, wie Sextus Empiricus. Aber unterstützt von den 
Stoikern, die — abgesehen von wenigen Ausnahmen — 
ihr günstig gesinnt waren, ging die Astrologie, wie man 
behaupten darf, siegreich aus den ersten Schlachtem 
hervor, die ihr geliefert wurden : die Einwände, die man 
gegen sie erhob, hatten nur zur Folge, daß einige ihrer 
Theorien modifiziert wurden. Später sicherte die all- 
gemeine Abnahme des kritischen Geistes ihr eine fast 
unbestrittene Herrschaft. Die Angriffe ihrer Gegner er- 
neuerten sich nicht; sie beschränkten sich vielmehr dar- 
auf , hundertmal bekämpfte, wenn nicht widerlegte Argu- 
mente wieder hervorzuholen, die obendrein recht ver- 
braucht erschienen. Am Hofe der Severer hätte der, 
welcher den Einfluß der Planeten auf die Ereignisse 

Camont, Die oriental. Religionen I3 



IQ^ Astrologie und Magie 

dieser Welt geleugnet hätte^ für unvernünftiger ge- 
golten als heute der^ welcher ihn behauptet. 

Aber, wird man sagen, wenn es den Theoretikern 
nicht gelang, die lehrhafte Grundlage der Apoteles- 
matik als falsch nachzuweisen, so mußte doch die Er- 
fahrung ihre Verkehrtheit dartun. Ohne Zweifel muß- 
ten zahlreiche Irrtümer vorkommen und grausame Elnt- 
täuschimgen hervorrufen. Nach dem Verlust eines vier- 
jährigen Kindes, dem man eine glänzende Zukunft ge- 
weissagt hatte, brandmarken seine Eltern in seiner Grab- 
inschrift den „lügnerischen Mathematiker, dessen über- 
aus großer Ruf sie alle beide betrogen habe".i^ Aber 
keiner dachte daran, die Möglichkeit solcher Irrtümer 
zu leugnen. Wir haben noch Texte, in denen die Astro- 
logen selbst offenherzig und gelehrt auseinandersetzen, 
wie sie sich in einem solchen Falle getäuscht haben, 
weil sie ein Datum des Problems nicht berücksichtigten.^^ 
Manilius erschrickt trotz seines grenzenlosen Vertrauens 
auf die Kräfte der Vernunft über die Schwierigkeit einer 
Aufgabe, welche ihre Leistimgsfähigkeit anscheinend 
übersteigt 1^ und im zweiten Jahrhundert beklagt Vet- 
tius Valens sich bitter über die verwünschten unklaren 
Köpfe, die sich als Propheten gerieren, ohne die dazti 
notwendige lange Vorbereitung absolviert zuhaben, und 
so die Astrologie, auf die sie sich zu berufen wagen, 
verhaßt oder lächerlich machen.^^ Man muß dabei im 
Auge behalten, daß diese nicht nur eine Wissenschaft 
(dtriCTtiiLiTi), sondern auch eine Kunst (t^xvti) war, gerade 
wie die Medizin — heute despektierlich, war dieser 
Vergleich in den Augen der Alten nur schmeichel- 
haft.20 Die Beobachtimg des Himmels ist, wie die des 
menschlichen Körpers, eine unendlich delikate Sache; 
es ist ebenso heikel, ein Geniturthema zu ermitteln als 



Ohnmacht der Polemik, gegen die Astrologie ig^ 

eine Diagnose zu stellen, ebenso schwierig, die kosmi- 
schen Symptome zu deuten als die unseres eigenen Orga- 
nismus. Indem einen wie in dem anderen Falle sind die 
Elemente kompliziert, und die Möglichkeit des Irrtums 
ist unbegrenzt. Alle Beispiele von Kranken, die trotz 
des Arztes oder durch seine Schuld gestorben sind, wer- 
den den, der von körperlichen Leiden gequält wird, 
nicht abhalten, seine Hilfe in Anspruch zu nehmen; 
und ebenso werden diejenigen, deren Seele von Ehrgeiz 
oder Unruhe verzehrt wird, ihre Zuflucht zur Astrologie 
nehmen, uiii ein Heilmittel für das moralische Fieber 
zu finden, das sie schüttelt. Der. Kalkulator, welcher 
behauptet, daß er den Zeitpunkt des Todes bestimmen 
könne, wie der Praktiker, der ihn hinauszuschieben ver- 
spricht, sammeln eine Schar von ängstlichen Klienten 
lunsich, die aus lauter solchen Menschen besteht, welche 
sich in Gedanken mit diesem furchtbaren Termin be- 
schäftigten. Femer, wie man von wimderbaren Kuren 
spricht, so erzählt man sich auch von frappanten Vor- 
aussagen — und nötigenfalls erfindet man sie. Der Wahr- 
sager hat gewöhnlich nur zwischen einer beschränkten 
Anzahl von Möglichkeiten zu wählen, und nach der 
Wahrscheinlichkeitsrechnung muß er zuweilen auch das 
Richtige treffen. Die Mathematik, die er zu Rate zieht, 
ist ihm im ganzen günstig, und ein Zyfall korrigiert oft 
den anderen. Sodann, besitzt nicht der, welcher ein gut 
besuchtes Sprechzimmer hat, wenn er geschickt ist, tau- 
send Mittel und Wege, um bei dem imsicheren Ge- 
werbe, das er ausübt, seinerseits alle Chancen auszu- 
nutzen imd in den Sternen zu lesen, was er für opportun 
hält ? Als kluger Mann wird er die Erde viel mehr be- 
obachten als den Himmel und sich schon davor in 
acht nehmen, daß er nicht zu sehr hereinfällt. 

13* 



iq6 Astrologie und Magie 

Was jedoch vor allem die Astrologie unverwundbar 
machte für die Schwerthiebe, welche Vernunft und ge- 
sunder Menschenverstand gegen sie führten, das war 
der Umstand, daß sie trotz der scheinbaren Strenge 
ihrer Kalkulationen und ihrer Theoreme in Wirklich- 
keit keine Wissenschaft, sondern ein Glaube war. Da- 
mit wollen wir nicht nur betonen, daß sie den Glauben 
an unbeweisbare Postulate voraussetzte — denn das 
gleiche könnte man von fast dem ganzen dürftigen 
Wissen sagen, das wir Menschen besitzen, und unsere 
physikalischen oder kosmologischen Systeme beruhen 
ebenfalls in letzter Linie auf H)rpothesen — sondern 
die Astrologie war geboren und aufgewachsen in den 
Tempeln Chaldäas und Ägyptens 21 ; selbst im Abend- 
lande vergaß sie niemals ihre priesterliche Herkunft 
und löste sich nur halb von der Religion, die sie er- 
zeugt hatte. In dieser Hinsicht gehört sie zu den 
orientalischen Kulten, welche den Gegenstand der 
vorliegenden Studien bilden, und unter diesem Ge- 
sichtspunkte namentlich möchte ich sie hier be- 
trachten. 

Die griechischen Werke oder Traktate astrologischen 
Inhalts, die auf uns gekommen sind, lassen uns den 
eigentlichen Charakter der Astrologie nur sehr unvoll- 
kommen erkennen. Die Byzantiner haben aus dieser 
Pseudowissenschaft, die der Karche immer verdächtig 
blieb, alles entfernt, was nach Heidentum schmeckte. 
Man kann bisweilen die Fortschritte dieser Reinigungs- 
arbeit von Manuskript zu Manuskript verfolgen.22 
Wenn sie den Namen irgendeines Gottes oder Heroen 
der Mythologie beibehalten, so wagen sie ihti nur 
noch kryptographisch zu schreiben. Sie haben rein 
didaktische Abhandlungen aufbewahrt, deren voll- 



Die Astrologie ist eine wissenschaftliche Religion 1Q7 

kommenster Typus das unablässig zitierte, kopierte und 
kommentierte Vierbuch des Ptolemäus ist, und sie ha- 
ben fast ausschließlich gereinigte Texte reproduziert, 
die in trockener Weise die Prinzipien der verschie- 
denen Lehren resümieren. Im Altertum las man mit 
Vorliebe Werke von anderem Charakter. Viele „Chal- 
däer** würzten ihre Berechnimgen imd kosmologi- 
schen Theorien mit moralischen Betrachtungen und 
mystischen Spekulationen. Im Beginn eines Werkes,, 
dem er den Titel „Vision** ("Opacic) gibt, stellt Krito- 
demos in prophetischer Sprache die Wahrheiten dar, 
die er als sichere Zuflucht in den Stürmen dieses Le- 
bens zu bieten hat, und verspricht seinen Lesern, sie in 
die Reihe der Unsterblichen zu erheben.^» Vettius Va- 
lens, ein Zeitgenosse Marc Aureis, beschwört sie in 
feierlicher Weise, die Geheinmisse, die er ihnen ent- 
hüllen will, nicht den Unwissenden und den Gottlosen 
preiszugeben.2* Die Astrologen lieben es, sich das An- 
sehen von unbestechlichen und heiligen Priestern zu 
geben, und betrachten ihr Gewerbe gern als ein Sazer- 
dotium.25 In der Tat gehen diese beiden Berufe Hand in 
Hand: ein Mitglied des mithrischen Klerus bezeichnet 
sich in seiner Grabinschrift als Studiosus astrologiae^^ 
und ein Sproß einer angesehenen phrygischen Präla- 
tenfamilie feiert in Versen die prophetische Wissen- 
schaft, die es ihm gestattet habe, unfehlbare Voraus:- 
sagen weithin zu verbreiten.*^ 

So offenbart sich in einigen Wendungen, die der 
orthodoxen Zensur entschlüpft sind, in dem Ton, den 
einzeln^ ihrer Adepten anschlagen, bereits der gehei- 
ligte Charakter der Astrologie. Aber wir müssen noch 
weiter zurückgreifen und den Nachweis führen, daß 
sie trotz der Dienste, welche Mathematik und Beob- 



Iq8 Astrologie und Magie 

achtiing ihr leisten, in ihrem Prinzip und ihren Schluß- 
folgerungen religiöser Natur ist. 

Das Fimdamentaldog^ma der Astrologie, wie sie die 
Griechen aufgefaßt haben, lehrt die Solidarität des 
Universums. Die Welt bildet einen riesigen Organis- 
mus, dessen sämtliche Teile durch einen unaufhör- 
lichen Austausch von Molekülen und Kräften mitein- 
ander verbunden sind. Die Gestirne wirken als uner- 
schöpfliche Energiequellen beständig auf die Erde und 
den Menschen — auf den Menschen, der einen Abriß 
der gesamten Natur, einen „Mikrokosmos" darstellt, 
bei dem jedes Element in Beziehimg zu irgendeinem 
Teile des gestirnten Himmels steht. Das ist in wenigen 
Worten die Theorie, welche die stoischen Schüler der 
„Chaldäer" formuliert haben*®; aber wenn man sie des 
ganzen philosophischen Aufputzes entkleidet, mit dem 
man sie geschmückt hat, was findet man dann als ihre 
Grundlage? Die Idee der „Sympathie", einen Glauben, 
der ebenso alt ist als die menschliche Gesellschaft. 
Auch die wilden Völker statuieren geheimnisvolle 
Wechselbeziehungen zwischen allen Körpern und allen 
Wesen, die Himmel und Erde erfüllen und in ihren 
Augen ebenfalls mit eigenem Leben beseelt und mit 
verborgenen Kräften begabt sind — wir werden bei 
der Behandlung der Magie noch darauf zurückkommen. 
Schon vor der Verbreitung der orientalischen Lehren 
schrieb der volkstümliche Aberglaube in Italien und 
Griechenland der Sonne, dem Monde und selbst den 
Sternbildern eine Menge von bizarren Wirkungen zu.*^ 

Die Chaldäer legen nur die überwiegende Kraft 
den Gestirnen bei. Diese wurden tatsächlich von der 
Religion der alten Chaldäer, als sie sich weiter ent- 
wickelte, als Gottheiten par excellence angesehen. Der 



Die primitive Idee der Sympathie iqq 

babylonische Gestirndienst konzentrierte, wenn ich so 
sagen darf, das Göttliche in diese leuchtenden und be- 
weglichen Wesen auf Kosten der anderen Naturob- 
jekte, der Steine, Pflanzen und Tiere, in welchen der 
primitive Glaube der Semiten es gleichfalls gesucht 
hatte. Diesen Charakter behielten die Gestirne stets, 
selbst in Rom. Sie waren damals nicht, wie heute für 
ims, unendlich weit entfernte Körper, die nach den 
ehernen Gesetzen der Mechanik im Räume kreisen, 
und deren chemische Zusammensetzung sich ermitteln 
läßt. Sie waren für die Lateiner wie für die Orien- 
talen gnädige oder unheilbringende Gk)ttheiten ge- 
blieben, deren unaufhörlich wechselnde Beziehungen 
die Ereignisse dieser Welt bestimmen. Der Himmel, 
dessen unermeßlic'he Weiten man noch nicht erkannt 
hatte, war mit Heroen und Ungetümen bevölkert, die 
von entgegengesetzten Leidensc'haften beseelt waren, 
imd der Kampf, welcher dort tobte, äußerte eine un- 
mittelbare Rückwirkung auf die Erde. Kraft welches 
Prinzips legt man den Sternen solc'he Eigenschaften 
und Wirkungen bei? Gesc'hieht es aus Gründen, die 
aus ihrer sichtbaren Bewegung erschlossen, also durch 
Beobachtung oder Erfahrung zu erkennen sind? Zu- 
weilen: Saturn macht die Leute apathisch und iment- 
sc'hlossen, weil er sich von allen Planeten am lang- 
samsten von der Stelle bewegt.^o Aber meist sind es 
rein mythologische Gründe, welche die Lehren der 
Astrologie inspiriert haben. Die sieben Planeten sind 
mit Gottheiten identifiziert, Mars, Venus oder Merkur, 
die einen allgemein bekannten Charakter und eine 
dementsprechende Geschichte haben. Man braucht nur 
ihre Namen zu nennen, um die Vorstellung einer Per- 
sönlichkeit zu erhalten, die ihrer Natur gemäß handeln 



200 Astrologie und Magie 

wird: Venus kann nicht umhin, die Liebenden zu be- 
günstigen, und Merkur protegiert das Gelingen von Ge- 
schäften und Gaunereien. Dasselbe gilt von den Stem- 
bildem, an die sich eine Anzahl von Legenden hängt : der 
„Katasterismus**, d. h. die Versetzung unter die Sterne, 
wird der naturgemäße Schluß einer Fülle von Erzäh- 
lungen. Die Helden der Fabel oder selbst die der 
menschlichen Gesellschaft leben am Himmel in der 
Gestalt glänzender Sterne fort. Perseus findet dort 
seine Andromeda wieder, und der Kentaur Chiron, 
der mit dem Schützen identisch ist, verbrüdert sich 
dort mit den Zwillingen, den Dioskuren. Diese Stern- 
bilder nehmen dann in irgendwelchem Maße die Eigen- 
schaften imd die Fehler der mythischen oder histo- 
rischen Wesen an, die man in sie versetzt hat: die 
Schlange, die in der Nähe des Nordpols leuchtet, wird 
die Urheberin medizinischer Kuren, weil sie das heilige 
Tier des Äskulap ist.^^ 

Aber diese religiöse Grundlage der astrologischen 
Lehren ist nicht immer erkennbar; bisweilen wird sie 
vollständig vergessen, und ihre Regeln nehlnen dann 
dis Aussehen von Axiomen oder Gesetzen an, die auf 
langjähriger Beobachtung der Himmelserscheinungen 
beruhen. Es handelt sich aber lediglich um einen wis- 
senschaftlichen Anstrich. Die Methoden der Identifika- 
tion mit Göttern und des Katasterismus sind im Orient 
viel früher angewandt als in Griechenland. Die über- 
lieferten Bilder, welche wir auf unseren Himmelskarten 
zu reproduzieren pflegen, sind die fossilen Reste einer 
üppigen mythologischen Vegetation, und die Alten 
kannten außer unserer klassischen Himmelskugel noch 
eine andere, die „barbarische Sphäre**, bevölkert mit 
einer ganzen Welt von Personen und phantastischen 



Die göttlichen Gestirne 20i 

Tieren. Diese Stemungetüme, denen man mächtige 
Kräfte zuschrieb, waren ebenfalls der Rest einer Menge 
von vergessenen religiösen Vorstellungen. Der Tier- 
dienst war in den Tempeln aufgegeben; aber man fuhr 
fort, den Löwen, den Stier, den Bären, die Fische, 
welche die orientalische Einbildungskraft am gestirn- 
ten Himmelsgewölbe entdeckt hatte, als göttlich zu be- 
trachten. Alle Toteme der semitischen Stänmie oder 
der äg^tischen Nomen überlebten, in Sternbilder ver- 
wandelt, sich selbst. Heterogene Elemente, die allen 
Religionen des Orients entliehen sind, finden sich in 
der Uranographie der Alten zusammen, und in der 
Macht, die den von ihr heraufbeschworenen Phantomen 
beigelegt wird, pflanzt sich das undeutliche Echo von 
antiken Kulten fort, die uns oft unbekannt bleiben.^« 

So war die Astrologie religiös nach ihrem Ursprünge 
und ihren Prinzipien; sie war es femer durch ihr enges 
Bündnis mit den orientalischen Kulten, namentlich 
denen der syrischen Ba^alim und des Mithra; sie war 
es endlich durch die Wirkungen, w^che sie hervorrief. 
Ich meine damit nicht die Wirkungen, welche man 
von einem solchen Sternbilde in einem bestimmten ge- 
gebenen Falle erwartete; man schrieb diesem bisweilen 
^ogar das Vermögen zu, das Erscheinen der Gottheiten 
herbeizuführen, die seiner Herrschaft unterstanden.^s 
Vielmehr denke ich an die allgemeinen Wirkungen, wel- 
che jene Lehren auf das römische Heidentum ausübten. 

Sobald die Götter des Olympos in die Sterne ein- 
zogen, Saturn und Jupiter Planeten wurden, und die 
himmlische Jungfrau (Virgo Caelestis) ein Zeicheii des 
Tierkreises, nahmen sie einen ganz anderen Charakter 
an als den, welcher ihnen ursprünglich eigen gewesen 
war.. Wir haben gezeigt ^*, wie in Syrien die Vorstellung 



202 Astrologie und Magie 

von der unaufhörlichen Wiederkehr der Jahreszyklen, 
in denen sich die himmlischen Revolutionen vollziehen, 
zur Idee der göttlidhen Ewigkeit führte, wie die Theorie 
von der unbedingten Herrschaft der Sterne über die 
Welt die von der Allmacht des „Herrn der Hinunel** 
zur Folge hatte, wie die Einführung eines imiversalen 
Kultus das notwendige Ergebnis des Gedankens war, 
daß die Sterne ihren Einfluß auf die Völker aller Zonen 
geltend machten. Alle diese Konsequenzen wurden aus 
den Prinzipien der Astrologie logisch abgeleitet, in 
den lateinischen Ländern wie bei den Semiten, und 
führten eine rapide Umwandlung der alten Idolatrie 
herbei. Wie die Sonne nach Aussage der syrischen 
Astrologen den Reigen der Sterne anführt und zum 
Könige und Leiter der ganzen Welt eingesetzt ist*^ so 
wird sie notwendigerweise auch die erhabenste Macht 
des römischen Pantheons. 

Die Astrologie modifizierte auch insofern die Theo- 
logie 5®, als sie in jenes Pantheon eine Menge von neuen 
Göttern einführte, von denen manche eigentümlich ab- 
strakt sind. Man betet mm die Sternbilder am Firma- 
ment und von diesen besonders die zwölf Zeichen des 
Zodiakus an, die alle ihre mythologische Legende 
haben, femer den Himmel (Caetus) selbst, der als erste 
Ursache betrachtet wird und bisweilen mit dem höchsten 
Wesen verschnjilzt, dann die vier Elemente, deren Ge- 
gensatz und deren Verwandlung in ununterbrochener 
Folge alle sinnlichen Erscheinungen hervorbringt, und 
die oft bildlich als eine Gruppe von Tieren dar- 
gestellt werden, die bereit sind, si<^h gegenseitig zu 
zerfleischen^^, endlich die Zeit und ihre einzelnen Ab- 
schnitte.^* Die Kalender waren geistlich, ehe sie welt- 
lich wurden ; ihre Aufgabe bestand anfangs nicht darin. 



Umwandlung der Gottesidee — Neue Gottheiten 203 

das Maß der verflossenen Zeit, sondern die Wieder- 
kehr der durch periodische Zwischenräume getrenn- 
ten günstigen oder ungünstigen Daten anzugeben. 
Die Wiederkehr bestimmter Momente, so lehrt die Er- 
fahrung, ist mit dem Sichtbarwerden gewisser Phä- 
nomene verbunden: sie haben daher eine besondere 
Wirkung, tragen einen heiligen Charakter. Indem die 
Astrologie die einzelnen Epochen mit mathematischer 
Genauigkeit fixierte, ging sie dazu über, ihnen — um 
mit Zeno zu reden — „göttliche Kraft'* beizulegen.^^ 
Die Zeit, welche den Lauf der Gestirne und die Trans- 
substantiation der Elemente regelt, wird als der Herr 
der Götter und als Urprinzip aufgefaßt und daher mit 
dem Schicksal identifiziert. Jeder Teil ihrer unend- 
lichen Dauer führt irgendeine günstige oder ungün- 
stige Bewegung des Himmels herbei, die ängstlich be- 
obachtet wird, und ändert das unablässig sich wan- 
delnde Universum. Die Jahrhunderte, die Jahre, die 
Jahreszeiten, die man nun in Beziehung zu den vier 
Winden und den vier Himmelsgegenden setzt, die zwölf 
Monate, die dem Tierkreis Untertan sind, der Tag und 
die Nacht, die zwölf Stunden — sie alle werden personi- 
fiziert und vergöttert als die Urheber aller Wandlungen 
des Universums. Die allegorischen Gestalten, welche 
von dem astrologischen Heidentum für diese Abstrak- 
tionen erfunden wurden, gingen mit ihm Selbst nicht 
zugrunde *0; die Symbolik, die es populär gemacht 
hatte, überlebte es, und bis ins Mittelalter hinein wur- 
den diese Bilder gestürzter Götter in der Skulptur, den 
Mosaiken und Miniaturen der christlichen Kunst un* 
endlich oft reproduziert.*^ 

Die Astrologie beeinflußt mithin alle religiösen Ideen, 
und die Lehren über das Schicksal der Welt und des 



204 Astrologie und Magie 

Menschen passen sich ebenfalls ihren Aussagen an. 
Nach Berosos, der alte chaldäische Theorien inter- 
pretiert, besteht das Dasein des Universums aus einer 
Reihe von „großen Jahren'*, die alle ihren Sommer und 
ihren Winter haben. Ihr Sommer tritt ein, wenn alle 
Planeten in demselben Punkt des Krebses in Konjuga- 
tion stehen, und führt einen Weltbrand herbei. Umge- 
kehrt beginnt ihr Winter, wenn alle Planeten im Stein- 
bock vereint sind, und jener hat eine Sintflut zur Folge, 
Jeder solche kosmische Zyklus, dessen Dauer nach den 
wahrscheinlichsten Berechnungen sich auf 43 2 000 Jahre 
belief, ist das genaue Abbild der voraufgegangenen. 
Denn wenn die Sterne genau dieselbe Stellung wieder 
einnehmen, so müssen sie auf dieselbe Weise wirken. 
Diese babylonische Theorie, die Antizipation der„ewigen 
Wiederkunft der Dinge'*, welche Nietzsche entdeckt zu 
haben sich rühmte, genoß im Altertum bleibendes An- 
sehen und vererbte sich in verschiedenen Formen bis 
auf die Renaissance.** Der auch von der stoischen Phi- 
losophie verbreitete Glaube, daß die Welt durch Feuer 
zugrunde gehen werde, fand in diesen kosmologischen 
Spekulationen eine neue Stütze. 

Doch nicht nur die Zukunft des Universums enthüllt 
die Astrologie, sondern auch das zukünftige Leben der 
Sterblichen. Nach einer von den heidnischen Mysterien 
übernommenen chaldäisch-persischen Lehre, die wir 
bereits kurz charakterisiert haben *^, zwingt eine bittere 
Notwendigkeit die Seelen, deren Menge die Himmels- 
höhen bevölkert, hier auf die Erde hinabzusteigen, um 
in die Leiber einzugehen, die sie gefangen halten. In- 
dem sie zur Erde hinabsteigen, durchwandern sie die 
Sphären der Planeten und empfangen von jedem dieser 
Irrsteme, je nach ihrer Stellung, einige ihrer Eigen- 



Das große Jahr — Astrologische Eschatologie 205 

Schäften. Umgekehrt steigen sie, sobald der Tod sie 
aus ihrem fleischlichen Gefängnis erlöst hat, wieder 
zu ihrem früheren Aufenthaltsorte hinauf, wenigstens 
wenn sie fromm gelebt haben, und während sie durch 
die Pforten der übereinanderliegenden Hinunel hin- 
durchschreiten, verlieren sie die Leidenschaften imd 
Neigungen, welche sfe auf ihrer ersten Reise erworben 
haben, um sich endlich als reine Wesen zu der lichten 
Wohnung der Götter zu erheben. Dort leben sie ewig 
inmitten der ewigen Sterne, den Wechselfällen des 
Schicksals und sogar den Schranken der Zeit ent- 
rückt. 

So lieferte die Verbindung der astronomischen Theo- 
reme mit ihren alten Glaubensvorstellungen den Chal- 
däem Antworten auf all die Fragen, welche der Mensch 
sich vorlegt über die Beziehungen zwischen Himmel 
und Erde, über das Wesen Gottes, über das Dasein der 
Welt und sein eigenes Ende. Die Astrologie war in der 
Tat die erste wissenschaftliche Theologie. Die helleni- 
stische Logik koordinierte die orientalischen Lehren, 
verband sie mit der stoischen Philosophie und schuf 
daraus ein System von unleugbarer Großartigkeit, eine 
ideale Rekonstruktion des Universums, deren macht- 
volle Kühnheit Manilius, während er sich unablässig 
bemüht, seinen sipröden Stoff zu meistern, begeisterte 
und erhabene Worte in die Feder fließen läßt.^* 

Der verschwommene und unvernünftige Begriff der 
„Sympathie** hat sich in ein tiefes, durch Reflexion ver- 
stärktes Gefühl der Verwandtschaft der menschlichen 
Seele, des aus Feuer geschaffenen Geistes, mit den 
göttlichen Gestirnen umgewandelt.*^ Die Betrachtung 
des Himmels ist zur Kommunion geworden. In stem- 
funkelnder Nacht berauscht sich der Geist an dem 



2o6 Astrologie und Magie 

Licht, welches die Feuer des Äthers auf ihn herab- 
gießen; von den Schwingen des Enthusiasmus ge- 
tragen, erhebt er sich zu dem heiligen Chor der Ge- 
stirne und folgt ihren harmonischen Bewegungen; „er 
nimmt an ihrer Unsterblichkeit teil und schon vor dem 
Tode unterhält er sich mit den Göttern**.*« Trotz der 
scharfsinnigen Präzision, welche die Griechen in ihre 
Spekulationen einführten, verleugnete der Geist, wel- 
cher die Astrologie bis zum Ende des Heidentums er- 
füllte, niemals seinen orientalischen und religiösen Ur- 
sprung. 

Das Hauptprinzip, welches sie geltend machte, war 
das des Fatalismus.*^ Wie der Dichter*® sagt: 

Fata regunt orbem, certa stant omnia lege. 

An Stelle der Götter, die in der Welt, wie der Mensch 
in der Gesellschaft, nach der Willkür ihrer Leiden- 
schaften handeln, haben die Chaldäer zuerst die Idee 
einer unbeugsamen Notwendigkeit gesetzt, die das Welt- 
all beherrscht. Sie beobachteten, daß ein unwandel- 
bares Gesetz die Bewegung der Himmelskörper regelte, 
und in der ersten Begeisterung für ihre Entdeckung 
dehnten sie seine Wirkungen auf alle moralischen und 
sozialen Phänomene aus. Die Postulate der Apoteles- 
matik ruhen auf absolut deterministischer Basis. Die 
vergötterte Tyche oder Fortuna wird die allgd)ietende 
Herrin der Sterblichen wie der Unsterblichen, und sie 
wurde in der Kaiserzeit tatsächlich von manchen Gei- 
stern ausschließlich verehrt. Unser vorbedachter Wille 
hat immer nur einen recht beschränkten Anteil an un- 
serem Glück imd unseren Erfolgen, aber angesichts der 
Pronunciamentos und der Anarchie des dritten Jahr- 
hunderts konnte man noch weit eher auf den Gedan- 



Astrologische Kommunion — Der Fatalismus 207 

ken kommen^ ein blinder Zufall spiele in souveräner 
Willkür mit dem Leben jedes einzelnen, und es ist zu 
verstehen, daß die ephemeren Fürsten dieser Epoche 
wie die Massen in ihm den einzigen Herrn ihres Ge- 
schickes anerkannten.*^ Die Macht dieser fatalistischen 
Vorstellung im Altertum wird durch ihr langes Be- 
stehen bezeugt, wenigstens im Orient, aus dem sie 
stammte. Von Babylonien ausgegangen *o, verbreitet sie 
sich seit der alexandrinischen Epoche in der ganzen 
hellenischen Welt, und noch am Ende des Heidentums 
richtet sich gegen sie ein großer Teil des Eifers der 
christlichen Apologetik ^i; aber sie sollte allen Angrif- 
fen widerstehen und sich sogar noch dem Islam auf- 
drängen.ö* Selbst im lateinischen Europa lebte trotz der 
Bannflüche der Kirche das Mittelalter hindurch in un- 
klarer Weise der Glaube fort, daß auf dieser Erde alles 
irgendwie geschehe 

Per ovra delle rote magne, 

Che drizzan ciascun seme ad alcun fine 

Secondo che le stelle son compagne.*' 

Die Waffen, deren sich die kirchlichen Schriftsteller 
bedienen, um diesen astrologischen Fatalismus zu be- 
kämpfen, sind dem Arsenal der alten griechischen Dia- 
lektikentlehnt: es sind im allgemeinen dieselben, welche 
alle Verteidiger des freien Willens seit Jahrhunderten 
gebraucht haben : der Determinismus zerstört die Ver- 
antwortlichkeit; Belohnungen und Strafen sind absurd, 
wenn die Menschen kraft einer sie beherrschenden Not- 
wendigkeit handeln, wenn sie geborene Helden oder 
, gd)orene Verbrecher sind. Wir wollen uns bei diesen 
metaphysischen Diskussionen nicht aufhalten**; aber 
es gibt ein Argument, welches unser Thema näher 



2o8 Astrologie und Magie 

angeht: wenn ein unwiderrufliches Geschick über 
uns waltet, dann kann, entgegnete man, auch kein 
Flehen seinen Willen ändern; der Kultus ist unwirk- 
sam; müßig ist es, von den Orakeln die Geheimnisse 
einer Zukunft zu erfragen, die doch niemand ändern 
kann, imd Gebete sind, um ein Wort Senecas zu ge- 
brauchen, dann nur noch „die Tröstungen kranker 
Seelen**. 55 

Und zweifellos vernachlässigen manche Anhänger 
der Astrologie, wie der Kaiser Tiberius^«, die religiösen 
Bräuche, weil sie die Überzeugung haben, daß das Ver- 
hängnis alle Dinge regiert; nach dem Beispiel der 
Stoiker erheben sie die unbedingte Unterwerfung unter 
das allwaltende Schicksal, die heitere Ergebung in das 
Unvermeidliche zur sittlichen Pflicht und begnügen 
sich damit, die höhere Macht, welche das Universum 
lenkt, zu verehren, ohne etwas von ihr zu fordern. Sie 
fügen sich grundsätzlich selbst in das launenhafteste 
Geschick, wie der kluge Sklave, der die Wünsche seines 
Herrn erkundet, um sie zu erfüllen, und dadurch die 
härteste Knechtschaft erträglich zu gestalten weiß.*^ 
Aber die Massen erhoben sich nicht zu dieser Höhe der 
Resignation. Stets wurde der religiöse Charakter der 
Astrologie auf Kosten der Logik auf rechterhalten, ^s 
Die Planeten imd die Sternbilder waren nicht nur kos- 
mische Kräfte, deren günstige oder unheilvolle Wir- 
kungen sich je nach den Wendungen einer von Ewig- 
keit her bestimmten Laufbahn abschwächten oder ver- 
stärkten. Sie waren Gottheiten, die sahen imd hörten, 
sich freuten oder betrübten, Stimme und Geschlecht 
besäßen, fruchtbar oder unfruchtbar, hold oder wild, 
nachgiebig oder herrisch waren.^» Man konnte dahet 
ihren Zorn besänftigen und sich durch Riten und Gaben 



Wirksamkeit des Gebets 209 

ihre Gunst erwerben; selbst die feindlichen Sterne wa- 
ren nicht unversöhnlich und ließen sich durch Opfer 
und Gebete erweichen. Ein beschränkter Pedant wie 
Firmicus Matemus behauptet nachdrücklich die All- 
macht des Schicksals, ruft aber gleichzeitig die Götter 
an, um mit ihrer Hilfe dem Einfluß der Gestirne iv 
widerstehen. Noch im vierten Jahrhundert liefen die 
Heiden Roms, wenn sie im Begriff standen sich zu ver- 
heiraten, wenn sie irgendeinen Kauf abschließen oder 
sich um irgendeine Würde bewerben wollten, zum 
Wahrsager, um seine Prognosen einzuholen, während 
sie in demselben Augenblicke die Schicksalsmächte an- 
flehten, ihnen glückliche Jahre zu bescheren, ^o Eine 
fundamentale Antinomie zeigt sich so in der ganzen 
Entwicklung der Astrologie, die eine exakte Wissen- 
schaft werden wollte, aber ursprünglich priesterliche 
Theologie war und es immer blieb. 

Je mehr sich indessen die Idee des Fatalismus durch- 
setzte und ausbreitete, um so drückender lastete die 
Wucht dieser hoffnungslosen Theorie auf den Gemütern. 
Der Mensch fühlte sich beherrscht und geknechtet von 
blinden Mächten, die ihn ebenso imwiderstehlich mit 
sich fortrissen, wie sie die himmlischen Sphären sich zu 
bewegen zwangen. Die Seelen suchten dem Druck die- 
ses kosmischen Mechanismus auszuweichen, der Skla- 
verei zu entfliehen, in der die Anagkfe sie gefangen 
hielt. Aber um sich den Härten ihres Waltens zu ent- 
ziehen, brachte man den Zeremonien des alten Kultus 
nicht mehr Vertrauen genug entgegen. Die neuen 
Mächte, die den Himmel erobert haben, müssen durch 
neue Mittel beschwichtigt werden. Die orientalischen 
Religionen bringen das Heilmittel für die Übel, die sie 
geschaffen haben, und lehren wirksame und geheimnis- 

Cumont, Die orieatal. Religionen I4 



2IO Astrologie und Magie 

volle Methoden, das Schicksal zu beschwören.«^ Parallel 
mit der Astrologie sieht man eine schlimmere Verirrung 
sich ausbreiten, die Magie.«^ 

* 

Wenn man von der Lektüre derPtolemäischenTetra- 
biblos zu der eines magischen Papyrus übergeht, so 
wird man sich zunächst an das andere Ende der intellek- 
tuellen Welt versetzt glauben. Hier findet man nichts 
mehr von der systematischen Ordnung und der stren- 
gen Methode, welche das Werk des alexandrinischen 
Gelehrten kennzeichnen. Gewiß sind die Lehren der 
Astrologie ebenso ungeheuerlich wie die der Magie, 
aber sie sind mit einer Logik abgeleitet, welche die Zu- 
Stimmung denkender Geister erzwingt, während jene in 
den Zauberbüchem vollständig fehlt. Rezepte, die der 
Volksmedizin imd dem populären Aberglauben ent- 
stammen, primitive Bräuche, die von den priesterlichen 
Ritualen verworfen oder aufgegeben sind, Glaubens- 
vorstellungen, welche eine sittlich fortschreitende Re- 
ligion zurückgewiesen hat, Plagiate und Nachahmungen 
von literarischen oder liturgischen Texten, Beschwörim- 
gen,bei denen in einem unverständlichen Kauderwelsch 
die Götter aller barbarischen Nationen angerufen wer- 
den, bizarre und verworrene Zeremonien bilden ein 
Chaos, in dem die Einbildungskraft sich verliert, ein 
Potpourri, in dem willkürlicher Synkretismus anschei- 
nend eine unheilbare Konfusion zu realisieren ver- 
sucht hat. 

Wenn man jedoch aufmerksamer zusieht, wie die 
Magie verfährt, dann wird man finden, daß sie von 
analogen Voraussetzungen ausgeht und nach ähnlichen 
Erwägungen handelt wie die Astrologie. Zur selben 



Die magische Literatur — Idee der Sympathie 211 

Zeit in den primitiven Kulturen des Orients entstanden, 
beruhen alle beide auf einem Fonds von gemeinsamen 
Ideen.^3 Dje erste entspringt, wie die zweite, aus dem 
Prinzip der universellen Sympathie, nur faßt sie nicht 
mehr das Verhältnis ins Auge, das zwischen den Ge- 
stirnen, die sich am Himmelsgewölbe bewegen, und 
den physischen und moralischen Phänomenen obwaltet, 
sondern das, welches beliebige Körper miteinander ver- 
bindet. Sie geht von der vorgefaßten Idee aus, daß 
zwischen gewissen Dingen, gewissen Worten, gewissen 
Personen verborgene, aber beständige Beziehungen be- 
stehen. Diese Wechselbeziehungen werden ohne Be- 
denken zwischen materiellen Gegenständen imd leben- 
den Wesen statuiert, denn die wilden Völker schreiben 
allem, was sie umgibt, eine Seele und eine Existenz zu, 
die der menschlichen entspricht. Der Unterschied zwi- 
schen den drei Reichen der Natur ist ihnen noch nicht 
geläufig: sie sind „Animisten**. Das Leben einer Per- 
son kann also mit dem eines Dinges, eines Baumes, 
eines Tieres in solcher Weise verknüpft werden, daß, 
wenn das eine zugrunde geht, auch das andere stirbt, 
und daß jeder Schaden, der den einen trifft, auch 
seinen engverbundenen Genossen in Mitleidenschaft 
zieht. Bisweilen gründet sich die Annahme eines der- 
artigen Rapports auf deutlich erkennbare Motive, wie 
die Ähnlichkeit zwischen Person und Sache: z.B. wenn 
man, um einen Feind zu töten, eine Wachsfigur durch- 
bohrt, die ihn darstellen soll; oder die vermeintliche 
Beziehung ergibt sich aus einer, wenn auch nur flüch- 
tigen Berührung, die unzerstörbare Verwandtschafts- 
verhältnisse geschaffen haben soll, so wenn man mit 
den Kleidern eines Abwesenden operiert. Aber diese 
eingebildeten Beziehungen haben oft Gründe, die uns 

14* 



212 Astrologie und Magie 

unbekannt sind; sie stammen, wie die Eigenschaften, 
welche die Apotelesmatik den Sternen beilegte, aus 
alten Glaubensvorstellungen, deren Gedächtnis verloren 
gegangen ist. 

Wie die Astrologie ist also auch die Magie in man- 
cher Hinsicht eine Wissenschaft. Zunächst beruht sie 
teilweise, wie die Voraussagen ihrer Gefährtin, auf 
Beobachtung — einer oft lückenhaften, oberf lächlichea, 
vorschnellen, irrigen, aber nichtsdestoweniger sehr be- 
langreichen Beobachtung. Sie ist eine experimentelle 
Disziplin. Unter der Fülle der Tatsachen, welche die 
Wißbegier der Magier gesammelt hat, befinden sich 
exakte, die später die Anerkennung der Gelehrten ge- 
funden haben. Die Anziehungskraft, welche der Ma- 
gnet auf das Eisen ausübt, ist von den Thaumaturgen 
benutzt, ehe sie von den Physikern erklärt wurde. In 
den riesigen KomJ)ilationen, die unter dem ehrwürdigen 
Namen des Zoroaster oder des Hostanes zirkulierten, 
mischten sich jedenfalls fruchtbare Bemerkungen mit 
kindischen Ideen und absurden Vorschriften, genau wie 
in den Traktaten der griechischen Alchemie, die auf 
ims gelangt sind. Selbst der Gedanke, daß man durch 
die Kenntnis der Wirkung gewisser Faktoren die ver- 
borgenen Kräfte des Universums in Bewegung setzen 
imd außergewöhnliche Resultate erzielen könne, beseelt 
die Forschimgen der Physik wie die Behauptungen der 
Magie. Die Magie ist auf Abwege geratene Physik, wie 
die Astrologie entartete Astronomie. 

Femer ist die Magie, immer wie die Astrologie, eine 
Wissenschaft, weil sie von der fundamentalen Vorstel- 
lung ausgeht, daß es in der Natur eine Ordnung imd 
Gesetze gibt, und daß dieselbe Ursache immer die- 
selben Wirkungen hervorruft. Die geheime Zeremonie, 



Wissenschaftlicher und religiöser Charakter der Magie 213 

die mit derselben Sorgfalt wie ein Experiment im La- 
boratorium vollzogen wird, soll regelmäßig die erwartete 
Folge haben. Es genügt, die mysteriösen Beziehungen 
zu kennen, die alle Dinge verbinden, um den Mechanis- 
mus des Universums in Bewegung zu setzen. Der Irr- 
tum der Zauberer besteht nur darin, daß sie einen Zu- 
sammenhang zwischen Erscheinungen behaupten, die 
nichts miteinander zu tun haben. Das Verfahren, eine 
empfindliche Platte in einer Dunkelkammer einen 
Augenblick dem Lichte auszusetzen, sie dann gege- 
benen Vorschriften gemäß in geeignete Flüssigkeiten 
zu tauchen und so auf ihr das Bild eines Verwandten 
oder Freundes erscheinen zu lassen, ist eine magische 
Operation, die aber auf realen Wirkungen und Gegen- 
wirkungen beruht, statt auf willkürlich vorausgesetzten 
Sympathien und Antipathien. Die Magie ist daher al- 
lerdings eine Wissenschaft, die sich selber sucht imd 
später, wie es Frazer ausgedrückt hat, „eine Bastard- 
schwester der Wissenschaft** wird. 

Doch war sie auch, wie die Astrologie, anfänglich 
religiös und blieb stets eine Bastardschwester der Re- 
ligion. Alle beide wuchsen zusammen in den Tempeln 
des "barbarischen Orients auf. Ihre Praktiken bildeten 
zuerst einen Bestandteil des zweifelhaften Wissens von 
Fetischdienern, die durch ihnen allein bekannte Riten 
auf die Geister zu wirken vorgaben, welche die Natur 
bevölkerten und sie überall lebendig machten. Die 
Magie ist geistreich als „die Strategie des Animismus'* 
definiert worden.^* Aber wie die inuner größere Macht, 
welche die Chaldäer den Gestimgottheiten zuschrie- 
ben, die alte Astrologie umwandelte, ebenso nahm die 
ursprüngliche Zauberei in demselben Maße einen an- 
deren Charakter an, als die Welt der menschlich ge- 



214 Astrologie und Magie 

dacl^ten Götter sich mehr und mehr von den physi- 
schen Kräften ablöste und unterschied. Das mysti- 
sche Element, das sdch zu allen Zeiten mit ihren Zere- 
monien verband, erhielt dadurch eine bestimmtere 
Färbung und die Anregung zu einer neuen Entwick- 
limg. Der Magier wirkt nun mit seinen Zauberfor- 
meln, seinen Talistnanen und Beschwörungen auf himm- 
lische oder höllische „Dämonen** und zwingt sie, ihm 
zu gehorchen. Aber diese Geister setzen ihm nicht 
mehr lediglich den blinden Widerstand der Materie 
entgegen, die von unbestimmtem Leben beseelt ist; es 
sind tatkräftige und verschlagene Wesen, die mit In- 
telligenz und Willen begabt sind. Sie wissen sich bis- 
weilen für die Knechtschaft zu rächen, die man ihnen 
aufzuzwingen sucht, und den Zauberer für seine Kühn- 
heit zu strafen, der sie fürchtet, obwohl er sie zu Hilfe 
ruft. Die Beschwörung nimmt somit oft die Form einer 
Bitte an, die sich an dem Menschen überlegene Mächte 
wendet, und die Magie wird zum Kultus. Ihre Riten 
entwickeln sich parallel mit den kanonischen Litur- 
gien und wandern oft in diese ein.®* Zwischen beiden 
verläuft jene unbestimmte, beständig verschobene 
Grenze, welche die benachbarten Gebiete der Religion 
und des Aberglaubens voneinander scheidet. 

* 

Diese halb wissenschaftliche, halb religiöse Magie, 
die ihre Bücher und ihre professionellen Adepten hat, 
ist orientalischen Ursprungs. Die alte griechische imd 
italische Zauberei scheint ziemlich harmlos gewesen zu 
sein. Beschwörungen, die den Hagel abwenden, oder 
Formeln, die den Regen herbeilocken, Verwünschun- 
gen, welche die Felder unfruchtbar machen und das 



Zauberei in älterer Zeit 



215 



Vieh krepieren lassen, Liebestränke, Verjüngungsmit- 
tel, Rezepte von weisen Frauen, Talismane gegen den 
bösen Blick — all das beruht auf den Vorstellungen 
des populären Aberglaubens und hält sich in den Gren- 
zen von Folklore und Scharlatanerie. Selbst die thessa- 
lischen Hexen, die angeblich den Mond vom Himmel 
herabsteigen ließen, waren vor allem Kräuterweiber, 
welche die wunderbaren Kräfte der Pflanzen kannten. 
Das Grauen, welches die Nekromanten einflößen, rührt 
zum großen Teile davon hei", daß sie sich den alten 
Glauben an Revenants zu Nutze machen. Sie setzen 
die Macht in Bewegung, die man den Schatten zutraut, 
imd praktizieren heimlich mit Flüchen bedeckte Metall- 
täfelchen in die Gräber, um einen Feind dem Unglück 
oder dem Tode zu weihen. Aber weder in Griechen- 
land noch in Italien findet sich eine Spur von einem 
zusammenhängenden Lehrsystem, von okkulter Ge- 
lehrsamkeit oder von einer priesterlichen Unterwei- 
sung. 

Auch werden die Adepten dieser zweifelhaften Kimst 
verachtet. Noch in der Zeit des Augustus sind es vor- 
zugsweise zweideutige Bettlerinnen, die ihr elendes Me- 
tier in den untersten Regionen der Volksquartiere aus- 
üben. Aber mit dem Eindringen der orientalischen Re- 
ligionen wächst der Respekf vor dem Zauberer, und 
seine Stellung hebt sich.«« Er wird mehr geehrt und 
mehr gefürchtet. Im zweiten Jahrhundert bestreitet 
kaum noch jemand, daß er göttliche Erscheinungen 
bewirken, mit den höheren Geistern reden und sich 
selbst in Person bis zum Himmel erheben könne.«'' 

Man spürt hier die siegreiche Einwirkung der 
alexandrinischen Kulte. In Ägypten «^ war, wie wir ge- 
sehen haben (S. iiif.), das Ritual genau genommen 



2i6 Astrologie und Magie 

ursprünglich nichts anderes als eine Zusammenstellung 
von magischen Praktiken. Die Gläubigen zwangen 
durch Bitten oder selbst Drohungen den Göttern ihren 
Willen auf. Diese waren genötigt, dem Offizianten 
auf der Stelle zu gehorchen, wenn die Liturgie exakt 
vorgetragen wurde, wenn die Beschwörimgen und die 
wirksamen Worte in dem richtigen Tone rezitiert waren. 
Der kundige Priester hatte eine fast unbegrenzte Ge- 
walt über alle überii'dischen Wesen, welche Erde, 
Wasser, Luft, Hölle und Himmel bevölkerten. Nir- 
gends hielt man weniger die Distanz inne, die das 
Menschliche vom Göttlichen trennt; nirgends blieb die 
fortschreitende Differenzierung, welche überall die Ma- 
gie von der Religion schied, minder ausgebildet. 
Beide bleiben vielmehr bis zum Ende des Heidentums 
so eng miteinander verbunden, daß man bisweilen 
Mühe hat, die Texte, welche der einen oder anderen 
angehören, zu unterscheiden. 

Die Chaldäer*^ waren ebenfalls große Meister auf 
dem Gebiete der 2^uberei, gleichzeitig erfahren in der 
Kenntnis der Vorzeichen und geübt in der Beschwörung 
der Übel, welche diese ankündigten. Die2^uberer, gern 
gehörte Ratgeber der Könige, bildeten in Mesopota- 
mien einen Teil des offizellen Klerus; sie riefen bei 
ihren Beschwörungen die Hilfe der Staatsgötter an, 
und ihre heilige Wissenschaft wurde dort ebenso re- 
spektiert wie die Haruspizin in Etrurien. Das fabel- 
hafte Ansehen, welches sie auch weiterhin genoß, 
sicherte ihren Fortbestand nach dem Untergange Ni- 
nives und Babylons. Ihre Überlieferung war unter 
den Cäsaren keineswegs verloren gegangen, imd eine 
Anzahl von Beschwörern berief sich, sei es mit Recht 
oder mit Unrecht, auf die uralte Weisheit Chaldäas.'<* 



Theurgie — Persische Magie 217 

Auch in Rom selbst nimmt der Thaumaturg, der 
vermeintliche Erbe von Priestern der Urzeit, ein voll- 
kommen priesterliches Aussehen an. Als inspirierter 
Weiser, der im vertrauten Verkehr mit den himm- 
lischen Geistern steht, nähert er sich durch die Würde 
seiner Haltung und seines Lebens den Philosophen. 
Das gemeine Volk verwechselt beide unbedenklich mit- 
einander 'i, und tatsächlich akzeptiert und verteidigt 
ja die orientalisierende Philosophie des ausgehenden 
Heidentums alle Superstitionen. Der Neuplatonismus, 
welcher der Dämonologie einen bedeutenden Platz ein- 
räumt, neigt mehr und mehr zur Theurgie, in der er 
schließlich aufging. 

Aber die Alten unterscheiden ausdrücklich von der 
erlaubten und ehrenwerten Kunst, für welche man den 
Namen „Theurgie** erfand '^^ die Magie im eigent- 
lichen Sinne, die stets als verdächtig und verwerflich 
galt. Der Name Magier (jndtToi), der auf alle Wun- 
dertäter angewandt wurde, bezeichnet genau genom- 
men die Priester des Mazdaismus, und eine wohlbe- 
zeugte Überlieferung nannte in der Tat Perser'^ als 
die Urheber der wahren Magie, der sogenannten 
schwarzen Kunst des Mittelalters. Wenn sie diese nun 
auch nicht erfunden haben, denn sie ist so alt wie die 
Menschheit, so sind sie doch jedenfalls die ersten ge- 
wesen, welche sie auf eine lehrhafte Grundlage stellten 
und ihr einen Platz anwiesen in einem klar formu- 
lierten theologischen Systeme. Es war der mazdäisch^ 
Dualismus, der diesem verderblichen Wissen neue 
Macht verlieh mit den Besonderheiten, die es fortan 
kennzeichnen. 

Unter welchen Einflüssen ist die persische Magie 
entstanden? Wann und wie hat sie sich ausgebreitet? 



2i8 Astrologie und Magie 

Das sind noch! wenig geklärte Fragen. Die innige 
Mischling, welche sich in Babel zwischen den reli- 
giösen Lehren der iranischen Eroberer imd denen des 
einheimischen Klerus vollzog, fand auch auf diesem 
Gebiete des Glaubens statt ^^ und die in Mesopotamien 
angesiedelten Magier verbanden ihre geheimen Über- 
lieferungen mit dem Kodex von Riten imd Formeln, 
den die chaldäischen Zauberer redigiert hatten. Die 
universelle Wißbegierde der Griechen nahm frühzei- 
tig Fühlung mit dieser wunderbaren Wissenschaft. Die 
Naturphilosophen, wie Demokrit 7^, der große Reisende, 
scheinen mehr als eine Anleihe bei dem Schatz von 
Beobachtungen gemacht zu haben, den die orienta- 
lischen Priester gesammelt hatten. Aus diesen dispa- 
raten Kompilationen, in denen Wahres imd Absurdes, 
Wirklichkeit und Phantasie sich mischten, schöpften 
sie ohne Zweifel die Kenntnis mancher Eigenschaften 
der Pflanzen oder der Mineralien, wie mancher physi- 
kalischen Experimente. Doch wandte der klare Geist 
der Hellenen sich immer von den verworrenen Spe- 
kulationen der Mag^e ab und widmete ihnen nur zer- 
streute Aufmerksamkeit und mittelmäßige Wertschät- 
zung. In der alexandrinischen Epoche aber übersetzte 
man die Bücher, die den halb sagenhaften Meistern 
der persischen Wissenschaft, Zoroaster, Hostanes, Hy- 
staspes zugeschrieben wurden, ins Griechische, und von 
dieser Zeit an bis zum Ausgange des Heidentums stan- 
den jene Namen in glänzendem Ansehen. Gleichzei- 
tig machten die Juden, die in die Geheimnisse der 
iranisch-chaldäischen Lehren und Prozeduren einge- 
weiht waren, indirekt einzelne ihrer Vorschriften über- 
all bekannt, wohin die Diaspora sie geführt hatte.'® 
Eine mehr unmittelbare Einwirkung auf die römische 



Persische Magie 219 

Welt übten später die persischen Kolonien Kleinasiens 
aus'^, die ihrem alten nationalen Glauben hartnäckig 
treu geblieben waren. 

Der besondere Wert, den die Mazdäer der Magie bei- 
legten, ergibt sich mit Notwendigkeit aus ihrem duali- 
stischen System, wie wir es bereits dargelegt haben.''^ 
Ormuzd, der im lichten Himmel thront, steht sein un- 
versöhnlicher Gegner Ahriman gegenüber, der über 
die unterirdische Welt gebietet. Der eine ist gleichbe- 
deutend mit Klarheit, Wahrheit, Güte; der andere mit 
Finsternis, Lüge und Entartung. Der eine befehligt 
die wohltätigen Genien, welche die Frömmigkeit der 
Gläubigen schirmen; der andere die Dämonen, deren 
Bosheit alle Übel hervorruft, welche die Menschheit 
treffen. Die beiden entgegengesetzten Prinzipien strei- 
ten sich um die Herrschaft über die Erde, und jedes 
hat auf ihr nützliche oder schädliche Tiere und Pflanzen 
geschaffen. Alles ist hienieden himmlisch oder höllisch. 
Ahriman und seine Dämonen, welche die Menschen 
umschleichen, um sie in Versuchung zu führen und 
ihnen zu schaden 7^, siad böse Götter, aber unabhängig 
von denen, welche die Hilfstruppen des Ormuzd bilden. 
Der Magier opfert ihnen, sei es, um das Unheil abzu- 
wenden, mit dem sie drohen, oder sei es, um sie gegen 
die Feinde des wahren Gläubigen aufzureizen. Denn 
die unreinen Geister ergötzen sich an blutigen Opfern 
imd kommen, um sich an dem Duft des Fleisches zu 
weiden, das auf den Altären qualmt.^o Furchtbare 
Worte und Handlungen begleiten alle Opfer. Plutarch^^ 
gibt uns ein Beispiel von den düsteren Opfern der 
Mazdäer. „Sie stoßen in einem Mörser**, erzählt er, 
„ein Kraut, das omomi heißt (der haoma des Avesta), 
indem sie Hades (Ahriman) und die Finsternisse an- 



220 Astrologie und Magie 

rufen, dann mischen sie dieses KIraut mit dem Blut 
eines geschlachteten Wolfes, tragen es fort und werfen 
es an einen Ort, wohin kein Sonnenstrahl dringt**. Es 
handelt sich hier wohl um eine Totenbeschwörung. 

Es ist zu begreifen, welch neue Kraft eine derartige 
Vorstellung vom Universum der Magie verleihen mußte. 
Sie ist nicht mehr nur eine unzusammenhängende 
Masse von volkstümlichen Superstitionen und wissen- 
schaftlichen Beobachtungen. Sie wird eine umgekehrte 
Religion; ihre nächtlichen Riten bilden die fürchter- 
liche Liturgie der höllischen Mächte. Es gibt kein 
Wunder, welches der erfahrene Schwarzkünstler nicht 
von Üer Macht der Dämonen erwarten dürfte, wenn er 
das Mittel kennt, das diese in seine Diener verwandelt ; 
es gibt keine Grausamkeit, die er nicht erfinden könnte, 
um sich die bösen Gk)ttheiten geneigt zu machen, die 
das Verbrechen mit Genugtuung erfüllt und das Leiden 
ergötzt. Daher dieses Ensemble von ruchlosen Bräu- 
chen, die im Dunklen vollzogen werden, und deren 
Schrecklichkeit nur ihrer Albernheit gleichkommt : das 
Brauen von Tränken, welche die Sinne verwirren und 
den Verstand lähmen; die Bereitung von schnellwir- 
kenden Giften, die man aus dämonischen Pflanzen und 
Kadavern bereitet, welche die Verwesung, die Tochter 
der Unterwelt, ergriffen hat^«, die Opferung von Kin- 
dern, um in ihren zuckenden Eingeweiden die Zukunft 
zu lesen oder Verstorbene heraufzubeschwören. Alle 
raffinierten Teufeleien, die eine entartete Einbildungs- 
kraft an einem Tage des Wahnsinns nur zu erdenken 
vermag 83, werden der Bosheit der unreinen Geister be- 
hagen; je hassenswerter sie in ihrer Ungeheuerlichkeit 
sind, um so gewisser werden sie sich als wirksam er- 
weisen. 



Frevel und Verfolg^g der Magie 221 

Angesichts dieses verruchten Treibens erhob sich der 
römische Staat, und er traf es mit der ganzen Strenge 
seiner repressiven Justiz. Während man sich gewöhn- 
lich damit begnügte, die Astrologen, wenn ein unlieb- 
samer Fall vorgekommen war, aus Rom zu vertreiben 
— worauf sie schleunigst wieder dorthin zurückkehr- 
ten — so wurden die Schwarzkünstler den Mördern und 
den Giftmischern gleichgestellt und mit dem Tode be- 
straft. Man schlug sie ans Kreuz, man warf sie den 
wilden Tieren vor. {Man ahndete nicht nur die Ausübung 
ihrer Profession, sondern schon den bloßen Besitz von 
Zauberbüchem.8* 

Doch polizeilichen Maßregeln kann man sich an- 
passen, und hier waren die Sitten noch stärker als die 
Gesetze. Die von Zeit zu Zeit erlassenen scharfen 
Edikte der Kaiser waren ebensowenig imstande, einen 
tiefeingewurzelten Aberglauben zu vernichten, als die 
christliche Polemik diesen Schaden zu beseitigen ver- 
mochte. Staat und Kirche, die sich zu seiner Be- 
kämpfung verbunden hatten, empfanden seine Macht. 
Weder der eine, noch die andere traf die Wurzel des 
Übels und leugnete die Realität der von den Zau- 
berern ausgeübten Wirkungen. Solange man zuge- 
stand, daß die bösen Geister sich beständig in die 
irdischen Angelegenheiten einmischten, und daß es 
geheime Mittel gäbe, welche dem Hexenmeister es 
ermöglichten, sie zu bezwingen oder Anteil an ihrer 
Macht zu gewinnen, war die Magie unausrottbar. Sie 
appellierte an zuviel menschliche Leidenschaften, um 
nicht Gehör zu finden. Wenn auf der einen Seite der 
Wunsch, den Schleier der Zukunft zu lüften, die Furcht 
vor unbekannten Übeln und die sich stets erneuernde 
Hoffnung die ängstlichen Massen dazu trieben, in der 



222 Astrologie und Magie 

Astrologfie vermeintliche Gewißheit zu suchen^ so üb- 
ten auf der anderen, in der Magie, der verwirrende 
Reiz des Wunderbaren, die Regungen der Liebe und 
des Ehrgeizes, die Wollust gestillter Rache, die dä- 
monische Anziehungskraft des Verbrechens und das 
Wohlgefallen an vergossenem Blut, all 'die uneinge- 
standenen Instinkte, die man im Dunkeln zu befrie- 
digen sucht, ihre verführerische Wirkung aus. Dturch 
die ganze Kaiserzeit setzt sich ihre verborgene Ejdstenz 
fort, imd gerade das Geheimnis, in das sie sich hüllen 
mußte, mehrte ihr Ansehen imd gab ihr fast die Auto- 
rität einer Offenbarung. 

Eine merkwürdige Geschichte, die sich in den letz- 
ten Jahren des fünften Jahrhunderts zu Berjrtos in Sy- 
rien begab, zeigt ims, welches Vertrauen die aufge- 
klärtesten Geister noch lun diese Zeit den Praktiken der 
grausamsten Magie entgegenbrachten. Studierende der 
berühmten juristischen Schule dieser Stadt wollten eines 
Nachts im Zirkus einen Sklaven schlachten, damit der 
Herr desselben die Gunst einer Dame erlangte, die 
ihm abhold war. Auf erstattete Anzeige mußten sie die 
von ihnen verborgen gehaltenen Bücher ausliefern, un- 
ter denen man die des Zoroaster und des Hostanes wie 
die des Astrologen Manetho fand. Die Stadt war in 
Aufregung, imd neue Nachforschimgen bewiesen, daß 
viele junge Leute dem Studium der römischen Ge- 
setze das der Wissenschaft vorzogen, welche jene ver- 
boten. Auf Anordnung des Bischofs wurde ein feier- 
liches Autodafe dieser ganzen Literatur in Gegen- 
wart der Beamten und des Klerus veranstaltet, nach- 
dem man die empörendsten Stellen öffentlich ver- 
lesen hatte, so daß — sagt der fromme Autor, der 
ims diese Geschichte erzählt®* — jeder die hoffär- 



Widerstandskraft der Magie — Ergebnis 22^ 

tigen und leeren Versprechungen der Dämonen ken- 
nen lernte. 

So erhielten sich noch im christlichen Orient nach 
dem Untergange des Heidentums die uralten Überlie- 
ferungen der Magier. Sie sollten hier selbst die Herr- 
schaft der Kirche überleben, und trotz seiner streng mo- 
notheistischen Prinzipien wurde auch der Islam von den 
Superstitionen Persiens angesteckt. Die nichtswürdige 
Kunst, welche dieses gelehrt hatte, bewies im Okzident 
eine nicht minder zähe Widerstandskraft gegenüber 
Verfolgungen und Bannflüchen; sie blieb in dem Rom 
des fünften Jahrhunderts immer lebendig ^ß, und als 
die gelehrte Astrologie in Europa mit der Wissenschaft 
selbst zugrunde ging, bekundete der alte mazdäische 
Dualismus das ganze Mittelalter hindurch bis an die 
Schwelle der modernen Zeit seine Fortexistenz in den 
Zeremonien der schwarzen Messe imd des Satanskultes. 

* 

Als Zwillingsschwestem von dem abergläubischen 
und gelehrten Orient erzeugt, sind Magie und Astro- 
logie immer die Bastardtöchter seiner priesterlichen 
Kultur geblieben. Ihr Dasein wird von zwei entgegen- 
gesetzten Prinzipien beherrscht, dem Denken und dem 
Glauben, und ihr Wille oszilliert beständig zwischen 
diesen beiden Polen des Geisteslebens. Beide beruhen 
auf der Annahme einer imiversellen Sympathie, die 
zwischen Wesen und Dingen, welche gleichfalls sämt- 
lich mit einem geheimnisvollen Leben beseelt werden, 
verborgene und wirksame Beziehungen statuiert. Die 
Lehre von dem Einfluß der Gestirne, verbunden mit 
der Feststellung der Gleichmäßigkeit der himmlischen 
Revolutionen, führt die Astrologie zunächst dazu, die 



224 Astrologie und Magie 

fatalistische Theorie von dem allmächtigen und im 
voraus erkennbaren Walten des Schicksals aufzustellen. 
Aber neben diesem strengen Determinismus bewahrt 
sie den Glauben ihrer Kindheit an göttliche Sterne, 
deren Wohlwollen der Mensch durch seine Devotion 
erwerben und deren Bosheit er durch diese entwaffnen 
kann. Die experimentelle Methode beschränkt sich hier 
darauf, die auf den vorausgesetzten Charakter der Ge- 
stimgottheiten gestützten Prognosen zu ergänzen. 

Auch die Magie bleibt zur Hälfte empirisch, zur 
Hälfte religiös. Wie imsere Physik, g^ndet sie sich 
auf Beobachtung, sie proklamiert die Konstanz der 
Naturgesetze und sucht sich der verborgenen Kräfte 
der materiellen Welt zu bemächtigen, um sie dem 
Willen des Menschen dienstbar zu machen. Aber zu 
gleicher Zeit erkennt sie in den Kräften, die sie sich 
zu unterwerfen strebt, Geister oder Dämonen an, deren 
Beistand man sich zu sichern, deren Böswilligkeit man 
zu beschwichtigen oder deren wütende Feindschaft 
man zu entfesseln vermag durch Opfer und Zauber- 
Sprüche. 

Trotz all der Irrwege, die sie einschlugen, sind 
Astrologie und Magie nicht unnütz gewesen. Ihr lü- 
genhaftes Wissen hat wirklich dazu beigetragen, die 
menschlichen Kenntnisse zu erweitem. Indem sie bei 
ihren Anhängern eingebildete Hoffnungen imd trüge- 
rische Erwartungen pflegten, haben sie diese zu sorg- 
fältigen Nachforschungen veranlaßt, die sie ohne Zwei- 
fel aus reiner Liebe zur Wahrheit nicht unternommen 
oder fortgesetzt haben würden. Die Beobachtungen, 
welche die Priester des alten Orients mit unermüd- 
licher Geduld sammelten, führten zu den ersten phy- 
sikalischen und astronomischen Entdeckungen, und die 



Ergebnis 225 

Geheimwissenschaften bildeten, wie in der Zeit der 
Scholastik, die Brücke zu den exakten Wissenschaften. 
Als diese jedoch später die Nichtigkeit der wunder- 
baren Illusionen erkannten, von denen sie sich genährt 
hatten, zerstörten sie die Fundamente der Astrologie 
und der Magie, denen sie ihre Entstehung verdankten. 



Cumont, Die oriental. Religionen ^5 



vm. 

DIE UMWANDLUNG DES RÖMISCHEN 

HEIDENTUMS 

Um die Zeit der Severer mußte die Religion Euro- 
pas dem betrachtenden Auge das Schauspiel einer er- 
staunlichen Mannigfaltigkeit darbieten. Die alten ein- 
heimischen, italischen, keltischen oder iberischen Gk>tt- 
heiten waren zwar entthront, aber nicht gestorben. Von 
fremden Rivalen verdrängt, lebten sie noch in der 
Frömmigkeit der kleinen Leute, in der ländlichen Tra- 
dition fort. Seit langer Zeit waren die römischen Götter 
in alle Mimizipalstädte siegreich eingedrungen und 
empfingen dort den pontifikalen Riten gemäß die Hul- 
digungen eines offiziellen Klerus. Aber neben ihnen 
hatten sich die Repräsentanten aller asiatischen Pan- 
theen angesiedelt, und ihnen galt die glühendste Ver- 
ehrung der Massen. Neue Machthaber waren aus 
Kleinasien, Ägypten, Syrien und Persien gekommen, 
und der blendende Glanz der Sonne des Orients hatte 
die Sterne an dem gemäßigten Himmel Italiens ver- 
bleichen lassen. Alle Formen des Heidentums wurden 
gleichzeitig angenommen und gepflegt, während der 
exklusive Monotheismus der Juden seine Anhänger be- 
hielt und das Christentum seine Gemeinden befestigte 
und seine Orthodoxie sicherte, obwohl es auch die wi- 
derspruchsvollen Phantasien der Gnosis gebar. Hun- 
dert verschiedene Strömungen rissen die schwankenden 



Der Synkretismus 227 

und unschlüssigen Geister mit sich fort; hundert ein- 
ander entgegengesetzte Lehren beunruhigten die Ge- 
wissen. Nehmen wir einmal an^ das moderne Europa 
wäre Zeuge davon gewesen, wie die Gläubigen die 
christlichen Kirchen verließen, um Allah oder Brahma 
zu verehren, die Gebtote des Konfuzius oder des Bud- 
dha zu befolgen, die Grundsätze des shinto anzuneh- 
men; denken wir uns ein großes Durcheinander von 
allen Rassen der Welt, in dem arabische Mullahs, chi- 
nesische Literaten, japanische Bonzen, tibetanische La- 
mas, hinduistische Pandits zu gleicher Zeit den Fata- 
lismus und die Prädestination, den Ahnenkult und die 
Anbetung des vergötterten Herrschers, den Pessimis- 
mus und die Erlösung durch Selbstvemichtimg verkün- 
digten, und daß alle diese Priester in unseren Städten 
fremdartig stilisierte Tempel erbauten und in diesen 
ihre verschiedenen Riten zelebrierten — dann würde 
dieser Traum, den die Zukunft vielleicht einmal ver- 
wirklichen wird, uns ein ziemlich genaues Bild von 
der religiösen Zerrissenheit gewähren, in der die alte 
Welt vor Konstantin verharrte. 

Bei der Umwandlung des lateinischen Heidentums 
spielten die orientalischen Religionen, die sich nach 
und nach verbreiteten, eine entscheidende Rolle. Zu- 
nächst drängt Kleinasien dem siegreichen Italien seine 
Götter auf. Seit dem Ende der punischen Kriege be- 
findet sich der schwarze Stein, der die Große Mutter 
von Pessinus darstellt, auf dem Palatin, aber erst seit 
der Regierimg des Claudius entwickelt der phrygische 
Kult sich ungehindert mit all seinem Prunk und seinen 
Ausschweifungen. Er bringt in die ernste und nüchterne 
Religion der Römer ein sinnliches, farbenfreudiges und 
fanatisches Element hinein. Nach seiner offiziellen An- 
is* 



228 I^ic Umwandlung des römischen Heidentums 

erkennung zieht er andere fremde, aus Anatolien ge- 
kommene Gottheiten an sich, nimmt sie in seinen 
Schutz imd assimiliert sie der Cybele und dem Attis, 
die zu pantheischen Gottheiten geworden sind. Kappa- 
dokische, jüdische, persische imd selbst christliche Ein- 
flüsse modifizieren die alten Rifen von Pessinus imd 
pflanzen ihnen mit der Bluttaufe des Tauroboliums 
Ideen von geistiger Reinheit und ewiger Erlösimg ein. 
Aber es gelang den Priestern nicht, das plump natura- 
listische Fundament zu beseitigen, welches aus einer 
alten barbarischen Überlieferung herrührte. 

Seit dem zweiten Jahrhundert v. Chr. verbreiten sich 
in Italien die Mysterien der Isis und des Serapis mit 
der alexandrinischen Kultur, deren religiösen Ausdruck 
sie darstellen, und siedeln sich trotz der Verfolgungen, 
die sie hervorrufen, in Rom an, wo sie von Caligula 
das Bürgerrecht erhalten. Sie bringen weder em sehr 
fortgeschrittenes theologisches System, denn Ägypten 
produzierte immer nur ein chaotisches Aggregat von 
disparaten Lehren, noch eine sehr erhabene Ethik, 
denn der Stand ihrer Moral — d. h. der Moral der 
Griechen Alexandriens — überschritt nur zögernd ein 
ziemlich niedriges Niveau. Aber sie machten zuerst 
Italien und dann auch die anderen lateinischen Provin- 
zen mit einem antiken Ritual von unvergleichlicher 
Anziehungskraft bekannt, das durch seine glänzenden 
Prozessionen und seine liturgischen Dramen die wider- 
sprechendsten Gefühle zu erregen wußte. Sodann ga- 
ben sie ihren Gläubigen die formelle Zusicherung, daß 
sie nach ihrem Tode eine selige Unsterblichkeit ge- 
nießen sollten, in der sie, mit Serapis vereint und nach 
Leib und Seele seiner Gottheit teilhaftig, in der ewigen 
Anschauung der Götter leben würden. 



Einfluß der orientalischen Religionen 220 

In einer etwas jüngeren Epoche kamen die zahl- 
reichen und vielgestaltigen Ba'alim aus Syrien. Die 
große wirtschaftliche Bewegung, die seit dem Beginn 
unserer Zeitrechnung die Kolonisierung der lateini- 
schen Welt durch syrische Sklaven und Kaufleute zur 
Folge hatte, veränderte nicht nur die materielle Kultur 
Europas, sondern auch seine Vorstellungen und seine 
Glaubensgedanken. Die semitischen Kulte machten den 
kleinasiatischen und ägyptischen erfolgreiche Konkur- 
renz. Vielleicht hatten sie keine ebenso eindrucksvolle 
Liturgie, vielleicht gingen sie nicht ebenso vollständig 
in der Beschäftigung mit dem zukünftigen Leben auf, 
obwohl sie eine eigenartige Eschatologie predigten, 
aber sie hatten eine unendlich erhabenere Vorstellung 
von der Gottheit. Die chaldäische Astrologie, deren 
enthusiastische Jünger die syrischen Priester waren, 
hatte ihnen die Elemente einer wissenschaftlichen 
Theologie geliefert. Sie hatte sie zu dem Begriff eines 
fern von der Erde hoch über den Stemeti thronenden 
Gottes geführt, der allmächtig, allumfassend und ewig 
ist, während alles hier auf Erden durch die Revolu- 
tionen der Himmel bestimmt wird, die sich innerhalb 
unermeßlicher Jahreszyklen vollziehen, und hatte ihnen 
gleichzeitig die Anbetung der Sonne gepredigt, der 
strahlenden Quelle alles irdischen Lebens. 

Die gelehrten Theorien der Babylonier waren auch 
in die persischen Mysterien des Mithra übergegangen, 
die als letzte Ursache die mit dem Himmel identi- 
fizierte Zeit betrachteten und die Gestirne vergötter- 
ten; aber sie hatten sich über die alte Schicht des maz- 
däischen Glaubens gelagert, ohne sie zu zerstören. Die 
wesentlichen Prinzipien der Religion Irans, des uralten 
und oft erfolgreichen Rivalen Griechenlands, drangen 



230 I^c Umwandlung des römischen Heidentums 

auf diese Weise unter dem Deckmantel chaldäischer 
Weisheit in das lateinische Abendland ein. Die mi- 
thrische Religion, die letzte imd höchte Manifesta- 
tion des antiken Heidentiuns, lehrte als Fundamental- 
dogma den persischen Dualismus. Die Welt ist der 
Schauplatz imd der Kampfpreis eines Ringens zwischen 
Gut imd Böse, Ormuzd und Ahriman, den Göttern imd 
den Dämonen; imd aus dieser eigentümlichen Vorstel- 
lung des Universums ergibt sich eine strenge und reine 
Moral: das Leben ist ein Kampf; als Soldat den Be- 
fehlen Mithras, des unbesiegbaren Helden, unterstellt, 
muß der Gläubige beständig den Unternehmungen der 
höllischen Mächte entgegentreten, die überall Verder- 
ben stiften. Diese imperative, die Energie weckende 
Ethik ist das charakteristische Merkmal, welches den 
Mithriazismus von allen anderen orientalischen Kulten 
unterscheidet. 

So hatte jedes Land der Levante — das wollten wir 
in diesem summarischen Rückblick zeigen — das rö- 
mische Heidentum mit neuen religiösen Vorstellungen 
bereichert, welche dieses selbst oft überleben sollten. 
Was war das Resultat dieser Mischung von hetero- 
genen Lehren, deren Mannigfaltigkeit überaus groß 
und deren Wert sehr verschiedefn war? Wie haben 
die barbarischen Ideen, nachdem sie in den glühenden 
Schmelztigel des cäsarischen Synkretismus geworfen 
waren, sich verschwistert und verbunden ? Mit anderen 
Worten: welche Form hatte die mit ausländischen 
Theorien vollständig imprägnierte antike Idolatrie im 
vierten Jahrhundert angenommen, als sie endgültig 
entthront wurde? Das möchte ich zum Schluß unserer 
Betrachtungen hier noch in Kürze zu schildern ver- 
suchen. 



Das Heidentum im vierten Jahrhimdert 231 

Doch — darf man von einer heidnischen Religion 
reden? Hatte die Rassenmischung nicht auch die Ver- 
schiedenheit der religiösen Überzeugungen gemehrt? 
Hatte der verworrene Ansturm fremder Glaubensvor- 
stellungen nicht eine Zersetzung, ein Zerbröckeln der 
religiösen Gemeinschaften, und die Toleranz des Syn- 
kretismus ein Überwuchern der Sekten zur Folge ? Die 
„Hellenen**, sagte Themistius zum Kaiser Valens, „ha- 
ben dreihundert Weisen, die Gottheit aufzufassen und 
zu ehren, die sich über diese Verschiedenheit der Hul- 
digungen freut.** ^ Im Heidentum sterben die Kulte 
keines gewaltsamen Todes, sondern sie erlöschen nach 
langem Siechtum. Eine neue Lehre nimmt nicht mit 
Notwendigkeit die Stelle einer alten ein. Beide können 
lange nebeneinander fortbestehen als zwei entgegen- 
gesetzte Möglichkeiten, die der Verstand oder der 
Glaube eröffnet, und alle Ansichten, alle Bräuche er- 
scheinen unter diesen Umständen beachtenswert. Die 
Wandlungen, welche sich auf diesem Gebiete voll- 
ziehen, sind niemals radikaler oder revolutionärer Na- 
tur. Zweifellos besaßen die religiösen Vorstellungen 
des Heidentums ebensowenig im vierten Jahrhundert 
als früher die Geschlossenheit eines metaphysischen 
Systems oder die Bestimmtheit von konziliaren Ent- 
scheidungen. Von jeher hat ein beträchtlicher Abstand 
zwischen dem Glauben des Volkes und dem der Gebil- 
deten existiert, und dieser Unterschied mußte in einem 
aristokratischen Reiche, dessen soziale Schichten deut- 
lich voneinander getrennt waren, besonders groß sein. 
Die Frömmigkeit der Massen ist unveränderlich wie 
das Wasser in den Tiefen des Meeres; sie wird von 
Oberströmungen weder mitgerissen noch erwärmt.^ Die 
Bauern fuhren fort, wie vor Zeiten, bei gesalbten Stei- 



232 I^ie Umwandlung des römischen Heidentums 

nen^ heiligen Quellen und mit Blumen geschmückten 
Bäumen fronmie Riten zu vollziehen imd zur Saatzeit 
oder lun die Weinlese ihre ländlichen Feste zu feiern. 
Mit imüberwindlicher Hartnäckigkeit hingen sie an 
ihren überlieferten Bräuchen. Ihres Ansehens entklei- 
det, zu Superstitionen herabgedrückt, sollten diese noch 
Jahrhimderte hindurch unter der Herrschaft der christ- 
lichen Orthodoxie fortbestehen, ohne dieselbe ernstlich 
zu gefährden; und wenn sie auch nicht mehr in den 
gottesdienstlichen Kalendern verzeichnet sind, so be- 
gegnet man ihnen doch noch bisweilen in folklori- 
stischen Sammelwerken. 

Am entgegengesetzten Pole der Gesellschaft konnten 
die Philosophen Gefallen daran finden, die Religion in 
das glänzende, aber leicht zerreißbare Gewebe ihrer 
Spekulationen zu hüllen. Sie konnten, wie Kaiser 
Julian, für den Mythus der Großen Mutter kühne und 
unzusammenhängende Erklärungen improvisieren, die 
in einem beschränkten Kreise von Gebildeten ange- 
nommen und geschätzt wurden. Aber diese Aus- 
schweifungen der individuellen Phantasie bedeuten im 
vierten Jahrhundert nur die willkürliche Anwendung 
unbestrittener Prinzipien. Die intellektuelle Anarchie 
ist zu dieser Zeit weit geringer als in der Epoche, in 
welcher Lucian „die Sekten versteigerte**; unter den 
in der Opposition befindlichen Heiden hat sich eine 
relative Übereinstimmung herausgebildet. Eine ein- 
zige Schule, die neuplatonische, beherrscht alle Gei- 
ster, und diese Schule hat nicht nur Respekt vor der 
positiven Religion wie schon der ältere Stoizismus, son- 
dern verehrt sie, weil sie in ihr das Produkt uralter, 
von längst dahingegangenen Geschlechtem überliefer- 
ter Offenbarung erblickt; sie betrachtet ihre heiligen 



Volksfrömmigkeit imd Philosophie 2^^ 

Bücher, die des Hermes Trismegistos, des Orpheus, die 
chaldäischen Orakel, Homer selbst, vor allem die eso- 
terischen Lehren der Mysterien als vom Himmel in- 
spiriert imd ordnet ihre eigenen Theorien den geoffen- 
barten Lehren unter. Da zwischen diesen disparaten, 
aus so verschiedenen Ländern imd Zeiten stammenden 
Überlieferimgen kein Widerspruch bestehen kann, weil 
sie von einer einzigen Gottheit ausgehen, so hat die 
Philosophie als anciUa theologiae die Aufgabe, sie 
durch Anwendung der allegorischen Auslegung mit- 
einander in Einklang zu setzen. Und auf diese Weise 
bildet sich allmählich durch Kompromisse zwischen 
den alten orientalischen Ideen lind dem griechisch- 
lateinischen Denken eine Summe von religiösen Vor- 
stellungen, deren Wahrheit durch den consensas gen* 
tium verbürgt erscheint. 

So waren die abgestorbenen Teile des alten Kultus 
beseitigt; fremde Elemente hatten ihm neue Lebens- 
kraft verliehen, sich in ihm verbunden imd wechsel- 
seitig ausgeglichen. Dieser sich in der Stille vollzie- 
hende Prozeß innerer Zersetzung und Wiederherstel- 
lung hatte unmerklich eine Religion geschaffen, welche 
von der, die Augustus zu restaurieren versucht hatte, 
sehr verschieden war. 

Allerdings, wenn man sich darauf beschränken 
wollte, gewisse Schriftsteller zu lesen, welche in die- 
ser Zeit die Idolatrie bekämpft haben, so würde man 
zu glauben versucht sein, daß sich im nationalen 
Glauben der Römer nichts geändert hätte. So macht 
St. Augustin in seinem „Gottesstaat** sich gern lustig 
über die Menge der italischen Götter, welche den arm- 
seligsten Akten des Daseins vorstehen.^ Aber diese 
minderwertigen und albernen Gottheiten der alten Pon- 



234 ^^^ Umwandlung des römischen Heidentums 

tifikallitaneien lebten nur noch in den Büchern der 
Altertiunsforscher weiter, und tatsächlich ist Varro hier 
die Quelle des christlichen Polemikers. Die Verteidiger 
der Kirche holen ihre Waffen gegen den Götzendienst 
selbst noch bei Xenophanes, dem ersten Philosophen, 
der gegen den griechischen Polytheismus aufgetreten 
ist. Die Apologetik folgt, wie man oft bemerkt hat, 
mühsam den Fortschritten der von ihr bekämpften 
Lehren, imd ihre Hiebe treffen nicht selten nur Tote. 
Auch ist es ein gemeinsamer Fehler aller Gelehrten, 
wenigstens aller, die sich mit Bücherweisheit vollge- 
pfropft haben, daß sie die Meinungen der alten Autoren 
besser kennen als die Ansichten ihrer Zeitgenossen imd 
lieber in der Vergangenheit leben als in der Welt, die 
sie umgibt. Es war leichter, die Einwände der Epi- 
kureer imd der Skeptiker gegen abgetane Glaubens- 
vorstellimgen zu wiederholen als die Mängel eines 
noch lebenden Organismus ^u erforschen, um ihn zu 
kritisieren. Die rein formale Bildung der Schule raubte 
damals vielen der besten Geister den Sinn für die Wirk- 
lichkeit. 

So dürfte die christliche Polemik uns oft eine 
falsche Vorstellung von dem untergehenden Heiden- 
tmn geben. Wenn sie mit Vorliebe die Unsittlichkeit 
der heiligen Legenden betont, so läßt sie nicht ahnen, 
daß die Götter imd Heroen der Mythologie nur noch 
ein rein literarisches Leben führten.* Die Fiktionen 
der Fabel bilden bei den Schriftstellern dieser Epoche 
— wie bei denen der Renaissance — die obligate Zutat 
jeder dichterischen Komposition. Es handelt sich hier- 
bei um ein stilistisches Ornament, um rhetorische Ma- 
nier, aber nicht um den Ausdruck aufrichtigen Glau- 
bens. Das Theater zeigt, wie sehr diese alten Mythen 



Christliche Polemik 235 

in Mißkredit geraten sind. Die Schauspieler der mimi, 
welche die galanten Abenteurer Jupiters ins lächerliche 
zogen, glaubten an ihre Realität nicht mehr als der 
Verfasser des „Faust** an die des mit Mephistopheles 
abgeschlossenen Paktes. 

Man darf sich daher durch die oratorischen Effekte 
eines Rhetors wie Amobius oder die ciceronianischen 
Perioden eines Laktanz nicht irreführen lassen. Will 
man sich von dem wirklichen Stande der Dinge Re- 
chenschaft geben, so muß man vorzugsweise solche 
christlichen Schriftsteller berücksichtigen, die weniger 
Büchermenschen und mehr Männer der Praxis sind, die 
dem Leben des Volkes näher stehen und mehr Straßen- 
luft geatmet haben, also mehr auf Grund eigener Er- 
fahrung urteilen als nach den Schriften der Mytho- 
graphen. Zu diesen wird man hohe Beamte rechnen 
dürfen, wie Prudentius^ oder den, welcher seit Eras- 
mus den Namen „Ambrosiaster" ^ erhalten hat; den 
bekehrten Heiden Firmicus Maternus^, der ein Buch 
über Astrologie schrieb, ehe er den „Irrtum der pro- 
fanen Religionen** bekämpfte; einzelne Kirchenmän- 
ner, die ihr geistliches Amt in Berührung mit den letz- 
ten Anhängern der Idolatrie brachte, wie den Verfasser 
der dem heiligen Maximus von Turin zugeschriebenen 
Homilien«; endlich die Redaktoren anonymer Pam- 
phlete, Gelegenheitsschriften, welche die Glut aller 
Leidenschaften des Augenblicks atmen.^ Wenn man 
diese Enquöte mit Hilfe der leider sehr knappen An- 
gaben ergänzt, welche die dem Glauben ihrer Väter 
treugebliebenen Mitglieder der römischen Aristokratie, 
ein Macrobius, ein Symmachus, über ihre religiösen 
Überzeugungen uns hinterlassen haben, wenn man sie 
femer mit Hilfe der ausnahms?weise umfangfreicheren 



236 Die Umwandlung des römischen Heidentums 

Inschriften kontrolliert, die gleichsam die öffentlichen 
Urkunden des letzten Willens des sterbenden Heiden- 
tums sind, dann wird man sich ein hinreichend deut- 
liches Bild davon machen können, was die römische 
Religion in dem Moment geworden war, als sie zu er- 
löschen begann. 

Eine Tatsache wird sich nun ohne weiteres aus der 
Prüfung dieser Dokumente ergeben: der antike Na- 
tionalkultus Roms ist tot.i<> Die vornehmen Würden- 
träger können sich zwar noch mit dem Titel Augur 
und Quindecemvir schmücken wie mit dem anderen 
Konsul oder Tribun, aber diese uralten geistlichen 
Ämter haben auf dem Gebiete der Religion in Wirk- 
lichkeit ebensowenig zu bedeuten als die republikani- 
schen Magistrate auf dem des Staates. Ihr Untergang 
wurde an dem Tage besiegelt, als Aurelian neben und 
über die alten Pontifices die des unbesiegbaren Son- 
nengottes, des Schirmherm seines Reiches, stellte. Die 
noch lebenden Kulte, gegen welche sich der Haupt- 
angriff der christlichen Polemik wendet, die merklich 
schärfer wird, wenn sie von ihnen redet, sind die orien- 
talischen. Die barbarischen Götter haben in der Fröm- 
migkeit der Heiden den Platz der gestorbenen Un- 
sterblichen eingenommen. Sie sind die einzigen, wel- 
che ihre Herrschaft über die Seelen noch behauptet 
haben. 

Firmicus Matemus bekämpft vor allen anderen „pro- 
fanen Religionen** die der vier orientalischen Nationen 
und setzt sie in Beziehung zu den vier Elementen. Die 
Ägypter beten das Wasser an — das Nilwasser, das üir 
Land befruchtet — ; die Phrygier die Erde, welche für 
sie die Große Mutter aller Dinge ist; die Syrer imd 
die Karthager die Luft, die sie imter dem Namen der 



\ 



Orientalisierung der Religion — Kult der elementa 237 

Juno Caelestisii verehren; die Perser endlich das Feuer, 
dem sie den Vorrang vor den drei anderen Prinzipien 
geben. In der gemeinsamen Gefahr, die ihnen droht, 
haben sich die ehemals rivalisierenden Kulte ausge- 
söhnt imd betrachten sich als Teile und, wenn ich so 
sagen darf, Kongregationen ein und derselben Kirche. 
Jeder von ihnen ist einem der Elemente, die zusammen 
das Universum bilden, besonders geweiht; im Verein 
stellen sie die pantheistische Religion der vergötterten 
Welt dar. 

Alle aus dem Orient stammenden Kulte haben die 
Form von Mysterien angenommen.^^ Ihre Würden- 
träger sind gleichzeitig Pontifices der unbesiegbaren 
Sonne, Väter des Mithra, Tauroboliaten der Großen 
Mutter, Propheten der Isis, sie führen mit einem Wort 
alle erdenklichen Titel. Bei ihren Weihen, die ihr 
frommer Eifer vervielfacht, empfangen sie die Offen- 
barung einer esoterischen Lehre.^^ Welche Theologie 
verkündet man ihnen? Eine gewisse dogmatische Ho- 
mogenität hat sich auch hier angebahnt. 

Alle Schriftsteller stimmen mit Firmicus darin über- 
ein, daß die Heiden die elementa anbeten.^* Unter 
diesen verstand man nicht nur die vier einfach^ein 
Substanzen, deren Gegensatz imd Mischung alle Er- 
scheinungen der sinnlichen Welt verursacht ^^ son-* 
dem auch die Gestirne und überhaupt die Prinzipien 
aller himmlischen oder irdischen Körper.^^ 

Man kann daher in gewissem Sinne von einer 
Rückkehr des Heidentums zum Kultus der Natur re- 
den, aber ist man berechtigt, diese Umwandlung als 
Rückfall in eine barbarische Vergangenheit, als eine 
Decadence bis zum Niveau des ursprünglichen Ani- 
mismus zu betrachten ? Das hieße doch sich vom Schein 



238 I^ic Umwandlung des römischen Heidentums 

betören lassen. Alternde Religionen sinken nicht wie- 
der in den kindlichen Zustand zurück. Die Heiden des 
vierten Jahrhunderts betrachten nicht mehr in naiver 
Weise ihre Götter als launische Geister, als die un- 
organisierten Mächte einer verworrenen Physik; sie 
fassen sie als kosmische Energien auf, deren provi- 
dentielle Wirksamkeit durch ein harmonisches System 
geregelt ist. Der Glaube ist nicht mehr instinktiv imd 
impulsiv; Bildimg imd Reflexion haben die gesamte 
Theologie reformiert. In gewisser Hinsicht kann man 
sagen, daß diese, um mit Comte zu reden, vom fiktiven 
Stadium in das metaphysische übergegangen ist. Sie 
ist eng verbimden mit der Wissenschaft ihrer Zeit, 
welche ihre letzten Anhänger als getreue Erben der 
alten Weisheit des Orients und Griechenlands stolz imd 
liebevoll pflegen.^^ Sie ist häufig nur eine religiöse 
Form der zeitgenössischen Kosmologie — darin liegt 
zugleich ihre Stärke imd ihre Schwäche — und die 
strengen Prinzipien der Astrologie bestimmen die Vor- 
stellung, die man sich vom Himmel und von der Erde 
macht. 

Das Weltall ist ein Organismus, den ein einziger, 
ewiger, allmächtiger Gott beseelt. Bisweilen identi- 
fiziert man diesen Gott mit dem Schicksal, das alle 
Dinge beherrscht, mit der unendlichen <Zeit, die alle 
sinnlichen Erscheinungen regelt, imd man betet diese 
in all den einzelnen Abschnitten ihrer grenzenlosen 
Dauer, namentlich den Monaten und den Jahreszeiten 
an.18 Bisweilen vergleicht man ihn im Gegensatze dazu 
mit einem Könige; man stellt ihn sich wie einen Sou- 
verän vor, der sein Reich beherrscht, und die einzelnen 
Götter sind dann die Grafen und die Würdenträger, 
welche bei dem Fürsten für seine Untertanen eintreten 



Das Weltall und der höchste Gott 



239 



und sie irgendwie bei ihm einführen. Dieser himm- 
lische Hof hat seine Gesandten oder „Engel**, die den 
Menschen den Willen ihres Herrn kundtun und diesem 
die Wünsche und Bitten seiner Untertanen überbrin- 
gen: eine aristokratische Monarchie herrscht im Him- 
mel wie auf Erden.^* Eine mehr philosophische Vor- 
stellimg erfaßt die Gottheit als unendliche Macht, 
welche die ganze Natur mit ihren überschwänglichen 
Kräften erfüllt: „Es gibt**, schrieb um 390 Maximus 
von Madaura, „nur einen höchsten und einzigen Gott, 
ohne Anfang und ohne Ende, dessen in der Welt ver- 
breitete Kräfte wir imter verschiedenen Bezeichnungen 
anrufen, weil wir seinen wahren Namen nicht kennen, 
und indem wir unsere demütigen Bitten nacheinander 
an seine verschiedenen Glieder richten, suchen wir ihn 
ganz zu ehren. Dank der Vermittlimg der untergeord- 
neten Götter wird dieser ihr und aller Sterblichen ge- 
meinsamer Vater auf tausend Weisen von den Men- 
schen geehrt, die so trotz ihrer Uneinigkeit einig blei- 
ben.** «<> 

Dieser unaussprechliche Gott, der alles mit seinem 
Blick umfaßt, offenbart sich jedoch besonders in der 
glänzenden Klarheit des ätherischen Himmels.^i Er be- 
kimdet seine Macht im Wasser und im Feuer, in der 
Erde, dem Meer imd dem Wehen der Winde, aber 
seine reinste, seine herrlichste, seine kraftvollste Epi- 
phanie vollzieht sich in den Gestirnen, deren Revolu- 
tionen alle Ereignisse und alle unsere Handlungen 
bestimmen, und vor allem in der Sonne, welche die 
himmlischen Sphären bewegt, dem unerschöpflichen 
Quell des Lichtes und des Lebens, der Urheberin aller 
Intelligenz auf Erden. Manche Theologen, wie der Se- 
nator Prätextatus, den Macrobius auftreten läßt, iden- 



240 ^ic Umwandlung des römischen Heidentums 

tifizierten in radikaler Synkrasie alle alten Gottheiten 
des Heidentums mit der Sonne.** 

Ebenso wie oberflächliche Beobachtung zu dem 
Glauben verführen könnte, die Theologie der letzten 
Heiden sei wieder zu ihren ersten Anfängen herabge- 
stiegen, möchte die Umwandlung des Rituals auf den 
ersten Blick als eine Rückkehr zum wilden Urzustände 
erscheinen. Ohhe Zweifel verbreiten sich mit der An- 
nahme der orientalischen Mysterien barbarische, grau- 
same und obszöne Bräuche: die tierischen Verkleidun- 
gen bei den mithrischen Initiationen, die blutigen 
Tänze der Gallen der Großen Mutter, die Verstümme- 
lung der syrischen Priester. Der Kultus der Natur ist 
ursprünglich ebenso „amoralisch** wie das Schauspiel 
der Natur selbst. Aber ein ätherischer Spiritualismus 
verklärte die Roheit dieser primitiven Gepflogenheiten 
ins Ideale. Wie die Lehre vollkommen mit Philoso- 
phie und Bildung gesättigt ist, so ist die Liturgfie voll- 
kommen durchdrungen von ethischen Voraussetzungen. 
Das Taurobolium, eine ekelhafte Übergießung mit war- 
mem Blut, ist ein Mittel ztir Erlangung der ewigen 
Wiedergeburt geworden; die rituellen Waschungen be- 
deuten nicht mehr eine äußerliche und materielle 
Handlung, sondern sollen die Seele von ihren Flecken 
reinigen und ihr die verlorene Unschuld wiedergeben; 
die heiligen Mahle teilen eine innere Kraft mit und 
sind zu Nährmitteln des geistigen Lebens geworden. 
Obwohl man sich bemühte, die Kontinuität der Über- 
lieferung aufrechtzuerhalten, hatte man doch nach und 
nach ihren Inhalt umgestaltet. Wie die Zeremonien 
des Kultus, so waren auch die empörendsten und leicht- 
fertigsten Mythen in erbauliche Erzählungen verwan- 
delt, dank der anmutigen imd scharfsinnigen Erklä- 



Das Ritual — Die Eschatologie 241 

rungen, in denen sich der Geist der gebildeten Mytho- 
^raphen gefiel. Das Heidentum war zur Schule der 
Sittlichkeit geworden, der Priester zum Lehrer und zum 
Beichtvater.*^ 

Die Reinheit, die Heiligkeit, welche der Vollzug der 
heiligen Zeremonien verleiht, ist die unerläßliche Vor- 
bedingung zur Erlangung des ewigen Lebens.^* Die 
Mysterien verheißen ihren Eingeweihten eine selige 
Unsterblichkeit und machen sich anheischig, ihnen un- 
fehlbare Mittel zu offenbaren, mit denen sie ihr Heil 
schaffen können. Nach einem allgemein angenomme- 
nen Bilde ist der Geist, der uns beseelt, ein fortge- 
schleuderter Funke aus den Feuern, die hoch oben im 
Äther leuchten; er nimmt an ihrer Gottheit teil und 
ist, so glaubt man, auf die Erde herabgekommen, um 
hier eine Prüfung zu bestehen. Man kann buchstäb- 
lich sagen, daß 

L'homme est un dieu tomb^ qui se souvient des cieux. 

Nachdem sie ihr fleischliches Gefängnis verlassen ha- 
ben, steigen die frommen Seelen wieder zu den Him- 
melsräumen empor, wo die göttlichen Gestirne kreisen, 
um für immer in der unendlichen Klarheit über den 
gestirnten Sphären zu leben.^ß 

Aber am anderen Ende der Welt, diesem lichten 
Aufenthalt gegenüber Üehnt sich das finstere Reich der 
bösen Geister aus. Unversöhnliche Feinde der Götter 
und der guten Menschen kommen sie beständig aus 
den höllischen Regionen hervor, um auf der Ober- 
fläche der Erde umherzuschweifen, wo sie alle mög- 
lichen Übel verbreiten. Der Gläubige muß mit Hilfe 
der himmlischen Geister unablässig gegen ihre An- 
schläge kämpfen und ihren Grimm durch blutige Opfer 

Cumont: Die oriental. Religionen l6 



242 Die Umwandlung des römischen Heidentums 

abzuwehren suchen. Doch der Magier versteht es auch, 
sie durch geheinmisvolle und furchtbare Prozeduren 
seinem Willen zu unterwerfen und seinen Plänen dienst- 
bar zu machen, und diese Dämonologie, die monströse 
Frucht des persischen Dualismus, begünstigt die Über- 
handnähme aller erdenklichen Superstitionen.** 

Das Reich des Bösen soll indessen nicht ewig be- 
stehen. Nach allgemeiner Überzeugung wird das Uni- 
versum, wenn die Zeiten abgelaufen sind, durch Feuer 
zerstört werden.*^ Alle Gottlosen werden zugprunde ge- 
hen, und die wieder auferstandenen Gerechten in der 
erneuerten Welt ein Reich der allgemeinen Glückselig- 
keit begründen.*^ 

Das ist üi flüchtigen Umrissen die Theologie des 
Heidentums, wie sie sich nach drei Jahrhunderten ori- 
entalischer Beeinflussung gebildet hatte. Aus plumpem 
Fetischismus und wilden Superstitionen hatten die ge- 
lehrten Priester der asiatischen Kulte allmählich eine 
vollständige Metaphysik und Eschatologie geschaffen, 
wie die Brahmanen den spiritualischen Monismus des 
Vedänta neben der ungeheuerlichen Idolatrie des Hin- 
duismus errichtet haben, oder, um in der lateinischen 
Welt zu bleiben, wie die Juristen aus den traditionellen 
Gepflogenheiten primitiver Stämme die abstrakten 
Prinzipien eines Rechtes zu entwickeln verstanden, wel- 
ches die kultiviertesten Völker beherrscht. Diese Re- 
ligion ist nicht mehr lediglich, wie die des alten Roms, 
ein Sammelsurium von propitiatorischen, Abwehr- und 
Sühneriten, die von Bürgern zum Besten des Staates 
vollzogen werden müssen : sie will jetzt allen Menschen 
eine Erklärung des Universums darbieten, aus der eine 
bestimmte Regel des Verhaltens folgt, und die den 
Zweck des Daseins in das Jenseits verlegt. Sie steht 



Das Ende des römischen Heidentums 



243 



dem Kultus, welchen Augustus zu restaurieren ver- 
sucht hatte, femer als dem Christentum, das sie be- 
kämpft. Die beiden feindlichen Religionen bewegen 
sich in derselben intellektuellen und moralischen 
Sphäre 2^, und tatsächlich geht man in dieser Zeit 
ohne Erschütterung und ohne Bruch von der einen 
zur anderen über. Bei der Lektüre von langen 
Werken der letzten lateinischen Schriftsteller, eines 
Ammianus Marcellinus, eines Boethius, oder auch 
der Panegyriken der offiziellen Redner ^o haben die 
Gelehrten sich bisweilen fragen können, ob ihre 
Autoren Heiden oder Christen waren, und die den 
Göttern ihrer Ahnen treu gebliebenen Glieder der rö- 
mischen Aristokratie unterschieden sich in der Zeit 
eines Symmachus und eines Praetextatus weder in 
ihrem Denken noch in ihrer Sittlichkeit wesentlich von 
den Anhängern des neuen Glaubens, die mit ihnen zu- 
sammen im Senate saßen. Der religiöse und mystische 
Geist des Orients hatte nach und nach die ganze Ge- 
sellschaft durchdrungen und alle Völker auf ihre Ver- 
einigung in dem Schöße einer universalen Kirche vor- 
bereitet. 



16 



ANMERKUNGEN 

I. KAPITEL 

ROM UND DER ORIENT 

1. Renan, LAntichrisU S. 130. 

2. Krumbacher {Byzant. 2^itschr, XVI, 1907, S. 710) be- 
merkt zu der hier von mir vertretenen Anschauung: „In ahn* 
lieber, nur etwas ausführlicherer Weise war dieser Gedanke 
(der Überflügelung des Abendlandes durch die auf allen Kul- 
turgebieten vordringende Regsamkeit der Orientalen) kurz vor- 
her in meiner Skizze der byzantinischen Literatur {Kultur der 
Gegenwart I, 8 [1905] S. 244 — 250; 2. Aufl. [1907] S. 246 
— 253) auseinandergesetzt worden; es ist ein erfreulicher und 
bei dem Wirrsal widerstreitender Doktrinen tröstlicher Beweis 
für den Fortschritt der Erkenntnis, daß zwei von ganz ver- 
schiedenen Richtungen ausgehende Diener der Wissenschaft 
sich in so wichtigen allgemeinen Fragen so nahe konmien»*^ 

3. Vgl. Komemann, Ägyptische Einflüsse im Römischen Kai^ 
serreich {Neue Jahrhb, ßlr das klass. Altertum H^ 1898, S. 118 ff.) 
und Otto Hirschfeld, Die kaiserlichen Verwcdtungsheamten^ 2. Aufl^ 
S. 469. 

4. Vgl., was Cicero von der alten römischen Herrschaft sagt 
{De off. n, 8): Hlud patrocinium orhis terrae verius quam imperium 
poterat nominari, 

5. O. Hirschfeld, a. a. O., S. 53, 91, 93 usw.; cf. Mitteis» 
Reichsrecht und Volksrecht in den östlichen Provinzen^ S. 9, Anm. 2 
usw. Verschiedene Einrichtungen sind auf diese Weise von 
den alten Persem bis zu den Römern gelangt, vgl. Kap. VI, 
Anm. 5. 



Rom und der Orient 



245 



6. Rostovtzew, Der Ursprung des Kolonats {Betträge 2ur alten 
Gesch. I, 1901), S. 295; Haussoullier, Histoire de Milet et du 
Dtdymeiony 1902, S. 106. 

7. Mitteis, Reichsrecht und Volksrecht in den östlichen Provinzen^ 
1891, S. 8ff. 

8. Mommsen, Gesammelte Schriften 11 (1905), S. 366: Seit 
Diocletian übernimmt der östliche Reichsteil^ die partes Orientis, 
auf allen Gebieten die Führung, Dieser späte Sieg des Hellenismus 
über die Lateiner ist vielleicht nirgends auffalliger als auf dem Ge- 
biete der juristischen Schriftstellerei, 

9. De Vogü6 et Duthoit, D Architecture civile et religieuse de 
la Syrie centrale^ Paris 1866 — 77. 

10. Dieses Ergebnis ist vor allem den Untersuchungen von 
Strzygowsky zu verdanken, doch können wir hier nicht auf 
die Kontroversen eingehen, die seine Veröffentlichungen ver- 
anlaßt haben: Orient oder Rom, 1901 ; Hellas in des Orients Um'- 
armung, München 1902, und namentlich Kleinasien, ein Neu- 
land der Kunstgeschichte, Leipzig 1903 (vgl. die Rezensionen 
von Ch. Diehl, Journal des Savants, 1904, S. 236 flf. =« J^tudes 
fysantines, 1905, S. 336ff.; Gabriel Millet, Revue archSoL, 1905, 
I, S. 93 ff.; Marcel Laurent, Revue de Plnstr. publ. en Belgique, 
1905, S. 145 ff.); Mschatta, 1904 (vgl. unten Kap. VI, Anm. 12). 
Femer: vanBerchem und Strzygowsky, Amida, 19 10 (das Hei- 
matland der mittelalterlichen Kunst soll Mesopotamien sein). 
— Br6hier, Orient ou Byzance? {Rev» archiol, 1907, II, S. 396 ff.) 
orientiert kurz über den Stand der Frage. Vgl. jetzt Gabriel 
Millet, Manuel dart bysantin, 19 13. 

11. Vgl. auch Plinius, Kpist, Traian. 40: Architecti tibi (in 

Bithynien) deesse non possunt cum ex Graecia etiam ad 

nos (nach Rom) venire soliti sint. — Unter den Namen von Ar- 
chitekten, welche die lateinischen Inschriften erwähnen, läßt 
eine große Anzahl auf griechische oder orientalische Herkunft 
schließen (cf. Ruggiero, Dizion. epigr. s. v. Architectus), trotz der 
Wertschätzung, die ihr hervorragend nützliches Gewerbe alle- 
zeit in Rom genoß. 

12. Die Frage nach den künstlerischen und industriellen 



24.6 Anmerkungen 

Einwirkungen, welche der Orient in der römischen Zeit auf 
Gallien ausgeübt hat, ist oft angeschnitten — namentlich von 
Courajod {Legons du Louvre I, 1899, S« ^^5» 3^7 ff«) — ^^t 
aber noch nie in ihrem ganzen Umfange gründlich behandelt 
Michaelis hat ihr kürzlich anläßlich einer im Stil der perga- 
menischen Schule ausgeführten Statue des Metzer Museums 
einen anregenden Artikel gewidmet {Jahrbb. der Gesellsch, für 
Lothring, Gesch. XVn, 1905, S. 203 ff.). Er erklärt durch den 
Einfluß Marseilles in Gallien und die alten Beziehungen die- 
ser Stadt zu den Staaten des hellenischen Asiens den erheb- 
lichen Unterschied, der die am Oberrhein aufgefundenen Bild- 
werke, wo die italischen Legionen als Kulturträger wirkten, 
von den auf der anderen Seite der Vogesen zutage geforderten 
trennt. Diese Feststellung ist außerordentlich wichtig und fol- 
genreich. Aber Michaelis betont dabei m. E. zu ausschließlich 
die Vermittlerrolle der massaliotischen Händler, welche auf 
der alten „Zinnstraße*' nach Britannien und auf der alten „Bem- 
steinstraße'* nach Germanien zogen. Die asiatischen Kauf leute 
und Handwerker haben sich nicht von einem einzigen Punkt 
aus verbreitet Im ganzen Rhönetale hatten sich die Auslän- 
der zahlreich angesiedelt: Lyon war eine halb hellenisierte 
Stadt, und wir kennen die Beziehungen zwischen Arles und 
S)T:ien, Ntmes und Ägypten usw. Wir werden bei der Be- 
sprechung der Kulte dieser Länder noch darauf zurückkom- 
men (siehe S. 198, 125 f.). 

1 3. Selbst im Schöße der Kirche ist der lateinische Okzi- 
dent im vierten Jahrhundert dem griechischen Orient noch 
untergeordnet, der ihm seine dogmatischen Probleme aufnö- 
tigt (Hamack, Mission und Ausbreitung^ 11', S. 283, Anm. i). 

1 4. Die heiligen Formeln sind gesammelt von Alb. Dieterich, 
Eine Mitkrasliturgie y S. 212 ff. Er fügt noch hinzu AoiT) COi 
^Ocipic TÖ ipuxpöv libujp, Archiv für Religionswissensch.y Bd.VJULl, 
1905, S. 504, Anm. I (vgl. unten, Kap. IV, Anm. 93). — Von 
den für die orientalischen Kulte wichtigsten Hymnen sind die 
zu Ehren der Isis zu erwähnen, die auf der Insel Andros (Kai- 
bel, £pigr.y 4028) und sonst (cf. Kap. IV, Anm. 6) gefunden. 



Rom und der Orient 



247 



wurden. Fragmente von Hymnen zu Ehren des Attis sind von 
Hippolyt aufbewahrt, Philosoph.Y, 9, S. 168 ff. Die sogenann- 
ten orphischen Hymnen (Abel, Orphica^ 1 883), die aus ziem- 
lich später Zeit stammen und wahrscheinlich in Kleinasien 
verfaßt sind, scheinen gleichwohl nicht viele orientalische Be- 
standteile zu enthalten (cf. Maas, Orpheus , 1895, S. 173 ff.), 
aber nicht dasselbe gilt von den gnostischen Hymnen, von 
denen wir sehr lehrreiche Bruchstücke besitzen. Vgl. mein 
Werk: Textes et monuments figuris relatifs aux mysthres de Mithra 
{im folgenden zitiert als: Mon, My st, Mithra) I, S. 313, Anm. i. 
15. Über die Nachahmungen im Theater vgl. Adami, De 
poetis scen. Graecis hymnorum sacrorum imitatorihus^ 1 90 1 . Wünsch 
hat den liturgischen Charakter eines Gebetes an Asklepios 
nachgewiesen, welches von Herondas in seine Mimiamben ein- 
geflochten wurde {Archwfür Religionsimss.Yll, 1904, S. 95 ff.). 
Schermann, Griechische Zauberpapyri und das Gemeinde^ und Dank'- 
gebet im L Klemenshrief (Texte und Unters. XXXIV) vergleicht 
gewisse Formeln der Papyri mit christlichen Gebeten. Reitzen- 
stein und Wendland, Nachrichten der Ges. der Wiss. Göttingen 
19 10, S. 325 ff. (ein in die christliche Liturgie übergegangenes 
hermetisches Gebet). Dieterich hat in einem magischen Pa- 
pyrus zu Paris einen erweiterten Auszug aus der mithrischen 
Liturgie zu entdecken gemeint (vgl. unten ^ Kap. VI, Biblio- 
graphie). — Aber alles dies will sehr wenig besagen, wenn 
man an die riesige Masse von liturgischen Texten denkt, die 
verloren gegangen sind, und selbst hinsichtlich des alten Grie- 
chenlands sind wir über diese heilige Literatur sehr schlecht 
informiert: vgl. Ausfeld, De Graecorum precaiionihus ^ Leipzig 
1 903 ; Ziegler, De precationum apud Graecos formis quaestiones 
selectaey Breslau 1905; H. Schmid, Veter es philosophi quomodo 
judicaverint de precihus^ Gießen 1907. 

1 6. Z. B. den Hymnus, „welchen die Magier sangen" über 
das Aussehen des höchsten Gottes, und dessen Inhalt wieder- 
gegeben wird von Dio Chrysostomus, Orat» XXXVI, § 39 (cf. 
Mon. Myst. Mithra I, S. 298; II, S. 60). 

1 7. Ich denke an die Hymnen des Kleanthes (von Arnim, 



248 Anmerkungen 

Stotc. fragm, I, Nr. 527, 537), an manche Stellen bei Marc 
Aorel, nnd auch an den feierlichen Verzicht des Demetrios^ 
bei Seneca, De Provid, V, 5, der überraschende Ähnlichkeit 
mit einem der berühmtesten christlichen Gebete besitzt, dem 
Suscipe des heiligen Ignatius, welches das Buch der Exercitia 
spiritualia beschließt (Delehaye, Les ligendes hagtographiques^ 
1905, S. 170, Anm. i). Reitzenstein und Wendland (a.a. O^ 
haben nachgewiesen, daß die gemeinsame Quelle eines in 
den ApostoL Konstitutionen und bei Firmicus Matemus vor» 
konunenden Gebetes stoisch ist — In demselben Zusammen^ 
hange ist das Gebet zu erwähnen, das im Asclepius übersetzt 
vrird, und dessen griechischer Text kürzlich auf einem Papy- 
rus wiedergefunden wurde (Reitzenstein, Archw für Religions^ 
wiss. Vn, 1904, S. 395). 

18. Ich habe diesen Punkt in meinen Mon, MysL Mithra 
(vgl. Anm. 14) näher behandelt und entlehne diesem Werke 
(Bd. I, S. 2 1 ff.) einen Teil der nachfolgenden Bemerkungen» 

19. Man hat bezweifelt, daß der Traktat TTepi ttic Zupiric 
öeoO von Lucian sei, aber mit Unrecht; cf. Maurice Croiset, 
Essai sur Lucien^ 1882, S. 63. 204. Ich habe das Glück, mich 
zugunsten seiner Authentizität auf das gewichtige Urteil Tlu 
Nöldekes berufen zu können, der mir hierüber schrieb: Ich 
habe jeden Zweifel daran schon lange aufgegeben .... Ich habe 
lange den Plan gehabt^ einen Kommentar zu diesem immerhin recht 
lehrreichen Stück zu schreiben und viel Material dazu gesammelt. 
Aus der Annahme der Echtheit dieser Schrift ergibt sich mir^ daß 
auch das TTcpl dcTpOVO)Lliac echt ist, 

20. Vgl. Frisch» De compositione libri Plutarchei qui inscribi'* 
tur TTepi ^Iciboc, Leipzig 1906, und die Bemerkungen von 
Neustadt, Berl PhiloL Wochenschr, 1907, S. 1 1 17. Femer Scott 
Moncraft, Journal ofhellenic studies XDC (1909) p. 8 1 ; Pannen- 
tier, Mhnoires Acad. Belgique 19 13 (im Druck). — Eine der 
Quellen Plutarchs sind die loubaiKd des Apion. 

21. Siehe Kap. VE, S. 233 f. 

22. Vgl. Mon. Myst, Mithra I, S. 75. 219. — Für Ägypten 
siehe Georges Foucart, Üart et la religion dans Vancienne 



Warum die orientalischen Kulte sich ausgebreitet haben 2 40 

J^gypte (Revue des idies^ 15. Nov. 1908), S. 23 ff. des Separat- 
abdrucks. 

23. Die erzählende und symbolische Plastik der orientali- 
schen Kulte bereitet die des Mittelalters vor, und sehr viele 
Bemerkungen des schönen Buches von £. Male über ÜArt 
du XIII* sücle en France (deutsch von L. Zuckermandel: Die 
kirchliche Kumt des ij. Jahrhunderts in Frankreich, Studie über 
die Ikonographie des MA und ihre Quellen, Straßburg 1907) 
treffen auch für die des ausgehenden Heidentums zu. 



n. KAPITEL 

WARUM DIE ORIENTALISCHEN KULTE SICH 
AUSGEBREITET HABEN 

Bibliographie. — Boissier, La Religion romaine d^ Auguste 
aux Antoninsy besonders Buch 11, Kap. 11. — Jean R6ville, 
La Religion ä Rome sous les Sevires, Paris 1886. Deutsche 
Ausgabe von G. Krüger: Die Religion zu Rom unter den Severem^ 
Leipzig 1888. — Wissowa, Religion und Kultus der Römer y 
München 1902, S. 71 ff., 289 ff. 2. Aufl. 191 2, S. 87 ff., 348 ff. 
— Samuel Dill, Roman society from Nero to Marcus Aureliusy 
London 1905. — Bigg, The Churclis task under the Roman Em^- 
pire^ Oxford 1905. — C. H. Moore, Harvard studies in Classic, 
PhiloL XI (190 1), S. 47 ff. Transactions 0/ Americ, Philolog, assoc. 
XXXVin (1908), S. 109 ff. (Verbreitung in Britannien, Ger- 
manien und Gallien). — Toutain, Les cultes paiens dans Vem^ 
pire romain, I*" partie, 1 11: Les cultes orientaux. Paris 19 12 
[cf. Rev, hist, reh LXVI (i 9 1 2), S. 1 2 5 ff,). — Vgl. auch Gruppe, 
Griech, Mythologie und Religionsgeschichte y 1906, S. 15 19 ff. — 
Wendland, Die hellenistisch^römische Kultur in ihren Beziehungen 
zum Judentum und zum Christentum , Tübingen 1907, S. 54 ff. 
2. — 3. Aufl. 1 9 1 2, S. 96 ff. — Reitzenstein, Die hellenistischen 
Mysterienreligionen^ Leipzig und Berlin 19 10, S. 8 ff. Die Mo- 
nographien werden wir bei jedem der Kulte anfuhren, auf die 
sie sich beziehen. 



2 CO Anmerkungen 

1. Milanges Fridiricq, Bruxelles 1904, S. 63 ff. {Pourquot le 
latin fut la seule langue liturgique de VOccidm()\ vgL die Be*- 
merkungen von Lejay, Rev, d*htst. et de litt, relig, XI (1906), 
S. 370. 

2. Holl, Volkssprache in Kleinasien [Hermes^ 1908, S. 2 50 ff.). 

3. Das Buch von Hahn, Rom und Romanismus im griechisch* 
römischen Osten bis auf die Zeit Hadrians (Leipzig 1906) be^ 
schäftigt sich in der Hauptsache mit einer früheren Periode 
als der von uns behandelten. Für die spätere Zeit besitzen 
wir nur eine provisorische Skizze desselben Verfassers, Roma-' 
nismus und Hellenismus bis auf die Zeit Justinians (Philologus, 
Supplbd. X), 1907. 

4. Cagnat, Le commerce et la propagalion des religions dans 
le monde romain (Paris 1909). 

5. Cf. Tacitus, Ännalen XIV, 44: Nationes in familiis habe» 
mus quibus dwersi ritus, externa sacra aut nulla sunt, 

6. S. Reinach, Epona (aus Rev. archiol), 1895. 

7. Die Theorie von der Entartung der Rassen ist nament- 
lich vertreten von Stewart Chamberlain, Die Grundlagen des 
jg. Jahrhunderts y 3. Aufl., München 1901, S. 296 ff. — Die 
Idee einer rückschreitenden Auslese, der Ausrottung der Besten^ 
ist bekanntlich von Seeck verteidigt, Geschichte des Untergangs 
der antiken Welt, der ihre religiösen Konsequenzen Bd. II 
(1901) S. 344 andeutet und sie in Bd. III (1909) auseinan- 
dersetzt 

8. Apul., Metam. XI, 14 ff. Vgl. die Vorrede des Verfassers, 
S. X ff., und Reitzenstein, Hellenist, Mysterienreligionen (Leipzig 
und Berlin 19 10), S. 98. — Schon Manilius redet von gött- 
lichen Gestirnen (TV, 920, vgl. II, 125): Ipse vocat nostros ani" 
mos ad sidera mundus* 

9. CatulL63 [cf.v.Wilamowitz,Ärnw^jXrV(i879),S. I94ff.]; 
Livius XXXVn, 9, 9; Cic, De legib, II, 9, 22. — Ebenso in 
dem Kultus der Dea Syra vgl. unten Kap. V, Anm. 39. 

la Hepding, Attis^ S. 178 f., 187. 

1 1. Der enge Zusammenhang zwischen juristischen und re- 
ligiösen Ideen bei den Römern hat selbst in ihrer Sprache 



Warum die orientalischen Kulte sich ausgebreitet haben 251 

zahlreiche Spuren hinterlassen. Eine der merkwürdigsten ist 
die doppelte Bedeutung des Wortes, supplicium , das zugleich 
eine an die Götter gerichtete Bitte (franz. supplicatiori) und eine 
von der Sitte, dann vom Gesetz geforderte Strafe (franz. supplice) 
bezeichnet Über die Entwicklung dieses Doppelsinnes ist die 
neuerdings gemachte Bemerkung von Richard Heinze zu ver- 
gleichen, Archiv fUr laU Lexikographie XV, S. 90 flf. Die Se- 
mantik ist oft Kulturgeschichte. 

12. R^ville, a,a, O., S. 144. Deutsche Ausgabe S. 141. 

1 3. Über die Ekstase in den Mysterien im allgemeinen vgl. 
Rohde, Psyche y 2. Aufl., S. 315 — 19; De Jong, Das antike My^ 
sterienwesen, Leiden 1909 (vgl. oben S. XDC, Nr. 7): Mon.Mysi* 
Miihra I, S. 323. 

14. Diese Beobachtung hat schon Firmicus Matemus ge- 
macht. De errore pro/, relig. c. 8. Über die Entwicklung der 
Auferstehungsidee in den semitischen Kulten vgl. Graf Bau- 
dissin, Adonis und Esmun, Leipzig 191 1. 

1 5. Für Babylonien vgl. Strab., XVI, i, § 6 und unten Kap.V, 
Anm. 51; für Ägypten ders, XVII, 21, § 46. Aus der sehr 
interessanten Schilderung, welche Otto (Priester und Tempel^ 
Bd. n, S. 211 ff., 234) von der Wissenschaft der ägyptischen 
Priester in der hellenistischen Epoche entwirft, geht hervor, 
daß sie, obwohl sie keine Fortschritte mehr machte, nichts- 
destoweniger sehr beachtenswert blieb. 

16. Strab., a. Ä. 0,\ *AvaTi6^aci öfe tijj 'EpiLirj iräcav Tf|v 
TOiauTTiV cocpiav; Plin., Hist, nat. VI, 26, § 121: (Belus) in- 
ventorfuit sideralis scientiae; cf. Solinus, 56, § 3 ; Achill., Isag, i 
{Maaß, Comm. in Arat,^ S. 27): Br|Xiu t^v eöpeciv dvaG^vrec 
Erinnern wir uns daran, daß der Codex Hammurabi als Werk 
Marduks bezeichnet wird. — Überhaupt sind die Götter die 
Urheber aller der Menschheit förderlichen Erfindungen; vgl. 
Reitzenstein, Poimandres, 1904, S. 123; Deißmann, Licht vorn 
Osten, S. 91 ff. Ebenso im Abendlande: CIL VII, 759 « Bü- 
cheier, Carm. epigr., 24: (Dea Syria) ex quis muneribus nasse 
contigit deos etc. Femer Plut, Crassus 17. — ,, Religion im 
Sinne des Orients ist die Erklärung alles dessen was ist, also 



252 Anmerkungen 

eine Weltauffdssung**^ (Winckler, Himmelshüd der Babylomer^ 
1903, S. 9). 

17. Mon. MysL Mitkra I, S. 312. — Der Manichäismus 
brachte ebenfalls aas Babylonien ein ganzes kosmologisches 
System mit St. Augustinus tadelt an den Büchern dieser 
Sekte, daß sie voll von langen Betrachtungen und absurden 
Fabeln über solche Dinge seien, die mit dem Heil nichts 
zu tun hätten; vgl. meine Recher ches sur le manichiismey I» 
1908, S. 53. 

1 8. Cf. Porphyr., EpisL Aneb.^ 1 1 ; Jambl., De mysL U, 1 1 . 
Über die xvdicic 6€o0 in den orientalischen Religionen vgL 
die lehrreichen Untersuchungen von Ed. Norden, Agnostos 
Theos, Leipzig und Berlin 191 3, S. 95 ff., 109. 

19. Dieser ehrbare Charakter der römischen Religion ist 
vortrefflich beleuchtet von G. Boissier {cu a. O. I, 30 flf.; 
II, 373 ff.). VgL auch die Bemerkungen von Bailey, Religion. 
0/ ancient Rome^ London 1907, S. 103 ff. 

20. Varro bei Augustinus, De ctv, Dei IV, 27; VI, 5; vgL 
Varro, Antiqu. rerum divin,, ed. Aghad, S. 1 45 ff. Der Unter- 
schied zwischen der Religion der Dichter, der der Gesetz- 
geber und der der Philosophen ()iu6iKÖv, vo|lii|liöv, 9ucik6v) 
geht auf Posidonius zurück. £r ist wiederholt von Actius 
(Diels, Doxogr^ 295, 10, vgL Wendland, Archiv för Gesch. der 
Philosophie I, 200ff.); Cic, Nat. deor. I, 77; Dio Chrys., Or. 
Xn, p. 228; Plutarch, Amatorius 18, S. 763 C. 

21. Luterbacher, Der Prodi gienglaube der Römer, Burgdorf 
1904. 

22. Juvenal U, 149; cf. Diodor I, 93, § 3. — Ebenso weist 
Plutarch, wenn er von den Qualen im Jenseits redet [Non 
posse suaviier vivi, c. 26, S. 1 104 C — E; Quo modo poetas aud., 
c. 2, S. 17 C — E; ConsoL ad Apollon,, c. 10, S. 106F), darauf 
hin, „daß dies für die meisten seiner Zeitgenossen Ammen- 
märchen sind, die nur noch Kinder schrecken können'^ 
(Decharme, Traditions religieuses chez les Grecs, 1904, S. 442). 

23. Aug., Civ. Dei VI, 2; Varro, Antiqu. ed. Aghad, 141: 
Se timere ne (dii) pereant non incursu hosHli^ sed civium neglegenlia* 



Warum die orientalischen Kulte sich ausgebreitet haben 253 

24. Ich habe diesen Punkt ausgeführt in meinen Mon, Myst, 
Mithra I, S. 279 fF. Vgl. die deutsche Ausgabe von Gehrich: 
Die Mysterien des Mithra^ 2. Aufl. (191 1), S. 84 fF. 

25. In Griechenland haben sich die orientalischen Kulte 
weniger als in jedem anderen Lande verbreitet, weil die hel- 
lenischen Mysterien, namentlich die Eleusinischen, ähnliche 
Lehren verkündeten und zur Befriedigung der religiösen Be- 
dürfnisse ausreichten. 

26. Die Entwicklung des „Reinigungsrituals*' ist in ihrem 
ganzen Umfange ausführlich dargestellt von Famell, The evo^ 
Jution 0/ religion, 1905, S. 88 flf. 

27. Wir werden bei der Besprechung des Tauroboliums 
hierauf zurückkommen, Kap. III, S. 79 ff. 

26. Wir können hier nicht bei den verschiedenen Formen 
verweilen, welche diese Kathartik der orientalischen Mysterien 
annimmt: oft sind diese Formen sehr primitiv geblieben, und 
die Idee, welche ihnen zugrunde liegt, scheint noch durch, 
so wenn Juvenal (VI, 521 ff.) uns den Gläubigen der Magna 
Mater zeigt, wie er sich seiner schönen Kleider entledigt und 
sie dem Archigallus einhändigt, um alle Sünden des Jahres 
zu sühnen («/ totum semel expiet annum). Die Idee der mecha- 
nischen Übertragung der Befleckung durch die Fortgabe der 
Kleider ist bei den Wilden sehr häufig; vgl. Farneil, a,a. O^ 
S. 117, und auch Frazer, Golden Bough I^ S. 60. 

29. Wiedergeburt: T>\eiieiTic\ Eine Mithrasliturgie, S. 157 ff.; 
Hepding, Attis, S. 104 ff. Reitzenstein, Hellenist. Mysterienreli'* 
gionen (19 10), S. 26 und Anm. — Cf. Frazer, Golden Bough 
m», S. 424 ff. 

30. Vgl. August, Civ. Dei X, 28: Confiteris tarnen (sc. Por- 
phyrius) etiam spiritalem animam sine theurgicis artibus et sine 
teletis quibus frustra discendis elaborasti, posse continentiae virtuie 
purgari (cf. ibid, X, 23 und unten Kap. VIII, Anm. 24). 

31. Wir können dieses hochinteressante Thema hier nur 
oberflächlich berühren. Der Traktat De abstinentia des Por- 
phj^us würde uns gestatten, es mit einer Ausführlichkeit zu 
behandeln, die bei dieser Art von Studien nur selten möglich 



254 Anmerkungen 

ist. Cf. Farnell, a.a, O., S. 154 ff. Nicht nur das Fleisch wird 
verboten. Über die Enthaltung vom Brot in Kleinasien und 
Syrien cf. Hepding, Aitisy S. 156, Anm. 3; Pauli -Wissowa, Real- 
enzykL s.v. Hadaranes. — Enthaltung vom Wein cf. CILYIH, 
10832. 16752. Sie findet sich im Manichäismus wie später 
im Islam wieder. 

32. Über die dHo|LioXÖTi1cic und die Sühninschriften in den 
Kulten Kleinasiens vgl. Ramsay, Cüüs, I, S. 134. 152, und 
Chapot) La province romaine (TAsiCy 1904^ S. 509 ff. Femer 
Keil und von Premerstein, Zweite Reise in Lydien^ Denkschr. 
Akad. Wien, 191 1, Nr. 198. 206. 208. 

^^. Menander bei Porphyr., De ahstin. II, 15; cf. Plutarch, 
De Superstit. 7, S. 168D; TertulL, De Paenit., c. 9. — Über 
die heiligen Fische der Atargatis vgl. unten Kap. V, S. 135 f. 
— Bei Apuleius {Met. VIII, 28) erhebt der Gallus der Göttin 
schwere Anklage gegen sich wegen seines Vergehens und 
straft sich selbst, indem er sich geißelt Vgl. Gruppe, Grieclu 
Myth.y S. 1545; Farnell, EvoL 0/ ReL, S. 55. — Das Sünden- 
bekenntnis ist übrigens bei den Semiten eine alte religiöse 
Tradition, die bis auf die Babylonier zurückgeht; cf. Lagrange^ 
Religions simit., S. 225 ff. Schrank, Babylonische Sühnriten, S. 46. 
In Alexandrien verzeichneten die zum Tode Verurteilten da» 
Geständnis ihres Verbrechens im Tempel der Artemis 'AtöOii, 
offenbar um Verzeihung dafür zu erlangen. Es war eine Art 
^eÄchie in articulo mortis^ vgLCrusius, Paroemiographtca (SBBayr. 
Akad. 19 10, S. III ff.). 

34. Juven. VI, 523 ff., 537 ff.; cf. Senec, Vit. heat. XXVI, 8. 

35. Liturgische Mahlzeiten im Kultus der Cybele: unten^ 
Kap. ni, S. 81 f. — in den Mithrasmysterien: Mon. Myst. 
Mithra I, S. 320 — in den syrischen Kulten: Kap. V, S. 136^ 
und Anm. 37; cf. im allgemeinen Hepding, Attis, S. 185 ff. 
In den Tempeln des Serapis: Mitteis-Wilcken, Papyruskunde I, 
S. 133, Nr. 99. 

36. Die fortschreitende Differenzierung der kirchlichen 
und weltlichen Funktionen ist bekanntlich nach Herbert 
Spencer ein Merkmal der religiösen Entwicklung. Rom ist 



Warum die orientalischen Kulte sich ausgebreitet haben 255 

in dieser Beziehung hinter dem Orient sehr weit zurückge- 
blieben. 

37. Ein wichtiges Ergebnis der Forschungen Ottos {a,a.O) 
ist der Nachweis des Gegensatzes, der in Ägypten seit der 
Ptolemäerzeit zwischen der hierarchischen Organisation des 
ägyptischen Klerus und der fast anarchischen Autonomie der 
griechischen Priester bestand. Vgl. das S. i lof. über denKle- 
rus der Isis und S. 63 über die Gallen Gesagte. — Über die 
mithrische Hierarchie cf. meine MysÜres de Mitkra^ 2. Aufl., 
1902, S. 138 f. (deutsche Ausgabe von G. Gehrich: Die My^ 
sterien des Mithra^ Leipzig 1903, S. 122 f.). 

38. Die Entwicklung der Vorstellung vom Heil und vom 
„Heiland" seit der hellenistischen Epoche ist von Wendland 
behandelt (Zu)TT]p, Zeitschr, förneutesiamentLWtssensck.Yj 1904, 
S. 335 ff.). Vgl. oben S. XII, Anm. 2. — Über die mater deum 
salutaris cf. unten Kap. III, Anm. 25. 

39. Wir werden die beiden Hauptlehren, die der ägypti- 
schen Kulte (Identifikation mit Osiris, dem Gott der Toten) 
und die der S3nrischen und persischen Kulte (Himmelfahrt) 
noch näher erörtern. 

40. Cumont, Fatalisme astral (Revue d'hist. et de litt, relig., 
191 2, S. 533 ff.). 

41. Das Schicksal im Jenseits stand damals im Mittelpunkt 
des Denkens. Ein interessantes Beispiel für die treibende 
Kraft dieser Sorge liefert uns Amobius. Er bekehrte sich zum 
Christentum, weil er seiner eigenartigen Psychologie gemäß 
fürchtete, daß seine Seele stürbe, und weil er glaubte, daß 
Christus allein sie vor der endlichen Vernichtung bewahren 
könnte; vgl. Bardenhewer, Gesch, der altkirchL Literatur II 
(1903), S. 470. 

42. Lucretius hegt schon diese Überzeugung (II, 11 70 ff.). 
— Sie verbreitet sich gegen das Ende des Imperiums, je 
mehr die Schicksalsschläge sich häufen, cf. Rev, de philologie^ 
1897, S. 152. 

43. Die Idee, daß das Leben eine vom Schicksal auf- 
erlegte Arbeit ist, während der Gläubige die Hoffnung auf 



256 Anmerkungen 

ein besseres Dasein hat, gelangt in merkwürdiger Weise zum 
Ausdruck in einer neuerdings in Camuntum aufgefundenen 
Inschrift, die mir Herr Prof. Bormann mitteilt: coniugi incom" 
parabüi quae dum explessei fati sui lahorem meUora sperans vi' 
tarn functa est, vgL Julian., Caesares^ fin.: juexa xi^c äTCtOflc 
dXiriboc. 

44. Boissier, ReL rom. P, S.359; Friedländer, Sittengesch. I*, 
S. 500 ff. 



m. KAPITEL 
KLEINASIEN 

Bibliographie. — Jean R6ville, La religion ä Ronu sous 
les SMreSj S. 62 ff. (deutsche Ausgabe S. 59 ff.). — Drexler 
in Röscher, Lexikon der MythoL^ s.v. „Meter**, Bd. II, 2932 ff. 

— Wissowa, Religion und Kultus der Römer ^ S. 263 ff., 2. Aufl. 
S. 31 7 ff., wo man auch die ältere Literatur verzeichnet fin- 
det — Showermann, The Greai Mother 0/ the Gods (Bulletin 
of the University of Wisconsin Nr. 43), Madison 1901. — 
Hepding, Aiiis, seine Mythen und sein Kulty Gießen 1903. 

— Dill, Roman society from Nero to Marcus AureUus^ London 
1905, S. 547 ff. — Gruppe, Griech. Mythol.^ 1906, S. 1521 ff. 

— Eisele, Die phrygischen Kulte und ihre Bedeutung för die 
griechisch-römische Welt [Neue Jahrbb. für das klass. Altertum 
XXni] 1909, S. 620 ff. — Toutain a. a. O. [oben S. 249] 
S. 73 ff. — Frazer, Adonisj Attis, Osiris, 1906, S. 163 ff. — 
Henri Graillot sammelt seit langen Jahren die Denkmäler des 
Cybelekultus für eine umfassende Publikation, die in Bälde 
erscheinen soll. — Zahlreiche Bemerkungen über die phiy- 
gische Religion findet man in den Büchern und Artikeln von 
Ramsay, namentlich in Cities and bishopries of Phrygia, 1895 ff., 
und Studies in the Eastem Roman prvoinces^ 1 906. 

1. VgL Ernst Schmidt, Kultübertragungen ^ Gießen 1909, 
S. I ff. 

2. Der Tempel auf dem Palatin wird auf Münzen wieder- 



Kieinasien 257 

gegeben, die seine Wiederherstellung unterstützen, cf. Esdaile, 
RSmtsche Mttteil. XXIII, 1908, S. 368 ff. Über die Devotion 
der Aristokratie gegenüber der Großen Mutter wegen des 
vorausgesetzten trojanischen Ursprungs der Römer vgl. Auri- 
genfma, La protezione speciale della gran Madre Idaea per la no* 
biltä romana (Boll. archeol. comm. XXXVII, 1909, S. 31 ff.). 

3. Arrian, Fr. 30 {FGH lU, S. 592). Vgl. meine Studia 
Ponticay 1905, S. 172 ff., und Statins, AchilL II, 345: Phtygas 

Jucos vetiiasque solOy procumbere pinus', Virg., Aeneis^ 

IX, 85 ff. 

4. Löwe; vgl. S. Reinach, Mythes^ cultes eic, I, S. 293. — 
Sollte der Löwe, der seit uralter Zeit in Kieinasien dargestellt 
wird, wie er einen Stier oder andere Tiere zerfleischt, viel- 
leicht das heilige Tier Lydiens und Phrygiens bedeuten, wel- 
ches das schützende Totem (ich gebrauche dieses Wort in 
seinem weitesten Sinne) der kappadokischen oder anderer 
Nachbarstämme besiegt? So hat man wenigstens analoge Grup- 
pen in Äg3^ten erklärt; vgl. Foucart, La mithode comparaHve 
et Phistoire des religtans^ 1909, S. 49. 70. 

5. TTÖTVia OripuJV. Über diesen Titel cf. Radet, Revue des 
Müdes anciennes, X (1908), S. iioff. Der älteste Typus der 
Göttin, eine geflügelte Figur, welche Löwen hält, ist durch 
Denkmäler bekannt, die bis auf die Epoche der Mermnaden 
{687 — 546 V. Chr.) zurückgehen. 

6. Cf. Ramsay, Cities and hishopries of Phrygia I, S. 7. 94 ff. 
Über die alte phrygische Religion siehe jetzt Eisele a. a. 0.\ 
cf. Georges Radet, CyhUe^ Bordeaux et Paris 1 909 ; Branden- 
burg, Les vesHges des plus anciens cultes en Phrygie [Revue de 
Thist des religions, LIX, 1909, S. i ff.]. 

q, Foucart, Le culte de Dionysos en Aitique (Aus den Mim, 
Acad. Inscr., Bd. XXXVII), 1904, S. 22 ff. — Die Thrakier 
scheinen auch in Kleinasien den Kultus des „Rittergottes*' 
ausgebreitet zu haben, der sich dort bis zur römischen Zeit 
erhielt, cf. Remy, Le Musie beige, XI (1907), S. 136 ff. 

8. CatuU, LXnL 

9. Die Entwicklung dieser Mysterien ist sehr gut von Hep- 

Cnmont: Die orientaL Religionen 17 



258 Anmerkungen 

ding dargelegt, S. 177 ffl (vgL Gnippe, Gr. MyÜUy S. 1544). 

— Ramsaj hat neuerdings Inschiiften von phrygischen Mjsten 
kommentiert, die durch die Kenntnis gewisser geheimer Zei-> 
chen (T^K^U)p) verbunden waren und gemeinsam heilige Mahle 
feierten ; cf. Siudies in the Eastem Roman promnces, 1 906, S. 346 ff^ 
und Journal 0/ helUnic siudies XXXII, 1912, S. 151 ff. VgL 
Reitzenstein, HelUmsL MysiericTtreligumen, S. 6. 65. 

10. Dig., XLVILI, 8, 4, 2: Nemo liberum servurnoe tnoüum 
stnentemoe casirare deheL VgL Mommsen, Straf rechte S. 637. 

11. Diodor, XXXVI, 6; cf. Plutarch, Marius, 17. 

12. Cf. Hepding, a, a, O., S. 142. 

13. Cf: Kap. VI, S. 165«: 

14. Wissowa, a, a, O., S. 291. 

1 5. Hepding, a. a. O., S. 1 45 fil VgL Pauly- Wissowa, Realenc. 
s. V. „Dendrophori'', V, Sp. 216 und SuppL, Sp. 225, s. v. 
„Attis". 

16. Cf. Tacit, Annales XI, 15. 

1 7. Diese Ansicht hat kürzlich Showermann vertreten, Clas^ 
sical Journal H (1906) S. 29. 

18. Frazer, The Golden Bough, IP, S. 130 ffl « Adams, AtHs, 
OsiriSy 1906, S. 174 ff. 

19. Hepding, S. 160 ff. VgL die zitierten Texte des Am- 
brosiaster in Revue d^hisL et de litt, reüg., Bd. VIQ (1903), 
S. 423, Anm. I. 

20. Hepding, S. 193. VgL Gruppe, S. 1541- 

2 1 . Über dieseVerbreitung vgL Drexler in Roschers Lexikon^ 
s. V. „Meter**, S. 918 ff ; Toutain a. a. O. 

22. Gregor von Tours, De glor. confess., c. 76. Cf. Passio 
S. Symphoriani in Ruinart, Acta sine. Ausg. von 1859, S. 125. 

— Das carpeniumy von dem diese Texte reden, findet sich, in 
Aürika wieder, cf. CIL VIII, 8457 und Graillot, Rev. archioL 
1904, 1, S. 353; Hepding, a. a. O. S. 173, Anm. 7. Im Gegen- 
satz dazu zeigt uns eine neuerdings in Pompeji entdeckte 
(noch unedierte) Freske die Statue der Großen Mutter auf 
einer Tragbahre stehend, welche die Träger soeben nieder- 
gesetzt haben. 



Kleinasien 2 SQ 

2^. GappeiTC ^ucTai toö GeoO cectüc^^vou | &Tai t«P 
\)\i\v i.K iröviüv ciüTTipia; cf. Hepding, a. a. O. S. 167. — Das 
Verscheiden des Attis hat aus ihm einen Gott gemacht (vgl. 
Reitzenstein, Potmandres, S. 93), und in ähnlicher Weise wer- 
den auch seine Gläubigen durch den Tod der Gottheit gleich 
werden. Die phrygischen Epitaphe haben oft den Charakter 
von Weihinschriften, imd die Gräber wurden anscheinend 
um den Tempel gruppiert; cf. Ramsay, StudieSy S. 56ff., 271 ff., 
passim, 

24. Perdrizet, BulL corr, hell, XIX (1905), S. 534 ff. Vgl. 
Strongf Journal of Roman studies I (1911), S. 17. 

25. Graillot, Maier deum salutaris in MHanges Cagnaty 1912, 
S. 214 ff. 

26. Wir kennen diese Giaubensvorstellungen der Saba- 
ziasten aus den Fresken der Praetextatus- Katakombe (cf. 
unten S. 77), und der Mercurius nunttus, der dort die abge- 
schiedene Seele führt, begegnet uns unter dem griechischen 
Namen Hermes neben Attis wieder (cf. Hepding, S. 203). — 
Die Inschrift CIL VI, 509 == Inscr. graec. XIV, 10 18, ist 
vielleicht zu ergänzen: 'Peiij, fEp^^] T€ T^v^OXtu; cf. CIL 
VI, 499. Hermes figuriert neben der Göttermutter auf einem 
Basrelief von Ushak, das Michon publiziert hat, Rev. des Studes 
anciennesy 1906, S. 185, Taf. 11. — Der thrakische Hermes 
wird bereits bei Herodot erwähnt; cf. Maury, Relig, de la Grhe 
m, S. 136; 

27. Außer Bellona-Mä, die der Cybele untergeordnet war 
(vgl. oben S. 65f.), und Sabazius, der ebensosehr jüdisches als 
phrygisches Gepräge trägt, gibt es nur noch einen einzigen 
kleinasiatischen Gott, der in der römischen Epigraphik eine 
Rolle spielt: der phrygische Zeus Brontön (Donnerer). Vgl. 
Pauly-Wissowa, Realencyc, s. v. und Suppl. I, Sp. 258. 

28. Cf. CIL VI, 499: Aittdt menotyranno invicto, „Invictus" 
ist das charakteristische Epitheton der solaren Gottheiten. 

29. P. Perdrizet, Mn {Bull, corr, hell. Bd. XX) 1896, Drexler 
in Roschers Lexikon^ s. v., Bd. 11, Sp. 2687 ff. 

30. CIL VI, 50 = Inscr. graec. XIV, 1018. 

17* 



«*» 



26o Anmerkungen 

31. Schürer, SBA Berlin, Bd. XHI (1897), S. 200 f. und 
mein Hypsistos (Suppl. Revue de Vlnstr.pubL en Belgique) i897* 

32. Der Ausdruck ist der Sprache der Mysterien entlehnt: 
die angeführte Inschrift stammt vom Jahre 370 n. Chr. Im 
Jahre 364 redet Agorius Praetextatus mit Bezug auf Eleusis 
von cuv^xovTa tö dvOpiUTreiov t^voc dTiiwraTa ^ucTrjpia (Zo- 
simus IV, 3, 2). Vorher bezeichnen die „chaldäischen Orakel** 
die intelligible Gottheit als ^rjTpa covixoMQa rä irdvxa (Kroll, 
De orac. Chaldaicis, S. 1 9). Das Wort wurde schon von Posi- 
donius angewandt, um das göttliche Band zu bezeichnen, 
welches die Welt zusammenhält, vgl. Sudhaus, Aetna, 230, 
Anm. S. 17. 132. 

33. Henri Graillot, Les dieux Tout^Piässants, CybUe et Attis 
(Revue archioL 1904, I), S. 331 flf. — Graillot neigt mehr zu 
der Annahme christlicher Beeinflussung, aber omnipotentes wird 
als liturgisches Epitheton im Jahre 288 n.Chr. gebraucht, und 
um dieselbe Zeit bedient Amobius (VII, 32) sich der Um- 
schreibung omnipotentia numina, um die phrygischen Gottheiten 
zu bezeichnen, in der Gewißheit, daß er von allen verstanden 
wird. Mithin mußte seine Gepflogenheit einem allgemeinen 
Brauch entsprechen, der aus einer weit früheren Zeit stammte. 
In der Tat findet man schon in Delos eine Weihinschrift 
All Ttjj 7rävTU)v KpaTOÖVTi Kai Mrixpi ^etaXili xfii TrdvTuiv 
KpaTÖucr) (Bull. corr. hell, 1882, S. 502, Nr. 25), die an den 
iravTOKpdruip der LXX denken läßt, und Graillot {a, a. O» 
S. 328, Anm. 7) erinnert bei dieser Gelegenheit mit Recht 
daran, daß Cybele auf gewissen Basreliefs mit dem Theos 
Hypsistos, d. h. dem Gotte Israels zusammengestellt wird; cf. 
Perdrizet, Bull, corr, hell. XXIH (1899), S. 598. — Über die 
Allmacht der syrischen Götter vgl Kap. V, S. 1 48 ff. 

34. Ich fasse hier das Ergebnis eines kurzen Berichtes über 
„Les myst^res de Sabazius et le judaisme*' zusammen, der in 
den Comptes Rendus Acad, Inscr,, 9. Febr. 1906, S. 63 ff. ver- 
öffentlicht ist. Vgl. Le Musie beige XIV, 19 10, S. 56 ff. und 
Eisele in Roschers Lexikon s. v. Sabazius. — Über den Ein- 
fluß des Judentums auf den M6nkultus cf. Sam Wide, Archiv 



Kleinasien 261 

ßir Religianswiss, 1909, S. 227. Beachte femer die merk- 
würdige Inschrift, welche veröflFentlicht wurde von Keil und 
V. Premerstein, Zweite Reise in Lydien^ 191 1, S. 1 10, Nr. 211: 
Etc Oeöc bt oupavoic |Li€Tac Mfjv oupdvioc ^€TdX1^ 5uva)Liic 
ToO dGavdTOu Oeoö. 

35. Vgl. meine Mon. MysL Mithra I, S. 333 f. — Die sehr 
alte Assimilierung von Cybele imd Anähita rechtfertigt bis 
zu einem gewissen Grade den Namen der persischen Ar- 
temis, welcher der erstgenannten irrtümlich beigelegt wor- 
den ist; cf. Radet, Rev, des itudes anciennes, X (1908), S. 157. 
— Die heidnischen Theologen haben Attis oft als den Ur- 
menschen betrachtet, dessen Tod die Schöpfung einleitet, und 
vergleichen ihn daher mit dem mazdäischen Gayomärt; cf. 
Bousset, Hauptprobleme der GnosiSj 1907, S. 184 fr. 

36. Prudent, Peristeph. X, loii f. 

37. Ihre Bedeutung ist durch eine von Schröder publizierte 
pergamenische Inschrift aufgehellt worden, Athen. Mitt,^ 1904, 
S. I52ff. » Dittenberger, Orientis gr, inscr. 764, 27 Anm. 36; 
cf. Revue archioL^ 1905» I» S. 29ff. — Meine Anschauungen 
über die Entwicklung dieser Zeremonie, die ich hier kurz 
wiedergegeben habe, sind von mir ausführlicher dargelegt 
Revue archSoL, i888,II,S.i32flF.; Mon. Myst. Mithra I,S. 334ff.; 
Revue d^hist, et de litt, relig.^ Bd. VI (1901), S. 97. — Obwohl 
die Schlußfolgerungen des zuletzt angefahrten Artikels von 
Hepding {a.a.O. S. 7of.) bestritten worden sind, erscheint es 
mir doch zweifellos, daß das Taurobolium bereits in Klein- 
asien im Kult der Mä-Bellona vollzogen wurde. Moore (Americ. 

journ. of archeol. 1905, S. 71) erinnert hierbei mit Recht an 
den Text bei Steph. Byz., s. v. Mdcraupa: ^xaXeiTO h\ xai f| 
T^a Mä Km xaöpoc aur^ ^Oücto Trapct Auboic. Die Be- 
ziehungen zwischen dem Kultus der Mä und dem des Mithra 
erhellen aus dem Epitheton 'AveiKT]T0C, welches der Göttin 
wie dem Gott beigelegt wurde; vgl. Athen. Mitt. XXIX (1904), 
S. 169. 

38. Prudent, Peristeph. 1027: Pectus sacrato dividunt vena- 
bulo. — Die auf den taurobolischen Altaren dargestellte harpi 



262 Anmerkungen 

Ist vielleicht in Wirklichkeit ein SpieS, der mit einer Parier- 
staage {mom; cf. Grattias, Cyntg. 1 10) versehen ist, damit das 
Eisen sich nicht zq tief einbohren kann. 

39. Hepding, S. ig6ff.; vgl. oben, Anm. 23. 

40. CIL VI, 510 = Dessau, Ituer. sei. 4152, Cf. Gruppe, 
Griech. Myth., S. 1541, Änm. 7. 

41. Hepding, S. 186 ff. Über diese heiligen Mahle in Klein- 
asien, denen ein iipWTavaKXfTnc präsidierte, cf. Ramsay, 
Joum. hellen. Studiet XXXIl, 1912, S. 151 ff- 

42. CIL VI, 499: DU animae menlisqiu eiulodes. Cf. 512: 
Diis magms et lulaloribus suis, und CIL XU, 1277, wo B^l 
men/is magüler gena.nnt vird. 

43. Hippolyt, Jüe/iä. haeres. V, 9. 

44. Julianus, Or. V; cf. Paul AUard, Julien ?Apotlai, Bd. II, 
S. 247 ff.; Mau, Die ReUgionsphilosophie Kaiser Julians, 1908, 
S. 90 ff. — Auch Proclns hatte dem Cybelemythus einen philo- 
Bophischen Kommentar gewidmet (Marinus, Vila Prodi, 34). 

45. Über alles dies vgl. Revue d'histoire et de IUI. relig., Bd.VHI 
(1903), S. 423 ff. — Frazer {Adonis,Atlis, Osiris, 1906, S. 256ff.) 
hat vor kurzem die Ansicht vertreten, daß die Gedächtnisfeier 
des Todes Christi von einer großen Anzahl von Kirchen auf 
den 25. März gelegt worden sei, um das Fest des Todes des 
Attis zu verdrängen, welches an demselben Tage begangen 
wurde, ebenso wie das Weihnachtsfest an die Stelle des A^ 
ialü Innicfi trat Der in meinem Artikel angeführte Text des 
Ambrosiaater{Pseudo-Augustinu8,ö"'a''»AW"'.7'«/.LXXXIV,3, 
S. 145, 13, ed. Souter) beweist, daß diese Tatsache im Alter- 
tum selbst behauptet worden ist. 

JV. KAPITEL 

ÄGYPTEN 

Bibliographie: Lafaye, Hisloire du culte des divinil^s d'Ale- 
xandrie hors de Ftgypte, Paris 1884, und der Artikel „Isis" in 
Daremberg und Sagüo, Dictionn. des anliguitfs, Bd. III (1899). 



Ägypten 263 

Dort (S. 586) findet man die ältere Literatur angegeben. — r 
Drexler, Art „Isis" in Roschers Z^jkt. der Myth.^, Bd. II, Sp. 373 
bis 548. — R^ville, a*a. O. S. 54flF. (deutsche Ausgabe S. 5 2 ff.). 

— Wissowa, a, a. O. S. 292 ff., 2. Aufl. S. 351 ff. — Dill, 
a, a, O. S. 560 ff. — Gruppe, Griech. MythoL imd Religions- 
geschickte y S. 1563 — 1581. — Frazer, Adonis, Aitis^ Ostris, 
1906, S. 21 1 ff. — Toutain, a. a. O, [oben S. 249], S. 5 ff. — 
Wilhelm Weber, Drei Untersuchungen zur ägypt,~griech, Religion 
(Helios-Serapis, Antinoos-Hermes, Zwei Formen des Osiris). 

— Reitzenstein , Hellenist, Mysterienreligionen ^ Leipzig 1910. 

— De Jong, Das antike Mysterienwesen, Leiden 1 909. — Das 
Studium des römischen Kultus der alexandrinischen Gott- 
heiten läßt sich nicht trennen von dem der ägyptischen Re- 
ligion. Selbstverständlich darf man hier keine Bibliographie 
der letztgenannten erwarten. Wir beschränken uns auf die 
Erwähnung der allgemeinen Werke von Maspero, itudes de 
Mythologie y 4 Bde., Paris 1893 ff., und Histoire ancienne des 
peuples de V Orient, 1895 ff. Ij>assim). — Wiedemann, Religion 
of the ancient Egyptians, London 1897 [cf. Hastings, Dictio- 
nary of the Bible, Religion 0/ Egypt., Bd. V, S. 177 — 197]. — 
Erman, Die ägyptische Religion, Berlin 1905; 2. Aufl. 1909. 

— Naville, La religion des anciens Egyptiens (sechs Vorlesungen, 
gehalten am College de France), 1 906. — Breasted, Develop^ 
ment of religion and thought in ancient Egypt, , New York 1 9 1 2. 

— W. Otto, Priester und Tempel im hellenistischen Ägypten, 
2 Bde., 1905 — 1908. — Die Veröffentlichung eines Bulletin 
critique des religions de PJ^gypte von Jean Capart hat in der 
Rev. de Vhist. des religions begonnen (Bd. LI, 1905, S. 192 ff.; 
Lin, 1906, S. 307 ff.; LIX, 1909, S. 162 ff.; LXVI, 1912, 
S. 3 1 ff.). 

I. Vgl. über diese Kontroverse, die neuerdings eine reiche 
Literatur gezeitigt hat: Bouch6-Leclercq, Histoire des Lagides 
I, S. 102; S. Reinach, CulteSj Mythes et Religions II, S. 347 f.; 
Lehmann, Beiträge zur alten Gesch. IV (1904), S. 396 ff.; 
Wilcken, Archiv für Papyrusforschung III (1904), S. 249 ff.; 
Otto, Priester und Tempel I (1905), S. 1 1 ff.; Gruppe, a. a, 6>., 



264 Amnerkongen 

S. 1578 ff.; Ernst Schmidt, Kultüberiragungeny Gießen 1909, 
S. 47 ff.; Isidor L^vy» Serapis in Revue de Phist des relig. LX^ 
1909, S. 285; Petersen, Die Serapislegende ^ Leipzig 1910,. 
S. 47 ffl; Weitz in Roschers Lexikon s. v. Serapis, Sp. 339 fil^ 

2. Herodot II, 42, 171. — VgL Anm. 4. 

3. Aelius Aristides Vm, 56 (Bd. I, S. 96 ed. Dindorf). Cf* 
Plut, De Iside et Osiride, ed. Parthey, S. 216. 

4. Plnt, De Is. et Os. 2^; cL Otto, Priester und Tempel H 
S. 2 1 5 f. Dieser Timotheus ist ohne Zweifel derselbe, der über 
die phrjgischen Mysterien schrieb; et oben S. 62 und unten 
S. 115, Anm. 82. — Die Frage, inwieweit die Form, welche 
Plntarch nnd Apoleius dem hellenistischen Kultus zuschrei- 
ben, ursprünglich ist, harrt noch der Entscheidung; vgL Otto, 
a, a. O.Hj S. 222. Es gibt anscheinend keinen uimiittelbaren 
Beweis för die Existenz von ^Mysterien** der Isis und des 
Serapis vor der Kaiserzeit, aber alle Wahrscheinlichkeit spricht 
für einen älteren Ursprung, und diese Mysterien hängen zwei- 
ellos mit dem alten ägyptischen Esoterismus zusammen. — 
Vgl. S. 115, Anm. 81. 

5. Diogen. Laert V, 5, § 76: "GGev Kai touc traiävac 
iroif)cat TOUC \ii%p\ vOv ^boji^vouc. Das jn^xpi vOv ist von 
Diogenes unzweifelhaft seiner Quelle entliehen, Didymus» 
VgL Artemidor, Onirocr, II, 44 (S. 143, 25 Hercher). — Die- 
ser Bericht wird implicite durch eine Inschrift (Inscr. Graec. 
XIV, 1034) bestätigt, welche f| lepd xdEic tiüv TraiaviCTOiv 
erwähnt 

6. Kaibel, Epigr. 1028 = Abel, Orphica, S. 295 etc. Auf 
Grund einer erneuten Durchsicht teilt Freiherr v.Wilamowitz- 
Möllendorff mir gütigst mit, daß der Hymnus von Andres- 
nicht später anzusetzen sei als die Zeit Ciceros und wahr- 
scheinlich aus der Sullas stamme. — VgL oben Kap. I, Anm. 1 4. 
— Über andere, mit diesen verwandte Texte siehe Gruppe,. 
Griech. Myth., S. 1563. 

7. Amelung, Le SSrapis de Bryaxis (Rev. archioL 1903, II),. 
S. 178. 

8. P. Foucart, Le culte de Dionysos en Attique (Mim. Acad* 



Ägypten 265 

des Inscr.y Bd. XXXVII) 1904. — Über den Isiskultus im alten 
Griechenland siehe jetzt Gruppe, Griech. Myth, S. 1565 ff.; 
Ruhly De Sarapide et Istde in Graecia cultis (Diss. Berlin) 1 906, 
der die epigraphischen Texte aus der Zeit vor der römischen 
Herrschaft sorgfaltig benutzt hat. 

9. Mit der einzigen Ausnahme des Zeus Ammon, der nur 
zur Hälfte ägyptisch ist und seine sehr frühzeitige Adoption 
den griechischen Kolonien der Cjrenaica verdankt; cf. 
Gruppe, Griech. Myth,y S. 1558. — Nur ausnahmsweise wer- 
den der Isis andere Göttinnen, wie Nephtys oder Bubastis, 
beigesellt 

10. Über den Eindruck, den Ägypten auf die Reisenden 
machte, vgl. Friedländer, Sittengesch. 11^, S. 144 ff., vgl. IP, 
S. 147 ff.; Otto, Priester und Tempel 11, S. 210. 

11. Juven. XV, 10 und die Anmerkungen von Friedlän- 
der zu diesen Stellen. — Die athenischen Komiker spotten 
schon häufig über die ägyptische Zoolatrie (Lafaye, a. a, O* 
S. 32). Philo von Alexandrien betrachtet die Ägypter als die 
schlimmsten Götzendiener, die es gebe, und denkt dabei be- 
sonders an d^ Tierdienst {De DecaL 16, II, S. 193 M. und 
passim)f und die heidnischen Schriftsteller nehmen nicht we- 
niger Anstoß daran (Cic, JVat. deor. III, 1 5 etc.), sofern sie es 
nicht vorziehen, ihren Scharfsinn zu seiner Rechtfertigung auf- 
zubieten. Vgl. Dill, a. a, O,, S. 571. — Der Charakter dieses 
Kultes im alten Ägypten ist neuerdings von George Foucart 
untersucht, La mithode comparatrve et Vhistoire des religions^ 1 909, 
S. 43ff.; 2® ^dit. 191 2, S. 62ff. 

12. Macrob., Sat. I, 20, § 16. 

13. Holm, Gesch. Siziliens I, S. 81. 

14. Libanius, Or, XI, 114 (I, S. 473 Förster). Cf. Drexler 
in Roschers Lex. Sp. 378. 

15. Pausan. 1, 18,4: lapdmboc 8v irapct ÜToXenaiou Oeöv 
€lcTiT<iTOVTO. Ruhl [a. a. O. S. 4) will diesem Texte keinen 
historischen Wert beilegen, aber wir haben — wie er selbst 
zugabt — den Beweis dafür, daß in Athen unter Ptolemaus 



266 Anmerkungen 

Soter ein offizieller Isiskult existierte, und der des Serapis 
dort im Beginn des 3. Jahrhunderts ausgeübt wurde. 

16. Dittenberger, Or, gr. inscr. sei. Nr. 16. 

17. Apul., Metamorph, XI 1,7. 

1 8. So findet man ihn seit der ersten Hälfte des 3. Jahr- 
hunderts auf Thera, das eine Station der ptolemätschen Flotte 
war (Hiller v. Gärtringen, Thera, Bd. m, S. 85 ff.; vgl Ruhl, 
a. a. O, S. 59), und auch auf Rhodus (Rev. archioL 1905, I, 
S. 341). 

19. Eine Fülle von Belegen für seine Verbreitung hat 
Drexler gesammelt, a.a.O. Sp. 379. Vgl. Lafaye „Isis" (siehe 
oheti) S. 577, und Ruhl, De Sarapide et Iside in Graecia cultis, 
1 906. Über das Serapeion in Milet vgl. Wiegand, Anhang zu 
den Abhandl. der Berliner Akad. der Wiss., 1 9 1 1 . 

20. Die neuen Ausgrabungen des Tempels der ägyptischen 
Götter auf Delos haben Inschriften zutage gefördert, welche 
die Geschichte der Verbreitung des Kultus in einzigartiger 
Weise erhellen [Comptes Rendus Acad des Inscr., 1909, S. 3i4ff.; 
1910, S. 214 ff.; 191 2, S. 10). 

21. Diese Erklärung ist bereits von Ravaisson vorgeschla- 
gen {Gazette archSol. I, S. 55 ff.), und ich halttf sie für zutref- 
fend; cf. Comptes Rendus Acad Inscr. 1906, S. 75, Anm. i. 

2 2. Die bedeutsame Rolle, welche der ägyptische Kultus 
in der östlichen Hälfte des Imperiums spielte, hat von Do- 
maszewski beleuchtet {Rom.Mitt. XVII, 1902, S. 333 ff.), aber 
vielleicht etwas zu stark. Man wird den Einschränkungen 
zustinmien, welche Hamack formuliert hat, Ausbreitung des 
Christentums y 11^ S. 274. 

23. Die sehr alte Verbreitung des Orphismus in Groß- 
griechenland, welche durch die Täfelchen von Sybaris und 
Petilia bezeugt wird (Diels, Vorsokrcäiker, II*, S. 480) mußte 
ihm die Wege ebnen. Diese Täfelchen weisen zahlreiche 
Berührungspunkte mit den eschatologischen Vorstellungen 
Ägyptens auf; nur sind, wie ihre letzte Erklärerin mit Recht 
bemerkt (Harrisson, Prolegomena to the study of greek religion^ 
S. 624), diese neuen Ideen sozusagen in der altgriechischen 



j 



Ägypten 267 

Mjrthologie ertrunken. Die Mysterien der Isis und des Serapis 
schienen eine seit langem vorausgeahnte Offenbarung und die 
Bestätigung einer von alten Symbolen geweissagten Wahrheit 
zu bringen. 

24. CIL X, 1781, I, 15 — 16. 

25. ApuL, Metam, XI, 30. 

26. Wissowa, fl. Ä. O. S. 292 f.; 2. Aufl. S. 351 ff.; vgl. Seeck, 
Hermes, XLIII (1908), S. 642. 

27. Später wurde der Manichäismus unter einem ähnlichen 
Verwände verfolgt, cf. Collai, Mos, ei Rom. leg, 15, 3, § 4: De 
Perstca adversarta nobis gente progressa, 

28. Eine reiche Liste von Inschriften und Monumenten, 
die in den verschiedenen Städten aufgefunden wurden, hat 
Drexler mitgeteilt in Roschers Lexikon, s.v. „Isis", 11, Sp. 409 ff. 
Vgl. jetzt Toutain, a. a, O. S. 8 ff., der für Afrika durch 
Gsell, Rev, de VhisL des relig, LIX, 1909, S. 150 ff. zu er- 
gänzen ist. 

29. Hirschfeld, CIL XII, S. 38 2, und Wiener Studien V (i 883), 

S- 319 — 322. 

30. Vgl. Wissowa, a. a. O, S. 294 ff.; 2. Aufl. S. 353 ff. 

31. Minuc. Fei., Octav, 22, 2: Haec Aegyptia quondam nunc 
et Sacra Romana sunt, 

32. Carmen contra paganos (Anthol. lat, ed. Riese I, 20 ff.) 
V. 91, 95 ff.; cf. Ps.-Aug., Quaest. Vet, Test,, CXIV, 11 (S. 308, 
10 Souter), xmdRev, hist, litt, relig. Ylll (1903), S. 422, Anm. i. 

33. Rufin, II, 24: Caput ipsum idolatriae. Eine Miniatur einer 
alexandrinischen Chronik zeigt uns den Patriarchen Theo- 
philus mit dem Nimbus ums Haupt, wie er das Serapeum mit 
Füßen tritt; cf. Bauer und Strzygowsky, Eine alexandrinische 
Weltchromk (Denkschr. Akad. Wien, LI), 1905, Jahr 391, 

S. 70 ff., S. 122 und Taf. VI. 

34. Vgl. Drexler in Roschers Lex,, s.v. „Isis", II, Sp. 425; 
Hamack, Ausbreitung des Christentums, 11*, S. 147 ff. — Merk- 
würdige Einzelheiten, welche das Fortbestehen des Isiskultus 
unter den Professoren und Studenten Alexandriens in den 
letzten Jahren des 5. Jahrhunderts dartun, hat Zacharias Scho- 



268 Anmerkungen 

lasticus in der Vita des Sevenis von Antiochien beigebracht 
(PatroL Orient. I, ed. Kugener)» S. lyffl, 2 7 ff. 

35. Ps.-ApoL, Asclepius 34. Zu vergleichen eine analoge 
Weissagung in den sibyllinischen Orakeln V, 184 ff. (S. 127^ 
ed. Geffcken). 

36. Iseum von Benevent, cf. NoHzie degli scavi di ant.^ 1904^ 
S. 107 ff. Iseum auf dem Marsfelde, cf. Lanciani, BolleU com,' 
munale di Rorna^ 1883, S. 33ff.; Marucchi, ebd. 1890, S. 307f. 
und 191 2, S. 5 ff. — Die signa MemphiHca (aus Marmor von 
Memphis) werden in einer Inschrift erwähnt (Dessau» Inscr^ 
seLf 4367 — 8). — Der mit Bezug auf Caracalla gebrauchte 
Ausdruck: S(ura Istdis Romam deporiavit^ welchen Spartian 
[Carac. 9; cf. Aur. Vict, Caes. 21, 4) nicht mehr verstanden 
hat, scheint ebenfalls einen Transport von heiligen ägyptischen 
Monumenten zu bedeuten. Schon auf Delos hatte man die 
Statue einer Sängerin in den Tempel gestellt, die man in ir» 
gendeinem Grabe der saitischen Epoche gefunden hatte. Alles 
Ägyptische erschien als heilig (Ruhl, a. a. O. S. 53). 

37. Gregorovius, Gesch. des Kaisers Hadrian, S. 222 ff.; cL 
Drexler, a. a. O. Sp. 410. Über die ägyptisierende Kunst in 
Rom siehe jetzt von Bissing, Der Anteil der ägyptischen Kunst 
am Kunstlehen der Volker (Festrede Akad. d. Wissensch.), Mün- 
chen 1912, S. 16 ff.; ^^a. 

38. Der Ausdruck stammt von Wiedemann. 

39. Naville, a. a. O, S. 89 ff. 

40. Über den lepoTpoiMMOiTeuc Chäremon siehe Otto, Prie^ 
ster und Tempel II, S. 2 16; Schwartz in Pauly-Wissowa, Realenc 
m, Sp. 2025 ff. 

41. Lehren des Plutarch: cf. Decharme, Traditions reli'- 
gieuses chez les Grecs^ S. 486 ff. und ohen^ Kap. I, Anm. 20. 

42. Ich habe hier vom Hermetismus, den die Untersuchun«' 
gen Reitzensteins auf die Tagesordnung gesetzt haben, nicht 
gesprochen, weil sein Einfluß im Abendlande meiner Ansicht 
nach ein rein literarischer gewesen ist Man findet m. W.,. 
wenigstens in der lateinischen Welt, keine Spur von einer 
hermetischen Sekte mit einem lüerus und einem Kultus. Die 



Ägypten 269 

Heliognostae oder Deinvictiaci ^ die in Gallien den einheimi- 
schen Merkur mit dem ägyptischen Thot identifizieren wollten 
(Mon, MysL Mithra I, S. 49, Anm. 2; cf. 359), sind christliche 
Gnostiker. £s heißt meiner Meinung nach den wirklichen 
Sachverhalt verkennen, wenn man behauptet, wie Reitzenstein 
{Wundererzählungen, 1906, S. 128) es tut: Die hermetische 
Literatur ist im zweiten und dritten Jahrhundert für alle religiös 
Interessierten der allgemeine Ausdruck der Frömmigkeit geworden. 
Der Hermetismus, der als Etikette für Lehren sehr verschiede- 
nen Ursprungs dient, ist m. £. durch „die allgemeine Fröm- 
migkeif * weit mehr beeinflußt, sris er sie angeregt hat. £r ist 
das Ergebnis langer Bemühungen, die auf die Versöhnung 
der ägyptischen Überlieferungen zunächst mit der chaldäi- 
■schen Astrologie, sodann mit der griechischen Philosophie 
gerichtet waren, und wandelte sich gleichzeitig mit dieser 
Philosophie selbst. Aber das würde lange Auseinanderset- 
zangen erheischen. — Otto, von dessen Werk der zweite 
Band erschienen ist, seit ich diese Zeilen schrieb, erkennt 
ebenfalls an, daß der ägyptische Klerus selbst in der helle- 
nistischen Epoche keinerlei theologische Aktivität entfaltete, 
die ihn befähigt hätte, einen stärkeren Einfluß auf die Re- 
ligion der Zeit auszuüben {Priester und Tempel^ II, S. 218 
bis 220). 

43. Plut., De Isid, 9. 

44. ApuL, Metam, XI, 5. 

45. CIL X, 3800 = Dessau, Inscr. sei, 4362. Isis panthea^ 
yg\, Jahresh. Österreich, Instit. XIII, 1910, S. 176 ff. 

46. Cf. oben S. 88. 91. 

47. Weber, a, a. O, [oben S. 263), S. i ff. 

48. Plut, De Isid, et Osir. 52; cf. Hermes Trismegistos, 
*'Opoi ^AckXtittiou, c. 16, und Reitzenstein, Poimxmdres, S. 197. 

49. Vgl. Naviile, a. 0. O. S. 1 70 ff. 

50. Juven. VI, 489: Isiacae sacraria lenae\ cf. Friedländer, 
Sittengeschichte F, S. 502 ; vgl. I®, S. 508. 

51. Fameli hat in einem vor mehreren Jahren erschienenen 
Buche die Geschichte des Reinigungsrituals und der Reinheits- 



2 7 o Anmerkungen 

vorsfellung während des Altertums in glänzender Weise skiz- 
ziert {Evolution of religum^ London 1905, S. 88 — 192), aber 
er hat leider Ägypten nicht berücksichtigt, wo die primitiven 
Formen sich vielleicht am besten erhalten haben. 

52. Juven. VI, 522 flf. 

53. Friedländer, Sittengeschichte I*, S. 510; vgl. P, S. 516- 
— Ober diese Umwandlung des Isiskultus cf. R^ville, a.a.O. 
S. 56 (deutsche Ausgabe S. 54). 

54. Plut, De Isid, c. 2 ; cf. Apul., Metam, XI, 6, Ende. 

55. Aelius Arist, In Sarap, 25 (11, S. 359 ed. Keil); cf. 
Diodor I, 93; ApuL XI, 6, Esde. — Zukünftige Bußen und 
Züchtigungen im Hermetismus, vgl. Ps.-ApuL, Asclepius c. 28; 
Lydus, De mensib. IV, 32 und 149 (ed. Wünsch); Kroll in 
Pauly-Wissowa, Realenc, s.v. Hermes Trismegistos, Sp. 8i2fF. 

56. Porph., Epist. ad Aneh. 29. — Die Antwort des Ps.- 
Jamblichus {De Myst. VI, 5 — 7) ist charakteristisch. Er be- 
hauptet, daß diese Drohungen Dämonen gelten; doch weiß 
er sehr wohl, daß die Äg}^ter zwischen Inkantationen und 
Gebeten nicht scharf unterscheiden. — Ein Beispiel von ähn- 
lichen Drohungen: Wilcken-Mitteis, Papyruskunde I, Nr. 120. 

57. Cf. G. Hock, Griechische Weihegehräuche, 1905, S. 65 ff. 
Ps.-Apul., Asclep. 23: Homo fictor est deorum gtU in templis sunt 
et non solum inluminaiur, verum etiam intuminat; c 37: Proemi in'- 
venerunt artem qua efficerent deos. Vgl. George Foucart, a. cu O, 
(Anm. 63): „La statuaire 6gyptienne a, avant tout autre, le 
caract^re de cr6er des ^tres vivants." 

58. Maspero, Sur la toute^puissance de la parole (Recueil de 
travaux, XXIV) 1902, S. 163 — 175; cf. meine Recherches sur 
le manichiismey S. 24, Anm, 2. — Der Parallelismus zwischen 
göttlichem und priesterlichem' Handeln wird nachgewiesen 
Ps.-Apul., Asclepius f 23. 

59. Jamblichus, Myst, VI, 6; vgl. unten Anm. 68. — Die 
Ägypter rühmten sich, die ersten gewesen zu sein, welche 
„die heiligen Namen kannten und die heiligen Worte rede- 
ten" (Luc, De dea Syr, i). 

60. Das hat Otto gezeigt {Priester und Tempel I, S. 114 ff,). 



Ägypten 271 

Vgl. oben S. 255, Anm. 37. — Dennison hat sich kürzlich, 
durch gewisse Büsten veranlaßt, mit der Tonsar der Isis^ 
priester beschäftigt (Ammcan joum. of archaeology V, 1905, 
S. 341). Die pompejanischen Fresken, welche isische Priester 
und Zeremonien darstellen, sind besonders wichtig für die 
Kenntnis der Liturgie (Guimet, C R. Acad, des Inscr., 1896, 
Taf. Vn — IX. Cf. von Bissing, TransacL congr. relig. Oxford 
1908, I, S. 225 flf.). 

6i, CTLXn, 3061: Omatrix fani, 

62. Cf. Kan, De Jove Dolüheno, 1901, S. ^^. 

63. Cf. Moret, Le rittiel du culte divin journalier en J^gypte^ 
Paris 1902. — Ebenso wie das Weiheritual die Statue belebt 
{phen Anm. 57), unterhalten die wiederholten Opfer ihr Leben 
und lassen sie longa durare per tempora (Ps.-ApuL, Asclep, 38). 
Dies findet seinen präzisen Ausdruck in dem Epitheton dci- 
Zuioc, welches bestimmten Gottheiten gegeben wird [CIG, 
4598; Berliner Griech. Urkunden I, Nr. 124). — All das ent- 
spricht den alten Vorstellungen, die im Niltal herrschten (cf. 
George Foucart, Revue des idies^ 15. Nov. 1908, S. 14 — 2^ 
des S.-A.). — Die kurzen Daten, die sich in den griechischen 
und lateinischen Autoren zerstreut finden, gewinnen in über- 
raschender Weise Zusammenhang und Klarheit, wenn man 
sie mit dem ägyptischen Zeremoniell vergleicht 

64. Apul. XI, 221 Rituque sollemni apertionis celebrato mini'* 
sterio. Cf. XI, 20: Matutinas apertiones templi. 

65. Josephus, Ant. Jud, XVIII, 3, 5, § 174. 

66. Servius ad Verg., Aen, IV, 512: In ternplo Isidis aqua 
sparsa de Nilo esse dicehatur; cf. II, 116. Wenn man diese Fik- 
tion durch die Wirklichkeit ersetzte, indem man Wasser aus- 
goß, das aus dem Flusse geschöpft war, so machte man die 
Handlung noch wirksamer; cf. Juven. YII, 527. 

67. Diese Stelle ist, neben einem Kapitel des Apuleius 
(XI, 20), der Haupttext über das Ritual dieser isischen Metten 
(De abstin. IV, 9): "Qc irou fxi Kai vOv ^v x^ dvoiHei tou 
dxiou ZapdiTiboc f) GepaTreia biet irupöc Kai öbatoc xivexai, 
XeißovTOC TOU u^vuiboO tö öbujp Kai tö TrOp q)aivovTOC, bnr\- 



2*12 Anmerkungen 

viKtt dcTibc dm Toö ouboO t^ naTpiip täv Aitutttiidv q)U)vQ 
iT€ip€i TÖv 6€Öv. — Amobius (VU, 32) spielt auf dieselbe 
isische Glaubensvorstellung an: Quid sihi volunt excitaHones illae 
quas caniti mattäini conlatü ad Hbiam voctbus? Obdormiscunt enim 
superi remeare ut ad vigiltas deheant? Quid dormitiones illae qui" 
dus ut hene valeant auspicabili salutatione mandatis? 

68. Kraft der „barbarischen Namen'^ Siehe meine Mon. 
Mysi. Mythra I, S. 313, Anm. 4; Dieterich, MithrasUhirgie^ 
S. 1 1 1 f. Cf. Charles Michel, Note sur une passage de Jamblique 
(M^langes Louis Havet), 1909, S. 279. — Über die Fortdauer 
der gleichen Vorstellung bei den Christen vgl. Hamack, Aus^ 
hreitung des Christentums^ I*, S. 1 24 flf. und Heitmüller, Im Na^ 
men Jesu (Forschungen usw. herausgegeben von Bousset und 
Gunkel 11), Göttingen 1 903 (vgl. oben S. XX, Nr. 8). 

69. Apul., Metam., XI, 9. 

70. CIL II, 3386 = Dessau, Inscr, seL 4^22; cf. 4423. 

71. Apul. XI, 24; cf. Lafaye, S. 118 flf. Porphyrius {De 
Abstin. IV, 6) verweilt lange bei diesem kontemplativen Cha- 
rakter der ägyptischen Frömmigkeit: die Priester dir^bocav 
^Xov TÖV ßiov T^ Tuiv Geujv 6€Uipi(]i Kai Gedcei. — Cf. unten 
S. 1 1 7 und die Anmerkungen. 

72. Im pharaonischen Ritual fand die Schließung anschei- 
nend noch an demselben Morgen statt, aber im Okzident 
stellte man die heiligen Bilder zur Betrachtung aus, und der 
alte ägyptische Gottesdienst mußte denmach in zwei getrennte 
Zeremonien zerlegt werden. 

73. Herodot II, 37. 

74. Cf. Maspero, Rev. critique, 1905, II, S. 361 flf. 

75. ApuL, Met. XI, 7 flf. — Überlebsel dieses Festes sollen 
sich in Catana im Kultus der heiligen Agathe erhalten haben; 
cf. Analecta Bollandtana, XXV (1906), S. 509. 

76. TTXoiaq)^cia: Apul. XI, 16 cf. CIL1\ S. 311. Eine 
kürzlich in Byzanz entdeckte und aus dem Jahre 1/2 n. Chr. 
stammende Weihinschrift an Isis erwähnt einen vauapxiicac 
Td |Li€TOtXa 7rX[oi]aq)^cia, cf. Deubner, Athen, Mitt. XXVH, 
1912, S. 180. 



Ägypten 273 

77. Ähnliche Ma3keraden finden sich in zahheichen heid- 
nischen Kulten (Mon. MysL Mithra I, S. 315) und schon seit 
uralter Zeit in Ägypten, vgl. von Bissing, a. a, O, (Anm. 60), 
S. 228. 

78. Die pausarii werden in den Inschriften erwähnt; cf. 
Dessau, Inscr. sei. 4353, 4445. 

79. Schäfer, Die Mysterien des Osiris in Abydos unter Seso-* 
stris IIL, Leipzig 1904; cf. Capart, Rev, hist, reL, LI (1905), 
S. 229; Moret, Rois et dieux de VEgypte^ 191 1, S. 7 5 ff. und 
Wiedemann, Milanges Nicole^ S. 574 ff. — Junker, Die Stun-- 
denwachen in den Osirismysterien (Denkschr. Akad. Wien LIV) 
19 10, cf. Maspero, Revue critique, Okt 19 10, S. 242. 

80. Wissowa, a.a. O, 2. Aufl., S. 353. In den Mysterien von 
Abydos fuhr der Gott Thöt auf einem Nachen aus, um den 
Körper des Osiris aufzufischen. Anderswo ruderte Isis fort, 
um ihn zu suchen. Wir wissen nicht, ob diese Szene in Rom 
dargestellt wurde, aber das geschah jedenfalls in Gallipoli: 
vermeintliche Fischer hantierten dort zum Schein mit ihrem 
Netz in einem konventionellen Nil, cf. P. Foucart, Rech, sur 
les myst. d^ileusis (M6m. Acad. Inscr., Bd. XXXV), S. 37. 

8 1 . Chaeremon bei Porphyrius, Epist, ad Aneh.^ 3 1 : Kai xa 
KpuTTTOt Tfic ''Iciboc diraivcT Kai tö ev 'Aßubip diröppiiTov beiSci. 
Cf. Jambl., De myster, VI, 5 — 7. — Über die „Mysterien** der 
Isis in Ägypten vgl. Foucart, a. a, O. S. 1 9 f. ; De Jong, a. a. O. 
{oben S. 263). 

82. Cf. oben S. 89. — Gruppe, Griech. MythoL^ S. 1574. 

83. Zä Citi antique. Buch I, Kap. II, Ende. 

84. Cf. Erman, a»a,0. S. 96 — 97. Unsterblichkeit mit Osi- 
ris cf. Wiedemann, Archiv für Religionswissenschaft XII, 19 10, 
S. 364 ff.; G. Foucart, La mithode comparatrue et rhistoire des 
religions, 2® 6dit 191 2, S. 216 ff., und namentlich über die 
Entwicklung dieser Vorstellung Breasted, a. a, O. (S. 263) 
S. 142 ff. 

85. Als Beweis dafür dürften die weiter oben (S. 95 und 
Anm. 21) angeführten Basreliefs genügen, bei denen der he- 
roisierte Verstorbene das Aussehen des Serapis annimmt Vgl. 

Cumont: Die oriental. Religionen l8 



27 A Anmfiricciiigdi 

Kaibel, Inscr. gr., XIV, 2098: EOi|iuxi Mcxä xoO 'Occipiboc. 
Diese materielle Vorstellnng von der Unsterblichkeit konnte 
sich leicht mit den alten italischen Ideen ausgleichen, die 
im Volke herrschend geblieben waren; cf. Friedlander, Sitten- 
geschichte, m«, S. 758. 

86. Reitzenstein, Arcktoför Religionswissenschaft^ VI, ( 1 904), 
S. 406 iL Diese Seiten sind vielleicht das Eindringendste, was 
über die Bedeutung jener Zeremonie geschrieben ist: sie ist 
ein diraOavaTiCiLiöc. VgL auch Reitzenstein, Hellenistische Wun- 
dererzählungen, S. 116. 

87. ApuL, Met. 23. — Der letzte Konmientator dieser Stelle, 
de Jong, neigt zu der Annahme, daß es sich um eine bloße 
ekstatische Vision handelte; aber die Vision war jedenfalls 
durch eine dramatische Aufführung veranlaßt, bei der man 
das Dunkel der Unterwelt und den Himmel sehen ließ. — 
Die Ägypter stellten diese Geheimnisse sogar im Theater dar; 
cf, Sueton, Calig. 8 : Parabatur et in mortem spectaculum quo ar-- 
gumenta inferorum per Aegyptios et Aethiopas explicarentur. 

88. Apul., Met. XI, 6, Ende. 

89. Ibid. c. 24: Inexplicabili voluptate K^tspecitiy dtoini simu-* 
lacri peffruebar. 

90. Plut, De Jsidy 78, S. 383 A: 'Qc öv &x\pTr\\iiyfa\Q (xaic 
i|iuxaic) dn' auToO (toO *Oc(piboc) xal 0€U)^^valC dnXncxuic 
Ka\ TToOoucaic xd ^f| q)axdv \ivfyi ^iixöv dvOpdiTroic xdXXoc 

91. Vgl. oben S. 266, Anm. 2^. 

92. Ähnliche Wünsche findet man oft auf den ägyptischen 
Monumenten, wenigstens seit dem Mittleren Reich. „Gebt 
mir fließendes Wasser zu trinken Wendet mein An- 
gesicht dem Nordwind zu am Ufer des Wassers, und seine 
Kühle erquicke mein Herz'* (Maspero, J^tudes igyptiennes, Bd. I, 
1881, S. 189). „O daß ich fließendes Wasser zu trinken hätte, 
und mein Antlitz dem Nordwind zugewandt wäre" (NaviUe, 
a. a. O. S. 1 74). Auf einer Grabstele des Brüsseler Museuma 
(Capart, Guide, 1905, S. 71): „Mögen die Götter es erlauben, 
das Wasser der Quellen zu trinken, die süßen Winde des 
Nordens zu atmen.'' — Der sehr materielle Ursprung diesea 



Ägypten 275 

Wunsches erhellt aus den funerären Texten, nach denen die 
Seele genötigt ist, die Wüste zu durchqueren, von Hunger 
und Durst bedroht, und Erquickung findet dank dem Bei- 
stande der Götter (Maspero, J^tudes de mythoL et d^archioL 
igypt, 1883, Bd. I, S. 366 f.). — Nach einem Täfelchen aus 
Petilia (cf. oben S. 266, Anm. 23) soll die abgeschiedene Seele 
frisches Wasser (ipuxpöv ubujp) trinken, das aus dem See der 
Erinnerung rinnt, um mit den Heroen zu herrschen. Ich trage 
kein Bedenken, mit Foucart (Myst d^ileusis [M6m. Acad. des 
Inscr., Bd. XXXV, 2] S. 67) anzunehmen, daß ägyptische 
Vorstellungen seit dem 4. — 3. Jahrhundert in den Mditalie- 
nischen Orphismus einzudringen vermochten, weil man sie 
hundert Jahre früher in Carpentras zum Ausdruck gebracht 
findet i(unten Anm. 93). 

93. AoiT] coi 6 "'Ocipic TÖ ipuxpöv öbujp, in Rom: Kaibel, 
Inscr. graec. XIV, 1488, 1705, 1782, 1842; cf. 658 und CIL 
VI, 3, 20616. — Zoi hk 'Oceipiboc dxvöv öbujp EIcic xctpi- 
caiTO, Rev. archioLy 1887, S. 199, cf. 201. — Vuxfl biipuici;] 
ipuxpöv öbwp |Li€Tdboc, CIGy 6267 = Kaibel, 1890. Beson- 
ders interessant ist die Feststellung, daß beinahe derselbe 
Wunsch bereits auf der aramäischen Stele von Carpentras 
erscheint {CI Sem, II, 141), die aus dem 5. — 4. Jahrhundert 
V. Chr. datiert: „Gesegnet seist Du, nimm Wasser angesichts 
des Osiris". — Eine oflfenöar von ägyptischen Vorstellungen 
beeinflußte Stelle des Buches Henoch erwähnt die „Wasser- 
quelle", die „Lebensquelle" im Totenreich (Hen. XXII, 2, 9. 
Cf, Martin, Le livre d^Hinoch^ 1906, S. 58, Anm. i undBousset, 
Religion des Judentums ^ 1903, S. 271). — Vgl. Apoc. VH, 17: 
tu)fic TTTiTdc öbdxuüv und XXI, 6: TTTiffic toO öbaioc Tf\c tu)f\c 
(pben S. XX, Nr. 9). 

94. Der ägyptische Ursprung des christlichen Ausdrucks 
ist oft bemerkt worden und leidet keinen Zweifel; vgl. Lafaye, 
a. a, O. S. 96, Anm. i ; Rohde, Psyche 11*, S. 391 ; Kraus, Real- 
enzykL der christL Altert.^ s. v. „Refrigerium"; und namentlich 
Dieterich, Nekyia, S. 95 flf. Vgl. Perdrizet, Rev. des iiud, anc., 
1905» S. 32; AudoUent, Milanges Louis Havet, 1909, S. 575. 

i8* 



2 76 Anmerkungen 

— Die refrigerii sedes^ welche die katholische Kirche für den 
Verstorbenen in den jährlich wiederkehrenden Seelenmessen 
erbittet, erscheint in den ältesten lateinischen Liturgien, vgL 
z. B. F^rotin, Le liher ordinum en usage dans Viglüe visigothiqtu 
du V' au XI' sihle (in Cabrol et Leclercq, Mon, ecclesiae litur- 
gica V) S. 404: „Sitientem velut terram servi tui ülius animam 
celestis roris perfusione refrigera .... in loco viridi, Domine, 
ibi eum conloca; super aquam refectionis educa [1. educ] 
animam eins ad vitam.'^ Die Griechen, welche nicht an das 
Fegefeuer glauben, haben sich immer ebenso ausgedrückt. 
So wünschen nubische Inschriften, die dem Konstantinopoli- 
tanischen Euchologium genau konform sind, daß die Seele 
ruhe dv töttiu x^oepuj, dv töttuj ävai|iug€Uic (G. Lefebvre, 
Inscr, gr. chrit, d*^gL, Nro. 636, 664 ff., und Einleitung 
S. XXX; cf. Dumont, MSlanges, 6d. Homolle, S. 585 flf.). Das 
Detail ist nicht unwichtig, denn es liefert uns ein kostbares 
Indizium für den ägyptischen Ursprung des Gebetes für die 
Toten,* das dem griechisch-römischen Heidentum unbekannt 
ist — dort betete man wohl zu den heroisierten Toten, aber 
niemals für die Toten. Die Kirche hat diesen Brauch der 
S)Tiagoge entlehnt, aber die Juden selbst scheinen ihn von 
den Ägyptern während der hellenistischen Periode übernom- 
men zu haben, zweifellos im Laufe des 2. Jahrhunderts (S. 
Reinach, Cultes, mythes et religions I, S. 325), wie sie ihnen 
die Idee der „Lebensquelle" verdanken (ohen Anm. 93). Die 
Formel, welche in den angefahrten christlichen Inschriften 
vorkommt, dvdtTraucov tf|v ipuxnv ^v köXttoic *Aßpact^ xai 
'IcadiK Kai MaKUiß, scheint eine Übertragung der Lehre von 
der Identifikation mit Osiris anzudeuten (S. 95. 116). So er- 
klärt sich das Fortleben von Ausdrücken in der christlichen 
Redeweise, die, wie z. B. die Formel requies aeterna, den pri- 
mitivsten heidnischen Vorstellungen über das Leben des Ver- 
storbenen entsprechen, der in seinem Grabe nicht gestört 
werden darf. — Ein Name für dieses, der häufig in den la- 
teinischen Epitaphen erscheint, domus aeterna (oder aetemalis\ 
ist ohne Zweifel ebenfalls aus Ägypten importiert. Dort „la 



Ägypten 277 

tombe est la maison du mort, sa maison d'Stemit^, comme di- 
sent les textes" (Capart, Guide du musie de Bruxelles, 1905» 
S. 32). Die Beispiele für diesen Ausdruck sind unzählig, und 
er war den Griechen bereits aufgefallen. Diodorus Siculus 
(I, 51, § 2) weiß, daß die Ägypter touc tuiv TexeXeuTilKÖTUüV 
TÖcpouc (iibiouc oikouc TrpocaTOpeuouciv, ibc iv *'Aibou bia- 
TtXouvTOüv TÖv äireipov aluiva (cf. I, 93, § i, eic ix\v aliwviov 
oiKTiciv). — Aus Ägypten gelangte diese Bezeichnung des 
Grabes wahrscheinlich nach Phönikien, Palästina und Syrien. 
Sie ist schon in einer phönikischen Grabschrift aus Malta zu 
finden (C/S* I, 124 und Anm.), erscheint im Prediger Salo- 
monis XII, 7, {petfiolam = „Haus der Ewigkeit") und findet 
sich in der syrischen Epigraphik (z. B. in Inschriften des 
3. Jahrhunderts, Comptes Rendus Acad, Inscr,^ 1906, S. 123) 
wie in der palmyrenischen (Chabot, Journal asiaüque^ 1900, 
S. 266, Nr. 47) wieder. Ebenso begegnet sie im Talmud, und 
Kraus (Talmudische Archäologie 11, 191 1, S. 62 und Anm. S. 448 
bis 449, 421) schreibt mit Recht diesem Ausdruck wie an- 
deren Bräuchen ägyptischen Ursprung zu. 

Vielleicht ist auch — aber das ist zweifelhafter — der trö- 
stende Wunsch Euipux€i, oubeic dOctvaTOC, den man so oft 
selbst in lateinischen Ländern auf die Gräber geschrieben 
findet, von der ägyptischen Religion inspiriert. Man trifft 
euipiix^i auf Epitaphen von Eingeweihten der alexandrinischen 
Mysterien an; Kaibel, Inscr. gr, XIV, 1488, 1782 (EuipuxeT 
KUpia Kai boiTi coi 6 "Ocipic tö ipuxpöv öbuüp), 2098 (cf. oben 
Anm. 93). Vielleicht hat man auf den Doppelsinn von €Öi|iu- 
XOC angespielt, das zugleich animosus und frigidus bedeutet 
(cf. Dieterich, Nekyia, a. a. O.). Aber anderseits ist die Idee, 
welche der Formel „Habe guten Mut, niemand ist unsterblich" 
entspricht, dieselbe, welche auch dem „Gesang des Harfners" 
zugrunde liegt, einem kanonischen Hymnus, den man in Ägyp- 
ten am Bestattungstage psalmodierte. Er mahnte dazu, „sein 
Herz zu erfreuen" vor der Traurigkeit des unvermeidlichen 
Todes (Maspero, J^tudes igyptienneSy I, 1881, S. 171 ff.; cf. 
Naville, a. a. O, S. 171). 



2'jS AnmerkoDgen 



V. KAPITEL 
SYRIEN 

Bibliographie. Die STrischen Kulte sind namentlich mit 
Rücksicht auf ihre Beziehungen zum Judentum untersucht: 
Baudissin, Studien zur semüüchen ReUgionsgeschichte ^ 2 Bde., 
Leipzig 1876 — 78. Derselbe Autor hat förmliche Monogra- 
phien über einzelne Gottheiten (Astarte, Baal, Sonne usw.) 
veröffentlicht in dex Realetu^klopädie ßlr protestantische Theologie 
von Herzog-Hauck, 3. Aufl. — Bäthgen, Beitrete zur semiH~ 
sehen Religionsgeschichtey Berlin 1888. — Robertson Smith, The 
religion 0/ the SemiteSy 2. Aufl., London 1894. Deutsche Aus- 
gabe von R. Stube: Die Religion der Semiten^ Tübingen 1899. 
— Lagrange, Etudes sur les religions shnitiques^ 2® £dit, Paris 
1905. — W. Gr. von Baudissin, Adonis und Eshmun^ Leipzig 
191 1. — Toutain, a. 0. O. II, S. 35 ffl — Die Ergebnisse der 
Ausgrabungen in Palästina, die für die Kenntnis der Toten, 
brauche und der ältesten Idolatrie wichtig sind, hat Pater 
Hugues Vincent zusammengefaßt: Canaan d*aprh Vexploration 
ricente, 1907. — Über die Verbreitung der syrischen Kulte 
im Abendlande vgL R^ville, a.a. O. S. 700*. (deutsche Aus- 
gabe S. 6701) xmdpassim: Wissowa, Relig. der Römern S. 299fi'., 
2. Aufl. S. 359ff.; Gruppe, Griech. MythoL^ S. 15820! — Wich- 
tige Bemerkungen findet man in Clermont-Ganneau, Ricueil 
d'archdol. Orientale, bisher 8 Bde., 1888 0"., und in Dussaud, 
Notes de ntythologie syrienne, Paris 19030! — Ich selbst habe 
über einzelne Gottheiten eine Reihe von Artikeln veröffent- 
licht in der Realenzyklopädie von Pauly-Wissowa (Baal, Bai- 
samem, Dea Syria, Dolichenus, Gad usw.). Weiter unten fin- 
det man andere Monographien angeführt 

I. Lucian, Lucius, 35 ff.; Apul., Metam. VIII, 24 ff. — Die 
Beschreibung, welche diese Schriftsteller geben, hat neuer- 
dings eine Bestätigung gefanden durch eine zu Kefr-Hauar 
in Syrien entdeckte Inschrift: ein Sklave der syrischen Göt- 



Syrien 279 

tin, ^ausgesandt von seiner Herrin (KUpia)'S rühmt sich, daß 
er von jeder seiner Bettelfahrten „siebenzig Säcke" mitge- 
bracht habe (Fossey, Bull. corr. hell, XXI, 1897, S. 60; cf. 
über den Sinn von infjpa „Sack" Deißmann, Licht vom Osteriy 
1908, S. 73 f.). 

2. Vgl. Rieß bei Pauly-Wissowa, s. v. Astrologie , Sp. 18 16. 

3. Cato, De agric. V, 4. 

4. Weihinschriften von Römern für Atargatis, cf. BulL corr. 
hell. VI (1882), S. 497, Nr. 15; S. 498, Nr. 17. Über den 
Tempel der syrischen Gottheiten auf Delos vgl. Comptes Ren- 
dus Acad, des Inscr^tions 19 10, S. 300 flf. 

5. Seit dem Jahre 187 findet man auch in Rom die sy- 
rischen Musikantinnen (sambucistriae) erwähnt, deren Anzahl 
immer mehr wuchs (Tit Liv. XXXIX, 6; cf. Friedländer, Sit- 
iengesch.y III*, S. 346). 

6. Florus II, 7 {III, 9); cf. Diodor. Sic, Fr. 34, 2, 5. 

7. Plut, Vit. Marii, 17. 

8. Juvenal VI, 35 1 ; Martial IV, 53, 10; IX, 2, 1 1 ; IX, 22^ 9. 

9. CIL VI, 399; vgl. Wissowa, a. a. O. S. 301. — Sueton, 
Nero^ 56. 

10. Ein auf dem Janiculus belegener Tempel der syrischen 
Gottheiten zu Rom ist erst vor kurzem aufgedeckt von Gauckler 
(Bolletino communale di Roma, 1907, S. 5 fF. [cf. Hülsen, Mitt 
Inst Rom. XXH, 1907, S. 225 flf.]; Comptes Rendus Acad Inscr.^ 
K^cj, S. i35flr.; 1908, S. 5ioflf.; 1909, S. 424^., 6i7flf.). Die 
Bemerkungen und Abhandlungen von Gauckler sind nach 
seinem Tode gesammelt unter dem Titel: L^ sanctuaire Syrien 
du Janicule, Paris 191 2. Vgl. Nicole et Darier, Le sanctuaire 
des dieux orientaux au Janicule (M^langes £col. fran9. de Rome 
t XXIX), Rome 1909. Man hat dort namentlich Weihin- 
schriften für den Hadad vom Libanon und den Hadad dxpo- 
peiTTic (vgL Dussaud in Pauly-Wissowa, Realem, s. v. Hadad), 
wie für Maleciahrudus gefunden (über den letzten cf. Cler- 
mont-Ganneau, Rec. d'archSoL or. VIII, 1907, S. 52). 

1 1. Ich habe einige Worte über diese Kolonisation gesagt 
in meinen Mon. Myst. Mithra I, S. 262. Vgl. Friedländer, Sii^ 



28o Anmerkungen 

Ungeschichie II®, S. 8ofF. Courajod hat sie unter dem Ge- 
sichtspunkt ihrer künstlerischen Wirkungen betrachtet, Legons 
du LouDre I, 1899, S. 115. 327 ff. — Für die merowingische 
Periode vgl. Scheffer- Boichorst, Zur Geschichte der Syrer im 
Abendlande (Mitt. des Inst, für Österreich. Geschichtsforschung 
VI) 1903, S. I ff. und Br^hier, Les colonies d'Orientaux en Oc^ 
cident au commencement du mqyen äge (Byzant Zeitschr. XII) 
1903, S. iff. Wolfram, Loihr, Jahrbuch für Altertumskunde XWHy 
1905» S. 318 ff. 

12. Kaibel, Inscr. graec, XIV, 2540. 

13. Comptes Rendus Acad, Inscr.^ 1899, S. 353 == Waltzing, 
Corporations pro/essiannelles , Bd. 11, Nr. 1961 = CIL III S., 
14 165®. — Inschrift Thaims von Kanatha: Kaibel, Inscr.graec. 
XIV, 2532. 

1 4. Greg. Tur., Hist, Fr. VIII, i . — über die Verbreitung 
der Syrer in Gallien vgl. Br^hier, a. a. O, S. 16 ff. 

15. Cf. Br^hier, Les origines du crucifix dans Vart religieuxy 
Paris 1904. 

16. Adonis: Wissowa, S. 300, Anm. i. — Balmarcodes: 
Pauly-Wissowa, Realenz.^ s.v.; Jalabert, MiL fac, Orient, Bey-* 
routh^ I, S. 182. — Mamas: Die Existenz eines „Mameion** 
zu Ostia kann erschlossen werden aus der Weihinschrift CIG^ 
5892 (cf. Drexler in Roschers Lexikon , s. v., Sp. 2382). — 
Ober Maleciabrudus vgl. oben^ Anm. 10. — Mit dem Kultus 
des Gottes von Gaza bürgerte sich wahrscheinlich das Maiu- 
masfest ein: Lydus, De Mensib, IV, 80 (S. 133, ed. Wunsch) 
= Suidas, s. v. Maiou^dc und Drexler, a,a. O. Sp. 2287. Vgl. 
Clermont-Ganneau, Rec, d^archioL orient, IV, S. 339 und ICraus» 
Talmudische Archäologie III, S. 127. 

17. Cf. Pauly-Wissowa, s. v. „Damascenus, Dusares". 

18. Malalas, XI, S. 280, 12 (Bonn). — Der Tempel ist 
neuerdings durch eine deutsche Expedition ausgegraben, cf. 
Puchstein, Führer in Baalbek, Berlin 1905 und Jahrbuch des 
arch, Instituts XVI, 1901, S. 133 ff.; XVII, 1902, S. 87ff.; vgL 
Dussaud in Pauly-Wissowa, Realenz. s. v. Heliopolitanus. — 
Hadad in Rom, vgl. oben S. 279, Anm. 10. 



Syrien 281 

19. CIL X, 1634: Cultores Jovis Heliopolitani Berytenses qui 
Puteolis consistunt; cf. Wissowa, a. a, O. S. 504, Anm. 3; Ch. 
Dubois, Pouzzoles antique^ Paris 1906, S. 156. 

20. Eine Liste der bekannten Trappenkörper hat Cicho- 
rius aufgestellt in Pauly -Wissowa, Realem,, s. v. „Ala" und 
„Cohors", 

21. CIL Vn, 759 — Bücheier, Carmina epigr,, 24. — Zwei 
dem syrischen Herkules (Melkart) und Astarte gewidmete 
Weihinschriften sind in Corbridge, nicht weit von Newcastle 
entdeckt {Imcr. graec. XIV, 2553). Vielleicht garaisonierten 
dort tyrische Bogenschützen. 

22. Baltis: Pauly- Wissowa, Realem.^ s. v. 

^ 2^, Pauly- Wissowa, Realenz,^ s. v. „Aziz" ; cf. Wissowa, a, a, O. 
S. 303, Anm. 7. 

24. Über die Etymologie von Malakbel vgl. Dussaud, Notes, 
24flf. Über seinen Kultus im Okzident Ed. Meyer in Roschers 
Lexikon, s. v. 

2 5. Kan, De Jovis Dolicheni cultu, Groningen 1 90 1 ; cf. Pauly- 
Wissowa, Realenz.y s. v. „Dolichenus". 

26. R^ville, Relig, sous les Sivhes, S. 237 flf. (deutsche Ausg. 
S. 236 ff.); Wissowa, a, a, O. S. 305; cf. Pauly- Wissowa, s. v. 
„Elagabal'^ — In einem kürzlich erschienenen Aufsatze [Die 
politische Bedeutung der Religion von Emesa [Archiv für Reli- 
gionswissensch. XI] 1908, S. 223 ff.) betont von Domaszewski 
mit Recht den religiösen Wert des solaren Monotheismus, der 
sich in den Tempeln Syriens herausbildete, aber er schreibt 
(S. 235) dem Kleras von Emesa eine zu exklusive Rolle bei 
der Entstehung dieser Theologie zu (cf. unten S. 300, Anm. 90). 
Der überwiegende Einfluß ging anscheinend von Palmyra aus 
(cf. unten S. 291, Anm. 59). 

27. Vgl. unten S. 291, Anm. 59. 

28. Cf. Curtiss, Ursemit, Religion im Volksleben des heutigen 
Orients (mit Vorwort von Baudissin), Leipzig 1903; Janssen, 
Coutumes des Arahes du pays de Moäb, Paris 1908, S. 297 ff. 

29. Cf. Robertson Smith, /öjäV«/ Lagrange, S. 158 — 216; 
Vincent, a.a.O. S. 102 — 123; 144 f. — Die Bedeutung die- 



282 Anmerkungen 

ser semitischen Litholatrie läßt sich an ihrer ZäMgkeit er- 
messen: Philo von Byblos definiert die Bätyle als XiGot ^^- 
ipuxoi (2, § 20, FHG in, S. 563); Hippolyt sagt uns ebenfalls 
(V, I, S. 145, Croice), daß man in den syrischen Mysterien 
('Accupiujv TcXcTaC) lehre, die Steine seien beseelt (ol XiGoi 
elciv f^ipuxoi* ?xouci yop tö auHirnKÖv), und dieselbe Lehre 
erhielt sich im Manichäismus (Titus von Bostra II, 60, S. 60, 25 
ed. de Lagarde: Ouk alcxuvexai bk Ka\ touc XiGouc d^iiuxiö- 
cOai X^TU)V Kai t& ndvTa 2^i|iuxa elaiTOu^evoc). — Ganz am 
Ende des Heidentums entwickelt sich eine abergläubische 
Verehrung für Bätyle noch bei den Neuplatonikem; vgLCony- 
beare, Transacttons ofthe cangress ofhisL o/reltg., Oxford 1908, 
S. 177. 

30. Luc, De dea Syria, c. 41. Vgl. die Inschrift von Nar- 
naka mit der Bemerkung von Clermont-Ganneau, itudes (Tarch. 
Orient, II, S. 163. — Über den Stierkult in Syrien cf. Ronze- 
valle, MS langes fac, Orient, Beyrouth^ I (1906), S. 225. 238; 
Vincent, a, a, O. S. 169. 

31. Philo Alex., De provid, II, c. 107 (II, 646 M); cf. Lucian, 
De dea Syria^ 54. 

"^i. Namentlich auf dem Berge £ryx in Sizihen (Ael., Nat, 
Anim, IV, 2). — Cf. Pauly-Wissowa, Realenz,, s. v. „Dea Syria", 
Sp. 2242. 

33. TibullI, 7, 17. 

34. Lucian, De dea Syria, 14; 54. Cf.Diodor, II, 4, 2. Ovid., 
Met, IV, 46; V, 331. 

35. Pauly-Wissowa, a,a,0,, Sp. 2241; Robertson Smith, 
S. 175. 

36. Die alten Autoren spielen oft auf diesen Aberglauben 
der Syrer an (die Texte ^ind bereits gesammelt von Seiden, 
De dis Syris II, c. 3, S. 268 ff., Ausg. von 1672). Robertson 
Smith (a, a, O, S. 449) vergleicht ihn zutreffend mit gewissen 
Ideen der Wilden. Wie viele primitive Glaubensvorstellungen 
hat auch diese sich bis auf unsere Tage erhalten. In Sam- 
Köi, etwas westlich von dem alten Doliche, bat man mich 
auf das Vorhandensein eines Bassins aufmerksam gemacht. 



Syrien 283 

das von einer Quelle gespeist wird und mit Fischen bevölkert 
ist, welche man nicht anfassen darf. Bei der Moschee in 
Edessa befindet sich ein großer Weiher; es ist verboten, die 
als heilig geltenden Fische zu fangen, und man glaubt, daß 
der, welcher von ihnen essen würde, dem Tode verfallen sei 
usw. (Sachau, Reise in Syrien, 1883, S. 196 flf. Cf. Lord Wark- 
worth, Diafy in Asiatic Turkey, London 1898, S. 242). Ebenso 
ist es mit der Moschee von Tripolis und anderen Orten 
(Lammens, Au pays de Nosatris [Revue de TOrient chr6tien] 
1908, S. 2). Sogar in Kleinasien findet man diesen Aber- 
glauben. In Tawshanli, im Norden von Aezam\ am oberen 
Rhyndacus, gibt es noch eine viereckige Zisterne, die von 
heiligen Fischen belebt ist, welche zu berühren nicht gestattet 
ist [Mitteilung von Hm. Munro]. Die Reisenden haben in 
der Türkei oft beobachtet, daß die Bevölkerung keine Fische 
ißt, selbst dort nicht, wo sie unter Nahrungsmangel leidet 
(Sachau, a. a. O. S. 1 96), und der allgemein verbreitete Glaube, 
daß ihr Fleisch ungesund sei und Krankheiten hervorrufen 
könne, entbehrt nicht ganz der tatsächlichen Begründung. 
Ramsay (Impressions of Turkey,, London 1897, S. 288) sagt 
hierüber das Folgende: Iisk are rarely found and when found 
are usually had: the natives have a prejudice against fish, and rny 
üwn experience has been unfavourable .... In the clear, spark-* 
Jing mountain^stream that flovos through the Taurus by Bozanti-* 
Khan, a small kind of fish is caught; I had a viost violent attack 
of sickness in 18 pl after eating some of them, and so had all 
who pariook. Kapitän Wilson, der sich lange Jahre in Klein- 
asien aufhielt, versichert (Handbook ofAsia Minor, S. 19), daß 
the natives da not eat fish to ar^ extent. Das „totemistische" Ver- 
bot scheint hier, obwohl es sich um ein solches handelt, einen 
hygienischen Ursprung gehabt zu haben. Man hat sich aller 
Fische enthalten, weil gewisse Arten gefährlich, d. h. von 
bösen Geistern bewohnt sind, und die Geschwülste, welche 
die syrische Göttin sendet, sind das durch die Vergiftung 
verursachte Ödem. 

37. Symbolik des Ix^uc: ich begnüge mich mit dem Hin- 



' : 



1 



'i 



284 Anmerkungen 

weis auf Usener, Sintfluisagen, 1899, ^' 223 ff. Cf. S. Reinach, 
CulteSy mythes III, 1 908, S. 43 ff. Das ganze Material ist jetzt 
zusammengestellt von Dölger, IX6YZ, I, ReligionsgeschichtL 
Untersuchungen, Rom 19 10. — Heilige Mahle, bei denen man 
Fische verzehrte: Mnaseas, Fr. ^2 (Fragnu hist, graec, III, 115); 
cf. Dittenberger, Sylloge *, 584: 'Eäv hi Tic tuüv ixOüuiv diro- 
ödvij, KapnoücGuj au0Tm€pöv im toO ßui|Lioö, und Diog. Laert 
VIII, 34. Heilige Mahle finden sich im Abendlande in den 
verschiedenen syrischen Kulten wieder: Cenatoriuni et triclv- 
nium in den Tempeln des lupiter Dolichenus {CIL III, 4789; 
VI, 30931; XI, 696, cf. Mon, Myst, Mithra II, S. 501); pro- 
mulsidaria et mantelium der Venus Caelestis dargebracht {CIL 
X, 1598); Bau eines Tempels für Malachbel mit einer culina 
{CIL ni, 7954). Erwähnung eines bemvoKpiTTic, beiTTVOic xpei- 
voc TToXXa ^€t' eucppocuvTic, in dem Tempel des Janiculus 
(Gauckler, Le sanctuaire Syrien, S. 6. 41 ff., cf. den oben S. 262, 
Anm. 41 erwähnten TrpiüTavaKXiTTic). Vgl. Lagrange, Reli^ 
gions simitiques, II, S. 609, und Pauly-Wissowa, Realenz., s. v. 
„Gad". 

38. Robertson Smith, S. 292 ff. 

39. Eine in Kefr-Hauar entdeckte Inschrift (Fossey, BulL 
corr. hell, XXI, 1907, S. 60) ist in dieser Hinsicht sehr cha- 
rakteristisch. Ein „Sklave*' der syrischen Göttin huldigt dort 
seiner „Herrin" (xupia). Vgl. oben S. 250, Anm. 9. 

40. Namentlich in Aphaca, wo sie erst durch Konstantin 
unterdrückt wurden (Eusebius, Vit, Const. III, 55; cf. Sozom. 

n. 5). 

41. Über die heiligen Prostitutionen des Heidentums ist 
viel geschrieben worden, und Voltaire spottete bekanntlich 
über die Gelehrten, die leichtgläubig genug wären, um den 
Erzählungen Herodots zu trauen. Aber jene Sitte wird durch 
unwiderlegliche Zeugnisse bewiesen. So erwähnt Strabo, des- 
sen Großonkel Oberpriester zu Comana gewesen war, sie ia 
dieser Stadt (XII, 3, 36, S. 559 C), ohne sich darüber zu 
wundem. Die Religionsgeschichte hat uns sehr viele andere 
noch seltsamere Tatsachen kennen gelehrt; diese ist nichts- 




Syrien 285 

destoweniger verblüffend. Man hat in ihr entweder ein Über- 
lebsel der ursprünglichen Promiskuität oder Polyandrie sehen 
wollen, oder die Fortsetzung der „sexuellen Gastfreundschaft" 
\No custom is more widely spread than ihe provtding for a guest 
a female companion^ who is usually a wife or daughter 0/ the host, 
sagt Wake, Serpent worship, 1888, S. 158), oder auch die Er- 
setzung der Vereinigung mit dem Gott durch die Vereinigung 
mit einem Menschen (Gruppe, Griech, MythoL, S. 915). Aber 
diese Hypothesen erklären nicht die Besonderheiten des re- 
ligiösen Brauches, wie ihn uns die glaubwürdigsten Autoren 
beschreiben. Sie legen Gewicht auf die Tatsadie, daß die 
jungen Mädchen dem Tempeldienst geweihte/«»,g/9vz«^« waren, 
und daß sie sich, nachdem sie fremde Liebhaber gehabt hat- 
ten, in ihrem Lande verheirateten. So erzählt uns Strabo 
(XI, 14, § 16, S. 532 C) mit Bezug auf den Tempel der Anaitis 
in Akilisene, daß GuyaT^pac 01 diricpav&TaTOi toö fGvouc 
dviepoOci irapOdvouc, aic vÖ|lioc dcTi KaxaTropveuGeicaic tto- 
Xuv xpövov Trapa Tfj Getp ^erd TaOxa bibocGai irpöc Ta^ov, 
ouK diroHioOvTOC Trj TomuTi] cuvoikcTv oubevöc. Herodot 
(I, 93), der beinahe dasselbe von den Lydierinnen berichtet, 
fügt hinzu, daß diese sich so eine Mitgift sammelten, und 
eine Inschrift von Tralles {Bull, corr, hell. VII, 1885, S. 276) 
erwähnt tatsächlich eine Deszendentin heiliger Buhlerinnen 
(^K irpoTÖviwv TTaXXaKibujv), die zeitweilig denselben Dienst 
versehen hatte (7raXXaK€icaca Kaxd XP^c^öv Ali). Im ägyp- 
tischen Theben selbst gab es zur Zeit Strabos (XVII, i, § 46) 
einen analogen Brauch mit ausgesprochen lokalen Eigentüm- 
lichkeiten, und Spuren davon findet man anscheinend in Grie- 
chenland bei den Lokrem (Vurtheim, De Aiacis origine^ Leiden 
1907). — Alle Algierreisenden wissen, wie die Töchter der 
Uled-Nail in den Ksurs und den Städten ihre Mitgift erwer- 
ben, ehe sie zurückkehren, um sich in ihren Stämmen zu ver- 
heiraten, und Doutt6 (Notes sur V Islam maghrSbien, les Mafa- 
houts [Aus Rev. hist. des relig. XL — XLI], Paris 1900) hat diese 
Gepflogenheiten auf die altsemitische Prostitution zurückge- 
führt, aber seine Behauptung ist auf Widerspruch gestoßen, 



2S6 Aiim ci ku ngcn 

und die gefchichtlichen Umstände der Anknnft der Uled-Naü 
m Algier im 1 1. Jalnliimdert lasfen sie sdir «weiWhaft er- 
schmi« (Mitteihnig Ton Hemi Basset). — £s ersdieint mir 
gewifi (ich weiß nicht, ob diese Eildanmg b«eits vorgeschla- 
gen ist), daß dieser s^tsame Brauch die modifizierte, unter 
dem Gesichtspunkt der Nützlichkeit betbehaltene Form ein^: 
sUten Ezogamie ist Er hatte überdies gewisse günstige Wir- 
kungen, weil er das junge Madchen 'bis zum h«ratsfahigen 
Alter gegen die Bmtalitat seiner Umg^nng schützte, und 
dieser Umstand sicherte ihm zweifellos seine FOTtdanei; aber 
die Idee, die ihm zogronde lag, ist eine andere. „Z^i premüre 
umcn sexuelle in^liquatU une effusion de sang^ a iU trUerdäe^ 
lofsque ce sang iiaü celiä d*une fiUe du clan versi par le faü d'un 
homme du clar^ (Salomon Reinach, Myihes^ cuUes^ I, 1905, 
S. 79. Cf. Lang, The secrei of ihe iotem^ London 1905). Daher 
waren die Jungfrauen verpflichtet, sich zuerst einem Fremden 
hinzugeben. Erst nachdem sie defloriert sind, können sie 
einen Mann ihres Stammes heiraten. Übrigens hat man zu 
verschiedenen Mitteln gegriffen, um den Gatten vor der Be- 
fleckung zu schützen, die für ihn mit diesem Akte v^bunden 
sein konnte (vgL z. B. Reinach, Myihes, culles^ I, S. 118). — 
Die in dieser Anmerkuug vertretene Ansicht ist fast unmittel- 
bar nach ihrer Publikation bestritten von Frazer, Adanis^ AtHs^ 
OsiriSf 1907 9 S. 50 fil, der in den heiligen Prostitutionen lie- 
ber einen Rest von ursprünglichem Kommunismus sehen wilL 
Aber wenigstens eines der Argumente, die er gegen meine 
Auffassung vorgebracht hat, ist unzutreffend. Nicht die Frauen, 
sondern die Männer erhielten Geschenke in Akilisene (Strabo, 
a. a, O.), und die kommunistische Theorie scheint mir den 
Einzelheiten des im Tempel zu Theben geübten Brauches 
keine Rechnung zu tragen. Die Scheu vor dem Blut tritt hier 
klar zutage. 

42. Porphyrius, De Ahstin, EL, 56; TertulL, Apol, 9. Cf. La- 
grange, a, a, O, S. 445. In dem Tempel auf dem Janiculus 
hat man unter der Statue des Gottes ein Kästchen gefunden, 
welches den oberen Teil eines Schädels enthielt Gauckler 



Syrien 287 

denkt an ein Menschenopfer zur Einweihung, wie man es 
ehedem in Syrien darbrachte. £r vergleicht mit diesem Funde 
auch die auf den christlichen Altären befindlichen Reliquien- 
schreine (Le sanctuaire du Janicule, S. 87 ff., cf. 275 flF.). Ver- 
mutlich hatte sich der alte semitische Ritus in der Kaiserzeit 
gemildert, und statt den Göttern ein Menschenopfer zu 
schlachten, begnügte man sich damit, im Heiligtum einen als 
heilig betrachteten Schädel aufzustellen. 

43. Selbst in den Gegenden, wo sich Städte entwickelten, 
blieben der Baal und die Baalath stets die iroXtoöxoi- Gott- 
heiten, die Schutzpatrone des Gemeinwesens, welches sie ge- 
gründet haben sollten. 

44. Le Bas-Waddington, 2196. — Suidas, s.v. OuXdpxTfC 
(Bd. n, 2, Sp. 1568, Bemhardy). Cf. Marquardt, Staatsverwal- 
tung 1\ Sp. 405. 409. 

45. Hippolyt, Adv. Haeres, V, 11, § 7; 'AccupiuiV TeXeiai; 
§18: 'AccupiuiV |iucT/ipia (S. 145. 148, ed.Cruice). Origenes, 
Contra Celsum I, 12 nennt die syrischen Mysterien. Über die 
des semitischen Gnostizismus vgl. Bousset in Pauly-Wissowa, 
Realenc, s. v. Gnosis, Sp. 1521. Pognon {Inscript, simüiques^ 
1907, Nr. 48) hat kürzlich ein leider verstümmeltes syrisches 
Epitaph veröffentlicht, das einem Adepten der heidnischen 
Mysterien gehört zu haben scheint; cf. Nöldeke, Zeitschr. für 
Assyr,^ XXI, 1907, S. 155. 

46. Robertson Smith hat über die Idee der Heiligkeit und 
der Unreinheit bei den Semiten einige Seiten geschrieben, 
die von bewunderungswürdigem Scharfsinn zeugen (S. 446 ff. 
und passint)» Unter einem anderen Gesichtspunkt ist das Pro- 
blem wieder aufgenonmien von Lagrange, S. 141 ff. — Die 
Entwicklung der Reinheitsidee in den antiken Religionen ist 
neuerdings von FameU dargestellt (^he evolution 0/ religion 
1905, S. 88ff., namentlich S. I24ff.). Vgl. auch ohjm^ S. 107 f. 
— Ein Beispiel für Verbote und Reinigungen findet sich im 
Okzident in einer leider verstümmelten Inschrift, die in Rom 
entdeckt und dem Beellefarus gewidmet ist (CIL VI, 30934* 
31 168; cf. Lafaye, Rev. hist. relig. XVII, 1888, S. 218 ff.; 



233 Anmerkungen 

Dessau, Inscr. sehe, 4343). Hier wird, wenn ich den Text 
richtig verstehe, jemandem, der Schweinefleisch gegessen hat, 
befohlen, sich mit Honig zu reinigen. — Über Baßleistungen 
in den syrischen Kulten vgl S. 254, Anm. ^^, 

47. Clermont-Ganneau (fitudes d'archioL Orient, II. 1896, 
S. 104) bemerkt, daß das Epitheton äyioc im heidnischen 
Hellenismus äußerst selten sei und fast immer semitischen 
Einfluß verrate. Es entspricht dann Vnp, das bei den Semi- 
ten das Epitheton par exceUence der Gottheit ist So ist 
Eshmun tnp; cf. Lidzbarski, Ephemer, für sentit. Epigraphik^ 
II» S. 155; Clermont-Ganneau, Recueil (Tarch^ol. Orient., III, 
S. 330; V, S. 322. — Griechisch: Le Bas-Waddingten, 2720 a: 
0\ KdTOXOi dtiou oupaviou Aiöc. Dittenberger, Orient, graec, 
inscript. 620: Zeuc &TIOC B€€Xßu;cuipoc. Hill, Cat. coins Bri-- 
tish Museum, Phoenicia p. XXI, n. i : Zeuc äyioc in Tripoli. 

Ich habe einmal bei einem Kaufmann eine Weihinschrift 6€ui 

• 

äxitu 'Ap€Xc^Xif) abgeschrieben, die auf eine Lampe graviert 
war. — Lateinisch: I. Dolichenus sanctus CIL VI, 413 ; X, 7949. 
— I. Heliopolitanus sanctissimus, CIL VIII, 262'j. — Caelestis 
sancta, VIII, 8433 usw. — Der afrikanische Saturn (= Baal) 
wird oft sanctus genannt — Hera sancta neben lupiter Doli- 
chenus, VI, 413. — Malakbel wird mit Sol sanctissimus über- 
setzt in der bilinguen Inschrift vom Capitol, VI, 710 = Dessau, 
4337. Vgl. auch den deus sanctus aeternus V, 1058, 3761, und 
Comptes Rendus Acad. Inscr., 1 906, S. 69. Siehe jetzt Delehaye, 
AncUecta Bollandiana 1 909, S. 157; Link, De vocis sanctus usu 
pagano, Königsberg 19 10, S. 28 0". 

48. Vgl. meine Vorlesungen über Astrology and Religion 
among the Gr. and Romans, 191 2, S. 56ff., 78flF. Als merk- 
würdige Beispiele von griechisch-syrischem Synkretismus kann 
man das Basrelief von Ed-Duwair im Louvre anfuhren, das 
von Dussaud fein ailalysiert ist (Notes, S. 89 ffl), und nament- 
lich das von Homs im Brüsseler Museum {^hid,, 104 fl*.). 

49. Macrob., I, 23, § 11: Ritu Aegyptio viagis quam Assyrio 
Politur; cf. Lucian, De dea Syria, 5. In dem Tempel der syri- 
schen Götter in Rom hat man eine ägyptische Statue gefun- 



Syrien 289 

den. — „Hennetische<< Theorien drangen bis zu den Sabiem 
Osrhoenes (Reitzenstein, Poimandres^ 166 ff.), wenn sie auch 
nur eine oberflächliche Wirkung ausgeübt zu haben scheinen 
(Bousset, Göttingische Gelehrte Anzeigen 1 905, 704 ff.). — Die 
Existenz von Kdroxoi in Bätocece und anderswo scheint auf 
ägyptischen Einfluß hinzuweisen (Jalabert, MiUmges de la fac. 
Orient, de Beyrouth, Bd. U, 1907, S. 308 ff.). Der Sinn von 
KdTOXOC» das man verschieden interpretiert hat, scheint uns 
durch die von Kroll gesammelten Stellen fixiert zu sein, Cat. 
codd. astroL graec. V, Pars II, S. 1 46 ; cf. Otto, Priester und Tem- 
pel, Bd. I, S. 119; Bouch6-Leclercq, HisL des Lagides, Bd. IV, 
S. 335. Es sind Arme, Kranke oder selbst Besessene, die in 
der Umgebung der Tempel lebten und zweifellos vom Klerus 
unterhalten wurden, wie in christlicher Zeit die Flüchtlinge, 
die in den Kirchen sich das Asylrecht zunutze machten (cf. 
Compt. Rend, Acad. Inscr.^ I907> S. 454). 

50. Cf. unten S, 291, Anm. 59. 

51. Strab., XVI, i, 6. Cf. Plin., H. iV. VI, 6: Dural adhuc 
ibi levis Bell templum. Plinius VI, 30, 6 (vgl. dazu Heuzey, 
C, R. Acad. Inscr. 191 2, S. 497). — Vgl. meine Mon. MysL 
Mithra, I, S. 35 ff.; Astrology and religion etc. a. a. O.; Chapot, 
M^m. soc. antig. de France, 1902, S. 239 ff.; Gruppe, Griech. 
Mythol.j S. 1608, Anm. i; von Baudissin, Adonis und Eshmun, 
191 1, Index s. v. Babylonien. 

52. Lucian, De dea Syria, c. 10. 

53. Hamack, Dogmengeschichte, V, S. 233 ff. und passim. 

54. B^lkult in Syrien, cf. Compt. Rend. Acad. Inscr., 1907, 
S. 447 ff. — Vgl. unten, Anm. 59. 

55. Heliopolitanische Trias und Hinzutritt von Mercur zu 
dem ursprünglichen Paare: Perdrizet, Rev. itud. anc, HI, 1901, 
S. 258; Dussaud, Notes, S. 24; Jalabert, Milanges fac. orienl. 
de Beyrouth, I (1906), S. 175 ff. — Trias in Hierapolis: Lu- 
cian, De dea Syria, c. 33. Nach Dussaud, Notes, S. 115, sollen 
die drei Gottheiten zusammen aus Babel gekonmien sein. — 
Man hat auch die Existenz einer phönikischen Trias (Baal, 
Astarte, Eshmun oder Melqart), wie einer palmyrenischen 

Cumont, Die oriental. Religionen I9 



200 Anmerkungen 

Trias gemntmaßt, aber ohne zureichenden Grand (Ihid, 170. 
172 £); die der karthagischen Triaden ist wahrscheinlicher 
(cf. Polybius, VII, 9, 11 und W. von Baudissin, Adonis und 
Eskmun S. 1 5 flF.). — Siehe überhaupt Usener, Dreiheit (Aus 
Rhein. Museum, LVlil), 1903, S. 32. — Die Triaden erhalten 
sich in der Theologie der „chaldäischen Orakel^ (Kroll, De 
orac. Chald., 1 3 ff.), und eine dreifache Teilung der Welt und 
der Seele wurde in den „assyrischen Mysterien*' gelehrt (Ar-- 
chw für ReL Wiss, IX, 1906, S. 331, Anm. i). 

56. Boll, Sphaera, S. 372. — Die Einfuhrung der Astro- 
logie in Ägypten scheint kaum vor der Ptolemäerzeit erfolgt 
zu sein. 

57. Wie später die römischen Kaiser, so glaubten die 
Seleukiden an die chaldäische Astrologie (Appian, Syr., 38; 
Diodor, ü, 31, 2; cf. Rieß in Pauly-Wissowa, Realem,, s.v. 
„Astrologie'S Sp. 18 14), und die Könige von Kommagene, 
wie eine große Anzahl von syrischen Städten haben Zeichen 
des Tierkreises als Embleme auf ihren Münzen (Wroth, Cat 
greek coms BriL Mus., Syruz, S. 326; Hill, t'büL Phoenicta, S. 323 
s. v. „Zodiac^; Head, Historia nummorum, 2. Ed., S. 964, s. v. 
„Zodiacal types*'). Es steht sogar fest, daß diese Pseudowis- 
senschaft in jene Gegenden lange vor der hellenistischen 
Zeit gelangte. Spuren davon findet man im Alten Testament 
(Schiaparelli, Die Astronomie im Alten Testament, übers, von 
Lüdtke, 1 904, S. 46). Sie modifizierte das gesamte semitische 
Heidentum; der einzige Kultus, den wir etwas näher kennen, 
der der Sabäer, gewährt ihr den weitesten Spielraum; in den 
Mythen und Lehren der anderen ist ihre Einwirkung nicht 
minder spürbar (Pauly-Wissowa, Realenz,, s. v. „Dea Syria", 
Bd. IV, Sp. 2241, und s.v. „Gad"; cf. Baudissin, Realenz. für 
prot. TheoL, s. v. „Sonne**, S. 510. 520). Wie sehr namentlich 
der Kleras von Emesa durch sie beeinflußt war, beweist so- 
wohl der von einem Priester dieser Stadt geschriebene Ro- 
man Heliodors (Rohde, Griech. Roman, 2. Aufl., S. 464 [436]) 
als das Horoskop, welches Julia Domna den Thron verschaffte 
{Vita Severi, 3, 8; cf. A. von Domaszewski, Archiv für ReL 



Syrien 291 

Wiss. XI, 1908, S. 223). Ihr unwiderstehlicher Einfloß er- 
streckte sich bis auf das arabische Heidentum (Nöldeke in 
Hastings, EncycL of religion^ s. v. „Arabs", I, S. 661; zu ver- 
gleichen Orac, SihylL^ XTTT, 64 ff., über Bostra). Der siderische 
Charakter, den man den syrischen Göttern hat beilegen wol- 
len, ist entlehnt, aber darum nicht weniger vorhanden. Seit 
alter Zeit findet man bei den Semiten den Kult der Sonne, 
des Mondes und der Sterne (cf. Deut 4, 19; Job 31, 25), 
namentlich des Planeten Venus, aber er hatte nur sekundäre 
Bedeutung (vgl. Robertson Smith, a,a.O. S. 135, Anm. i); 
doch wuchs er um so mehr, je starker der babylonische Einfluß 
wurde. Die Polemik der s)Tischen Kirchenväter beweist, wie 
groß sein Ansehen in christlicher Zeit war (cf. Ephram, Opera 
syriaca, Rom 1740, Bd. II, S. 447 flf.; den „Assyrer** Tatian, 
c. 8 ff., 29) vgL meine Abhandlung über Le faUdisme astral in 
der Revue d^hisioire et de litt, religieuses 1912, S. 520 ff. 

58. Humann und Puchstein, Reue in Kleinasien und Nord^ 
Syrien^ 1890, Taf. XL; Man. MysL Mithra^ I, S. 188, Fig. 8; 
Bouch6-Leclercq, AstroL gr.j S. 439. 

59. Cf. Wissowa, a. a, O, S. 306 — 307. — Über den Tem- 
pel des B61 zu Palmyra vgl. Sobemheim, Palmyrenische In-* 
Schriften (Mitt der vorderasiat. GeseUsch., X) 1905, S. 319 ff.; 
Lidzbarski, Ephemeris, I, S. 255 ff.; III, S. 280. — Priester des 
B^l: Clermont-Ganneau, Recueil d^archioL Orient, VII, S. 12. 
24. 364. Vgl. ohen^ Anm. 54. — Die Macht Palmyras unter 
Zenobia, die vom Tigris bis zum Nil gebot, hatte selbstver- 
ständlich die Stiftung eines offiziellen Kultus zur Folge, der 
notwendigerweise synkretistisch war. Daher seine besondere 
Bedeutung für die Geschichte des Heidentums. Wenn die 
babylonische Astrologie dort mächtig war, so scheint doch 
das Judentum keinen geringeren Einfluß auf seine Entstehung 
ausgeübt zu haben. Es gab in Palm3nra eine zahlreiche jü- 
dische Kolonie, welche die Redaktoren des Talmud ab mä- 
ßig orthodox betrachteten (Chaps, GH Ebrei di Palmira [Ri- 
vista Israelitica, I], Florenz 1904, S. 171 ff.; 238 f. Cf. „Pal- 
myra" in den Jewish EncycL\ jüd. Inschr. von Palmyra: Euting, 

19* 






292 

SB Beri. Aiad, iSSSf S. 66g; Landauer, IhüL, 1884, S. 9330:), 
imd die sidi xn Ko mp romisten mit den Gotzendienem her- 
gegeben tu haben scheint Andeneits sehen wir Zenobia 
selbst eine Synagoge in Ägypten restaurier«! {R^v. anhielt 
XXX, 1875, S. in; Zeäschr./ur Numism. V, S. 229; Ditten- 
berger, Orient, graec. mscr, 129). Diese l^wirkong des Jn- 
dentnms scheint die Entwicklung des Kultus des Zeik Si|ncTOC 
ical dir^KOOC, „dessen Name gebenedeiet ist in Ewigkeit^, in 
Palmjra zn erklaren. Hjpsistos ist nberall ein Name gewesen, 
der gleichzeitig Jahve nnd dem heidnischen Zens beigelegt 
wurde (oberh S. 75. 148). Der Text des Zosimus (I, 61), nach 
dem Anrelian die Standbilder 'HXiou TC ical B^Xou (mit Un- 
recht hat man korrigiert toO ical B^Xou) von Palmjra nach 
Rom brachte, beweist, daß die astrologische Religion der 
großen Wüstenstadt einen höchsten Gott miterschied, der im 
obersten Himmel thronte, nnd einen Sonnengott als sein sicht- 
bares Bild und seinen Mittler, in Üb^einstimmung mit der 
semitischen Theologie des ausgehenden Heidentums (vgL obm^ 
S. 154). 

60. Ich habe von dieser solaren Eschatologie in der imien^ 
S. 300, Anm. 90 zitierten Abhandlung gehandelt VgL jetzt 
Asirology and religion among the Crreeks and Romans^ 19 12, 
S. 167«: 

61. Diese Meinung vertritt anscheinend Posidonius (cf. 
Wendland, Philas Schriß über die Vorsehung, Berlin 1892, 
S. 68, Anm. i ; 70, Anm. 2). Sie wird von den alten Astro- 
logen geteilt 

62. Diese alte heidnische und gnostische Vorstellung hat 
sich in Sjrien bis auf unsere Tage bei den Nossairiem er- 
halten, VgL Ren6 Dussaud, Histoire et religion des Nosairis, 1900, 
S. 125. 

63. Der Glaube, daß die frommen Seelen von einer psy- 
chopompen Gottheit zum Himmel geführt werden, findet sich 
nicht nur in den Mysterien des Mithra (Mon. Myst. Mithra, I, 
S. 310), sondern auch in den syrischen Kulten, wo diese 
Rolle oft dem Sonnengott zufallt; siehe Isid. L6vy, Cultes sy^ 




Syrien 293 

rims dans le Talmud (Revue des 6tud. juives, XLUI), 1901, 
S. 5, und Dussaud, Notes, S. 27; cf. die Inschrift Le Bas- 
Waddington» 2442: BaciXeO b^CTiOTa (« die Sonne), tXaOi 
Ka\ bibou Tiäciv fi|iiv UTinv KaGopav, Tipi^Hic axaGäc Kai ßiou 
T^Xoc dcOXöv. — Dieselbe Idee begegnet uns im Abendlande 
in den Inschriften; so in dem merkwürdigen Epitaph eines 
verstorbenen Seemanns zu Marseille (Kaibel, Inscr, graec, XIV, 
2462 — £pigr,y 650): 

*6v hi [tc] T€9v€iotciv ö\n\jbp\\ic\ y€ ir^Xouciv 
boiat' Ta»v ^ipY\ \xky iinxOoviii ir€q)öpr)Tai. 
1^ V kiiprx Tc{p€cci div alGcpioici xopeOct, 
fjc CTpaTi^c €Tc €ljii(, Xaxdiv Geöv i^T€Movf\a. 

^ Vgl. HaussouUier, Revue de philoL 1909, S. 6. Das ist derselbe 
Ausdruck, dessen sich Julian bedient {Caesares, S. 336 C), wenn 
er von Mithra spricht, dem Seelenfuhrer: f^T€|iöva Geöv. VgL 
auch unten, Anm. 66, und S. 334, Anm. 24. 

64. Die babylonische Herkunft der Lehre, daß die Seelen 
durch die sieben Planetensphären zum Himmel aufsteigen, 
war von Anz behauptet worden {Zur Frage nach dem Ursprung 
des Gnosttzismus, 1897; cf. Mon. Myst, Mithra, I, S. 38 flF., S. 309 ; 
Bousset, Die Himmeisreise der Seele [Archiv fär Rel. Wiss., 
Bd. rV], 1901, S. löoff.). Sie ist seither geleugnet von Reit- 
zenstein [Poimandres, S. 79; cf. Kroll, Berl. philoL Wochenschrift, 
1906, S. 486). Aber obwohl sie von den Griechen und selbst 
von den Ägyptern präzisiert und umgebildet sein mag, bleibe 
ich doch bei dem Glauben an ihren chaldäischen und reli- 
giösen Ursprung. Ich schließe mich durchaus den Schlußfol- 
gerungen an, die Bousset kürzlich formuliert hat (Götting, Ge- 
lehrte Anz., 1905, S. 707 ff. und jetzt „Gnosis" in Pauly-Wis- 
sowa, Realenz, Sp. 1520). — Man kann noch weiter gehen: 
mag sie auch ihre Wurzeln zum Teil in den Spekulationen 
Altgriechenlands haben (Aristoph., Fax, 832 ; Plat, Tim., 42 B), 
mag man auch einzelne Züge von ihr bei anderen Völkern 
wiederfinden (Dietench, Mithrasliturgie, S. 182 ff.; Nekyia, S. 24, 
Anm.; Rohde, Psyche 11, S. 131, Anm. 3), die Idee selbst, daß 
die Seelen sich nach dem Tode zu den göttlichen Gestirnen 



294 Anmerkungen 

erheben, hat sich jedenfalls unter dem Einfloß des Stemkal- 
tes der Semiten so weit entwickelt, daß sie alle anderen 
eschatologischen Theorien beherrschte. Der Glaube an die 
Ewigkeit d^ Seelen ist das Corollarium des Glaubens an die 
Ewigkeit der himmlischen Götter (S. 149). — Wir können hier 
nicht die Geschichte dieser Vorstellung schreiben und müssen 
uns auf kurze Bemerkungen beschränken. Die erste Darstellung, 
welche dieses System in Rom gefunden hat, begegnet uns in 
dem Traum des Sctpto (c. 3) ; sie geht wahrscheinlich auf Posi- 
donius von Apamea zurück (cf. Wendland, Du heUenisHsch'ro^ 
mücke£u/fur,S.S5; 166, Anm. 3; 168, Anm.i; 2. Aufl. S. 135; 
1 70, Anm. 4; 172, Anm. 2) und ist vollständig imprägniert mit 
Mystizismus und Astrolatrie. Etwas später begegnet man der- « 
selben Idee bei dem Astrologen Manilius (I, 758; IV, 404 
usw.). Die Form, welche sie bei Josephus (Bei/, Jud. V, 1,5, 
§ 47) annimmt, ist auch weit mehr religiös als philosophisch 
und berührt sich in frappanter Weise mit einem Dogma des 
Islam (die Seligkeit ist denen vorbehalten, die im Kampfe 
sterben; ein Syrer \ibid.^ § 54] wagt sein Leben, damit seine 
Seele zum Hinmiel emporsteige). Man vergleiche mit dieser 
Erzählung die Inschrift des Antiochus von Kommagene (Michel, 
Recueily Nr. 735, Z. 40): Zuj|ia irpdc oöpaviouc Aide 'Qpo- 
^dcbou Gpövouc 9€oq)iXfi ipux^v 7Tp07r^|iipav elc töv äTieipov 
alÄva Koi|itic€Tai. 

Es ist bemerkenswert, daß diese siderische Unsterblichkeit 
ursprünglich nicht allen Menschen gemeinsam ist, sondern 
vorbehalten wird ommbus qui patriam conservaverint, adzuoerint^ 
auxerint {Somn, Scip.^ c. 3 und 8; cf. Manil., I, 758; Lucan., 
Phars, IX, i flF.; Wendland, a. a. O. S. 85, Anm. 2 ; 2. Aufl. S. 1 35, 
Anm. 4), und dies entspricht auch den ältesten orientalischen 
Überlieferungen. Die Riten, die man anfanglich vollzog, um 
den Königen Unsterblichkeit zu sichern und sie den Göttern 
gleich zu machen, sind nach und nach als eine Art Privile- 
gium auf bedeutende Persönlichkeiten des Staates ausgedehnt 
und erst viel später schließlich bei allen Verstorbenen ange- 
wandt (Astrology and religion S. 179 flF.). 



Syrien 295 

Ober die Verbreitung dieses Glaubens seit dem i. Jahrhun- 
dert unserer Ära siehe Diels, Elementum, 1899, S. 73, cf. 78; 
Badstübner, Beiträge zur Erklärung Senecas, Hamburg, S. 2 ff. 

— £r kommt oft zum Ausdruck in den Inschriften (Fried- 
länder, Sittengesck, III^ S. 7 49 ff.; Rohde, Psyche , S. 673, cf. 610; 
Epitaph von Neoclaudiopolis, Studia Pontica^ Nr, 85; CIL in 
(Salona), 6384; ohen^ Anm. 63, usw.). — Er dringt gleichzei- 
tig in das Judentum und in das Heidentum ein (cf. Bousset, 
Die Religion des Judentums im neutest, 2^talter^ 1903» S. 271, 
und für Philo von Alexandrien Zeller, Pialos, der Griechen^ V^ 
S. 397 und 297). — Er wurde von Cornelius Labeo darge- 
legt, aus dem Amobius und Servius schöpfen (Nieggetiet, De 
Comelio Laheone [Diss. Münster], 1908, S. 77 — 86; vgl. jedoch 
Boehm, De ComelH Labeonis aetate, Königsberg 19 13, S. 62 ff.). 

— Er war allgemein angenommen am Ende des Imperiums; 
oi. unten, S. 334, Anm. 25. Ich hoffe bald Gelegenheit zu 
haben, die Entwicklung dieser siderischen Eschatologie ge- 
nauer auseinanderzusetzen. Vgl. einstweilen Hönn, Himmel" 

fahrt im Altertum, Mannheim 1910. 

65. Die elysischen Gefilde sind nach der Lehre der ägyp- 
tischen Mysterien in der Unterwelt (ApuL, Metam. XI, 6). — 
Nach der astrologischen Theorie sind die elysischen Gefilde 
in der Sphäre der Fixsterne (Macrob., Comm, somn, Scip. I» 11, 
§ 8; cf. unten, S. 334, Anm. 25). — Andere verlegten sie in 
den Mond (Servius, Ad Aen.Nl, 887; cf. Norden, Vergils Buch 
F"-^ S. 23; Rohde, Psyche, S. 609 ff.). — Jamblichus setzte 
sie zwischen Mond und Sonne (Lydus, De mens. IV, 149, 
S. 167, 23, Wünsch). 

66. Die Beziehung zwischen den beiden Vorstellungen ist 
ersichtlich aus der angeblichen Darlegung der pythagoreischen 
Lehre, welche Diogenes Laertius von Alexander Polyhistor ent- 
lehnt, und die in Wirklichkeit ein apokryphes Werk des i. Jahr- 
hunderts n. Chr. ist Es wird gesagt, daß Hermes die reinen 
Seelen nach der Trennung von ihrem Körper führe elc töv 
^ipiCTOV (Diogen. Laert VIII, § 31; cf. Zeller, Philos. der 
Griechen, V*, S. 106, Anm. 2). — Über den Sinn von Hypsistos 



2g6 Amneikuiigen 

1^ oben, S. 1 48. Er geht klar bervoi au der Stelle Jes. XIV, 1 3 
in der Cberaetxong der LXX: Eic TÖv oöpav6v ävapVicoMai, 
indvui TÜPV dcT^pujv Si^cw t6v 9pövov ^ou . . . f co^ai 5^0|OC 
Tt^ TviCTiU. VgL Iiucr. ad ru Rom. perlineaUs lH, 1060: Ali 
odpaviifi ü^JicT^l. 

67. Er ist orsprüQglich der Qoimergott, griechisch Kepau- 
vöc: unter diesem Namen erscheint er z. B. auf dem Im Brüs- 
seler MoBeain befindlichen Basrelief von Homs (Calalogtu 
Scuifi/ures musie du Cinquanlenaire , 2' 6diL 1913, Nr. 55, cf. 
Dnaaaud, /Vit/ts, S. 105). Später wird veimöge eines wohlbe- 
kannten Prozesses die Wirttung eines besonderen Gottes cum 
Attribut einer umfassenderen Gottheit, und man redet von 
einem Zcüc Kepauvioc (cf. Usener, ICerawwi [Rhein. Mosenm, 
N. F., LX] 1901 — KUint Schriften IV, 1913. S. 471 ff.). — 
Dieser Zeus Keraunios erscheint oft in den Inschriften SyrieDS 
{CIG, 4501, 4520; Le Baa-Waddington, 2195, 2557a, 2631, 
2739; cf. Röscher, Lexikon der Myth^ s. v. „Keraunos" und 
Aom. 66). Ihm opferte Seleukus, als er Seleucia gründete 
(Malalas, S. 199), und eine Weihinschrift für denselben Gott 
ist kürzlich in dem Tempel der syrischen GotUieiteu zu Rom 
gefunden (o&m, S. 279, Anm. 10). — Ein Äquivalent des Zeus 
Keraunios äat der Zeus KaTaiß(ÜTr]C — der im Blitz herab- 
fahrende — , welcher in Cyrrbns verehrt wurde (Wrotb, Grtek 
coms in Ihe British Museum: Galaüa, Syria, S. 52 und LH; 
Röscher, Lex., s. v.). 

68. Die Bipennis wird z. B. von dem lupiter Dolichenus 
geführt (cf. oben, S. 169). Über Ihre Bedeutung vgl Usener, 
d. d. 0. S. 20. 

69. et Ljdzbarski, Baisamem (Ephem. semIt. Epigr., Q 
S. 251. — Ba'al äamalD wird schon im 9. Jahrhundert v. Chr. 
in der Inschrift von Ben Hadad genannt (Pognon, Inser. sfmit., 
1907, S. 165 ff.; cf. Dussaud, Rev. archloL, 190S, I, S. 235). 
In den zu Berlin aufbewahrten aramäischen Papyri nennen 
die Juden von Elephantine, indem sie sich an einen persi- 
schen Statthalter wenden, Jahve den „Gott des Himmels", 
und derselbe Name wird in den angeblichen Edikten des 



Syrien 297 

Cyrus und seiner Nachfolger gebraucht, die in das Buch 
£sra eingeschaltet sind (I, i ; VI, 9 usw.). — Wenn die Iden- 
tität des Donnergottes und des Baal-samfn dem geringsten 
Zweifel unterliegen könnte, so würde dieser beseitigt durch 
die Inschrift von £t-Tayibe, in der dieser semitische Name 
griechisch wiedergegeben wird durch Zeuc ^^t^CTöc Kcpau- 
Vioc; cf. lidzbarski, Handbuchy S. 477, und Lagrange, a.a.O. 
S. 508. 

70. Kult des Baalsamtn, der mit Ahura-Mazda identifiziert 
und Caelus geworden ist; cf. Mon. Myst. Mithra^ S. 87. — Die 
Texte, welche die Existenz eines formlichen Himmelskultes 
bei den Semiten beweisen, sind zahlreich. Außer denen, welche 
ich gesammelt habe (a. a. (?., Anm. 5), vgl. Conybeare, Philo 
about ihe c<mteinplative life^ S. 33, Anm. 16; Kayser, Das Buch 
der Erkenntnis der Wahrheiiy 1893, S. 337, und unten^ Anm. 76. 
— Zeus Oöpdvioc: Le Bas -Waddington, 2720a (Baal von 
Bätocece); Renan, Mission de Phhucie^ S. 103. — Cf. Archiv 
ßr Rel. Wüs. IX (1906), S. 333. 

71. Münzen von Antiochus Vm. Grypus (i 25 — 96 v. Chr.) : 
Babelon, Rois de Syrie, d'ArmSnie, 1890, Taf. CLIX, S. 178«". 

72. Alle diese Eigenschaften, welche den Baalen durch 
den astrologischen Paganismus beigelegt wurden (öipiCToq 
iravTOKpdTU)p usw.) sind auch die Attribute, welche nach der 
Lehre des alexandrinischen Judentums Jahve charakterisieren 
(cf. oben^ Anm. 66). Wenn dieser ursprünglich, wie man be- 
hauptet hat, ein Donnergott gewesen sein sollte, dann würde 
die Entwicklung der jüdischen Theologie die Parallele zu der 
der heidnischen Vorstellungen bilden (cf. oben^ Anm. 69). 

7 3. Über alles dies cf. Jupiter summus exsuperanüssimus (Archiv 
für Rel. Wiss. IX) 1906, S. 3 26 ff. 

74. Für den "HXioc TravTOKpdruip vgl. meine Abhandlung 
über La Thiologie solaire etc., erweiterte deutsche Ausgabe von 
G. Gehrich in Vorbereitung. 

75. Ps.-Jamblichus, De mysteriis VI, 7 (cf. Porphyrius, Epist. 
Aneb,^ c. 29) bemerkt bereits diese Differenz zwischen den 
beiden Religionen. 



2q8 Anmcrkungeii 

76. ApoL, MßL Vm, 25. VgL CIL DI, 1090; Xu, 1227 
(— Dessau, 2998, 4333); Macrob^ Comau sonau Sc^. I, 14» 
§ 2: Nikä aUud esse detim nisi caeban ipsum et caelesOa ^a 
quae cemimus^ ideo ut summ cmmpotenHam dei ostenderet posse 
vix MellegL 

77. Diodor 11, 30: XoXbaioi Tf|V toC KÖqiou qnktv dtbiöv 
qMzav cTvai ktX.; et CIccto, NoL deor. n, 20, § 52 fL; Plin^ 
^. iK, n, 8, § 30. Der Begriff der Ewigkeit stand in Korre- 
lation mit dem der d^ap^^; cf. P8.-ApTiL, Asclep. 40; ApnL, 
De deo SocraHs, c. 2: (Die Planeten) quae m deflexo cursu . . . 
tneaius dronus vidbus aetemos efjichmt, 

78. In Palmjra: De Vogü6, Inscr. simä^ S. 53ffi. usw. — 
Über den erstgenannten Titd vgL unien^ Anm. 81. 

79. VgL namentlich CIL VI, 406 —» 30758, wo Inpiter ge- 
nannt wird: Aetemus conservaUnr toHus polu Die Bedehnng zmn 
Himmel ist hier deutlich geblieben. Cf. Somn. Scip, DI, 4 und 
IV, 3; Diodor. Sic. VI, i. 

80. C£ Rev. arcJUol^ 1888, 1, S. i84£; Pauly-Wissowa, 8.v. 
„Aetemus^, und Festschrift für Otto Betmdoff., 1898, S. 291. 

— Die Idee der Ewigkeit der Götter taucht schon in sehr 
alter Zeit auch in Ägypten au^ aber die Isismjsterien — in 
denen man des Todes des Osiris gedachte — scheinen sie 
nicht betont zu haben, und jedenfalls wurde sie im Abend- 
lande erst durch die Gestimkulte verbreitet 

81. Man hat über die Frage gestritten, ob das Epitheton 
IKdys «ntt Jlerr der Welt** oder „Herr der Ewigkeit" be- 
deutete (c£ Lidzbarski. Ephemeris, I, 258; II, 297; Lagrange, 
S. 598), ab^ m. E. ist diese Kontroverse gegenstandslos; die 
beiden Ideen waren im Geiste der syrischen Priester untrenn- 
bar verbunden, und ein einziger Ausdruck umfaßte sie alle 
beide, da die Welt als ewig gedacht wurde {pben^ Anm. 77). 

— VgL för Ägypten HorapolL, Hieroglyphe, I (Schlange als 
Symbol von aiu)V und köc^oc). — Auch in Palmyra findet man 
den Titel „Herr des Alls" bD «"Va (Lidzbarsld, a, a. O) ; cf. 
Julian, Or. IV, S. 203, 5 (Hertlein): '0 ßaaXeuc täv 8Xu)V 
^HXtoc, und unteny Anm. 82. 88. Dieses Epitheton wird auch 



Syrien 299 

Dusares beigelegt (Janssen et Savignac, Miss, archioL en Arahie 
1909, S. 175). Schon in Babel gab man Shamash und Hadad 
den Titel „Herren des Universums"; cf. Jastrow, Relig, Baby» 
loniens, I, S, 254, Anm. 10. — Herr Nöldeke hatte die Güte, 
mir hierüber das folgende zu schreiben: „Daran kann kein 
Zweifel sein, daß obl? zunächst (lange Zeit) Ewigkeit heißt, 
und daß die Bedeutung „Welt" sekundär ist Ich halte es 
daher für so gut wie gewiß, daß das palmyrenische \f^V 1X^0^ 
wenn es ein alter Name ist, den „ewigen" Herrn bedeutet, wie 
ohne Zweifel DbV bV^ Gen. 21, 33. Das biblische Hebräisch 
kennt die Bedeutung „Welt" noch nicht, abgesehen wohl von 
der späten Stelle &cl. 3, 11. Und, soviel ich sehe, ist im 
Palmyrenischen sonst HfXhy immer „Ewigkeit", z. B. in der 
häufigen Redensart Ättb^P T\10iW T>1Sb. Aber das daneben 
vorkommende palmyrenische bs li^'IIS führt allerdings darauf, 
daß die palmyrenische Inschrift auch in iü^by lli,yü den „Herrn 
der Welt" sah. Ja, der syrische Übersetzer sieht auch in je- 
nem üb^y bV^ den „Gott der Welt". Das Syrische hat näm- 
lich einen formalen Unterschied festgestellt zwischen )c^a, dem 
Status absolutus, „Ewigkeit" imd JxiSa, dem Status emphati- 
cus, „Welt". — . Sollte übrigens die Bedeutung Welt diesem 
Worte erst durch Einfluß griechischer Spekulation zuteil ge- 
worden sein? In der Zingirli-Inschrift bedeutet obM noch 
bloß „in seiner Zeit". 

82. Cf. CIL Uly 1090 = Dessau, Inscr., 2998: Droinarum 
humanarumque rerum reciori. Vgl. ibid. 2999 und Cagnat, Annie 
^ig^'t 1905» Nr. 235: /. O, M., id est universitatis principi, Cf. 
den zitierten Artikel des Archivs, Anm. 73. — Der AscUpius 
sagt bei dem Gebrauch eines astrologischen Ausdrucks: Cae- 
lestes dii catholicorum dominantur, terreni incolunt singula, 

83. Cf. Robertson Smith, S. 7 5 ff., passim. — In den syri- 
schen Kulten wie in dem des Mithra betrachten die Mysten 
sich als Glieder derselben Familie, und der Ausdruck „teu- 
erste Brüder**, den unsere Prediger gebrauchen, war bereits 
unter den Anhängern des lupiter Dolichenus üblich [fratres 
carissimos, CIL VI, 406 =« 30758). 



300 



Anmerkungen 



84. Diese Bemerkung hat schon Renan gemacht, Apöires^ 
S. 297 — Journal Asiatique^ i859> S. 259. Vgl Jalabert, MiL 

faculti Orient, Beyrouih^ I (1906), S. 146. 

85. Dies ist der von den Heiden gebrauchte Ausdrack 
(ptrhäes). Vgl die Inschrift Numini et virttdtbus dei aeterm^ 
wiederiiergestefit in Revue de PhüoioL^ 1902, S. 9; Archiv ßlr 
Ret. Wiss,^ a. o. O. S. 335, AnnL I, und unten^ S. 332, Anm. 20. 

86. CIL Vn, 759 — Bücheier, Carm. epigr., 24. — Cf. 
Luc tan, De dea Syria^ ^2. 

87. Macrob., Sat. I, 23, § 17: Nominis (Adäd) interpretatio 
significat unus unus, 

88. Cicero, Somn, Scip.^ c. 4: Sol dux et princeps et modera~ 
tor lumnum religuorum^ mens mundi et iemperatto. Plin., H. N. 
n, 6, § 12: Sol . . . siderum ipsorum caeltque rector, Hunc esse 
mundi totius animam ac planius mentem^ hunc J>rtncipale naturae 
regimen ac numen credere decet etc. Julian von Laodicea, Cat, 
codd. astr, I, S. 136, Z. i: *'HXioc ßaciXeuc Kai f)T€|iU)V toO 
cii|i7ravT0C köcjüiou KotOecTibc, Tidvrwv Ka9T]TOU|i€Voc Kai Tidv- 

TU)V filV T€V€CldpXnC. 

8q. Eine ähnliche Vorstellung von dem Verhältnis des 
Schöpfers zu seinen Geschöpfen liegt Ps. CIV, 29 — 30 zu- 
grunde. Vgl. oben S. XDC, Nr. 3. 

90. Ich fasse hier gewisse Ergebnisse einer Studie über 
La thiologie solaire du paganisme ronudn zusammen (Acad. des 
Inscr. Paris, 1909, in Mimoires des savanis itrangers^ Bd. Xu, 
Teil 2, S. 44 7 ff. und in erweiterter Form deutsch von G. Geh- 
rich; vgl. oben, Anm. 74). 

91. Die Hymnen des Synesius (II, loflF.; IV, i2oflF. usw.) 
liefern merkwürdige Beispiele for die Kombination der alten 
astrologischen Ideen mit der christlichen Theologie. 



lil^: 



X 



Persien 



301 



VI. KAPITEL 
PERSIEN 

Bibliographie. Es ist nicht unsere Absicht, hier die 
Literatur zu verzeichnen, welche sich mit dem Mazdaismus 
beschäftigt Wir begnügen uns vielmehr damit, auf die von 
Lehmann verfaßte Bibliographie in Chantepie de la Saussaye, 
Lehrbuch der Religionsgeschichtey 11*, S. 150, zu verweisen. In 
erster Linie würde zu erwähnen sein Darmesteter, Le Zend 
Avesta, 1892 ff., mit Einleitungen und Kommentar. — In mei- 
nen Textes et monumenis relatifs aux mysthres de Mithra (2 Bde., 
1894— 1900), Bd. I, S. XXff. habe ich die älteren Arbeiten 
über diesen Kultus zusammengestellt; die Ergebnisse dieses 
Werkes sind ohne die Anmerkungen in einer Sonderausgabe 
erschienen: Les rnystkres de Mithra (3. Aufl., Brüssel 191 3; 
deutsch von G. Gehrich unter dem Titel: Die Mysterien des 
Mithra. Ein Beitrag zur Religionsgeschichte der römischen 
Kaiserzeit, 2. Aufl. Leipzig 191 1); vgl. auch den Artikel „Mi- 
thra" in dem Dictiormaire des antiquitis von Daremberg und 
Saglio (1904). Die seit 1900 erschienenen wichtigeren Publi- 
kationen über die Mysterien des Mithra sind in der 2. Aufl. 
der eben erwähnten deutschen Übersetzung S. izoü. und in 
der 3. französischen Ausgabe S. 239fll aufgezählt Wir nennen 
hier nur Hamack, Ausbreitung des Christentums ^ 11 *, S. 27oflf. 
und Toutain, Les cultes pcäens dans Vempire romain^ t II, S. 1 2 1 ff". 
Weshalb mir gewisse negative Schlußfolgerungen des letztge- 
nannten Autors unzulässig erscheinen, habe ich in der Revue 
de rhistoire des religions, LXVI, 191 2, S. I2$f[. dargelegt — 
Von den gelehrten Untersuchungen, die wir hier nicht alle 
aufzählen können, ist die wichtigste die von Albrecht Dieterich, 
£ineMithrasliturgie, 1903; 2.Aufl. 1910. Er hat, und nicht ohne 
Scharfsinn, zu beweisen versucht, daß ein mystisches Bruchstück, 
welches in einem magischen Papyrus zu Paris enthalten ist, in 



\Q2 Anmerktuigeti 

WiiUichkeit ein Fragment einer mithiischen Liturgie sei, aber 
ich teile in dieaer Hinsicht die Skepsis Reitzensteins {Neue Jahrb. 
für dat kiast. Altert., 1904, S. 192], nnd habe meine Gründe 
dafür dargelegt in Reo. de rirutr. p,ä,L m Belgique, Bd. XLVH 
(ig04) S. iff. Dieterich hat koiz erwidert Archiv JSr Ret . Wiss. 
Vin (1905) S, 502, aber ohne mich mehr zu überzeugen. Der 
Autor des strittigen Stackes hat wohl dem Gott, den er aaf- 
deten läßt, beinahe das äoSere Ansehen Mithras geben kön- 
nen, doch kannte er jedenfalls die Eschatologie der peni- 
■chen Mysterien nicht Wir wissen namentlich durch positive 
Zeugnisse, daß man in ihnen das Dogma von der Reise der 
Seelen durch die sieben Flanetensphären lehrte, und dafi 
Mithra seinen Gläubigen als Führer bei ihrem Aufstieg zu 
dem Aufenthalt der Seligen diente. Nun findet sich aber we- 
der die eine noch die andere Lehre in der phantastischen 
Uranographie des Zaubereis wieder. Der Name Mithras bat, 
wie sonst der der Magier Zoroaster oder Hostanes, dazu ge- 
dient, eine ägyptische Imitation in Umlauf zu setzen; cf. 
Wendland, Die kellemitiseh'rdmischt Kultur, 1 907, S. 1 68, Anm, 1, 
2. Aufl., 1912, S. 172, Anm. 2. — Eine beträchtliche Anzahl 
von neuen Denkmälern ist in den letzten Jahren publiziert (Mi- 
thräum der Saalburg von Jacobi, das des Kastells Stockstadt 
von Drexel usw.). Vgl meine Mystires de Mühra, in denen ich 
S. 22ofl'. der deutschen Ausgabe (2. Aufl. 1911) und S. 240ff. 
der französischen Ausgabe (3^me ^d. 1 9 1 3) eine bezügliche Liste 
gegeben habe. Die wichtigsten Skulpturen sind die aus dem 
Tempel zu Sidon, die in der Sammlung de Cletcq aufbewahrt 
werden {De Ridder, Marbres de la eollecHon 4' Clercq, 1906, 
S. 52ffl). — In den folgenden Anmerkungen werde ich mich 
in der Regel darauf beschränken, solche Werke oder Teste 
anzoführen, die in meinen früheren Untersuchungen noch 
nicht benutzt werden konnten. 

1. Cf. Petr. Patricius, Excerpta de leg., 12 (II, S. 393, ed. 
de Boor). 

2. Cf. Chapot, Les destirUes de thelllnisme au delä PEvphrate 
{M^. soc, antiq. de France), 1902, S. 207ff. 



Persien 



303 



3. Humbert in Daremberg und Saglio, Dictionn^ 8. v. „Amici*' 
I, S. 228 (cf. 160). Vgl. Friedländer, Siiiengesch. l\ S. 202 flf. 

4. Cf. JJlttemiii des empereurs romains (Rev. d'hist. et de litt 
relig., I) 1896, S. 442. 

5. Friedländer (a. a. O, S. 204) hat verschiedene Anleihen 
aufgezählt, die Augustus bei diesen entfernten Vorgängern 
gemacht hat: die Sitte, ein Tagebuch über die Ereignisse des 
Kaiserhauses zu führen, die Kinder vornehmer Familien am 
Hofe zu erziehen usw. Manche öffentlichen Einrichtungen sind 
zweifellos durch ihr Beispiel veranlaßt, so die Organisation der 
Post (Otto Hirschfeld, Verwaltungsheamten *, S. 190, Anm. 2; 
Rostovtzev, BLlio, VI, S. 249 [über die angariae\\ cf. Preisigke, 
Die Ptolemäische Staaispost [Klio, VII, S. 241]), und die der 
Geheimpolizei (Friedländer, I*, S. 427). — Über das maz- 
däische Hvarenö^ das zur TOxT] ßaciX^U)C und dann zur For- 
tuna Augusti wird, cf. Mon. Myst, Mithra I, S. 2 84 ff. (Deutsche 
Ausgabe: Die Mysterien des Mithra, S. 70 flf. 2. Aufl. S. 84 flf.) — 
Selbst Mommsen [Rom. Gesch.^ V*, S. 343) fügt trotz seiner 
Geneigtheit, vor allem die Kontinuität der römischen Über- 
lieferung zu betonen, seiner Auseinandersetzung der am par^ 
thischen Hofe geltenden Regeln hinzu: „alles Ordnungen ^ die 
mit wenigen Abmmderungen bei den römischen Caesaren wieder* 
kehren und vielleicht zum Teil von diesen der älteren Großherr* 
Schaft entlehnt sind.** — VgL auch unten^ S. 331, Anm. 19. 

6. Friedländer, a. a. O. S. 204; cf. S. 160. 

7. Bousset, Die Religion des Judentums im neutestament. Zeit-» 
altery 1903, S. 453 flf.; 2. Aufl. 1906, S. 546 flf. 

8. Cf. Mon. Myst. Mithra, I, S. 2 1 flf. 

9. VgL unteny Kap. VII, S. 2i7flf. 

10. Mon. Myst. Mithra, I, S. 9flf.; S. 231 flf. Der Einfluß Irans 
hat sich nicht nur nach Westen, sondern auch nach Osten, in 
Zentralasien geltend gemacht Die neuen Entdeckungen inTur- 
kestan haben diese Tatsache in ungeahnter Weise beleuchtet, 
vgl. Pelliot, Rev. dhist. et de litt, religieusesj 19 1 2, S. 99 flf. 

11. Lactantius, De mort. persec. 21, 2; cf. Seeck, Gesch. des 
Untergangs der antiken Welt, 11, S. 7 flf. 






^04 Anmerkungen 

1 2. Cf. Strzjgowski, Mschatta (Juhfh.preuß. Kumtsammhmgen^ 
XXV), Berlin 1904, S. 324flf., 37 1 ff. — Nach einer Mitteilung 
von Pater Lammens auf dem Kopenhagener Orientalisten- 
Kongreß (1908) würde die Mschatta-Fassade das Werk eines 
omaijadischen Kalifen von Damaskus sein, und die Schluß- 
folgerungen Strzygowskis müßten dann wesentlich modifiziert 
werden; aber der Einfluß der sassanidischen Kunst in Sjrien 
ist darum nicht minder gewiß; vgl Dussaud, Les Arabes en 
Syrie avant Vlslamy 1907, S. 33, 51 ff. 

13. Vgl. unten S. 307, Anm. 32. 

14. Plut, Vit. Pompeiy 24: Hevac h\ Oudac I0uov aÖTol 
TÖic dv 'OX\j)iiri|) Kttl TcXeidc xivac diroppi^TOuc drÄouv, div 
f) ToC MiOpou Kai )i^XP^ beOpo biacuilerai KarabeixOcTca 

irpÜüTOV ÜTT* dK€lVU)V. 

15. Lactantius Placidus ad Stat, Theh. IV, 717: Quae sacra 
primum Persae hahturunt, a Persis Phfyges, a Phrygibus Romam. 

16. In den Studia Pontica^ S. 368, habe ich eine ehedem 
Mithra geweihte Grotte bei Trapezunt beschrieben, die heute 
aber in eine Kirche verwandelt ist Von einem anderen 
Mithräum wissen wir nichts. Eine bilingue (griechische und 
aramäische) Weihinschrift für Mithra steht auf einem Felsen 
in einer wilden Schlucht bei Farasha (Rhodandos) in Kappa- 
dokien eingemeißelt Sie ist neuerdings gut wieder veröffent- 
licht und kommentiert von Henri Gr6goire [Comptes Rendus 
Acad, des Inscr., 1908, S. 434 ff.), aber dieser hat keine Spur 
eines Tempels gefunden. Der Text besagt, daß ein crpaniTÖc 
von Ariaramneia d)LidT€uc€ MiOpij. Vielleicht muß man 
diese Worte kraft einer häufigen Bedeutung des Aoristes 
übersetzen: „wurde Magier des Mithra, begann Mithra als 
Magier zu dienen". Die Weihinschrift würde dann bei Ge- 
legenheit einer Initiation verfaßt sein. Die Magierwürde war 
anfangs in der heiligen Kaste erblich; sie konnte von Frem- 
den erworben werden, als der Kultus die Mysterienform an- 
genonmien hatte. Wenn die von uns vorgeschlagene Erklä- 
rung richtig ist, so würde die kappadokische Inschrift einen 
interessanten Beweis für diese Wandlung im Orient liefern. 



tliik^ 



■'-^■- 




Persien 



305 



Wir wissen übrigens, dafi Tiridates von Armenien Nero ein- 
weihte; cf. Mon. 3fyst. Mithrüt Ij S. 23g. 

17. Strab., XI, 14, § 9. Über die kappadokischen Gestüte 
cf. Gr6goire, Saints jumeaux et dieux cavalierSy 1905, S. 56 fr. 

18. Cf. Comptes Rendus Acad. des Inscr,^ 19059 S. 99 ff. (Be- 
merkung über die bilingue Inschrift von Aghatsha-Kale); vgl 
Daremberg-Saglio-Pottier, Dici, AnÜq,^ s. v. „Satrapa". 

19. Mon. MysL Mithra \ S. 10, Anm. i. — Das Argument 
geht ohne Zweifel auf Kameades zurück; cf. Boll, Studien über 
Claudius Ptolemäusy 1894, S. 181 fif. 

20. Louis H. Gray {Archiv für ReL Wiss. VII, 1904, S. 345) 
hat gezeigt, wie diese sechs Amshaspands aus Gottheiten der 
materiellen Welt zu moralischen Abstraktionen geworden sind. 
Daß sie diese Eigenschaft schon in Kappadokien besessen 
haben, geht aus einer wichtigen Stelle bei Plutarch hervor; 
cf. Mon. Jk^st. Mithra II, S. 33, und Philo, Quod, omn.prob. lib,^ 
1 1 (II, 456 M). — Persische in Kappadokien verehrte Götter, 
cf. Mon. Myst. Mithra I, S. 132. 

2 1. Vgl. oheriy Anm. 1 6 u. 1 8. — Die zweisprachige Inschrift 
von Fajrasha würde nach Gr6goire selbst aus dem i. Jahrhun- 
dert vor oder nach Chr. stammen (a. a. O. S. 445). 

22. Mon, Myst, Mithra I, S. 9, Anm. 5. 

23. Die Vergleichung des Typus des lupiter Dolichenus 
mit den Basreliefs von Boghaz-Köi hatte Kan (De lovis Doli^ 
cheni cultuy Groningen 1 90 1 , S. 3 ff.) dazu geführt, daß er in 
ihm einen anatolischen Gott vermutete. Die Zusammenstel- 
lung der rituellen Formel ubi ferrum nascitur mit dem Aus- 
druck ÖTTOU 6 cibiipoc TiKTexai, der bezüglich der Chalyber 
gebraucht wird, legt denselben Schluß nahe; cf. Revue de 
Philologie^ XXVI (1902), S. 281. — Doch zeigen die Darstel- 
lungen des Jupiter von Doliche auch eine bemerkenswerte 
Ähnlichkeit mit denen des babylonischen Gottes Ramman; 
cf. Jeremias in Roschers Lexikon, s.v. „Ramman'S IV, Sp. 50 ff. 

24. Rev, archioLy 1905, 1, S. 189. Cf. oben, Kap. V, Anm. 68. 

25. Herodot I, 131. — Über die Angleichung von Baal- 
samln an Ahura-Mazda vgl. oben S. 147, und unten, Anm. 29. 

Camont, Die oriental. Religionen 20 



3o6 Anmerkungen 

In Rom ist lupiter Dolicheniu Omservator totms poU et twmen 
praestanüsstmum {CIL VI, 406 — 30758). 

26. Inschrift des Königs Antiochus von Kommagene (Michel, 
Recueüy Nr. 735), Z. 43: TTpöc oöpaviouc Aide *Qpo^&cbou 
Opövouc Oeo(piXf) i|nixf|v irpoir^^ipav; cfl Z. 33: Odpaviwv 
ÄTXiCTa Gpövuiv. 

27. Mon. Myst. Mithra I, S. 87. 

28. Mon. Myst. Mithra \ S. 333. — Eine Inschrift, die in 
einem Mithrämn zu Dorstadt (Saddava in Dacien, CIL m, 
7728, cf. 7729) entdeckt wurde, liefert — wenn ich sie recht 
verstehe — einen anderen Beweis für die Beziehungen, wel- 
che zwischen den semitischen Kulten und dem des persischen 
Gottes bestanden. Es ist dort die Rede von einem de\mim?\ 
sacerdos creatus a Pat[myr\eim ^ do[mo] Macedonia^ et adDen[tor] 
hmus templi. Dieser ziemlich dunkle Text wird aufgehellt durch 
einen Vergleich mit Apuleius, Met. XI, 26: sein Held wird, 
nachdem er in Griechenland in die Isismjsterien eingeweiht 
ist, zu Rom in dem großen Tempel des Campus Martins emp- 
fangen, fani quidem advena^ religioms autetn indigena. Anschei- 
nend wurde ebenso dieser von einer palmyrenischen Kolonie 
zum Priester ihrer nationalen Götter (Bei, Malachbel usw.) er- 
wählte Mazedonier in Dacien von den Mysten des Mithra als 
ein Adept ihrer Religion begrüßt 

29.. So feierte man noch in christlicher Zeit zu Venasa in 
Kappadokien eine Panegyris auf einem Berge, wo zuvor der 
himmlische Zeus angebetet wurde, der Baal-samtn und Ahura- 
Mazda vorstellt (Ramsay, Church in the roman empire^ 1894, 
S. 142. 457). Die Identifikation B61s mit Ahura-Mazda in 
Kappadokien geht aus der aramäischen Inschrift von Jarpüz 
hervor (Clermont-Ganneau, Recueil m, S. 59; Lidzbarski, 
Ephemeris för semit. Epigraphik I, S. 59 ff.). — Der auf einem 
Hochgipfel bei Amaseia verehrte Zeus Stratios ist in Wirk- 
lichkeit Ahura-Mazda, der sich selbst wahrscheinlich irgend- 
einem Lokalgott substituiert hat {Siudia Pontica^ S. 173 ff.). — 
Ebenso wird für die große weibliche Gottheit die Gleichung 
Anahita-Ishtar-Mä oder Cybele überall akzeptiert (Mon. M^st. 



Persien 307 

Mithra I, S. 333), und Mä nimmt wie Mithra das Epitheton 
dviKTiTOC an [Athen, Mitt. XVin, 1893, S. 415 und XXIX, 
1904, S. 169). Ein Tempel dieser Göttin wird Upöv 'AcTdpxTic 
genannt in einem Dekret von Anisa (Michel, Recueilj Nr. 536, 

Z. ^2). 

30. Die mithrischen „ Mysterien*' sind nicht griechischen 
Ursprungs {Mon, J^sL Mithra I, S. 239), aber die Ähnlich- 
keiten, welche sie mit den griechischen aufwiesen, und welche 
Gruppe {Griech. MythoL, S. 1596 ff.) hervorhebt, waren derart, 
daß sich eine Annäherung zwischen ihnen in der alexandri- 
nischen Epoche unvermeidlich vollziehen mußte. 

31. Hamack (Ausbreitung des Christentums ^ 11*, S. 271) er- 
blickt in dieser Ausschließung der hellenischen Welt eine 
Hauptursache der Inferiorität für den Mithraskult in seinem 
Kampfe gegen das Christentum. Die Mithrasmysterien setzten 
in der Tat der griechischen Kultur eine andere Kultur ent- 
gegen, die jener in gewisser Hinsicht überlegen war, die ira- 
nische; aber wenn diese auch durch ihre sittlichen Eigen- 
schaften den römischen Geist für sich einnehmen konnte, so 
war sie doch im ganzen zu asiatisch, um von den Okziden- 
talen ohne Widerstreben akzeptiert zu werden. 

32. CIL III, 4413; cf. Mon. Myst. Mithra I, S. 281. 

33. Vgl. S. 301 f. die Bibliographie. 

34. Der alternde Plato glaubte die Übel dieser Erde nicht 
mehr erklären zu können ohne die Annahme der Existenz 
einer „bösen Seele der Welt** {Zeller, Philos. der Griechen^ II*, 
S. 973; 981, Anm. i). Aber diese spätere Vorstellung, die im 
Widerspruch zu seinem ganzen System steht, ist vermutlich 
dem Einfluß des orientalischen Dualismus zuzuschreiben. Sie 
findet sich in der Epinomis wieder (Zeller, ihidy S. 1042, Anm 4), 
wo die Einwirkung der „chaldäischen** Theorien unzweifel- 
haft ist; cf. Neue Jakrhh. für das klass. Altertum XXVII, 1901, 
S. 5 ff.; Astrology and religion, S. 48 ff. — „Die Form des Dua- 
lismus mit der ganz ungriechischen Verlegung des bösen Prin- 
zips in die Körperlichkeit und der folgerichtigen Umkehrung 
der Vorstellung des naiven Menschen vom Verhältnis des Lei- 

20 • 



3o8 Anmerkungen 

bes zur Seele (z. B. bei Homer) liegt in den orphischen My- 
sterien, bei Pythagoras und Empedokles nnd schließlich bei 
Flaton in der Lehre von cd)^a<i)^a vor. Die Ursprünge der 
Orphik sind ja noch dunkel, aber es liegt sehr nahe» hier an 
persische Einwirkung zu denken (ich erinnere auch an die 
merkwürdige Vorstellung vom Sündenregister bei Eurip. MeL 
desm. fr. 506)." Nestle, Wochenschr.ßir klass. PhiL 1911, S. 291, 
vgl Hastings, DicHonary of ethics and religion s. v. „Dualism** 
S. 104 ff. 

35. Plutarch, De Isid,y 46 ff.; cf. Zeller, Phüos. der Griechen, 
V* S. 188; Eisele, Zur Dämonologie des Plutarch (Archiv för 
Gesch. der Philos. XVII) 1903, S. 283 ff. — Vgl. unten 
Anm. 40. 

36. Amobius, der Cornelius Labeo genaue Mitteilungen 
über die Lehren der Magier verdankt, sagt (IV, 1 2, S. 1 50, 1 2 
Reifferscheid): Magi suis in accitionänis memorant antitheos scte^ 

pius ohrepere pro accitis, esse autem hos quosdam materiis ex cras* 
sioribus Spiritus gut deos se fingant, nesciosque mendaciis et simula- 
tionibus ludant, Lactantius, der Schüler des Amobius, gebraucht 
dasselbe Wort, indem er vom Satan so spricht, wie ein Maz- 
daer es von Ahriman hätte tun können (Inst, drvin. U, 9, 13, 
S. 144, 13 Brandt): Nox quam pravo illo antitheo dicimus attri- 
hutam; er ist der aemulus Dei. — Heliodor, der in seinen 
Aethiopica den mazdäischen Glaubensvorstellungen entliehene 
Daten verarbeitet hat (cf. Mon. Myst, Mithra I, S. 336, Anm. 2) 
verwendet das griechische Wort in demselben Sinne (IV, 7, 
S. 105, 27 ed. Becker): 'AvxiGeöc Tic foiKCv ^iiiTrobiCeiv Tr|v 
trpäSiv. — Der Ps.-Jambllchus, De myster, III, 31, § 15 redet 
ebenso von bat)Liovac 7rovT]poüc o&c öfj Kai KaXoOciv dvTi- 
O^ouc. Endlich kennen die magischen Papyri diese trügeri- 
schen Geister (Wessely, Denkschr. Akad. Wien XLII, S. 42, 
V. 702: T\i\i\^ov jLioi TÖv dXriBivöv 'AckXtittiöv bixa tivöc dv- 
TiO^ou 7rXavobai)Liovoc). — Eine unlängst in Camuntum ent- 
deckte Inschrift redet von dii nefandiy die ein Kind des Le- 
bens beraubt haben. 

37. An einer Stelle, auf die wir in Anm. 39 zurückkommen 



Persien 



309 



werden y spricht Porphjrrius (De AbstirL U, 42) von Dämonen 
beinahe in denselben Ausdrücken wie Amobius: tö T^p MieC- 
boc TouTOic oIk€iov BouXovTtti Top €^vai 0€ol Ktti f) irpoec- 
Tüöca aÖTUiV büva^ic boKCiv 0€Öc eTvai 6 ^i^tictoc (cf. c. 41: 
TouTOuc Ktti TÖv TrpoecTÜüxa auTUJv); ebenso Ps.-Jamblichus^ 
De myst. III, 30, 6 : xöv \kt^av f)T€^öva Tiöv bai^övuiv. In 
De phäos. ex orac. haur. (S. 147 flf. Wolflf), einem Jugendwerke, 
in dem er anderen Quellen folgt als in De ÄbsHnenHa^ macht 
Porphyrius aus Serapis (— Pluto) das Haupt der bösen Dä- 
monen. Eine Annäherung zwischen dem ägyptischen Gott der 
Unterwelt und dem Ahriman der Perser mußte sich frühzeitig 
vollziehen. — Eine geflügelte Anspielung auf dieses Haupt 
der Dämonen findet sich vielleicht schon bei Lucanus VI, 742 ff^ 
und Plutarch, der in De Iside, 46, Ahriman den Namen Hades 
gibt (oben, S. 219 f.; cf. Mon. Myst Mithra 11, S. 131, Anm. 3), 
sagt anderswo (De latenter vw, 6, S. 1130): Töv bk ttJc dvav- 
Tiac Kupiov ^oipac, eTre 0€Öc eTxe öai^uiv dcxlv, ^'Aibriv övo- 
jLidZouciv. Vgl. Decharme, Traditions religieuses chez les Grecsy 
1904, S. 431, Anm. I. 

38. Die neuerdings in Viminacium, in einem Lande, wo 
der Mithraskult sehr verbreitet war, gefundene Weihinschrift 
Diisangelis (Jahresb, Instit. in Wien, 1905, Beiblatt, S. 6) scheint 
mir diesem anzugehören. Vgl. Minuc. Felix, Octav. 26: Ma- 
gorum ei eloquio et negotio primus Hostanes angelos, id est mini- 
stros et nuntios Dei, eins venerationi novit assistere. St Cypr. 
Quod idola dii n, s,, c. 6 (S. 24, 2 Hartel): Ostanes et formam 
Dei veri negat conspici posse et angelos veros sedi eins dicit ad" 
sistere. Cf. TertulL, Apol. XXIII: Magi hahentes invitatorum an' 
gelorum et daemonum adsistentem sibi potestathn; Amobius II, 35 
(S. 76, 1 5 ed. Reifferscheid); Aug., Civ, Dei X, 9 und die Texte, 
welche gesammelt sind von Wolflf, Porphyrii de philos. ex orac, 
haurienda, 1856, S. 223 flf.; Kroll, De Orac. Chaldatcis, 1894, 
S« 44i 53; Röscher, Die Hebdomadenlehre der griech. Philosophen, 
Leipzig 1906, S. 145; Abt, Apuleius und die Zauberei, Gießen 
1908, S. 256. 

39. Porphyrius, De Abstin. 11, 37 — 43, trägt eine Theorie 



jio AnmrTJLiini^cji 

fiber ^e Dämonen tot, die er angeblich ,^:ewissen Piatoni- 
kon** (nXcmuvticoi nvcc» Namenins und Cronins?) entigfait 
Daß dieae Autoren — tpdche et anch ge w e ie n sein mögen 
— die Ldiren der Magier aosgiebig g^nandschatzt haben* 
schont mir zunächst ans der ganioi Darl^;ang des Poiphj- 
rios m «hellen (man könnte mit Hilfe der mazdaischen Ba- 
cher beinahe einen lanfaiden ELommentar dazu schreiben) 
tmd sodann besonders aas der Erwähnong einer Biacht, w^che 
den böten Geistern gebietet (rgi oöen, Abbl^j). Dieser Schloß 
wird bettätigt durch dnen Vergleich mit der oben angefahr- 
ten St^e det Amobios (Anm. 36)» welche den ^Magiern" ähn- 
liche Theorien zuschreibt, und mit einem Kapitd des Ps.-Janft- 
blichos (De mysterns ISL, 31), das analoge Glanbensvoistellan- 
gen als die der ^haldäischen Prc^heten^ entwickelt — Ein 
y^haldäischer** Theologe wurde auch bezagjich der Wirksam- 
keit der Dämonen zitiert von Poiphjrios, De regrestu animae 
(Aug., Gd. Dei X, 9). 

Ich vermate, daß die gemeinsame Queue dieser ganzen 
Dämonologie das unter dem Namen des Hostanes umlaufende 
Buch ist, welches seit dem 2. Jahrhundert unserer Zeitrech- 
nung von Minucius Felix, Cjprian (phen^ Anm. 38) usw. er- 
wähnt wird; vgi Wolff, a» a, O. S. 138; Motu MysL Mühra \ 
S. 33. Es heißt tatsächlich den Sachverhalt auf den Kopf 
stellen, wenn man die Ausbildung der Dämonologie, die vor 
allem religiöser Natur ist, durch die Entwicklung der philo- 
sophischen Anschauungen bei den Griechen erklären will 
(siehe z. B. die Mitteilungen von Stock und Glover: Trans- 
actions ofthe congress ofkutoty ofrelig,^ Oxford 1908, S. 164 fr.)- 
Die Einwirkung der populären hellenischen oder ausländischen 
Vorstellungen ist hier immer durchschlagend gewesen, und 
die Epinomis, in der sich eine der ältesten Darlegungen der 
Dämonentheorie findet, ist — wie man beweisen kann (c£ 
ohetif Anm. 34) — bereits von den semitischen Ideen über die 
Genien, die Vorfahren der Dschinnen und Welys des Islams, 
beeinflußt 

Wenn der Text des Porphyrius, wie ich glaube, tatsächlich 



Persien 



311 



die Theologie der Magier enthält, und zwar kaum verändert 
durch platonische Ideen, die sich an volkstümliche Glaubens- 
vorstellungen der Griechen und vielleicht der Barbaren an- 
lehnen, dann kann man aus ihm interessante Schlüsse auf die 
Mithrasmysterien ziehen. So wird hier u. a. das Prinzip ent- 
wickelt, daß die Götter nicht durch die Opferung lebender 
Wesen (?)Liqiuxct) geehrt werden dürfen, und blutige Opfer den 
Dämonen vorbehalten bleiben. Dieselbe Idee findet man bei 
Cornelius Labeo (Aug., Cw. Dei Vni, 13; cf. Amob. VH, 24), 
und möglicherweise war dies die Praxis des Mithraskultes. 
Porphyrius (II, 36) redet bei dieser Gelegenheit von Riten, 
von Mysterien, indem er sich davor hütet, sie bekannt zu 
machen, und der Mazdaismus ist bekanntlich im Laufe seiner 
Geschichte vom blutigen zum unblutigen Opfer übergegangen 
{Mon. Myst. Mithra I, S. 6). 

40. Cf. Plutarch, De defectu orac, 10, S. 415 A: *E)Lioi hk, 
boKoCci TiXeiovac XOcai diropiac o\ tö tujv bai^övu)v t^voc 
dv [iicyjf 6^vT€c Oediv Kai äv6pa)iru)v Kai rpÖTrov riva Tf|v 
Koivuiviav f])LHÖv cuvotTov elc raörö Kai cüvairrov ISeupovxec* 

€Tt€ ILAdtUIV TUJV TTCpl ZuipodCTpTlV Ö XÖTOC OÖTÖC ICTl, €lT€ 

SpcjiKioc 

41. Cf. Minucius Felix, 26, § 11: Hostanes dagmonas pro^ 
didit terrenos vagos humanitaiis immicos. Auch im Manichäismus 
muß die Seele, welche beim Tode dem Körper entflieht, ge- 
gen die Dämonen kämpfen, welche die Atmosphäre bevöl- 
kern, cf. Söderblom, La vie future d'aprh le mazdÜsme {unten, 
Anm. 52). — Die heidnische Idee, daß die Luft mit bösen 
Geistern erfüllt sei, gegen welche die Menschen beständig 
kämpfen müßten, erhielt sich bei den Christen; cf. z. B. Pru- 
dentius, Harmariigentay 514 ff. Vgl. Ephes. 11, 2; VI, 12 usw. 
(oben, S. XX, Nr. 1 2). 

42. Cf. Minucius Felix, a. a. O.: Magi non solum sctunt dae^ 
monas, sed qutdqutd miraculi ludunt, per daemonas faciunt etc. Cf. 
Aug., Civ. Dei X, 9, und unten, Kap. VII, Anm. 80. 

43. Mon, Myst. Mithra I, S. 139 ff. Vgl. Loisy, Rev. d*hist. 
et de litt, relig. 1912, S. 393. 



312 Anmerkungen 

44. Theod. Mopsuest ap.Photius, ^li^/., 81. Cf.Mon.Mysi. 
Mithra I, S. 8. 

45. Cf. Boasset, Die Religion des Judentums im neutesL Zeit" 
aliefj 1903, S. 483 ff.; 2. Aufl. 1906, S. 578 ff. 

4O. Julian, CaesareSy S. 336C. Das Wort dvToXai wird auch 
in der griechischen Kirche zur Bezeichnung der göttlichen 
Gebote verwandt 

47. Cf. oben, S. 42 f. 

48. Die Bemerkung stanmit von Darmesteter, S^d'Aüesta 11, 
S. 441. 

49. Cf. Reinach, Cultes, mythes 11, 1906, S. 230 ff. 

50. Famell, Evolution of religion, S. 127. 

51. Mithra ist sanctus {Mon. MysL Mithra ü, S. 533) wie 
die syrischen Götter; cf. oben, Kap. V, Anm. 47. 

52. Mon. Myst» Mithra I, S. 309 ff. Die Eschatologie des 
orthodoxen Mazdaismus ist neuerdings dargestellt von Söder- 
blom, La vie future d'aprh le mazdiisme, Paris 1901. 

53. Cf. oben, Kap. IV, S. 117; Kap.V, S. 146. 

54. Ich habe diese Theorie weiter oben S. 145 f. dargelegt 
Sie ist dem Zoroastrismus fremd und wurde in die mithrischen 
Mysterien mit der chaldäischen Astrologie eingeführt Auch 
sonst mischen sich alte mythologische Ideen in diese gelehrte 
Theologie. So ist es alter orientalischer Glaube, daß die ma- 
teriell aufgefaßten Seelen Kleider tragen (Mim. Myst. Mithra 
I, S. 15, Anm. 5; Bousset, Archiv für ReL Wiss. IV, 1901, 
S. 233, Anm. 2; Rev» hist, des relig,, 1899, S. 243, und na- 
mentlich Böklen, Die Verwandtschaft der Jüdisch'ChristL und der 
parsischen EschatoL, Göttingen 1902, S. 61 ff.). Daher stammt 
die Idee, die sich bis zum Ende des Heidentums findet, daß 
Seelen bei dem Passieren der Planetensphären sich „wie mit 
aufeinanderfolgenden Tuniken'* mit den Eigenschaften die- 
ser Gestirne bekleiden (Porphyrius, De Abstin. I, 3 1 : *A7rob\j- 
liov fipa Toöc TToXXoüc f^iv x^TÄvac ktX.; Macrob., Somn. 
Scip» 1, 1 1, § 12: ^ singulis sphaeris aetherea obvolutione vesHtur; 
I, 12, § 13: Lummosi corporis amicitur accessu; Proclus, Ä Tim. 
\ 113, 8 ed. Diehl: TTepißdXXecOai xiöüüvac; Proclus, Opera, 



Persien 



3^3 



ed. Cousin ^ S. 222: JSxuendum aut^m nohis et tunicas quas de-- 
scetidentes induii sumus; Kroll, De Orac. Chald., S. 51, Anm. 2: 
Yux^ IccaiiA^VTi voOv; Julian, Or. 11, S. 123, 22 (Hert- 
lein). Cf. Wendland, Die hellenistisck^romische Kultur^ S. 168, 
Anm. i; 2. Aufl. S. 172, Anm. 2). — Vgl. damit, was Hippo- 
lyt, Philos. V, I, von Isis (Ishtar?) betreffs der Naassener sagt. 
Sie ist diTTdcToXoc, weil die Natur auch mit sieben ätheri- 
schen Kleidern, nämlich den sieben Planetenhimmeln be- 
deckt ist; cf. Ps.-Apul., Asclepius 34 (S. 75, 2 Thomas): Mun" 
dum sensibilem et, quae in eo sunt, omnia a superiore illo mundo 
quasi ex vestimento esse contecta. 

Ich habe auf die Fortdauer dieser Vorstellung hingewiesen, 
weil sie vielleicht gestattet, die Bedeutung eines Details des 
mithrischen Rituals zu erfassen, für welches Porphyrius uns 
nur widersprechende Erklärungen überliefert: die Eingeweih- 
ten mußten den sieben Graden entsprechend verschiedene 
Kostüme anlegen. Da die sieben Weihegrade, welche dem 
Mysten nacheinander verliehen wurden, die sieben Planeten- 
sphären sjonbolisierten, durch welche die Seele nach dem 
Tode emporsteigen mußte {Mon. Myst. Mithra I, S. 316), so 
wurden die Kleider, in die der Eingeweihte sich hüllte, wahr- 
scheinlich als die Embleme jener „Tuniken" betrachtet, welche 
die Seele angelegt hatte, als sie auf die Erde herabstieg, und 
deren sie sich entledigte, wenn sie in den Himmel zurück- 
kehrte. 

55. Unter den christlichen Schriftstellern des 4. Jahrhun- 
derts neigt namentlich Lactantius zum Dualismus, der so weit 
geht, daß er das Böse von Gott geschaffen sein läßt. Ich 
weiß nicht, ob er den Einfluß der parsischen Ideen durch 
die Vermittlung des Mithriazismus, der zu seiner Zeit noch 
lebendig war, oder durch die des sich ausbreitenden Mani- 
chäismus erfahren hat (cf. Pichon, Lactance, 1901, S. 118 ff., 
und Brandt, Berliner PMloL Wochenschrift 1903, S. 1225). 

56. Renan, MarcAurUe, S. 579. 

57. Anatole France, Le mannequin d*osier, S. 318. Cf. Sa- 
lomon Reinach, Cultes, mythes etc., II (1906) S. 232. 



^ I ^ Anmerkungen 



Vn. KAPITEL 
ASTROLOGIE UND MAGIE 

Bibliographie. Das Werk von Boach6-Leclercq über 
Vastrologü grtcque (Paris 1899) erspart es uns, noch auf die 
älteren Darstellungen von Sanmaise (De annis cUmadericiSy 1 648), 
von SeTffarth (Beiträge zur LdU des alten Ägypten II, 1 883) o. a. 
einzugehen. Dieser grundlegenden Arbeit sind, in Ermange- 
lung anderweitiger Angaben, die meisten der angeführten 
Tatsachen entlehnt — Eine große Anzahl neuer Texte ist 
veröffentlicht in dem Catalogus codtcum astrologorum graecorum 
(bisher 11 Bde., Brüssel 1898 ffl). — Franz Boü, Sphaera 
(Leipzig 1903) ist wichtig für die Greschichte der griechischen 
und barbarischen Sternbilder (cf. Rev.archioL^ 1903, 1, S. 437). 

— De la Ville de Mirmont hat Bemerkungen über L*astrologie 
en Gaule au V^ stkle publiziert (Rev. des l^tudes anciennes, 
1902, S. 115 flf.; 1903, S. 255 ff.; 1906, S. 128). Vgl auch 
Toutain, Les cultes patens dam Pempire romain 11,1912, S. I79ffi, 

— Die hauptsächlichsten Ergebnisse der jüngsten Forschungen 
sind in vollendeter Weise dargelegt von BoU, Die Efforschung 
der antiken Astrologie (Neue Jahrbb. für das klass. Altert XI) 
1908, S. 104 ff. Derselbe Gelehrte hat im Jahre 19 13 Die 
Entwicklung des astronomischen Weltbildes im Zusammenhalt mit 
Religion und Philosopkie (Kultur der Gegenwart HI, 3) darge- 
legt und unter dem allgemeinen Titel ZroixcTa (Leipzig, 
Teubner) die Veröffentlichung einer Reihe von Monographien 
über diesen Gegenstand begonnen. — Die Beziehungen der 
Astrologie zur Religion habe ich ausführlicher behandelt in 
Astrology and reügion among the Greeks and Romans, New York 
and London 191 2. — Für die Bibliographie der Magie vgL 
unten, Anm. 62 ff. 

I. Stephan. Byzant (in Cat. codd astr. 11, S. 235), I, 12: 
*E2oxuiTdTTi Ka\ Trdcric diricn^^Tic b^ciroiva. Theophil. Edess., 
Ibid. V, I, S. 184: *'Oti Tracojv xi^iuix^pa xexvüüv. Vettius Va- 



Astrologie und Magie ^15 

lens, VI, Prooem. {t5td,Y, 2, S. 34, 7 — S. 24.1, 19 ed. Kroll): 
Tic fop ouK Sv Kpivai Taüniv iflv Geuipiav iraciöv Trpoöxeiv 
Ktti ^aKapiuiidniv TUTX<iv€iv. 

2. Cf, Louis Havet, JRevu^ bleue ^ November 1905, S. 644. 

3. Cf. obeny S. 168, 142. 

4. Kroll, Aus der Gesch. der AstroL (Neue Jahrbb. für das 
klass. Altert VII) 1901, S. 598 flf. Cf. Boll, Cat codd. astrol. gr. 
Vn, S. 130. 

5. Über die Astrologie in Griechenland vgl. meinen Ar- 
tikel Babylon und die griech, Astronomie (Neue Jahrbb. für das 
klass. Altertum XXVII, 191 1, S. i flf.). — Bezold und BoU 
{Sitzungsberichte der Heidelh, Akademie 191 1, Abh. 7) haben 
gezeigt, daß gewisse griechische Texte (Selenodromia usw.) 
Übersetzungen keilinschriftlicher Originale sind. 

6. Die Argumentation des Poseidonios liegt der Verteidi- 
gung der Astrologie zugrunde, die an der Spitze der Tetra- 
biblos steht, und ist von den nach Geist und Tendenz ver- 
schiedensten Autoren ausgiebig benutzt; cf. Boll, Studien über 
Claudius Ptolemäus^ 1894, S. 133 AT. und Astrology and religion^ 
S. 83 flf. 

7. Sueton, Tib,, 69. 

8. Sueton, OtliOy 8; cf. Bouch6-Leclercq, S. 556, Anm. 4. 

9. Über diese Gebäude cf. Maaß, Tages götter^ 1902. Die 
Form „Septizonia" ist der anderen „Septizodia*' vorzuziehen; 
cf. Schürer, Die siebentägige Woche (Aus 2^itschr, neutest. Wis'* 
sensch. VI), 1905, S. 31, 63. 

10. Friedländer, Sittengesch, 1\ S. 364. — Anscheinend ist 
die Astrologie niemals in die unteren Schichten der ländli- 
chen Bevölkenmg eingedrungen. Sie nimmt in dem Folklore 
und der Medizin der Bauern nur einen unbedeutenden Platz 
ein. Toutain, Cultes pcCiens II, S. 1 83 flf. will im Gegenteil die 
weite Verbreitung dieses Aberglaubens im Volke dartun. Er 
hat mich nicht ganz überzeugt Man muß hier zwischen der 
gemischten Bevölkerung der Städte und der alten einheimi- 
schen Bevölkerung unterscheiden. 

11. Manilius IV, 16. — Ebenso CIL VI, 13782 das Epi- 



3i6 Anmerkungen 

taph eines Sjnrischen Freigelassenen; Z. Caecüim L{p>ertm) Sy^ 
rusy natus mense Maio hora noctis Vly die Mercuri^ vixit amu VI 
dies XXXIII^ martuus est IUI Kai. Julias hora X^ elatus est h(ord) 
III frequeniia maxinuu VgL Bücheier , Carmina epigr^ 1536: 
voluit hoc astrum meum und Boll: Archiv ßir Religionstviss. XTTT, 
19 10, S. 475, wie meine Inscriptions du Ihnt, Nr. 33. 

12. Kapitel TTepi öcittvou: Cat. codd. astr. IV, S. 94. Be- 
kannt ist die Vorschrift: üngues Mercurio^ barbam love, Cypride 
crinem^ über die Ausonius sich lustig macht VII, 29 (S. 108 
Piper). Kapitel TTepl öviJXiuv, TTepl Ifiariujv usw. konmien 
häufig vor. 

13. Cat. codd. astr. V, i (Rom.) S. 11, cod. 2, F. 34^: TTepl 
ToO el lyijEX fi^Tov jKva 6 T^wiiGeic TTÖTcpov iröpvii Tiverai 
f| T€vvii6eica. 

14. Varro, De re rustica I, 37, 2; cf. Plin., Hist. nat. XVI, 
75» § 194* Oljmpiodor, Comm. in Alcibiad. Plat. S. 18 (ed. 
Creuzer 182 1): Kai Top ol X^MOi irpdc Tf|v ceXfjviiv Kai 
aSEovTai xal fieioCvrai Kai o\ rpixcc. A16 touc UpariKUJC 
Cujvxac &TIV IbeTv \ii\ diroKCipoufi^vouc aöHouoic xfic ceXri- 
VIIC. Dies gehört in Wirklichkeit mehr zum populären Aber- 
glauben als zur Astrologie. 

15. Die heidnischen Namen der Woche erhielten sich im 
Abendlande trotz der Proteste mancher kirchlichen Schrift- 
steller wie Caesarius von Arles, cf. Boll in Pauly-Wissowa, 
Realenz. s.v. „Hebdomas'* Sp. 2578. Viele andere firanzösische 
Wörter hatten ursprünglich eine heute vergessene astrologische 
Bedeutung, so influence^ disastre. 

16. CIL VI, 27 140 a- Bücheier, Carmina epigraph. 11 63: 
Decepit utrosgue \ Maxima mendacis fama mathematici. 

17. Palchos im Cat. codd. astr. I, S. 106 — 107. 

18. Manilius IV, 386 ff., 866 flf., passim. 

19. Vettius Valens V, 12 {Cat. codd. astr. V, 2, S. ^2 — 
S. 239, 8 ed. Kroll); cf. V, 9 (Ca/. V, 2, S. 31, 20 =- S. 222^ 1 1 
ed. Kroll). 

20. Cf. Steph. Byz., Cßt. codd. astr. 11, S. 186. £r nennt die 
eine wie die andere CTOxacfiöc fvrexvoc. Der Ausdruck kehrt 



Astrologie und Magie 31 j 

wieder bei Manuel Konmenus {Cat. V, i, S. 123, 4) und bei 
dem Araber Abu-Mashar [Apomasar] {Caf. V, 2, S. 153). 

2 1. Der priesterliche Ursprung 4er Astrologie war den Alten 
wohlbekannt; siehe z. B. Manilius I, 40 ff. 

22. So in dem Kapitel über die Fixsterne, das von einem 
heidnischen Autor stammend, der im Jahre 379 in Rom 
schrieb, bei Theophilus von Edessä und einem Byzantiner des 
9. Jahrhunderts vorkommt; cf. Cat. codd. astr, V, i, S. 212. 
218. Dieselbe Bemerkung hat man bei den Manuskripten der 
Cyraniden gemacht, cf. De M61y und Ruelle, Lapidaires grecs, 
Bd. n, S. XI, Anm. 3. — Über alles dies vgL Mon. MysL 
Mithra I, S. 31 ff.; Boll, Die Erforschung der antiken Astrologie^ 
S. HO ff. 

22i. In Vettius Valens III, 12 (S. 150, 12 ed. Kroll) und 
IX, Prooem. (S. 329, 20); cf. VI, Prooem. (S. 241, 16); Rieß, 
Petosir. et Necheps, fragm,^ Fr. i. 

24. Vettiua Valens IV, 11 {Cat. codd, astr. V, 2, S. 86 — 
S. 172, 31 ff. ed. Kroll), cf. V, 12 [Cat. ib. S. 32 — S. 238 
i8ff.), Vn, Prooem. {Cat., S. 41 — S. 263, Z. 4, ed. Kroll 
und die Anmerkung). 

25. Arellius Fuscus bei Seneca, Suas, 4. Firmic. Mat 11, 30, 
Vm, Prooem. xmd 5. Cf. Theophil, von Edessa, Cat. V, i, 
S. 238, 25; Julian von Laodicea, Cat. IV, S. 104, 4. Vgl. Astro- 
logy and religion S. 1 48 ff. 

26. CIL V, 5893. — Chaeremon, der alexandrinische Prie- 
ster und Lehrer Neros, war auch ein Astrolog. 

27. Souter, Classical Review, 1897, S. 136; Ramsay, Cities 
and bishopries of Phrygia II, S. 566. 790; De Stoop, Revue de 
rinstr. publ. en Belgique LII, 1909, S. 243 ff. 

28. Über die stoische Theorie der Sjrmpathie vgL Bouch6- 
Leclercq, S. 2S K, passim. Eine lichtvolle Auseinandersetzung 
derselben findet man bei Proclus, In remp. Plat. 11, 258 f., 
ed. KrolL Cf. auch Plin., H. N. 11, i ; Clem. Alex., Strom. 
VI, 16, S. 143 (S. 504, 21 ed. Stähelin). — Philo schreibt sie 
schon den Chaldaem zu [De migrat. Abraham, 32, Bd. II, 
S. 303» 5 Wendland): XaXbaToi täv fiXXuiv dvGpübiruiv dKire- 



3i8 Anmerkungen 

iroviiK^vai Kai öioipcpövTuic boKoOciv äcrpovo^iov ical t€V€- 
OXioXoTiK^Vy Td iiriTem toic ^ereibpoic Ka\ rä oöpdvia toic 
liA Tf)C dp^oZöfi€voi Kod dkirep bid fiouaicf)c Xöturv Tf)v ^' 
HeXccrdTTiv cu^qmiviav toO imvrdc dmbeiKvtifievoi t^ totv 
\i€p<xiy irpöc fiXXT)Xa Koivuiviqi Kai cu^iraOcicji, töttoic fi^v bi£- 
ZeuTM^vuiv, cuTT€V€i<)i bi ou biqncic^^iuv. 

29. Riefi in Paoly-Wissowa, Realenz^ s. v. „Abeiglanbe** X 
Sp. 38 f. 

30. Vettitis Valens, Cat. H, S. 89, 22 — S. 2, Z. 6, cd* 
KrolL 

31. Cb/. V9 I, S. 210, wo man eine Reihe anderer Bei- 
spiele finden wird. 

32. Cf. Boll, Sphaera (passim) nnd seine Bemerkung zn den 
Listen der den Planeten zugesellten Tiere in Röscher, Lex. 
Myth.^ s.v. „Planeten", IH, Sp. 2534; vgL Die Erforsckimg der 
Astrologie^ S. iio, AnnL 3. 

33. Cat. V, I, S. 2 10 f. 

34. er. ohen^ Kap. V, S. 149 ff. 

35. Cf. ohen^ Kap. V, Anm. 88. 

36. Ich habe das theologische System der Astrologen skiz- 
ziert in Astrology and religian^ Kap. IV, S. loi ff. 

37. Kult des Himmels, der Zeichen des Tierkreises und 
der Elemente, cf. Mon. Myst. Mithra I, S. 85 f., 98 f., 108 f. 

38. Die magisch-religiöse Idee des Heiligen, des mana^ ver- 
bindet sich mit dem Begriff und der Bezeichnung der Zeit 
Das hat Hubert aufgehellt durch die gründliche Analyse, wel- 
cher er La reprisentation du temps dans la religion et la magie 
unterzogen hat (Progr. 6c. des Hautes-Ü^tudes) 1905 » Mi' 
langes hist. des rel.^ Paris 1909, S. 190. 

39. Kult der Zeit: Mon. Myst. Mithra I, S 20. 74 ff.; der 
Jahreszeiten: und. S. 92 ff. — £s ist nicht zu bezweifeln, daß 
die Anbetung der Zeit und ihrer Teile (Jahreszeiten, Monate, 
Tage us,w.) sich unter dem Einfluß der Astrologie verbreitet 
hat Schon Zeno deifizierte sie, cf. Cicero, Nat. Deor. II, 63 
(«• von Arnim, Fr. 165): Astris hoc idem (1. e. vim dtvinanij trv* 
huit^ tum anniSf mens^us, annorumque mutatianihus. Dem Mate- 



Astrologie und Magie 31g 

rialismus der Stoiker gemäß wurden alle diese Zeitabschnitte 
von ihm als Körper au%efaßt (von Arnim, a.€uO. II, Fr. 665 ; 
cf. Zeller, Philos. Griech. IV*, S. 316. 221). — Die späteren 
Texte sind von Drexler gesammelt in Roschers Lex.^ s. v. 
„M6n^ U, Sp. 2689. Dazu konmit Ambrosiaster, Comm, in 
epist. Galat. IV, lO (Migne, Sp. 381 B). — Vor dem Okzident 
hatte Ägypten die günstigen oder miheilvollen Stunden, Mo- 
nate und Jahre göttlich verehrt; cf. Wiedemann, Magie und 
Zauberei im alten Ägypten {unten, Anm. 68) S. 7 f. 

40. Sie schmücken häuüg die astronomischen Mss. Be- 
sonders zu erwähnen ist der Vaticanus gr. 1291, dessen Ar- 
chetypus bis in das 3. Jahrhxmdert unserer Ära zurückgeht; 
cf. Boll, SB. Akad. München, 1899, S. 125 ff., 136 ff. (Nacht 
und Tag, Stunden, Monate). 

41. Piper, Mythologie der christL Kumt, 1 851, II, S. 313 f. 
Cf. Man. MysU Mithra I, S. 220. 

42. Bidez, Birose et la grande annSe (M61anges Paul Fre- 
^dericq, Brüssel 1904, S. 9 ff.). — Auch die „Äonen" des 

Neuen Testaments scheinen in diesen Zusammenhang zu ge- 
hören. Vgl. oben, S. XIX, Nr. 4. 

43. C£ oben, S. 145. 182 f. — Über diese eschatologischen 
Theorien vgL Astrology and religion, Kap. VI, S. 167 flf. 

44. Als Goethe im Jahre 1784 bei klarem Himmel den 
Brocken bestiegen hatte, drückte er seine Bewunderung aus, 
indem er aus dem Gedächtnis die Verse schrieb (11, 115): 
Quis caelum possit, nisi caeli munere, nosse \ Et reperire deum, 
nisi qui pars ipse deorum est? Cf. Brief an Frau von Stein, 
Nr. 518, ed. Scholl 1885, zitiert von Ellis, Noctes Manilianae, 

s. vm. 

45. Diese in den Versen des Manilius (Anm. 44, vgl. IV, 
910) zum Ausdruck gelangende Idee, welche sich schon früher 
in dem Somnium Scipionis Ciceros findet (DI, 4; cf. Macrob., 
Comment. I, 14, § 16: Animi societatem cum caelo et siderüms ha^ 
bere communem; Ps.-ApuL, AscUpius, c. 6. 9; Firmic. Mat, 
AstroL I, 5, § 10), geht auf Posidonius zurück, der die Be- 
trachtung des Himmels zu einer der Quellen des Glaubens 



X20 Anmerkung-en 

an Gott machte (Capelle, Jahrbb. för das klass. Altert. VHI, 
1905, S. 534, Anm. 4), und ist sogar noch älter als er, denn 
schon Hipparch hatte angenommen cognitionem cum komme 
stderum, animasgue nostras partem esse caeli (Plin^ Hist. Nat. Hj 

26, § 95)- 

46. Vettius Valens DC, 8 (Cot. codd. astr. V, 2, S. 123 = 
S. 346, 20 ed. Kroll), VI, Prooem. {Cat., ibid. S. 34, S. 35, 14 
» S. 242, 16, 29 ed. Kroll); cf. meine Abhandlung Le mysti" 
cisme astral dans Vantiguiti (Bull. Acad. Royale Belgique), Mai 
1909, wo ich anhangsweise die betreffenden Texte gesam- 
melt habe, und die noch vollständigere deutsche Obersetzung 
dieser Abhandlung von G. Gehrich, welche demnächst er- 
scheinen wird. 

47. Vgl. meinen Artikel Fatalisme astral et religions antiques 
(Revue de Thist et de litt religieuses), 1912, S. 512; Gundel 
in Pauly-Wissowa, Realenz. s. v. „Heimarmene'^ 

48. Manilius IV, 14. 

49. Vgl. meinen Artikel über ÜJ^temiti des empereurs (Rev. 
hist. lit relig., Bd. I), 1898, S. 445 ff. 

50. Reitzenstein, welcher sich das Verdienst erworben hat, 
den Einfluß dieses astrologischen Fatalismus aufzuzeigen [cf. 
unten, Anm. 61], glaubt, daß er sich in Ägypten entwickelt 
habe, aber ohne Zweifel mit Unrecht. VgL hierzu die Bemer- 
kungen von Bousset, Gott, Gelehrte Anz. 1905, S. 704. 

51. Das wichtigste Werk ist leider verloren gegangen: es 
war das TTcpi clfiapfi^VTic des Diodor von Tarsus. Photius hat 
uns einen Auszug daraus überliefert {cod. 223). Der Traktat 
Gregors von Nyssa über denselben Gegenstand (P. G., XLV, 
S. 145) ist xms erhalten geblieben. Sie hatten als Bundesge- 
nossen den Platoniker Hierokles (Photius, cod. 214, S. 172 b). 
— Viele Angriffe gegen die Astrologie findet man bei Ephräm, 
Opera syriaca II, S. 437 ff.; Basilius (Hexaem. VI, 5), Gregor 
von Nazianz, Methodius {ßymp.^ P.G.y XVII, S. 1 1 73); später bei 
Johannes Chrysostomus, Prokop von Gaza u. a. Vgl. auch den sy- 
rischen Bar-Sudaili (Frotingham, Stephen Bar-SudaiU, the Syrian 
mystic and the book 0/ Hierotheos^ Leiden 1886). Ein merkwür- 



Astrologie und Magie 321 

diger Auszug aus Julian von Halikamassus ist von Usener 
publiziert {Rhein, Mm, LV, 1900, S. 321 -■ Kleine Schriften 
IV, 1913, S. 3i6fF.). — Ich habe einige Worte über die la- 
teinische Polemik gesagt in der Revue (TJdst. et de HL relig., 
Bd. VIII (1903), S. 423f. Man legte Minucius Felix eine 
Schrift De Faio bei (Bardenhewer, Gesch. altchristl, Lit. I, 
S. 315); Nicetas von Remesiana (gegen 400) hatte ein Buch 
Adüersm geneihlialogiam geschn^he-Vi (Gennadius, Vir.inL., c. 22), 
aber der Hauptgegner der mathemaiici war Augustin [Civ.Dei^ 
c. I ff.; Epist, 246, ad Lampadium, usw.). Vgl. jetzt über diese 
Polemik Gundel, a, a. 0. Sp. 2625, 2644; Wendland, Hellenist^ 
röm, Kultur^ 2. Aufl. S. 399. 

52. Der Einfluß der astrologischen Ideen hat auf das ara- 
bische Heidentum vor Mohammed gewirkt; cf. oben^ Kap. V, 
Anm. 57. Über seine Fortdauer im Orient cf. meinen Artikel 
über Le fatalisme astral^ S. 543 ff. 

53. Dante, Purg.^ XXX, 109 ff. — Im Convivio^ II, Kap. XIV, 
bekennt sich Dante ausdrücklich zu der Lehre vom Einfluß 
der Gestirne auf die menschlichen Angelegenheiten. — Der 
Kirche gelang es, die gelehrte Astrologie in der lateinischen 
Welt zu Beginn des Mittelalters beinahe auszurotten: wir 
kennen keinen astrologischen Traktat, kein astrologisches 
Manuskript aus der Karolingerzeit, aber der alte Glaube an 
die Macht der Gestirne lebte im verborgenen fort und ge- 
wann neue Kraft durch die Berührung mit der arabischen 
Wissenschaft 

54. Bouch6-Leclercq widmet ihnen ein Kapitel (S. 609 ff.). 

55. Sen., QuaesL Nai, II| 35: Expiationes et procurationes 
nihil aliud esse quam aegrae mentis solatia, Fata inrevocabiliter 
ius suum peragunt nee ulla commoventur prece, Cf. Schmidt, Ve^ 
teres philosophi quomodo rudicaverint de precihus^ Gießen 1907, 
S. 34. — Vettius Valens V, 9 (Cat. codd. astr, Bd.V, 2, S.30, 1 1 
— S. 220, 28 ed. Kroll) gesteht: 'Abtivaröv Tiva euxaic ^ 
Ouciaic dTTiviKTicai Tf|V il ÄpX^ic KttTttßoXriv ktX., aber er 
scheint sich selbst zu widersprechen. Vgl. Fatcdisme astrcU 
S. 526 ff. 

Cumont, Die oriental. Religionen 21 



^22 Anmerkungen 

56. Sueton, Tiö.f 69: Grca deos ac religiorus neglegenÜor^ 
quippe addictus maihemattcae^ plenusgue persuasionis cuncta faio 
agi. Cf. Manilius, IV, Anfang. 

57. Vettius Valens IX, 1 1 (Cat, codd. astr. V, 2, S. 51, 8 ff. 
-* S. 355, 15 ed. Kroll), cf. VI, Prooem. (CJz/., S. 33 — S. 240 
Kroll). 

58. Si trüntunt fata genesis, cur deos oratis? fragt ein Vers 
des Commodian (I, 16, 5). Die Antinomie, weiche zwischen 
dem Glauben an das Schicksal und der kultischen Praxis 
klaffte, hinderte beide nicht, nebeneinander fortzubestehen; 
cf. Mon. MysL Mithra I, S. 120. 3 1 1 ; Rev. d*hisL ei de liU relig.<, 
Vni ( 1 903), S. 43 1 . — Der Peripatetiker Alexander von Aphro- 
disias, der zu Beginn des 3. Jahrhunderts den Fatalismus 
in seinem TTepi elfLiapfi^viic bekämpfte und an anderer Stelle 
einen heftigen Ausfall gegen die Scharlatanerie und die Hab- 
gier der Astrologen macht (De anima mantissa^ S. 1 80, 1 4 Bnms), 
hat das Widerspruchsvolle der populären religiösen Vorstel- 
lungen seiner Zeit gut hervorgehoben {^bid^ S. 182, 18): TTorfe 
\k\y fivGpujTTOi TÖ Tfjc dfiapjLi^VTic Ü|livoöciv d)c dvaTKaiov, 
TTOTfe hi ou irdvTij Tf|v cuv^x^ictv aÖTfic TTiCTeuouci cübCeiv 
Ktti xdp ol bid Tifiv XÖTwv ijTrfep aurfic d)c oöcric dvaipcaiac 
biaT€ivö|Lievoi ccpöbpa Kai irdvTa dvaTiG^viec aÖT^, iv raic 
KttTd TÖv ßiov irpdScciv oök doiKaciv aur^ ireiTiCTeuK^var 
TuxTiv ToOv iToXXdKic dirißoujVTai, dXXiiv öfioXoToOvrec eTvai 
rauTTiv alTiav Tfjc eliiiapiLi^VTic' dXXd xal toTc GeoTc oö bia- 
XeiTTOuciv euxöjLievoi, d)c bwaiii^vou tivöc ött* auTUJV bid rdc 

euxdc T€V&eai Kai Trapd xri v €\\k(ip\kivr\y ' Kai iiav- 

T€iaic otJK ÖKvoöci xpflcOai, übe 4vöv aÖToTc, el irpojLidOoiev, 

9uXd£ac8ai ti- tiöv eifiapjLi^vujv diriGavübTaTai toöv 

elciv auTujv al irpöc Tf|v toütujv cu)Li(puJv(av eöpTiciXoTiai. 
Cf. auch £>e Fato^ c. 2 (S. 165, 26 ff. Bruns). 

59. Manilius 11 , 466: Quin etiam propriis inter se legibus 
astra \ Conveniunt, ui certa gerant commercia rerum^ \ Inque vicem 
praestant visus atque aurtbus haerenL | Aut odium foedusque gerunt, 
etc. — BX^TTOvra unddKouovTa Zeichen; cf. Bouch6-Leclercq, 
S. 159 ff. Die Gestirne blicken, wie die Menschen, vor sich; 



Astrologie und Magie 323 

Antiochus in CaL codd, asiroL VIII, 3, S. 114, Z. 32. — Die 
Planeten freuen sich (xaipeiv) in ihren Wohnungen usw. — 
0uJVi^€VTa Zeichen usw.; cf. Ca/.I, S. 164 ff.; Bouch6-Leclercq, 
S. 77ff. Die Terminologie der trockensten didaktischen Hand- 
bücher ist gesättigt mit Mythologie. 

60. St Leo, In Nativ. VII, 3 (Migne, R Z., LIV, Sp. 218); 
Firmic. I, 6 und 7 ; Ambrosiaster, in der Rev. d*hüt. et de liu 
relig^ Bd. VÜI (1903), S. 16. 

61. Cf. Reitzenstein, Poimandres^ S. 7 7 ff., vgl. S. 103, wo 
ein Text des Zosimus diese Theorie auf Zoroaster zurück- 
führt; Wendland, Die hellenist.'röm. Kultur , 1907, S. 81 ; 2. Aufl. 
S. 133. Das ist der Sinn des Verses der Orac, Chaldaica: Oö 
Top ucp' elfiapifiv ät^Xtiv ititttouci OeoöpTOi (S. 59 Kroll). 
Nach Amobius (II, 62 nach Cornelius Labeo) behaupteten die 
Magier deo esse se gnatos nee fati ohnoxios legibus. Vgl. Fatü" 
lisme astral S. 534 ff. 

62. Bibliographie. Ein zusammenfassendes Werk über 
die griechische und römische Magie fehlt uns. Maury, La 
Magie et Vastrologie dam l'antiquitS et au mqyen äge (1864) ist 
eine bloße Skizze. Die vollständigste Darstellung ist von Hu- 
bert, Art. „Magia" in dem Dict, des antiqiätis von Daremberg, 
Saglio und Pottier. Dort findet man die Quellen und die äl- 
tere Literatur verzeichnet — Von neueren Arbeiten mögen 
erwähnt werden: Fahz, De poet, Rom. doctrina magica. Gießen 
1903; Audollent, Defixionum tabulae^ Paris 1904 (ausgezeich- 
nete SpezialSammlung); eine Auswahl von Texten ist ver- 
öffentlicht von Wünsch, Antike Fluchtafeln^ Bonn 1907; BoU, 
Griechischer Liebeszauber aus Ägypten (SB. Heidelb. Akad. 1 910, 
Abh. 2); Wünsch, Antikes Zaubergerät aus Pergatnon, Berlin 
1905 (wichtiger Fund aus dem 3. Jahrhundert v. Chr.); Abt, 
Die Apologie des Apuleius und die Zauberei^ Gießen 1 908 ; Tam- 
borino, De Antiquorum dcumonismo. Gießen 1909. — Ein Cor- 
pus magischer Papyri, herausgegeben von Wünsch u. a., befin- 
det sich in Vorbereitung. — Die Superstition, die nicht mit 
der Magie identisch ist, sich aber mit ihr berührt, bildet 
den Gegenstand eines sehr gehaltvollen Artikels von Rieß, 

21» 



324 Anmerkungen 

„Aberglaube", in der Realenz. von Pauly-Wissowa. Eine Ab- 
handlang von Kroll, Antiker Aberglaube^ Hamburg 1897, ver- 
dient Erwähnung. — Cf. Ch. Michel in der Revue d'hüt et 
de litt, relig^y Bd. VH (1902), S. 184. — Siehe auch unten, 
Anm. 68. 69. 76. 

63. Die Frage nach den Prinzipien der Magie hat kurz- 
lich den Gegenstand von Verhandlungen gebildet, welche 
durch die Theorien von Frazer, The golden haughj 2. Aufl. 
1900 (übersetzt von Stiebel-Toutain, Le ratneau d*or^ Paris 
1 903 [cf. Goblet d'Alviella, Retme de Vunio. de Bruxelles^ Ok- 
tober 1903]) veranlaßt wurden. Siehe Andrew Lang, Me^ 
and religiOHy London 1901; Hubert und Mauß, Esquisse d'une 
thSorie ginirale de la magie (Ann6e sociologique VII) 1904, 
S. 56; cf. Milanges hist. des rel.^ Paris 1909, SXVIIff.; Jevons, 
Magic, in den Transactions of the third international congress 

for the history of religions, Oxford 1908, I, S. 71. Alfr. Loisy, 
Magie^ science et religion (Rev. d'hist et de litt religieu- 
ses) 1910, S. 147 fr.; A propos d'hütoire des religions f9ii, 
S. 166 ff. 

64. S. Reinach, Mythesy cultes et religions ^ U, Einleitung 
S. XV. 

65. Das Eindringen der Magie in die Liturgie unter dem 
römischen Imperium ist mit besonderer Bezugnahme auf den 
Weiheritus der Götterbilder nachgewiesen von Hock, Grie" 
chische Weihegebräuche ^ Würzburg 1905, S. 66. — VgL auch 
Kroll, Archiv für Rel. Wüs. Vin (1905) Beiheft, S. 27 flEl 

66. Friedländer, Sittengeschichte, I*, S. 509 f. 

67. Amobius II, 62, cf. 11, 13; Ps.-Jamblichus, De Myst, 

vm, 4. 

68. Magie in Ägypten: Budge, Egyptian magic, London 
1 90 1 ; Wiedemann, Magie und Zauberei im alten Ägypten, Leip- 
zig 1905 [cf. Maspero, Rev. critique, 1905, S. 166]; Otto, Prie- 
ster und Tempel, II, S. 224; Griffith, The demotic magical papy- 
rus of London and Leiden, 1904 (bemerkenswerte Sammlung 
aus dem 3. Jahrhundert unserer Ära), und die von Capart 
analysierten Werke, Revue hist. des relig., LI, 1905, S. 204, 



Astrologie und Magie 7 25 

22s«,; Lin, 1906, S. 326 ff.; LDC, 1909, S. 28ff.; LXVI, 
1912, S. 102 ff. 

69. Fossey, La magte assyrienne, Paris 1902. Dort findet 
man S. 7 die ältere Literatur. Campbell -Thomson, Semitic 
magic, its origin and development^ London 1 908. Vgl. auch Hu- 
bert in Darembergy Saglio, Pottier, Dict, antiq,, s. v. „Magia^S 
S. 1505, Anm. 5. — Spuren von magischen Vorstellungen 
haben sich selbst in den Gebeten der orthodoxen Mohamme- 
daner erhalten, vgl. die merkwürdigen Beobachtungen von 
Goldziher, Studien Theodor Nöldeke gewidmet, 1 906, Bd. I, S. 302 ffv. 
— £s empfiehlt sich, mit der assyrisch-chaldäischen Magie 
die der Hindus zu vergleichen (Victor Henry, La tnagie dam 
rinde antique, Paris 1904). 

70. Es fehlt nicht an Angaben, welche dafür sprechen, 
daß die chaldäische Magie sich im römischen Reiche wahr- 
scheinlich infolge der Eroberungen des Trajan und des Verus 
verbreitet hat (Apuleius, De Magia, c. 38; Lucian, Philopseudes, 
c 1 1 ; Necyom, c. 6 etc. Cf. Hubert, a. a. O). Die einflußreich- 
sten Förderer der Wiederaufnahme dieser Studien scheinen 
zwei ziemlich rätselhafte Persönlichkeiten gewesen zu sein, 
Julian der Chaldäer und sein Sohn Julian der Theurg, der 
unter Marcf Aurel lebte. Dieser galt als Autor der AÖTict XaX- 
öaiKd, welche in gewissem Sinne die Bibel der letzten Neu- 
platoniker wurden. 

71. ApuL, De Magiay c. 27. Der Name q)tX6coq)oc, /M(7-> 
sophusy wurde schließlich auf alle Adepten der Geheimwissen- 
schaften ausgedehnt 

72. Der Ausdruck scheint zuerst von Julian, dem soge- 
nannten Theurgen, angewandt und dann von Porphyrius 
{Epist. Aneb. c. 46; Aug., Civ.DeiX^ 9 — 10) und den Neu- 
platonikem übernommen zu sein. 

73. Hubert, in dem angeführten Artikel, S. 1494, Anm. i; 
1499 f.; 1504. — Durch die in Ägypten gemachten Ent- 
deckungen magischer Papyri ist man dazu verfahrt worden, 
den Einfluß zu übertreiben, welchen die Religion dieses Landes 
auf die Entwicklung der Magie ausgeübt hat Sie räumte ihr 



326 Anmerkungen 

einen bedeutenden Platz ein, wie wir weiter oben bemerkt 
haben; aber das Studium der Papyri selbst beweist, daß Ele- 
mente von sehr verschiedener Herkunft sich mit der einhei- 
mischen Zauberei vermischt hatten. Diese scheint namentlich 
die Wichtigkeit der „barbarischen Namen^ betont zu haben, 
weil der Name für die Ägypter eine von dem bezeichneten 
Objekt unabhängige Realität und an sich wirksame Kraft be- 
sitzt [oben 9 S. 109. 112). Aber das ist schließlich doch nur 
eine akzessorische Theorie, und es ist sehr bemerkenswert, 
daß Plinius, wo er von dem Ursprung der Magie handelt 
(XXX, 7), in erster Linie die Perser nennt, während er die 
Ägypter nicht einmal erwähnt 

74. Man, Myst, Mithra I, S. 230 ff. — Infolgedessen wird 
Zoroaster, der unbestrittene Herr der Magier, oft als Schüler 
der Chaldäer oder selbst als Babylonier betrachtet Die Ver- 
schmelzung iranischer und chaldäischer Glaubensvorstellungen 
tritt zutage bei Lucian, Necyom,^ 6 ff. 

75. Die meisten der Demokrit zugeschriebenen magischen 
Rezepte sind das Werk von Fälschern wie Bolos von Mendes 
(cf. Diels, Fragmente der Vorsokratiker I*, S. 440 ff.), aber man 
würde ihm nicht die Vaterschaft dieser Literatur zugeschoben 
haben, wenn solche Tendenzen nicht bei ihm hätt6n Anleihen 
machen können. 

7 6. Jüdische Magie : Blau, Das altjüdische Zauberwesen^ 1898; 
cf. Hubert, a, a, O. S. 1505 und Campbell -Thomson a, a, O. 

77. Plinius, JI.N. XXX, i, § 6; Juvenal VI, 548 ff. — Für 
Plinius kennen diese Magier namentlich veneßcas artes. Die 
Toxikologie des Mithridates geht auf diese Quelle zurück 
(Plinius XXV, 2, 7). Vgl. Horaz, Fpod. V, 2 1 ; Virgil, Buc. Vni, 
95 etc. 

78. Cf. oben, S. 175 ff. 

79. Minucius Felix, Octaviusy 26; cf. obe?^ Kap. VI, S. 175. 

80. Porphyrius sagt uns in einer Stelle, welche die Lehren 
der persischen Dämonologie darlegt [cf. oben, Kap. VI, Anm. 39] 
De Abst, II, 41: TouTouc (sc. Toüc baifiovac) fidXicTa Kai töv 
TrpoecTujxa auxujv (c. 42, f\ irpoecTUJca atlTÄv btjvaiiiic == Ahn- 



Astrologie und Magie 327 

man) ^kti|liujciv ol xa Kaxd bid tujv totitciiüv TTparröfievoi 
ktX. Cf. Laktanz, Dvoin. Inst. II, 14 (I; S. 164, 10 ed. Brandt); 
Clemens Alex., StromaU HI, S. 46 C, undö^^w, Kap. VI, Anm. 37. 
— Die Idee, daß die Dämonen kommen, um sich von den 
Opfergaben und speziell vom Dampf der Opfer zu nähren, 
entspricht durchaus den alten persischen und babylonischen 
Vorstellungen. Siehe z.B. Yasht V, XXI, 94: „Was wird aus 
den Trankopfem, welche die Bösen dir darbringen nach Son- 
nenuntergang? Die Da^vas empfangen sie" usw. — In dem 
Keilschriftbericht über die Sintflut (v. löoflf.) „riechen die 
Götter den Wohlgeruch und tummeln sich wie Fliegen über 
dem Opferer" (Dhorme, Textes religieux assyro'bcd^yloniensj 1 907, 
S. 115; cf. Maspero, Htst. anc. des peuples de V Orient I, S. 68 1 ; 
Jeremias, Das Alte Testament im Lichte des alten Orients^ * 1906, 
S. 246). 

81. Plutarch, De Iside^ c. 46. — Über den omomi cf. Loisy, 
Rev. d*hist, et de litt» relig,^ 1912, S. 363. 

82. Die druj Nasu der Mazdäer; cf. Darmesteter, Zend^ 
Avesta II, S. XI und 146 ff. 

83. Cf. z.B. Lucanus, Phars. VI, 520 ff. 

84. Mommsen, Stra/recht^ S. 639 ff. — Es ist zweifellos, daß 
die Gesetzgebung des Augustus bereits die Magie bestrafte, 
cf. Dio LH, 34, 3. — Manilius (11, 108) stellt der Astrologie 
die artes quarum haud permissa facultas gegenüber. Vgl. auch 
Suet, Aug.j 31. 

85. Zacharias Scholastikos, Vie de Sivhe d'Antiochcy 6d. 
Kugener (Patrol. orientalis, II) 1903, S. 57ff. 

86. Magie in Rom im 5. Jahrhundert: Wünsch, Sethianische 
Verßuchungstafeln aus Rom, Leipzig 1 898 (magische Bleitäfel- 
chen, die aus den Jahren 390 — 420 datieren); cf. Rev. d^hist, 
et de litt, relig.^ Bd. VIII (1903), S. 435 und Burckhardt, Die 
Zeit Konstantins^ 2. Aufl., i88o, S. 236 ff. 



^28 Anmerkungen 



Vni. KAPITEL 
DIE UMWANDLUNG DES HEIDENTUMS 

Bibliographie. Die Geschichte des Unterganges des Hei- 
dentums ist ein Thema, das die Historiker oft angezogen hat. 
Beugnot (1835), Lasaulx (1854), Schultze (Jena 1887 — 92) 
haben sich mit verschiedenem Erfolge daran versucht (cf.Wis- 
sowa, Religion der Römern S. 84 ff.; 2. Aufl. S. 87 ff.). Aber man 
hat sich kaum damit beschäftigt, die Theologie der letzten 
Heiden zu rekonstruieren, obwohl das Material dazu nicht 
fehlt Die so verdienstvollen Studien von Gaston Boissier (La 
fin du paganisme^ Paris 1891 u. ö.) fassen namentlich die lite- 
rarischen und moralischen Seiten dieser großen Wandlung 
ins Auge. AUard {Julien P Apostat, Bd. I, 1900, S. 39 ff.) hat 
einen Oberblick über die religiöse Entwicklung im 4. Jahr- 
hundert gegeben. 

1. Sokrates, Hist. EccL IV, 32. 

2. Es ist zu beachten, daß die Astrologie kaum bis aufs 
Land gedrungen ist {pben, S. 315, Anm. 10), das seine alten 
Kulte festhielt, vgl. z. B. die Vita S. Eligii, Migne, P. L. XL, 
Sp. II 72 f. — So dauerte der Kult der Menhirs in Gallien 
während des Mittelalters fort; cf. d'Arbois de Jubainville, 
Comptes Rendus Acad. Inscr., 1906, S. 146 ff.; S. Reinach, My-- 
thesy cultes, Bd. III (1908), S. 365 ff. 

3. Aug., Civ, Dei IV, 21 \nadi passim. — Amobius und Lac- 
tantius hatten dieses Thema schon behandelt 

4. Über den Gebrauch, den man von der Mythologie im 
4. Jahrhundert machte, vgl. Burckhardt, Zeit Konstantins, 2. Aufl., 
1880, S. 145 — 147; Boissier, La fin du paganisme, II, S. 276 ff. 
und passim, 

5. Die Dichtungen des Prudentius (348 — 410), namentlich 
das Peristephanon j enthalten bekanntlich zahlreiche Angriffe 
auf das Heidentum und die Heiden. 

6. Cf. La polimique de P Ambrosiaster contre les pazens {Rev. 



Die Umwandlung des Heidentums ^29 

d^hisU ei de lü. relig. VIII, 1903, S. 418 flf.). Über die Person- 
lichkeit des Autors (vermutlich der bekehrte Jude Isaak) vgl. 
Souter, A Study of Amhrosiaster^ Cambridge 1905 (Textes and 
Studies, VII) und seine Ausgabe der Quaesttones (Wien 1 908), 
EinL, S. XXIV. 

7. Die Identität des Firmicus Matemus, des Verfassers 
der Schrift De errore profanarum religionum, mit dem der acht 
Bücher Matheseos scheint endgültig bewiesen. Vgl. den schö- 
nen Artikel von S. Kutsch, Archiv für Religionswiss,, XIII, 
S. 291 f. 

8. Maximus war Bischof von Turin um 450 — 465 n. Chr. 
Wir besitzen nur noch eine sehr mangelhafte Ausgabe der 
Abhandlungen Contra Paganos und Contra ludaeos (Migne, P» Z. 
LVII, Sp. 78iff.). 

9. Namentlich das nach dem Restaurationsversuch des 
Eugenius (394 n. Chr.) verfaßte Carmen adversus Flavianum 
(Riese, AnihoL lat, I, 20, kürzlich erklärt von Barkowski, Diss. 
Königsberg 1 9 1 2), und das dem heiligen Cyprian zugeschrie- 
bene Carmen ad senatorem ad idolorum servitutem conversum (ed. 
Hartel III, S. 302), welches wahrscheinlich gleichzeitig mit 
dem vorgenannten entstanden ist 

10. Vgl. über diesen Punkt die scharfsinnigen Reflexionen 
von Paul Allard, Julien P Apostat I, 1900, S. 35. 

11. Hera ist seit den Stoikern die Göttin der Luft ^Hpa 
« drip). 

12. CLoben, S. 62. 89 f. 115. 139. 172. Die einzigen Göt- 
ter, die außer den orientalischen ihre Autorität behalten, sind 
die der griechischen Mysterien, Bacchus, Hekate, aber um- 
geformt durch ihre Nachbarn. 

13. So fügt die Gattin des Praetextatus in seiner Grab- 
schrift, nachdem sie seine Karriere und seine Talente ge- 
feiert hat, hinzu: Sed ista parva: tu pius mysies sacris | teletis 
reperta mentis arcano premis, | divumque numen multiplex doctus 
colis (CIL VI, 1779 — Dessau, Inscr, seLy 1259). 

14. Pseudo- August [Ambrosiaster], Quaest, Vet, et Nov. Test. 
(S. 139, 9 — 1 1 ed. Souter): Paganos elementis esse subiectos nulli 



^^O Anmerkungen 

dubmm est ... . Paganos eUmenia colere ommbus cognitum est; 

cf. 103 (S. 304, 4 ecL Souter): Solent {pagani) ad elemenia con-- 

fugere dicentes haec se colere gm'dus gubemacuHs regitur vtta hu- 

mana (cf. Rev. d*hüt. et de litt, relig. Vm, 1903, S. 426, Anm. 3). 

— Maximus von Turin (Migne, RL. LVII, 783): Dtcunt pagani: 
nos solem^ lunam et Stellas et universa elemenia colimus et venera-- 
mur. Cf. Mm. Myst. Mithra I, S. 103, Anm. 4; S. 108. Für 
die neutestamentliche Literatur vgl oben S. XX, Nr. 14. 

15. Firmicus Matemus, Matkes. VH Prooem.: (Deui) qtd 
ad fabricationem omnium elementorum diversitate composita ex coti" 
trariis et repugnaniüms cuncta perfecit. 

16. Elementum ist die Übersetzung von croixtiov, das im 
Griechischen denselben Sinn mindestens seit dem i. Jahr- 
hundert hat (cf. Diels, Elementum, 1899, S. 44 ff.). Vgl. LXX 
Sap. SaL VII, 18; XIX, 17 {oben, S. XX, Nr. 15). Das Wort 
wird in derselben Bedeutung von dem Apostel Paulus ge- 
braucht, cf. Pfister, die CTOlxeTci TOÖ KÖCjiOU in den Briefen des 
Apostels Paulus [PMlologus IXIX] 1910, S. 4ioflf.; Dibelius, 
Die Geisterwelt im Glauben des Paulus, 1909, S. 78 fr., 227 £f. 
Im 4. Jahrhundert ist dieser Sprachgebrauch allgemein, vgl. 
Macrobius, Somn. Scipionis I, 12, § 16: Caeli dico et siderum, 
aliorumque elementorum; cf. I, ii, § 7 ff.; Martianus Capeila 
n, 209; Ambrosiaster, a. a, O.; Maximus von Turin, a. a. O,; 
Lactantius II, 13, 2: Elem^nta mundi, caelum, solem^ terram, mare, 

— Cf. Diels, fl. a. O. S. 78ff. 

17. Cf. Rev. d'hist et de litt relig. VIH (1903), S. 429 ff. — 
Bis zum Ende des 5. Jahrhunderts bleibt der höhere Unterricht 
im Orient in den Händen der Heiden. Die in einer syrischen 
Übersetzung erhaltene Lebensbeschreibung des Severus von 
Antiochien von Zacharias Scholkstikos {pben, Kap. VII, Anm. 85), 
ist in dieser Hinsicht besonders instruktiv. — Die Christen 
zeigen als Gegner des Heidentums und der Astrologie eine 
natürliche Abneigung gegen die profanen Wissenschaften über- 
haupt (z. B. Amobius U, 61) und haben so eine schwerwie- 
gende Verantwortung für das allmähliche Erlöschen der Leuchte 
der Vergangenheit auf sich geladen {ctRev.d'hist. etdeUtt, relig,. 



Die Umwandlung des Heidentums 331 

Vm, S. 431; Royer, Uenseignement d*Ausone ä Alcuin^ 1906, 
S. 130 ff.). Aber man muß zu ihrer Entschuldigung hinzufügen, 
' daß die griechische Philosophie vor ihnen die Nichtigkeit aller 
Wissenschaft gelehrt hatte, die nicht die sittliche Bildung der 
Persönlichkeit bezweckt; cf. Geflfcken, Aus der Werdezeit des 
Christentums^ S. 7. ill. 

18. Mon, Myst, Mithra I, S. 294. Cf. oben, S. 202 f. 

19. Ambrosiaster, Comm, in Epist. Pauli, S. 58 B: Dicentes 
per istos posse ire ad Deum sicut per comites pervenire ad regem 
(cf. Rev. d'kist, et de litt, relig., Bd. VIII, 1 903, S. 42 7). — Dieselbe 
Idee findet sich bei Maximus von Turin (Adv, pag», Sp. 791) 
und Laktanz {Inst, div. II, 16, § 5 ff., S. 168 Brandt); cf. auch 
über den himmlischen Hofstaat Amobius 11, 36; TertulL, 
ApoL 24. — Zeus trägt schon den Königstitel, aber der hel- 
lenische Olymp ist in Wirklichkeit eine turbulente Republik. 
Die Vorstellung eines höchsten Gottes, der als Herrscher an 
der Spitze eines organisierten Hofes steht, scheint persischen 
Ursprungs und von den Magiern und den Mithrasmysterien 
verbreitet zu sein: die Inschrift von Nemrud-Dagh redet von 
Aiöc 'QpojLidcbou Gpövouc {pben^ Kap. VI, Anm. 26) und ein 
Basrelief zeigt uns tatsächlich Zeus Oromasdes auf einem 
Throne sitzend, mit dem Zepter in der Hand. Ebenso stellen 
die mithrischen Basreliefs den Jupiter-Ormuzd thronend und 
von den anderen stehenden Göttern umgeben dar (Mon, Myst, 
Mithra I,S. I29;II,S. 188, Fig. 11); und Hostanes stellte 
sich die Engel um den Stuhl Gottes sitzend vor {pben, Kap. VI, 
Anm. 38; cf. Apocal. Joh., Kap. 4). Noch mehr, man ver- 
gleicht den Himmelsgott oft nicht mit einem König überhaupt, 
sondern mit dem Großkönig, und spricht von seinen Satrapen ; 
cf. Pseudo-Arist, TTepl KÖCjiiou, c. 6, S. 398 a 10 ff. =» Apu- 
leius. De mundo, c. 26; Philo, De opific. mundi, c, 2^, 27 (S. 24, 
17; ^2, 24 Cohn); Maximus von Tyrus X, 9; und Capelle, 
Die Schrift von der Welt (Neue Jahrbb. für das klass. Altert 
Vni) 1905, S. 556, Anm. 6. Besonders wichtig ist eine Stelle 
des Celsus (Origenes, Contra O/r. VIII, 35), wo die Beziehung 
dieser Lehre zu der persischen Dämonologie ersichtlich ist. 



3^2 Anmerkungen 

Doch hat die mazdäische Vorstellnng sich notwendig früh- 
zeitig mit der altsemitischen Idee verbnnden, daß der Baal 
der Herr und Meister seiner Glänbigea ist {oitn, S. 136 fr.). 
— Mo\tim3iQa {Neuteslamenll. Zeitgesch., 2.Au8., igo6, S. 3Ö4ff.) 
betoot die Tatsache, daß man sich das „Reich Gottes" nach 
dem Muster der persischen Monarchie vorgestellt habe. — 
Vgl auch obm, S. 158 f. 

Ejn mit diesem analoger Vergleich, welcher ans anch bei 
den Heiden des 4. Jahrhunderts begegnet, ist der des Him- 
mels mit einem Staat (Nectariua bei August, £pisl. 103 [Migne, 
P. L. XXXIII, Sp. 386]): düilalem quam magnus Deus ei hene 
meritat de eo aaimae habitani etc. — Man denke an den Gottes- 
staat Augustins und das himmlische Jerusalem der Juden 
(Bonsset, Religion des Judentums, 1903, S. 272). — Vgl. auch 
Manilius V, 735 ff, 

ao. August, ^j/.i6 [48] (Migne,/'<i/.Z<i/.XXXm,Sp.82): 
Equidem unum esse Deum summum sine inilio, sine pfole naturae, 
seu palrem magnum aique magmficum, guis tarn demens, tarn mtnle 
caplus neget esse ceriissimum? Huiui tws virtutes per mundanum 
opus diffusas multis vocabulis invaeamus, quoniam nomen eius amcti 
preprium viddicet ignoramus. Nam Deus omnibus religtonibus com- 
mune nomen est, IIa fit ut, dum eius quasi guaedam membra carptin 
variis supplicatiombus prosequimstr, iotum eolere profecto videamur. 
Und am Ende: DU le servent, per quos et eorum aique cunciorum 
morialium comtmmem palrem, universi morlalcs, quos terra sustinel, 
mille modis concordi discordia veneramur ei co/imus. Cf. Lactan- 
tius Placidas, Comm. in Slat. Theh. Vi, 516, — Ein anderer 
Heide {Epist. 234 [21], Migne, P.L. XXXUI, Sp. 1031) redet 
von dem Gerechten deorum comitatu vallalus, Dei utique poietia- 
libus emeritus, id est eius unius et wUversi et ineomprehensibUis et 
ineffabiiis infaligabiÜsque Creaioris impleius virtutibus, quos (1. quos) 
ul verum est angelos dicitts vel quid alierum posi Deum vel cum 
Deo aut a Deo aul in Deum. VgL Toutain, Cklies pOtens dans 
fempire romain, II, S. 234 ff. 

21. Die beiden Ideen werden einander gegenübergestellt 
in dem Paneg. ad Qmstanlin. Aug. vom Jahre 3 1 3 n. Chr., c 26 



Die Umwandlung des Heidentums 333 

(S. 212 ed. Bährens): Summe rerum sator, cutus tot nomina sunt 
quot gentium linguas esse voluisti [quem entm te ipse dtct velts, scire 
non possumus), sive tute quaedam vis mensque divina es, quae toto 
in/usa mundo omnihus miscearis elementis et sine ullo extrinsecus, 
accedente vigoris impulsu per te ipsa movearis sive aliqua supra 
omne caelum potestas es quae hoc opus tuum ex altiore naturae arce 
despicias, — Über den immanent oder transzendent gedach- 
ten höchsten Gott vgL meine Thiologie solaire in der erwei- 
terten deutschen Ausgabe von G. Gehrich. 

22, Macrobius, Sat. I, 17 ff. cf. Firm. Mat, Err, prof, reL, 
c. 8; Man. Myst. Mithra I, 338 ff. — Man hat angenommen, 
daß die Darstellung des Macrobius aus Jamblichus ge- 
schöpft ist 

2^, Julian hatte in den Tempeln einen förmlichen Moral- 
unterricht organisieren wollen (Allard,/«//>» P Apostat II, 186 ff.), 
und dieser große Gedanke seiner Regierung wurde nach sei- 
nem Tode unvollkommen ausgeführt. Die spottlustigen und 
leichtfertigen Griechen von Antiochien oder Alexandrien 
schätzten seine Homilien nur mäßig, aber die römische Gra- 
vität sprachen sie mehr an. Die strengen Mysterien des Mi- 
thra hatten hier die Reform vorbereitet Augustin, Epist. 91 
[202] (Migne, P. Z. XXXIII, Sp. 315) berichtet um 408 n.Chr., 
daß moralische Erklärungen der alten Mythen zu seiner Zeit 
bei den Heiden vorgetragen würden: lila omnia quae antiqui- 
tus de vita deorum morihusque conscripta sunty longe aliter sunt 
intelligenda aique interpretanda sapientibus. Ita vero in templis po^ 
pulis congregatis recitari huiuscemodi salubres interpreiationes heri 
et nudiustertius audivimus, Cf. auch Cvd» Dei II, 6: Nee nobis 
nescio quos susurros paucissimorum auribus anhelatos et arcana 
velut religione traditos iactent {pagani), quibus vitae probitas sancti^ 
tasque discatur. VgL das Epitaph des Praetextatus {CIL VI, 
^779 *= Dessau, Inscr. seL, 12^9)' Paulina veri et castitatis 
conscia \ dicata templis etc. — Firmicus Matemus {Mathes, II, 30) 
fordert von dem Astrologen die Bewährung aller Tugenden, 
antistes enim deorum separatus et alienus esse debet a pravis ille^ 
cebris voluptatum .... Itaqüe purus^ castus esto etc. 



'■i ' 



i^ * 



554 Anmerkungen 

24. Das wird in den Versen der angefahrten Grabschrift 
unumwunden gesagt (v. 22 fr.): Tu tne^ marite^ cUsciplinarum bono 
I puram ac pudicam SORTE MORTIS EXIMENS, | in templa 
ducis ac famulam dwis dicas: | Te teste cunctis imbuor mysteriis. 
Cf. Aug., Epüt., 234 (Migne, P. L. XXXIH, Sp. 1031 [Brief 
eines Heiden an den Bischof]): Via est in Deum melior^ qua 
vir bonus, piis, puris, iustis, castis^ veris dictisque factisque probatus 
et deorum comitatu vallatus . • . • ire festinat; via est, inquam, qua 
purgati antiquorum sacrorum piis praeceptis expiationibusque puris" 
simis et abstemis observationibus decocti anima et corpore consiantes 
deproperant. — Augustin {Civ. Dei VI, i und VI, 1 2) bekämpft 
die Heiden, welche behaupten deos non propter praesentem vitam 
coli sed propter aetemam. 

25. Die Variationen dieser Lehre werden im einzelnen 
dargelegt von Macrobius, In Samn. Scip, I, 1 1, § 5 flf. Für die 
einen leben die Seelen über der Sphäre des Mondes, wo das 
unwandelbare Reich der Ewigkeit beginnt — für die anderen 
in der Sphäre der Fixsterne, wohin sie die elysischen Gefilde 
verlegten (oben, Kap. V, Anm. 65; cf. Martian. Capeila n, 209). 
Man wies ihnen besonders die Milchstraße als Wohnsitz an 
(Macr., ib, c. 12; cf. Favon. Eulog., Disput de somn. Scip,, S. i, 
20 [ed. Holder]: Bene meritis .... lactei circuli lucida ac can- 
dens habitatio deberetur; Hieronjnm., Ep, 23, § 3 [Migne, P. Z. 
XXII, Sp. 426]) gemäß einer alten pythagoreischen (Gundel, 
De stellarum appellatione et relig. Romana, 1907, S. 153 [245]) 
und ägyptischen Lehre (Maspero, Hist. des peuples de V Orient 
I, S. 181). — Für andere endlich wohnen die Seelen, von 
jeder Gemeinschaft mit dem Körper erlöst, im obersten Him- 
mel und steigen zunächst durch die Tore des Krebses und 
des Steinbocks, die an den Schnittpunkten des Zodiakus und 
der Milchstraße liegen, dann durch die Sphären der Planeten 
herab. Diese Theorie, welche die der Mysterien ist (pben, 
S. 145. 183), findet den Beifall des Macrobius (guorum sectae 
amicior est ratio), der sie eingehend auseinandersetzt (I, 12» 
§ 1 3 ff.). — Amobius (vgL Astrology and religion S. 1 95 ff.) be- 
kämpft sie als weitverbreiteten Irrtum (II, 16): Dum ad corpora 



\ 



K 



Die Umwandlung des Heidentums 335 

labimur et properamus humana ex mundanis ctrculis, sequuniur cau" 
sae gm'öus mali simus et pessimu Vgl. auch 11, 33: Vos^ cum 
primum soluti memhrorum abieritis e nodis^ alas vobis ad/uturas 
putaiis qutbus ad caelum pergere atque ad sidera volare possitts 
etc.). Sie war bis zu dem Grade populär geworden, daß die 
Komödie des Querolus, die in Gallien in den ersten Jahren 
des 5. Jahrhunderts geschrieben wurde, bezüglich der Plane- 
ten spöttisch darauf anspielt (V, 38): Mortales vero addere ani- 
mas sive inferis nulla Idbor sive superis, Sie wurde wenigstens 
teilweise noch von den Priscillianisten gelehrt (Aug., De haeres. 
70; Priscillianus, ed. Schepß, S. 153, 15; cf. Herzog-Hauck, 
Realenz.^ 3. Aufl., s.v.„Priscillian", XVI, S. 63). Eine christliche 
Übertragung derselben findet man bei Eusebius von Caesarea 
cf. Lejay, Revtu de pkilologie 191 2, S. 202. — Wir haben 
weiter oben (Kap. V, Anm. 64) von dem Ursprung dieses 
Glaubens und seiner Verbreitung unter dem Imperium ge- 
sprochen. 

26. Cf. oheny S. 1 76 und 2 1 7 ff.; Mm. MysL Mithra I, S. 296. 

27. Diese von den Stoikern (^Kirupujcic) und der Astro- 
logie {phen, S. 204) verbreitete Idee wurde auch von den 
orientalischen Kulten weitergetragen; cf. Lactantius, Inst. 
VII, 18 und Mon, Myst. Mithra I, S. 310; femer Giemen, Re- 
ligionsgeschichtL Erklärung des N. 71, S. 125 ff. (oben, S. XIX, 
Nr. 5). 

28. Gruppe (Griech. Mythologie, S. 1488 ff.) hat die ver- 
schiedenen Elemente festzustellen versucht, die bei der Ent- 
stehung dieser Lehre mitgewirkt haben. 

29. Cf. oben, S. I54f. i84f., \ai&passim. — Die Ähnlichkeit 
der heidnischen Theologie mit dem Christentum ist schon von 
Amobius II, 13 — 14 kräftig hervorgehoben. — Ebenso hat 
für den Orient von Wilamowitz kürzlich die enge Verwandt- 
schaft nachgewiesen, welche die Theologie eines Synesius mit 
der des Proclus verbindet i^SB Äkad. Berlin XIV, 1 907, S. 2 80 ff.) 
und gezeigt, wie die Philosophie damals zum Christentum 
führte. 

30. Pichon {Les derniers Scrwains profanes, Paris 1906) hat 



336 

neaerdings darauf an&nerksam gemacht, wie die Beredsam- 
keit der Panegyrikei uomerklich vom Heidentum zum Mono- 
theismus überging. VgL Maurice, Comptts Rendta Acad. Inscr. 
1909, S. 165. — Der vage Deismus Konstantins war darauf 
bedacht, den Gegensatz zwischen Heliolatrie und Christen- 
tum auszugleichen (Burcbhardt, Die Zeit Konstanlins, S. 353 G., 
3. Aufl. S. 369 ff.), und die an Arius und die Gemeinde von 
Nikomedien gerichteten Briefe des Kaiseis (Migne, P. G. 
LXXXV, Sp. 1343 fr.) sind, wie Loeschcke gezeigt hat {Das 
Syntagma des Geiasius [Rhein. Mus. LXI] 1 906 , S. 44) , tin 
merkwürdiges Produkt theologiscken Dilettantismus, aufgebaut auf 
im wesentlichen panihmtischcr Grundlage mit Hilfe weniger chrisl- 
Ueher Termini und fast noch weniger christlicher Gedanken, Ich 
werde eine Steile anführen, wo der Einfluß der alten astro- 
logischen Religion besonders spürbar ist (Sp. 1552 D): 'Ibou 
TÖp 6 KÖC|ioc MOpip^ eltouv cxfi^a tutx6v€i fiiv Kol ol 
&CT^p£C Te xopoKTilpM Tipoß^ßXiivTOi' KOI ßXuJC TÖ nveO^a 

TOÖ CtpatpOElboCc TOIJTOU KÜkXou, clbOC TÜPV ÖVTUJV 

TUTXÖvci 8v, Kai tlicncp nöpcpui|ia' kqi d^uic ö Oeöc Tiovra- 
XoO iröpecTi. 



REGISTER 

Die Zahlen beziehen sich in der Regel anf die Seiten, aar die mit A. bezeichneten 

auf die Anmerkungen des Buchet. 



Aberglaube 44. 2 14 f. 242. 323, 

A. 62. 
Absolutismus der Kaiser 46. 162. 

185. 
Abydos, Kultus von — 114. 115. 

273, A. 80. 
Adonis 127. 

Adventor tempii 306, A. 28. 
Aetemus deus 150. Vgl. Ewigkeit 
Agathokles 94. 
Ägypten, Religion in — 87 f. 228; 

..Vstrologie in — 188. 196; 

Magie in — 21 5 f. 324, A. 68; 

sein Einfluß auf die römischen 

Verhältnisse 5 f. 99. 10 1; Urteil 

der Griechen und Römer über — 

92 f. 
Ahriman 177, 219. 309. 326, 

A. 80. 
Ahura-Mazda 147. 167 f. 169 f. 305, 

A, 25. 306, A. 29, 
Alezander von Aphrodisias 322, 

A. 58. 
Alezandrien 88. 93. 97. 267, 

A. 34. 

Allmacht der Götter 148. Vgl. Om- 
nipotentes, 

Ambrosiaster 235. 

Ameretat 167. 

Amici Augusti 158. 

Ammianus Idarcellinus 243. 

Ammon, Zeus 265, A. 9. 

Amshaspands 167. 305, A. 20. 

Anähita 65. 78. 167. 169. 

Cnmont, Die oriental. Religionen 



Animismus all. 

'AvTie€Oi 175. 308, A. 36. 

Antiochus von Kommagene 143. 

Anubis 92. 

*AiraeavaTic|biöc 259, A. 23. 274, 

A. 86. 
Apertio tempii iii. 
Apologetik, christliche 18. 234. 
Apuleius 16. 94. 113. 121. r49. 
Aquitanien 126. 
Arabien 128; Heidentum in — 

290, A. 57. 321, A. 52—53. 

Vgl. Islam. 
Aramäische, das — in Kleinasien 

168. 
Archäologie als historische Quelle 

20. Vgl. Kunst 
Archigalli 66. 
Architektur, orientalische 245, 

A. II. 
"Apxiwv (Engelfurst) 145. 
Armee, die — und die orienta- 
lischen Kulte 30. 129 f. VgL 

Soldaten. 
Armenien 166. 
Amobius 295, A 41. 308, A. 36. 

334, A. 25. 
Artemis, persische 261, A. 35. 
Askese 48 f. 181. 
Astarte 135. 137. 
Astrolatrie vgL Gestimdienst. 
Astrologen (Priester) 196 f. 
Astrologie 143. 148. i87f. u. ö.; 

— in Syrien 153 f. 290, A, 57; 

— und Mazdaismus 168. 174; 

— und Kultus 208 f. 322, A. 58. 

22 



33i Res 

Atu 167. 

AUtgatii tzif. 142. 

AtUlot 57. 62. 

AtÜB 5S; Verehrung des — unter 
der Republik 64; — inGriecheu- 
land 69; — als Gott der Toten 
71 ; — all Sonnengott 83; — 
Fantheos S3 ; Statne det — 74. 

AogoitinaE S4. 293. 331t n. ö. 

AngiiHto« 31 S; Reformen de« — 
4Sf.; — und I«i» 97. 

Aorelian 133. 143. 236. 

Aatun 69. 

A^i 131, 

B 

Baal I3if. I36f. 155; — sambl 
HJ. 151. 174- 296t, A. 69— 70. 

Baalatb 136. 

Babyloniscber EmSnS in Syrien 
I4if.; — auf den Uazdaiamns 
I68f. VgL Chaldäer. 

BBlmarcodes iz8. 



130. 



i 167. 



Bätyle s8- 134- 281, A. 29. VgL 

Steine. 
Bäume, heilige 58. 68. 93. 134. 

Vgl. Pinie. 
Befehle Mithcas vgl 'evTOXaL 
BÖ 39. 133. I43f. 169. 291, 

Ä. 59- 306, A. 29, 
Bdlona 65. 
Bemdictio latina tj, 
Berosos 3S. 1E9. 204, 
Berufung in den orientallichen 

Kulten 32 f. 
Berytos 138. 129. 332. 
BettelmÖQche, syrische 61. 
Bildung Tgl. WiEscnscbafL 
Bipennis (DoppeUxt) 169. 296, 

A. 6S. 305, A. 24. 
Blut reinigt 48. 79r. 84. 
Bo^lhiui 343. 



Brontfio, Zeus 259, A. 27. 

Brüderlichkeit der Mysten 33. 151; 
— derMilhriasteQi79f.!f«i/nM 
carüsimi 399, A. 83. 

Bryaxis 90. 

BoBleistiingen in den orienra- 
lischen Kulten 48 f. 

Byzantjnei, die — und die Astro- 
logie 196. 

C 

Catlus (Gott) 147. 150. 170. 202. 
Vgl. Himmel, Zcäc OOpdvioc. 

Caligula 67. 99. 
.Ctmnophori 67. 

Cotacalla 99. 

Camuntum 172. 

Carptntum der Cybele 358, A. %i. 

Catnll 60. 

ChaeremoD 103. 

Chaldäer 122. 141. 143. IS4. 1E9. 
I96f. 317, A. 38; — und 
Uagier 168; — und Magie 216, 
325, A. 69—70. 326, A. 74. 
VgL Babyloniacher Einfluß. 

Chalyber 169. 

Christen, Polemik der — gegen 
das Heidentum 17. 86. 334f. 
VgL Kirche. 

Christentum und phrygiscber Koi- 
tus 84 ; — nnd syrischer Kul- 
tus IS5; — nnd Heidentum VT f. 
Vgl. Kirche, KirchenTäter. 

Ottadias 66. 

Commodos 173. 

Cybele s6f. u. Ö. 



Dadophoren. 114. 

Dagon 135. 

DSmoneo, Opfer für die — 175, 

336, A. 80. 
Dämonolof^e, perdsche 176. 219. 

308, A, 36f. 311, A.40f. 
Damaskus 138; Baal von — 139. 



Register 



339 



Dante 207. 321, A. 53. 

Dea Sytia 121 f. 

Decadence, sittliche — in der 
römischen Kaiserzeit 31. 51, 

Degenerationstheorie, die — als 
Prinzip geschichtlicher Betrach- 
tung 30f. 237. 240. 

AeiTTvcKpiTTic 283, A. 37. 

Delos 94. 122. 124. 

Demetrius von Phaleron 90. 

Demokrit 218. 326, A. 75. 

Dendrophori 68. 69. 72. 

Determinismus vgl. Fatalismus. 

Deus aetemus 150. 

Devotion in den orientalischen 
Kulten 32. 

Diaspora, iranische 160 f.; jüdische 
— 2i8f. u. ö. 

Diodor 63. 

Diokletian 162. 163, 176. 

Dionysos 59f.77-9i.Vgl.Sabazius. 

Dioskuren 148. 

Doliche 131. 

Dolichenus, Jupiter 131. 134. i69f. 

305, A. 23. 
Dominus Caeli 136. 
Dpmitian 99. loi. 
Domus aetema 276 f. 
Donnergott 296, A. 67 und 69. 
Doppelaxt vgL Bipennis. 
AoOXo(; ToO eeoO 33. 250, A. 9. 
Dramatische AufiFuhrungen in den 

Mysterien Ii4f. 274, A. 87f. 
Drohungen, an die Götter ge* 

richtet HO. 
Dualismus 175 f. « 
Dusares 129. 



'€KTrOpujcic 204. 242. 335, A. 27. 

Ekstase 36; — in Phrygien 60 f.; 
— in Ägypten 117; astrologi- 
sche ~ 205 f. Vgl. Mystik. 

Elagabal 135. 



EUmenta (Bedeutung) 202. 237. 

329, A. I4f.; Kultus der — 237. 
Eleusis 253, A. 25 u. ö. 
Elysische Gefilde 146. 295, A. 65. 

334, A. 25. 
Emesa 130. 132. 
Ende der Welt 52. 255, A. 42; — 

nach dem Mazdaismus 183; 

vgl. 204. 242. 
Engel 76 f. 176. 239. 309, A. 38. 

Vgl. "Apxiwv. 
Enthaltsamkeit 48 f. 1 8 1 . 273, A. j i . 
'€vToXa{ 178. 312, A. 46. 
EpigraiAische Denkmäler 19 f. 
Epona 30. 

Erfindungen, den Göttern zuge- 
schrieben 251, A. 16. 
Erwecken des Gottes 112, 
Eschatologie vgl. Unsterblichkeit, 

Totenreich, Ende der Welt. 
Ethnarchen 138. 
Eubulus 15. 
€övpOx€i 277. 
Ewigkeit der Götter 149 f. 202. 

298, A. 81 ; — in Ägypten 298, 

A. 80. 
Exogamie 137. 286. 
'€Ho|iioXÖTricic 254, A. 32. 
Expiatio 48. 
Exsuperantissimus 148. 



Fanatici der Mä 65, 

Fatalismus 206 f. 209. 317, A. 46; 
Polemik gegen den — 320, 
A. 51. Vgl. Determinismus. 

Feste des phrygischen Kultus 57. 
63 f. ; — des ägyptischen Kultus 
113 f.; — des Sjrrischen Kultus 
208, A. 16. Vgl. Liturgie. 

Feuer wird die Welt zerstören 
204. 242. 335, A. 27; heiliges 
— der Cäsaren 158. 

22* 



340 



Register 



Firmicns Materaus i8. 209. 235. 

236. 329. A. 7. 
Fisch als heiliges Tier 135 if. 282f., 

A. 36—37. 
Fluchtäfelchen 215. 

Folklore 315, A. 10. 

Frauen und orientalische Kulte 

54. 71- 

G 

Galerius 162. 172. 

Galli 61. 63. 68. 123. Vgl. Archi- 
gallu 

Gallien, Isis in — 98; Magna 
Mater in — 69; orientalische 
Einflüsse in — 11, 245. A. 12; 
Syrer in — 125 f. 

Gebete, heidnische 14. 247, A. 15 
bis 17; für den regierenden 
Herrscher 94; — für die Toten 
276; Unwirksamkeit der — 
208f. 321, A. 55; — der Astro- 
logen 208 f. 

Gefühl, Wirkung der orientalischen 
Kulte auf das — 3 5 f. 

Germanien, Attisdenkmäler in — 71 . 

Geschichtsschreiber, antike 15. 

Gestiradienst 142. 198 f. 

Gestirne, mit den Seelen verwandt 
205. 319, A. 45. 

Gewissen, Wirkung der orienta- 
lischen Kulte auf das — 42 f. 

Gnosis 40. 142. 227. 

Götterbilder, lebendig gemachte 
270, A. 57. 271, A. 63. 

Gottesdienst, täglicher 50. iil. 

Gottesidee in Syrien 146 f.; — im 
^4. Jahrhundert 239. 331, A. 19. 
VgL Theologie. 

Gräber in der Nähe der Tempel 
259, A. 23. 

Gregor von Tours 126. 

Griechenland, Religion in — 36. 
40 u. ö. ; Cybele in — 69 ; Isis 
in — 94. 265, A. 9; Syrer in 



— 124 f.; — bleibt Mithra ver- 
schlossen 170 f.; Magie in — 
2i4f. Vgl. Hellenismus. 



Hadad 121. 141. 153 u. ö. 
Hades- Ahriman 219. 308, A. 37. 
Hadrian lOl. 137. 
"Atioi (e€0l) 288, A. 47. Vgl. 

Heiligkeit 
Hamii 130. 
Handel, Einfluß des — auf die 

Ausbreitung der orientalischen 

Religionen 2 8 f. VgL Kaufleute. 
Hannibal 56. 
Haoma 219. 
HarpS 261, A. 38. 
Harpokrates 92. 106. 
*HT€|bid)v Gcöc 292, A. 63. 
Heil, Idee des — XIV. 52. 241. 

Vgl. Unsterblichkeit 
Heiligkeit 52; — der syrischen 

Götter 140. 287. A. 46. 288, 

A.47; — MithrasI8I.3I2,A.5I• 
Heliodor 308, A. 36 u. ö. 
Heliogabal 132. 138. 
Heliopolis 129. 142; Jupiter von 

— 129. 
Hellenismus im Orient 26 f.; — 

in Persien 157 f. 
Henotheismus 104 ; solarer — I54f« 
Hermes im phrygischen Kultus 

259, A.26; inS3rrien289, A.55. 

295. A. 66; — Trismegistos 39. 
100. 233. 
Hermetismus 103. 268, A. 42. 

270, A. 55. 288, A. 49. 
Herodot 88. 170 u. ö. 
Hexen, thessalische 215. 
Hierapolis 122. 142. 
Hierocaesarea 166. 
Hierodulen 65. 
Hieronymus 126. 
Hilarien 68. 



Register 



341 



Himmel, deifiziert 239. 297, A. 70. 

Vgl. Caelus, — als Gottesstaat 

331» A. 19. 
Höhenkult 58. 134. 
Hostanes 212. 218. 222 u. ö. 311, 

A. 41. 
Huldigungseid XII. 
Hymnen, heidnische 1 3 . 246, A. 14; 

— der Isis 90. 264, A. 6. 
Hymnoden 114. 
Hypsistos 75 f. 148, 292. 295. 
Hystaspes 218. 

I 

lasura 121, 

Individualismus m den orienta- 
lischen Kulten 32 f. 47 f. 

Industrie, vom Orient beeinflußt 10. 

Initiation, isische 115. 

Initiative (KaTapxai) 191. 

Inschriften, ihr Wert 19 f.; ara- 
mäische — 168; — und Astro- 
logie 190. 197. 

Institutionen, politische, vom 
Orient beeinflußt. 3 f. 

Inventio des Osiris 114. 

Invicti (Gestirne) 150. . 

Iranismus 156 f. 

Iseum in Pompeji 95. 

Ishtar 169. 

Isis, künstlerischer Typus 90; — 
und Demeter 91; — Panthea 
104 ; — als Göttin der Liebe 
106. 

Islam 207. 223. 325, A. 69. Vgl. 
Arabien. 

Italien als Importland 28 f. ; Isis 
in — 95 f.; Syrer in — 121 f.; 
Astrologie in — 189 f. Vgl. 
Rom. 



Jahr, großes 204. 
Jahreszeiten, Vergötterung der 
238. 



Jahwe 76 f. 296, A. 69. 297, A. 

72. Vgl. Juden, H3rpsistos. 
Jamblichus 103. 333, A. 22. 
Johannes Lydus 66. 
Juden in Syrien 141; — und 

Ägypter 265, A. ii. 275, A. 

90; — und Mazdäer 159. 

177; — in Kleinasien 75 f. 260, 

A. 33; — in Palmyra 291, A. 

59; synkretisierende — XHI; 

Magie der — 218; — beten 

für die Toten 276. Vgl. Jahwe. 
Julia Domna 131; — Macsa 131; 

— Mammaea 131. 
Julian, derTheurg 325, A. 70 und 

72. 

Julian, Kaiser 83. 178 f. 232. 333, 
A. 23. 

Juno Caekstis 232. 

Jupiter Caelestis 147; — Caelus 

170. Vgl. Zeus, Dolichenus. 
Justinian loo. 
Juvenal 16. 45. 49. 93. 106. 108 

u. ö. 

K 

Kaiserkult 27. 46 f. 

Kalathos 95. 

Kalender 202. 

Kappadozien, Parsismus in — 167. 

Karfreitag als Gedächtnistag des 
Todes Christi 84. 262, A. 45. 

Kameades 192. 

Kastration 61. 63. 68. 258, A. 10. 

KaTttißdTiic (Zeus) 296, A. 67. 

Katasterismus 200. 

Kathartik vgl. Reinheit. 

KdTOXOc 288, A. 49. 

Kaufleute, orientalische 28 f. ; sy- 
rische — 124 f.; — und der 
Mithraskult 172. Vgl. Handel. 

Kepauvöc 296, A. 67. Vgl. Zeus, 

Kirche und Astrologie 193; — 



342 



Register 



und Magie 22 1 f. ; — und Wissen- 
schaft 330, A. 17. VgL Christen- 
tum. 

Kirchenväter als Bestreiter des 
Heidentums 17. 234 f. 

Kleider der Seele 146. 312, A. 54; 
Übertragung durch Fortgabe 
der — 253, A. 26. 

Kleinasien, Kulte in — 56 f. 227 f. ; 
Mazdaismus in — 160 f. 

Kleriker, orientalische 50 f. 255, 
A. 37; phrygische — 63 f.; 
ägjrptische — liof.; sjrrische 

— 139; ihre Hierarchie 255, Ä. 
37; ihre Wissenschaft 38. 251, 
A. 15. 268, A. 42; ihr sittlicher 
Aufschwung 241. 333, A. 23. 

Klienten der syrischen Götter 151. 
Kolonen 5. 

Kommagene 128. 130. 131. 169. 
König, Gott verglichen mit einem 

— 331, A. 19. 
Kontemplation der Götter 112 f.. 

117; — des Himmels 205. 319, 
A. 44. 

Konzile, heidnische 51. 

KpioßöXtov 80. 

Kritodemos 197. 

Kruzifix, Verehrung des — 127. 

Kultus und Astrologie 208 f. Vgl. 
Liturgie, Feste. 

Kunst der orientalischen Kulte 
20; Einfluß des Orients 9; per- 
sische — 163; — und Astro- 
logie 203. Vgl, Archäologie. 

Kunstdenkmäler als historische 
Quellen 20 f. 

Kuß als Bestandteil der Etikette 

159. 



Labeo, Cornelius 295. 308. 311. 
Lactantius Placidus 164. 332, A. 
20. 



Lcevatio 69. 

Leben, zukünftiges, vgl. Unsterb- 
lichkeit. 

Lebensquelle 274, A. 92 — 94. Vgl. 
Wasser. 

Licinius 172. 

Literatur, vom Orient beeinflußt 7 fl 

Litholatrie vgL Steine. 

Liturgie, antike 13 f.; Formeln 
der — 246, A. 14 — 15; latei- 
nische — 25 ; phrygische — 60 ; 
ägyptische — iiif.; persische 

— I74f. ; — nnd Magie 324, 
A. 65. Vgl. Riten, Feste. 

Löwe 58. 60; — einen Stier zer- 
fleischend 257, A. 4. 

Lucian 16. 40. 121. 137. 232. 
248, A. 19. 

Lucius von Patras 122. 

Lucretius 190. 

M 

Mä 58. 65 f. 261, A. 37. 

Macrobius 235. 239. 

Magie 160. 2iof. ; griechische — 
214; ägyptische — 109. 215; 
chaldäische — 216; persische — 
217 f. 325, A. 73; jüdische — 
218. 

Magier, Kolonien von — 160. 
166 f. 304, A. 16; — und Grie- 
chen 159 f. 

Magier =^ Zauberer 108. 217 u. ö. 

Magische Texte 13. 76. 

Magna Mater $6 f.; Kultus der 

— 67. 69. Vgl. Cybele. 
Magusäer 1 66 f. 168, Vgl. Magier (i). 
Maiumas 128. 280, A. 16. 
Mahl, himmlisches 72. 77; vgl. 

Totenmahl als Grabrelief 95. 
Mahlzeiten, heilige 50. 72. 82. 136. 

174. 254, A. 35. 283, A. 37. 
Malakbel 131. 
Maleciabrudus 279, A. 10. 



Register 



343 



Manetho 38. 89. 222. 
Manichäismus 164. 252, A. 17. 

267, A. 27 
Manilius 190. 194. 205. 
Manuskripte, gereinigte 3 17, A. 22. 
Marias 123. 
Mamas 128. 

Mar ^olam 150. 298, A. 81. 
Märzbaum 68. 
Maskeraden, heilige 68. 273, A. 77. 

313. 
Mathematiker (Astrolog) 194. 

Matriarchat 58. 

Maximus von Madaura 239. 332, 
A. 20. 

Maximus von Turin 235. 329, A. 8. 

Mazdaismus 157 f.; — in Klein- 
asien 78. 165 fr Vgl. Persien. 

Medizin und Astrologie 194 f. 

Megalensia {ludi Megalenses) 

57. 63. 

Men 73 f. 

Menhirs 328, A. 2, 

Menotyrannus 73. 

Mentis custodes {dit) 262, A. 42. 

Merowinger 126. 

Metragyrten 61. 

Milchstraße als Wohnsitz der 
Seelen 334, A. 25. 

Militia Christi X. 

Militiae, religiöse XI, A. i. 

Minucius Felix 99. 

Mithra 78. l64f. 179 u. ö.; — 
und Astrologie 202. 

Mithridates Eupator 166. 

Mond als Gottheit 73; sein astro- 
logischer Einfluß 191 f. 198; — 
als Wohnsitz der Seelen 29 5, A.65 . 

Monotheismus des ausgehenden 
Heidentums 155. 238 f. VgL 
Henotheismus. 

Montanismus 61. 

Moral der orientalischen Kulte 
XII; — der römischen Reli- 



gion 43 f.; — des phrygischen 
Kultus 8 5 f.; ägyptische — 96. 
105 f. ; — des Mazdaismus 1 78 f. ; 
— des ausgehenden Heiden- 
tums XIV. 240 f. 

Mschatta 304, A. 12. 

Mutter, große, vgL Magna Mater, 

Mysterien der Isis 95. 115 f. 264, 
A. 4. 273, A. 80 — 81; phry- 
gische — 62. 73; persische — 
173 f. 307, A. 30; syrische — 
139. 287, A. 45; — des aus- 
gehenden Heidentums 237. 329, 
A. 12 — 13. 

Mystik 41 u. ö. Vgl. Ekstase. 

Mythographen 15. 

Mythologie und Literatur 234 f. 
328, A. 4. 

N 
Nama Sebesio 19. 
Namen, heilige 112. 272, A. 68; 
theophore — 171. Vgl. Worte. 
Natalis Ittvicti Vni. 
Natur, Vergötterung der — 39 f. 

237- 
Navigium Isidis 113. 

Nechepso vgl. Petosiris. 

Nero 3. 124. 

Neuplatonismus XVI. 83. 232. 

Nietzsche 204. 

Nigidius Figulus 189. 

Nikokreon 94. 

Nil, Wasser des — 49. 112. 271, 

A. 66. 

Nossamer 292, A. 62. 

O 

Omnipotentes (Attis und Cybele) 
75. 260, A. 33. — Omnipotens 
et amniparens (dea Syria) 149. 
Vgl. Allmacht 

Omomi 219. 

Opfer, Menschen — 137. 220. 
222; unblutige — 219. 



344 



Register 



Orakel, chaldaische 144. 233. 325, 
A. 70. 

Orleans 126. 

Omatrices iii. 112. 

Orpheus 233. 

Orphiker 118. 266, A. 23. 274, 
A. 92. 

Osiris 88 f.; — Gott der Unter- 
welt 116 f.; — nnd Dionysos 
91; Passion des ^ 114 f. 

Osrhoene 131. 

Ostia 128. 

Otho 189. 



Palatin, Tempel der Magna Mater 
auf dem — 57. 64. 67. 

Pallas 15. 

Palmyra 128. 130. 133. 143. 291, 
A. 59. 306, A. 28. 

Panegyriken 243. 

Pantheosy Pantheismus 83. 104. 

153 «. ö- 
Papas 58. 

Paris 126. 

Pastophoren 96. iii. 

Pausarii 273, A, 78. 

Pedum des Attis 71. 

Pergamon 57. 

Perser 156 f. 

Persien« Magie in — 217 f.; Hof 
des Crroflkönigs von — maß- 
gebend für die Vorstellung des 
Himmels 331, A. 19. VgL Max- 
daismns, Mithra usw. 

Pessinus 57. 63. 

Petilia, Täfelchen von — 266, 
A. 23. 275. 

Petosiris 188. 

Pferdezucht in Kappadozien 166. 

Pflanzen, angebetete 93. Vgl. 
Bäume, Pinie. 

Phallophorien 93. 

Philo von Byblos 133. 141. 



Philosophen 17. 232. 

Philosophie 37 f. 40 f.; — und 
Magie 218. 

Phrygianum 85. 

Phrygien 56 u. ö.; Kultus in — 
6of.; Mthra in — 165; Astro- 
logie in — 197. 

Phylarchen 138. 

Pileatus 84. 

Pinie als heiliger Baum 58 f. 67 f. 

Planeten 199; — göttlich ver- 
ehrt 208 f. 

Plato 307, A. 34. 

Platoniker 309, A. 39. 

Plutarch 17. 89, 105. 164. 175.219. 

Pomoerium 97. 

Pompeji 95. 

Pompejus 161. 

Pontus 165 u. ö. 

Porphyrius iio. 112. 176. 308, 
A. 37- 309, A. 39. 326, A. 80. 

Posidonius von Apamea 189. 292, 
A. 61. 315, A. 6. 

Post, Organisation der — 303, 
A. 5. 

TTÖTVia ei^puiv 257, A. 5. 

Praetextatus 77. 239. 243. 329, 
A. 13. 333» A. 23. 

Priestertum, das, als besonderer 
Stand 50. VgL Kleriker, Astro- 
logie. 

Privatrecht, Einfluß des Orients 
auf das römische — 6 f. 

Propheten, ägyptische 103. iii. 

Prostitution, heilige 137.284, A.41. 

Prozessionen der Magna Mater 
69 f.; — der Isis 100. 113 f. 

Prudentius 79. 235. 328, A. 5. 

Yuxpöv ööuip 275, A. 93. 

Ptolemäer, Religionspolitik der — 
88 f. 

Ptolemaeus (Astronom) 197. 210. 

Puteoli 95. 281, A. 19. 

Pyrethen 166. 



Register 



345 



Quindecemvirn 70. 



Rationalismus, griechischer 37. 

Rausch, heiliger 36. 

Recht, vom Orient beeinflußt 6 f.; 
— und Religion 35. 43. 

Refrigerium 119. 274 f. 

Reinheit in den orientalischen 
Kulten 48 f. ; — im Mazdaismus 
180; — in Ägypten 107 f.; — 
in Syrien 139 f. 287, A. 46. 

Reinigungen 48. 174. 180. 253, 
A. 26. 287, A. 46. 

Renan i. 1S4. 

Requies aetema 276. 

Requietio 68. 

Riten der Mysterien XIV; ägyp- 
tische — 109 f. 271, A. 63. 
271, A. 67. Vgl. Liturgie. 

Rom, phrygischer Kultus in — 
56 f.; Isiskult in — 96 f.; sy- 
rischer Kultus in — 123 f. 279, 
A. 10; Magie in — 215. 223; 
römische Religion 42 f. u. ö. 

Ruhealtäre 114. 



Sabaoth 76. 

Sabazius 77 f. 

Sanctus vgl. Heiligkeit. 

Sanguis (Festtag) 68. 84. 

Sassaniden 156. 162. 304, A. 12. 

Satan 177. 308, A. 36. 

Satiriker 16 f. 

Satrapen in Kleinasien 166. 

Scaevola 43. 

Schlaf der Götter 112. 271, A. 67. 

Scipio Nasica 57. 

Seele, ihre Veifwandtschaft mit 

den Gestirnen 205. 319, A. 45. 

VgL Unsterblichkeit. 



Selbstentmannung im Attis- 

dienste 68. 
Seligen, Aufenthalt der — 183. 

Vgl. Elysische Gefilde, Mond, 

Milchstraße. 
Seleuciden 140. 147 u. ö. 
Seleucus Kallinikus 94. 
Semitisches Heidentum 134 f. 138 f. 

229. 
Seneca 208. 
Septizonia 190. 
Serapeum 88. 89. 95. 100. 
Serapis, Ursprung 88; Geschichte 

seines Kultes 8 8 f.; Statue des 

— 90; Zeus — 105; — (Sonne) 
105; — (Ahriman) 308, A. 37. 

Severer 131. 226. 

Sextus Empiricus 193. 

Shamash 169. 

Sibylle 56. 62. 

Sicilien, Isis in — 95; Sjrrer in 

— 122 f. 
Simios 142. 

Sinne, Wirkung der orientalischen 
Kulte auf die — 34 f. 

Skeptizismus 40 f. 45 f. 

Sklaven, orientalische 29; — und 
die syrischen Kulte 122 f.; — 
und der Mithraskult 172; — 
der Gottheit 33. 250, A. 9. 

Sodalicium 82. 

Sohaemias 131. 

Soldat {Miles) Mithras IX f. t8o. 

Soldaten, römische, und der Mi- 
thraskult 172; — und die sy- 
rischen Kulte 129 f. Vgl. Armee. 

Sol ifwictus 132. 169. 

Somnium Scipionis 293, A. 64. 
319, A. 45. 334, A. 25. 

Sonne, in Ägypten verehrt 105; 

— in Syrien 145. I54f.; — als 
höchste Gottheit 154 f. 202. 239 
u. ö.; — geleitet die Seelen 
292, A. 63. 



346 Reg 

Zumipta XU, A. 2. Vgl. Heil. 

Sp«er, heiliger 80. 

Statuen der Isis 90. 113; — det 
SenipU 90f.: ägyptische — Z6S, 
A. 36; Sgyptisierende — 101. 

Steine, heilige 57. 134. 3S1, A, 29. 

Sternbilder 100 f.; — gottlich ver- 
ehrt 308 f. 

Sterne vgl. Gestirne, Gestiradienst, 
Planeten, Sternbilder. 

Stoiker 103. 193. 198. 308. 

Stolisten lll. 112. 114. 

Strabo 141. 284, A. 41 n. o. 

Sulla 65. 96. 

Sündenbekenntnis 49. 354, A. 32 
bis 33. 

Superstition vgl. Aberglaube. 

Supplicium (Bedeutong) 250, 
A. II. 

Sybaris, Täfelchen von — 266, 
A. 33. 

Symmachus XV, 235. 343- 

Sympathie, Idee der — 198. 305. 
311. 317, A. 28. 

Iuvix«v 75. 260, A. 32. 

Synesins 300, A. 91. 335, A. 39, 

Synkretismus, ägyptischer 104; 
syrische)- — 1 5 1 f. 28S, A. 48 ; 
abendländischer — liftf. 

Syrer im Abendlande i23f. 

Syria dta iiif. 

Syrien (Kalte) 120 f. 229; Astro- 
logie in — 300 f. 



Tabu 139. 180. 
Taube als heiliges Tier I35f. 
Taurobolium 79f. 340. 36l, A. 37. 
TiK(iiwp 257, A. 9. 
Tempelgäste der syrischen Götter 

ThaumatUFg 317 u. Ö. 

Themistins 231. 

Theodor von Mopsuestia 177. 



Theodosias 100. 

Theologie, phrygische 63. 83; 

ägyptische — 105. 268, A. 42; 

sjMische — 146 r. ; mithrische 

— 173 f- 

TheopMos, Patriarch loo. 267, 

A. 33. 
Theurgie 217. 
Thiasos 82. 

Thraker 59. 71. 257, A. 7. 
Tiberius und die Astrologie 189. 

20S; — nnd Isis 47. 98. 
Tiere, heilige, in Phrygien jS; 

— in Ägypten 93. 265, A. 11; 

— in Syrien I3;f, 
Timothens, der Eumolpide 63. 

89. 115. 
Tod der Götter im Orienf jöf. 
Toilette der Götterstatuen Iii, 
Tonsur der Isispriester ili. 370, 

A. 60. 
T6t 39- iio. 

Toteme 58. 201. Vgl. Tiere. 
Totenmahle (Basrelief) 95. 
Totenreich 45. 183. 34lf, VgL 

Elysische Gefilde. 
Totenrichter, Osiris als — 105. 

107. 
Triaden, göttliche 142. 389, A. $5. 
Trier 126. 
Tyche 306. 
Tilpawoc 73. 

U 

Universalität der orientalischen 
Kalte 33f.; — der Baalim 150. 
3S9, A. 3i. 

Unsterblichkeit 52 f.; — in Phry- 
gien 71 f.; — in Ägypten n6f.; 

— in Syrien 144?.; — i" ?«- 
Sien (Mithra) 183; siderische — 
I45f. 204f. 24if. 393, A. 64. 
313, A. si- 334, A. 25. Vgl 
Seele, HeU. 



Register 



347 



Urmensch, Attis als — 261, A. 35. 
Utilitarismus der Römer 42 f. 



Valium Hadriani 130. 

Varro 45. 234. 

Vergeltung, Idee der — 108. 

Verkleidungen vgl. Maskeraden. 

Verstand, Wirkung der orienta- 
lischen Kulte auf den — 37 f. 

Vettius Valens 194. 197. 

Vincentlus 77. 

Virgo Caelestis 201. 

Virtutes der Götter 152. 300, 
A. 85. 

Vohu-Mano 167. 

W 

Wasser reinigt 48; — im Jenseits 
118. 274, A. 92 f.; Kult 
der — 134; — des Nils 271, 
A. 66. 

Weihehandlungen im ägyptischen 
Kultus HO. 

Weihnachtsfest VIII. 

Wiedergeburt 81. 

Wiederkunft, ewige 204. 

Wirtschaftliche Einflüsse in der 
religiösen Bewegung der Kaiser- 
zeit 28 f. 

Wissenschaft, vom Orient beein- 
flußt 7; — und die orienta- 



lischen Kleriker 38. 251, A. 15. 
268, A. 42; — mit dem Glau- 
ben verbündet 39 f.; — des aus- 
gehenden Heidentums 237 f.; — 
und Kirche 330, A. 17. 
Worte, heilige 109 f. 112. Vgl. 
Namen. 



Xenophanes 234. 
Xenophon von Ephesus 108. 



Yazatas 167. 170. 
Yezidis 177. 



Zauberer vgl. Magier (2). 

Zeit, Anbetung der — 173. 202 f. 
318, A. 38—39. 

Zela 166. 

Zeno 203. 

Zenobia 291, A. 59. 

Zeus KepaOvioc 296, A. 67; — 
Oromasdes 170; — Zdpamc 
105; — Stratios 306, A. 29; — 
Oöpdvioc 297, A. 70. Vgl. Ju- 
piter, Caelus, 

Zodiakus, angebetet 202 f. 

Zoolatric vgl. Tiere. 

Zoroaster 160. 212. 218. 222. 
326, A. 74. 



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Dnick von B. 0. Ttubncr i 



Verlag von B. G. Teubner in Leipzig und Berlin 

Vom gleichen Verfasser erschienen: 

Die Mysterien des Mithra 

Ein Beitrag zur Religionsgeschichte der römischen Kaiserzeit 
Autorisierte Übersetzung von Georg Gehrich. 

Mit 9 Abbildungen im Text und auf 2 Tafeln, sowie i Karte, gr. 8. 191 1. 
2. Aufl. Geh. M. 5. — , in Leinwand geb. 5. 60. 

,J)urch das ganze Buch geht derselbe streng kritische, sich selbst bescheidende, 
historische Zug, der dem großen Werke Cumonts die verdiente Anerkennung der Kenner 
eingetragen hat. Wie dieses sicherlich die Einzelforschung noch lange (namentlich zur 
Feststellung mithrischer Elemente in nicht ausgesprochen mithrischen Quellen) anregen 
wird, so wird auch dieser gelungene Auszug in dem ihm bestimmten weiteren Leser- 
kreis segensreich wirken, indem er beitragen wird zum historischen Verständnis religiöser 
Probleme." (Wochenschrift f. klass. Philologie.) 

Li zweiter vermehrter und verbesserter Auflage (die u. a. um ein Kapitel 
aus der Feder Cumonts vermehrt wurde) erschien soeben: 

Die Religionen des Orients 

und die altgermanische Religion 

(früher:. Die orientalischen Religionen) 

„Die Kultur der Gegenwart" herausg.v. Prof. Paul Hinneberg. Teill, Abt. 3, i. 

2., vermehrte und verbesserte Auflage. Lex.-8. [X und 287 S.] 19 13. 
Geheftet M. 8.—, in Leinwand geb. M. 10.—, in Halbfranz geb. M. 12.— 

Inhalt: Die Anfänge der Religion und die Religion der primitiven Völker: £dv. 
Lehmann. Die ägyptische Religion: A. Er man. Die asiatischen Religionen: Die 
babylonisch -assyrische Religion : C. B e z o 1 d. Die indische Religion : H. Oldenberg. 
Die iranische Religion: H. Oldenberg. Die Religion des Islams: J. Goldziher. Der 
Lamaismas: A. Grünwedel. Die Religion der Chinesen: J. J. M. de Groot. Die Re- 
ligion der Japaner: a) Der Shintoismus: K. Florenz, b) Der Baddhismas: H. Haas. 
Die orientadischen Religionen in ihrem Einfloß auf die europäische Kultur des Altertums : 
Fr. Cumont-Gehrich. Die altgermanische Religion: A. Heusler. 

,^ie auf der Höhe modemer Religionswissenschaft stehende Skizze Lehmanns sei 
hier nur in ihrer. Bedeutung für die biblische Wissenschaft gestreift. Insofern in die 
Religion Israels Uberlebsel aus einer primitiven Zeit hineinragen, interessieren den alt- 
testamentl. Religionshistoriker Fragen über Tabu, Magie, .Fetischismus, Seelenkult, To- 
temismus. Für alles ist bei L. klare Antwort zu finden . . . Übertrifft die indische ReUgion 
die_außerbiblischen Religionen an Gehalt, so ist es kein Wunder, dafi ihre ausgezeichnete 
und liebenswürdige Darstellung durch Oldenberg auch äufierlich ihr den ersten Platz 
unter den orientalischen Religionen sichert. Das Glanzstück ist die Gegenüberstellung 
von Buddhismus und Christentum . . . Wie für die indische Religion weiß Oldenberg 
auch für die altpersische den richtigen Ton der Darstellung zu finden. Er versteht den 
Lesern Achtung beizubringen für die Würde und den Ernst der Lehre Zarathustras, der 
Religion der Cyrus und Darius ! . . . Florenz hat eine Skizze des Shintoismus geliefert, 
die gleichwie Haas' „Buddhismus der Japaner" auf tiefster Sachkenntnis und auf per- 
sönlichem Erlebnis der Zustande in Japan beruht. Fl. ist Professor der japanischen 
Literatur an der Universität Tokio und H. ist an der christlichen Mission daselbst be- 
teiligt. Die beiden Darstellungen sind kurz und übers.ichtlich . . . Der Lamaismus konnte 
keinen besseren Darsteller finden als Grünwedel. Überhaupt bietet „Die Kultur der 
Gegenwart'' wohl den besten Überblick über die mongolischen Religionen, der in Kürze 
zu haben ist." (Theologischer Jahresbericht, zur 1. Auflage.) 



Verlag von B. G. Teuboer in Leipzig und Berlin 

Die Kultur der Gegenwart 

Ihre iEntwictdung und ihre Ziele. Herausgegeben von 
Prof. Paul Hinneb erg. 

Teui, Abt. T. Die orientalischen Literaturen. [Dc 11.419 s.] 

Lex.-S. 1906. M.io. — , in Leinwand geb. M. 12. — ,inHalbfruizgeb,M.i4.— 
lahalt: Die Anfinge der LUeraCur und die LiCcrkCüi dar pHmitiveD VAtker: B- 
SchmLdt. DisägjptiichoLitetatni: A.Erm»n. EKe b«byloni>eh-a»yriscbe Uteritoi ; 
C. BeiDld. Die iimelitiscbe LitsrUnr: ILGankeL Die aiunäiiche Literatur: Th 
Naldeke. Die ilhiopiictae Liteiabii': Tb. NSldeke. Sie arabische Literatur 
M.J.de GoeJE, Die indütche Lltnatar: K. Plachel. Die altpecniche Literatur: 
K. Geldaer. Die miCtelpeisiichB Literatui: F. Born. Die nenperiiicbe Literatur: 
P. UoriL'DietürkiscbeUteraäir: P. Hörn. Die anneniicbe Literatur: F.N.Fiuck. 
Die geoiglKbe Literator: F.N.Fiack. Die chineiiicbe Literatur: W.Grube. Die 
. — .'!— 1.. liteiatut: K. Floreni, 



liäiche fut mbhelos den Kranz daTon. trunkel twhaDdelt tie. ibrer Fonuenipiacbe 
^nnig nacbipBrend. Et iiC Herden Geilt, und docb «ie andeiil Daun die arabiacha 

ngi. . . ." ' ' (Die chriitliche Welt.) 

Tdi I, AbL s r Allgemeine Geschichte der Philosophie. 

2., Tenn«liTte und verbesserte Auflage. [VUI n. 572 S.] Lez.-8. 1913. 
Geheßet M. 14. — , in Leinwand geb. M. 16.—, in Halbfranz geb. M. 18.— 

IsbalC Einleitung. Die AnfauEe der Fbiloupbie und die Fbiloeopbie der primitiven 
VBlker: W. Wandt. 

A. Die orientallecbe (und ostadatljcbe) Fbilosophle: 

I. Die indiiche Fhiloiopbie: H. Oldenberg. H. Die cbineuiclie FbOinc^bie: 
W.Grnbe. HI. Die japanische Pbilcnopfale : T.InDUye. 

B. Die earapäiscbeFbilo>opbie(einicU. der islanL.jUd.Fhil.de> Mittetalteri): 
1. Die enrepäjicfa« Fbilosophie dei Altertunu: H. von Arnim. H. Die patrie^sche 

ilten: J.Guldiiher. IV. Die cbrislUcbe FbüoKpbie des Mittelalten: CBttninkec. 
V. Die neuere Philosophie; W.Wlndelband. 

Teil n, Abt. 2, 1 : Allgem. Verfassungs- u. Verwaltungs- 
geschichte des Staates u.der Gesellschaft, [vnu. 373 s.] 

Lei.-S. 1911. M.IO. — , in Leinwand geb. M.12. — ,inHalb&anzgeb.M.i4. — 
Inhalt: EiulutuDe. Aufiüige der Vsrfunng und der Verwaltong and die Ver- 

A. Di* oiiaDlBllBChe Verfaisung und Verwallung: 

L Die Yerfaaaung nud Verwaltung dei orientaliacbeu Ailertumi: L. Weuger. 3. Die 
illamlgcheVeiAiaangnnd Verwallung: M-Hartmann. 3. Die Veifuninc und Vemal- 
tnuff China! ; O. Franke. 4. Die Veifa^un^ und Verv^tut^ Japani: K. Ratheen. 

B. EnropUache Verfaatung und Verwaltung <L Hälfie). I. Die Ver£uiaug und Ver- 
wzltnng dei euiofdUichen Altertum: L.Weuger, 1, Die Verfauunc und Verwaltnug dsi 
GermaoennDd des DeoUchen Reiches bis zomjalire 1806: A.Luichin v.Ebengreutb. 



Verlag von B. G- Teubner in Leipzig und Berlin 

Die Kultur der Gegenwart 

Ihre Entwicklung und ihre Ziele. Herausgegeben von 

Prof. Paul Hinneberg. 

Teil I, Abt 4, 1 : Gcschichtc dcf christUchen Religion. 

2., Stark vermehrte und verbesserte Auflage. [X u. 792 S.] Lex.-8. 1909. 
Geheftet M. 18. — , in Leinwand geb. M. 20. — , in Hadbfranz geb. M. 22. — 

Inhalt: Einleitung : Die israelitisch-j üdische Religion :J. Wellhausen. 
Die Religion Jesu und die Anfänge des Christentums bis zum Nicaenum 
(325): A. Jülicher. Kirche und Staat bis zur Gründung der Staatskirche: 
A. Harnack. Griechisch-orthodoxes Christentum und Kirche im Mittel- 
alter und Neuzeit: N. Bonwetsch. Christentum und Kirche Westeuropas 
im Mittelalter: K. Müller. Katholisches Christentum und Kirche in der 
Neuzeit: A. Ehrhard. Protestantisches Christentum und Kirche in der 
Neuzeit: E. Troeltsch. 

Teil I, Abt. 4, 2: Systematische christliche Religion, 

2., verbesserte Auflage. [VIH u. 279 S.] Lex.-8. 1909. 
Geheftet M. 6,60, in Leinwand geb. M. 8. — , in Halbfranz geb. M. 10. — 

Inhalt: Wesen der Religion u. der Religionswissenschaft: E. Troeltsch. 
Christlich-katholische Dogmatik: J. Pohle. Christlich-katholische Ethik: 
J. Mausbach. Christlich-kalliolische praktische Theologie: C. Krieg. 
Christlich-protestantische Dogmatik: W. Herrmann. Christlich-protestan- 
tische Ethik: R. Seeberg. Christlich-protestantische praktische Theologie: 
W. Faber. Die Zukunftsaufgaben der Religion und die Religionswissen- 
schaft: H. J. Holtzmann. 

Aus den Urteilen über beide Bände: 

„leb finde die Zusammeastellang von Arbeiten der Elatboliken, denen es mehr um 
die Kircbe, und von Protestanten, denen es mehr um die Religion zu tun ist, sebr in- 
struktiv, um die Verscbiedenartigkeit der theologiscben Anscbauungen und Arbeitsweise 
kennen zu lernen. . . . Die Arbeiten des ersten Teiles sind sämtlich, dafür bürgt schon 
der Name der Verfasser, ersten Ranges; und da die Autoren und ihre Ideen mehr oder 
weniger bekannt sind, braucht nicht weiter darüber referiert zu werden. Am meisten 
Aufsehen zu machen verspricht Troeltsch, Aufriß der Geschichte des Protestantismus 
und seiner Bedeutung für die moderne Kultur. Ich bewundere die eminente Fülle der 
Gesichtspunkte, von denen aus Tr. arbeitet, und die Energie, mit der der Systematiker 

die geschichtlichen Vorgänge zu durchdringen versucht hat Alles in allem, der 

vorliegende Band leg^ nicht nur Zeugnis ab für die mächtige Arbeit der Theologen in 
unserer Zeit, sondern auch dafür, welche bedeutende Rolle für die Kultur der Gegen- 
wart Christentum und Religion spielen.'* (Zeitschrift für Kirchengesehichte.) 

„Die Aufsätze sind durchweg nicht allein mit voller Beherrschung des Stoffes — 
dafür bürgen schon die Namen der Verfasser — , sondern auch mit musterhafter Klar- 
heit geschrieben, wie sie gerade solche in erster Linie für gebildete Laien bestimmte 
Darstellungen erfordern. . . . Daß die Verfasser sich voller wissenschaftlicher Unbefangen- 
heit befleißigen, braucht kaum betont zu werden. Das eine steht nach dem von mir ge- 
wonnenen Eindruck fest, daß das Buch sehr geeignet ist, in weiteren Kreisen Respekt 
vor der theologischen Forschung unserer Tage zu erwecken und das Interesse für re- 
ligiöse Fragen wohltätig zu beleben." 

(Monatsschrift für höhere Schulen.) 



Verlag von B. G. Teubner in Leipzig und Berlin 

H. Usener: 

Kleine Schriften. Herausgegeben Ton K. Fahr, F. Koepp, 
W. Kroll, L. Radermacher, P. Sonnenbarg, A. Wilhelm und 
R. Wünsch. In 4 Bänden, gr. 8. 

L Band: Arbeiten zur griechischen Philosophie und Rhetorik. Gram- 
matische und textkri tische Beitrage. Herausgeg. von K. Fuhr. [VI u. 
400 S.] gr. 8. 19 12. M. 12. — , geb. M. 15. — 

n. Band: Arbeiten zur lateinischen Sprache und Literatur. Herausgeg. 
von P. Sonnenburg. [IV u. 382 S.] 1913. M. 15. — , geb. M. 18. — 

m. Band : literargeschichtliches. Epigraphisches, Chronologisches. Heraus- 
gegeben von L. Radermacher, A. Wilhelm, F. Koepp und 
W. KrolL [ca. 550 S.] M. 24. — , geb. M. 27. — 

rV. Band: Arbeiten zur Religionsgeschichte. Herausgegeben von Rieh. 
Wünsch. [Vm u. 516 S.] 1913. M. 15. — , geb. M. 18.— 

,,£iae große Aa^g^be unserer Generation mnfi es genannt werden, das reiche Erbe 
XU siebten, das uns zugefallen ist. . . . Gerade weil es so leicht ist, mit U.s eignem RBst- 
xeng in Einzelheiten über ihn hinauszukommen, sieht man mit desto größrer Freude^ 
dafi das Fundament im Großen wie im Kleinen gesund und gut gebaut ist. . . . U. hat 
stets in die Tiefe gearbeitet, wo ihn letztlich das Wesen meoschUcher Begrifbbildung, 
d. h. eines der Gmmdprobleme der Wissenschaft fibcwhanpt, reizte. . . . Wunderbar 
nimmt sich neben diesem „Streben zum Ganzen** die ungeheure SolidiÜlt seiner Klein- 
arbeit ans, die durch große Gesichtspunkte nicht zur Flüchtigkeit verführt wurde. So 
liest man mit der gleichen Freude, die aber -delleicht nur der Fachmann mitempfindet, 
typische Philologika, Konjekturen von einer beneidenswerten Sauberkeit, um von seinen 
bekannten literarhistorischen Arbeiten ganz zu schweigen. . . . Kurz, durch alle Höhen 
und Tiefen seiner Philologie fuhrt die Sammlung. ... So wird U. in seinen kleinen 
Schriften weiter der Lehrer bleiben, der er zu Lebzeiten seinen Schülern stets hat sein 
wollen und gewesen ist.*' (Deutsche Literaturzeitung.) 

Vorträge und Aufsätze. Mit Vorwort vonDieterich. [Vu. 259S.] 

gr. 8. 1907. M. 5. — , geb. M. 6. — 

„Wohl keiner der klassischen Philologen unserer Zeit hat seinen Blick so weit 
schweifen lassen und sich in das Seelen- und Geistesleben zahlreicher Kultur- und 
Naturvölker so vertieft wie Usener; er hält streng an philologischer Arbeit und Methode 
fest, verteidigt die Philologie als ded Pionier der Geschichtswissenschaft, als den Stamm 
aller modernen Wissenschaften, aber er wird neueren Forschungsmethoden durchaas 
gerecht, stellt die vergleichende Volkskunde in den Dienst seiner religions- und sitten- 
geschichtlichen Forschung und hat dadurch dem Betrieb der klassischen Philologie einen 
hohen Geist eingehaucht." (Historische Vierteljahrschrilt.) 

Sonderbare Heilige. Texte u. Untersuchungen. I. Der heilige 

TychOn. [Vm u. 162 S.3 gr. 8. 1907. M. 5.—, geb. M. 6.— 

über Wesen und Ziele der Volkskunde. - Über 
vergleichende Sitten- und Rechtsgeschichte, von 

A. Dieterich und H. Usener. [67 S.] gr. 8. 1902. Geh. M. 1.80. 

Der heilige TheodosioS. Schnften des Xheodoros und Kyrillos. 
[234 S.] 8. 1890. M. 4.— 



Verlag von B. G. Teubner in Leipzig und Berlin 

A. Dieterich: 

Kleine Schriften. Hrsg. von r. wünsch, gr. 8. 191 1. m. 12.—, 

geb. M. 14. — 

,,Greiupfälile kannte seine imponierende Gelehrsamkeit nicht. Das zeigt fast auf 
jeder Seite dieser stattliche, schöne Band, den Wiinschs treue Fretmdeshand mit tiefem 
Verständnis zusammengestellt hat. Auch wer jede Verö£Fentiichung D.s mit Spannung 
gelesen und durchdacht hat, wird bei der Lektüre der Kleinen Schriften von neuer Be- 
wimderung erfüllt werden für die umfassende und energische Arbeitsleistung des allzufrüh 
der Wissenschaft und dem Leben entrissenen Forschers. Seine Kleinen Schriften werden, 
da sie nun jedem bequem zugänglich gemacht sind Jedem Religionshistoriker eine unentbehr- 
liehe Quelle des Wissens und Forschens sein."« (Deutsche Literaturzeitung.) 

Mutter Erde. Ein versuch über VolksreUgion. gr. 8. 2. Auflage, 

besorgt von R. Wünsch. 19 13. M. 3.60, geb. M. 4. — 

Dieterich wollte in dieser Untersuchung, die sich mit einem der tiefgreifendsten 
Problisme aller Religionsgeschichte, den Beziehtmgen des Menschen zur Allmutter Erde 
und den damit verbundenen religiösen Vorstellungen, beschäftigt, zeigen, wie sich die 
religiös-geschichtliche Forschungsmethode verwenden läßt, um in den tieferen Sinn reli- 
giöser volkstiimlicher Vorstellungen einzudringen, ohne die alle höheren und höchsten Reli- 
gionen gar nicht oder falsch verstanden werden. 

NekyiR. Beiträge zur Erklärung der neuentdeckten Petrusapokalypse. 
gr. 8. 2, Auflage, besorgt von R. Wünsch. 19 13. geh. M. 6. — 

Eine Mithrasliturgie. 2. Auflage, besorgt von R. wünsch, gr. 8. 

1910. M. 6. — , geb. M. 7. — 

^ »»Der größte und unmittelbarste Gewinn, der auch der außerhalb der geheiligten 

Schranken der Mysterienkunde Stehende von dem Buche haben wird, ist die aus dem- 
selben gewonnene Möglichkeit, einen verständnisvollen Blick in diese ihm sonst ver- 
schlossene Welt hinein zu werfen. Wir scheiden von dem hochinteressanten Buch mit dem 
^ aufrichtigsten Dank für die reiche Belehrung und vielfache Anregung, die es uns geboten 

, hat, und empfehlen seine Lektüre allen, die sich mit religionswissenschaftlichen Studien 

befassen, aufs angelegentlichste.'' (Wochenschrift für klassische Philologie.) 

'1 Sommertag. Mit 3 Abbildungen, gr. 8. 1905. M. i.— 

Von dem Kinderfest des Sommertages ausgehend, zeigt der Verfasser, wie das, 

^ »»was einst in deutlichen, wenn man will, rohen Formen als heilige Handlung der Re- 

sl Ügion des ganzen Volkes begangen ward, nun zu den Kindern, wenn man einmal so 

•de sagen darf, herabgekommen, ein Uebliches Kinderfest geworden ist, das die mächtigen 

USD geheimnisvollen Zauberriten der Zeugung und Fruchtbarkeit im fröhlichen Spiel der 

lOS Kleinen lieblich verschleiernd bewahrt hat". 
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Über Wesen und Ziele der Volkskunde, zus. geb. mit h. 
usener. Über Vergleich. Sitten- u. Rechtsgeschichte. 

y gr. 8. 1902. M. 1.80. 

Die Grabschrift des Aberkios erklärt von a.d. 8. 1896. m. 1.60. 

^^ r\.braxa.S. Studien zur Religionsgeschichte des späteren Altertums. 

(jj gr. 8. 1891. M. 4.40. 

So PulCinellSU Pompejanlsche Wandbilder und romische Satyrspiele. 

Mit 3 Tafeln u. Abb. im Text. gr. 8. 1887. M. 8,—, geb. M.'io.— 



Verlag roti B. G. Teubtier in Leipzig und Berlin 

Abhandlungen zxir römischen Religion. ^^'oA'.^w.lt" 

lifit 26 Abbild! und x TafeL gr. 8. 1909. Geh. M. 6.—, in Halbfranz geb. 7. — 

Mjedem^ der ricli irgend mit römischter Religion b6£aAt, mufi diese Sainndong anAet- 
ordentlich erwOnscht kommen, und jedem, der sich ernstlich in sie vertieft, Wird sie 
eine Quelle der Erbauung und Belehrung sein. Allerdings nur dem ernsthaften und in- 
tensiven Leser I Denn l^cht lesen rieh die Abhandlungen, wie alles, was D. schreibt, 
nicht. Doch wird derjenige, der sich in diesen knappen, oft geradeKu worii:argen Stil 
kineinfiest, gerade in seiner Knappheit, die sich aber an den Höhepunkten der einzehien 
Erörterungen oft zu echtem, kfinstlerischem Pathos steigert, einen besonderen Reiz der 
Lektüre empfinden. Die größte Bedeutung der ganten Sammlung liegt jedoch vielleicht 
in den Arbeiten, die der Erörterung der Natur des Neptuns, der Tempestatos, des Sil* 
▼anus, der römischen Etgenschaltsgö'tter, des Bonus Eventus und der Dei certi et incerti 
gewidmet sind. Ja dieser letzte, gedankenschwere Aufsatz, in dem der Kantianer D. 
dem tiefsten Wesen der Religion nachspürt, dürfte wohl zum Eigenartigsten und Vollendet- 
iften gehören, was über diese Fragen seit langem geschrieben worden ist.'' 

(Literarisches Zentralblatt für Deutschland.) 

Opferbräuche der Griechen. ^°l%!*"GVh.M.T-^|rii?!l 

,J>iese8 Buch ist unentbehrlich für den Forscher, unentbehrlich aber auch, was ich 
besonders betonen möchte, für den Lehrer des Ghriechischen an den Gymnasien. Denn 
ein großer Teil der Fragen» die St. behandelt, kommt auch im Unterricht vor; ich er- 
innere bloß an Homer mit seinen vielen sakralen Ausdrücken, wo manchmal selbst in 
den neuesten Wörterbüchern und Kommentaren noch nicht die richtige Erklärung zu 
finden ist, die St. oft schon vor Jahren gegeben hatte. Bisher war es aus den oben ab- 
geführten Gründen für den Lehrer nicht leicht, sich darüber zu unterrichten. Jetzt ist 
dies durch die vorliegende Sammlung anders geworden, die deshalb auch in keiner Gyth- 
nasialbibliothek fehlen sollte." (Berliner Philologische Wochenschrift.) 

Griechische Feste von religiöser Bedeutung mit 
Ausschluß der attischen. ^\^^'^^}lL\l^^' '• '^'- ^^- 

„Die Untersuchung der griechischen Feste durch N. ist ein höchst verdienstliches 
Unternehmen aucb in ihrer Beschrankung auf die nicht attischen Feste. Auch was die 
Anlage des Buches und die Anordnung des Stoffes betrifft, wird der Verf. auf den Bei- 
fäll der Kundigen rechnen köniien. Die allgemeinen Gesichtspunkte der Religions- 
wissenschaft auf die griechische Festkunde angewendet und den klassischen Philologen 
nahe gebracht zu haben, ist das Hauptverdienst Nilssons. Er beherrscht den ein- 
schlägigen Stoff und die zugehörige Literatur in hervorragender Weise: er dient uns 
mit Parallelen aus dem Kultus der Inder, Ostjaken, Russen, Semiten u. a. und ist zu Hanse 
in den grundlegenden Werken von Famell, Frazer, Harrison, Mannhardt, Usener usw." 

(Berliner Philologische Wochenschrift.) 

Das Frühlingsfest der Insel Malta. S^? ^^^^'^%^5^'t*S 

R. Wünsch. [IV u. 70 S.] gr. 8. Geh. M. 2.— 

Der Bericht eines arabischen Krieg^efamgenen des XVI. Jahrhunderts gibt uns 
Kunde von einer merkwürdigen Feier der Malteser, bei der ein BUd Johannis des Täufers 
unter blühenden Bohnen gefunden wurde. Es wird in diesem Büchlein der Versuch 
gemacht, die Entstehungszeit des Festes zu ermitteln und sein Fortleben bis in die 
Gegenwart zu verfolgen. Dabei wird die Ablösung des Adoniskultes durch die Ver- 
ehrung Johannis des Täufers besprochen und ein neuer Gesichtspunkt für die Erklärtmg 
der altgriechischen Volksanschauungen von der Bohne aufgestellt. 

Priester und Tempel im hellenistischen Ägypten. 

Ein Beitrag zur Kulturgeschichte des Hellenismus. Von W.Otto. 2 Bände, gr. 8. 
I. Band. 1904. 11. Band. 1908. Geh. je M. 14. — » in Halbfranz geb. je M. 17.— 

Das Buch will vor allem von der Organisation der Priesterschaft, von der Lanf- 
bahn der einzelnen Priester, ihrer sozialen und staatsrechtlichen Stellung sowie von 
den inneren Zuständen der Tempel, ihrem Besitz, ihren Einnahmen und Ausgaben und 
ihrer Verwaltung ein anschauliches Bild entwerfen und im Anschluß hieran das Ver- 
hältnis von Staat und Kirche im hellenistischen Ägypten untersuchen. 



Verlag von B. G. Tcubner in Leipzig und Berlin 

HeUenistische Wundererzählungen. ^^isÄ Ü'!- 

,,Unter den Philologen im engeren Sinne ist keiner, der so wi,e Reitzenstein mit 
anerkennenswiertem Mute die ägyptischen Quellen iBr die Erkenntus des Hellenismus 
erschltefit. Und zu begrüßen ist e^, dafi er sie auch für die Fragen der Religions- 
geschieht« fruchtbar macht. Es zeigt sich hier deutlich genug, wie tief eine Unter- 
suchung religiöser Texte in die Geschichte der antiken Literatur und ihrer Formen 
einschneidet. Wie Reitzenstein hier die literarischen Theorien der Antike wieder belebt 
und nach ihnen den Kunstcharäkter erhaltener Werke bestimmt, erscheint besonders 
beachtenswert.'* (Deutsch« Literaturz«itun|^.) 

Das Märchen von Amor und Psyche bei Apuleius. 

Von R. Reitzenstein. gr. 8. 19x2. Geh. M. 2.60, geb. M. 3.60. 

„Reitzenstein, der Religionsforscher, dessen Schriften über dieses Gebiet stets ein 
Ereignis für die wissenschaltUche Welt bilden, und zugleich ein Ästhetiker im wahren 
philologischen Sinne, war wie kein anderer geeignet, uns über das literarische and, 
was in diesem Falle eng damit verbunden ist, das msrthologisch-religionsgeschichtliche 
Rätsel des Märchens von Amor und Psyche in Apulejus' Roman neue Aufklärung zu 
bringen." (Deutsche Literaturzeitun|^.) 

T^nirr^on/lt^^Q ^on R. Reitzenstein. Studien zur griechisch^ägyptischen und 
X'UllllcUlUl CS. frühchristUchen Literatur, gr. 8. 1903. Geh. M. 12.—, geb. M. 15.— 

,J>as Werk bedeutet tatsächlich nichts Geringeres als den ersten in g^oBem Stile 
angelegten und durchgeführten Versuch, die Ausgestaltung der ägyptischen Religions- 
formen und -Vorstellungen unter dem Einfluß des Hellemsmus zu eiforschen oder, wie 
man es auch ausdrücken kann, die ägyptischen Elemente in dem großen Sammelbecken 
der hellenistiscben Religiosität aufzuweisen.'* (Theologische Literaturzeitung.) 

Der Trug des Nektanebos. S:^'Su??utÄ,1'rGÄZ~ 

in Leinwand geb. M. 4.80. 

Das Buch verfolgt die Behandlung des literarisch und religionsgeschichtlich bedeut- 
samen Novellenstoffes von der betrügerischen Benutzung des Glaubens, dafi göttHche 
Wesen sterblichen Frauen nahten, seiner mannigfachen Ausgestaltung und Einkleidung 
(einschliefil. der orientalischen Fassungen) vom Altertum bis zur Gegenwart 

fr^hnrf HnnViy^if nriH TnH ^®° ^' Samter. Beiträge zur ver- 
\JCDUri, nOCnZCll Una ± Oa. gleichenden Volkskunde. Mit 7 Abbüd. 

im Text und auf 3 Tafeln, g^. 8. 1910. Geh. M. 6.—, geb. M. 7.50. 

Das Buch, ein Beitrag zur „vergleichenden Volkskunde" im Sinne von A. Dieterich, 
behandelt die verschiedenartigen Bräuche und Riten, die sich bei allen Völkern primi- 
tiver Kulturstufen vor allem an die wichtigsten Ereignisse des Lebens, an Geburt, Hoch- 
zeit und Tod anknüpfen, und sucht die Bedeutung dieser Riten durch genauere Unter- 
suchungen und Vergleichungen im einzelnen zu ermitteln. Dabei werden neben modernen 
Volksbräuchen und den Bräuchen der „Naturvölker" insbesondere zahlreiche Riten der 
Grriechen und Römer behandelt, so dafi das Buch neben scdnem allgemein volkskundlich 
interessanten Inhalt beachtenswerte Beiträge zum Verständnis der antiken Religion liefert. 

DieReUgion derGriechen. IS^.^?r/5e^^rfr4A*d.'i??i 
Zwei griechische Apologeten. ^^S.i.^.t-.trM.'^i.- "'*"• 

Das Werk gibt zunächst eine kurze Geschichte der Anfänge der Apologetik bis 
auf Aristides, dann folgt eine Ausgabe des Aristides und der dazugehörige Kommentar, 
eine kurze Würdigung Justins und Tatians, dann wieder eine Ausgabe des Athedagoras 
mit Kommentar; zum Schlüsse wird noch die weitere Entwicklung der Apologetik und 
der literarische Kampf zwischen Christen und Heiden bis zum 6. Jahrhundert geschildert. 
Neben der Erkenntnis der t inzelnen Streitmittel und Motive wurde besonders versucht, 
das Bild der hervorragenden Kämpfer in beiden Lagern plastisch herauszuarbeiten. Das 
Buch kann somit als eine Art Geschichte der altchristiichen Apologetik dienen. 



Verlag von B. G. Teubner in Leipzig und Berlin 

A erT\r\o4-r\o 'T^1^a/%o Untersachimgen cor Formengeschichte religiöser Rede» 
.^IgnOSlOS 1 Ileus. VonEd.Nordeii. gr.8. 1913. Geh.M.x2.— , geb.M. t3. — 

Der Verlasser gibt snnächst eine Analyse der paolinischen Areopagrede, die al» 
Typns einer apostoluchen, dem PubUkom entsprechend dnrch Anlehnung an Leitsatz» 
der stoischen Theologie individualisierten Missionspredigt erwiesen wird, und unter- 
nimmt es sodann, das Problem der Altarinschrift iiyv^yatip &t^, neu xu lösen, indem er 
die Entwicklungsgeschichte dieses Begriffes tot allem in 'der gnostischen Literatur dar* 
legt und dailan eine religionsgeschiditlich-lezikographische Untersuchung dieses Be- 
gnSkn und seiner positiven Korrelate {vv&ote f^§oö u. a.) innerhalb der hellenischen and 
hellenistisch-römischen Literatur sowie aer orientalischen und synkretistischen Religionen 
anschließt. Der xweite Teil enthUt umfassende Beiträge zur Stilgeschichte liturgischer 
Gebets- und Prädikationsformeln im klasnschen und orientalischen Altertum, die für 
die Exegese klassischer Schriftsteller (Neudeutung der Messallaode des Horat) wie der 
neutestamentUchen und altchristlichen Schriften von größter Bedeutung sind. Als g^e- 
sichertes Resultat dieser Untersuchungen ergibt sich der Nachweis des festen Bestandes 
eines Typenschatxes religiöser Rede, su dessen Pz^gung Orient und Hellas in gleicher 
Weise beigetragen und den die synkretistischen Religionen der Kaiserseit, einschlieB- 
lich des Christentums, tfbemommen haben. Eine Anzahl von Anhängen enthält stil- 
geschichtliche Betrachtungen teils xu Schriften des Neuen Testaments, teils zu profanen 
Autoren (Piaton, Apollonios v. Tyana u. a.). 

„Das Buch bringt in reichem Mafte, was uns am dringendsten notwendig war,. 
Ausbildung und Verteinerung der philologischen Methode rel^onsgeschichtlicher For- 
schung, die wohl am dankbarsten empfindet, wer aus eigener Erfahrung weiß, wie 
unsicher unsere tastenden Anfangsversuche waren und noch immer sind. Hoffentlich 
wird das tiefreligiöse Empfinden, das sich in dem ganzen Buche ausspricht, und die 
vornehme Art der Polemik, die überall das Gute anerkennt und Gegensätze nicht 
hervorheben, sondern manchmal eher abschwächen oder überbrücken will, mithelfen,, 
uns dem Ziele einer gemeinsamen Arbeit der Theologen und Philologen immer näher 
zu führen.«' (R. Reitzenstein in „Neue Jahrbücher f. das klassische Altertum«.> 

Kaiser Constantin und die christliche Kirche. 

Von Ed. Schwartz. Fünf Vortrage. 8. 19x3. Geh. M. 3. — , geb. T£, 3.60. 

,3^ flüchtigem Hören dieser inhaltsschweren Vorträge hat wohl niemand den 
Reichtum des Gebotenen mehr als ahnen können; aber auch wer S.s Untersuchungen 
zum Thema genau kennt, wird über diesen Reichtum erstaunt sein. Ref. jedenfalls- 
sieht in diesen Vorträgen, auf das Ganze und auf eine Menge von Einzelbeobachtungen 
gesehen, einen höchst wertvollen Beitrag zur geschichtlichen Darstellung des Verhält- 
nisses von ausgehendem Altertum und aufgehender Kirche. Sie sind das nicht zuletzt 
wegen der breiten Fundamentierung, die der Verf. seinen Ausfuhrungen über das im 
Titel genannte engere Thema gegeben hat. Überall greift er auf die Anfange der 
Entwidclung zurück und überrascht dabei gerade den Kirchenhistoriker mit einer 
Fülle von Einsichten und Aussichten." (Literarisches Zentralblatt.^ 

Schriften S. K. H. des Prinzen Johann Georg, Herzogs zu Sachsen^ 

Das Katharinenkloster am Sinai. ^*^^ ^^^" odSf m.^^o'"' 
Tagebuchblätter aus Nordsyrien. ^W«!^ "' *• ''"' 

„Der hohe Wert der beiden Publikationen lieg^ unseres Erachtens darin: nicht 
nur dafi sie dem Archäologen und Kunsthistoriker reiche Anregungen bringen, sondern 
dafi sie dem jeder alten Scherbe, falls sie paganer Herkunft ist, nachhastenden Abend- 
land eine der allerdringUchsten Gewissenspflichten wieder unscharfen, endlich diese 
an Erinnerungen und Altertümern reichen Kulturstätten systematisch und wissenschaft- 
lich durchforschen und aufiiehmen zu lassen, solange es noch Zeit ist." 

(Deutsche Literaturzeitung.> 
T^At« InoilirrA Q«%Y7«^/4/%«-i Seine Verehrung und Ikonographie. Mit 8 Ab- 

uer neiiige opynaon. budungen. gr.l 1913. M.1.50. 

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